17 Juni 2015

17. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Unter den Top10 Prospects ist Trey Lyles der Spieler, über den verhältnismäßig wenig geschrieben und debattiert wird. Das liegt nicht darin, dass Draft Experten in ihm kein Potential sehen und jede Minute, die sie sich mit ihm beschäftigen würden, als verschwendete Zeit deklarieren würden. Es ist eher so, dass Lyles viel Unschlüssigkeit hervorruft, da er eine sehr wechselhafte College Saison hinlegte und die Umstände eine auf die NBA transformierbare Evaluierung nicht wirklich zulassen.

Trey Lyles ist Teil der talentierten kanadischen Basketballgeneration, die den Rückstand zum großen Nachbarn in Sachen Basketball kontinuierlich verkleinert. Mit 7 Jahren verließ er mit seiner Familie jedoch sein Heimatland und zog nach Indiana. Im Basketballstaat schlechthin wurde sein Talent bereits sehr früh erkannt und schnell sammelte Lyles Angebote von hochangesehenen Colleges. Als Highschool Freshman gab er bereits den Homestate Hoosiers seine Zusage. 

Allerdings entschied er sich schnell um und zog seine Zusage als Junior zurück. In der Folge buhlten besonders Kentucky, Louisville, Florida und Butler um das Talent. Das Rennen machte letzten Endes Kentucky. Neben dem Recruitingprozess wurde Lyles auch an anderer Stelle heiß umworben. 

Der kanadische Basketballverband lockte den Forward, für die eigene Nationalmannschaft aufzulaufen und nicht weiter das Trikot der USA zu tragen. Lyles erlag dem Charme seiner alten Heimat und spielte 2013 an der Seite von Tyler Ennis für Kanada bei der U19 Weltmeisterschaft. Ganz nebenbei wurde Lyles als Senior auch noch zum „Mr. Basketball“ in Indiana gewählt und durfte sein Können bei den diversen Highschool All American Spielen demonstrieren. 

Als Lyles den Kentucky Wildcats seine Zusage gab, sah es so aus, als würde ihm viel Spielzeit auf seiner angestammten Power Forward Position garantiert sein. Dann entschieden sich jedoch Willie Cauley-Stein und Dakari Johnson zu einer Rückkehr nach Lexington. Da gleichzeitig auch noch Karl-Anthony Towns mit Lyles eintraf, fand sich dieser auf einmal in einem 10 köpfigen Kader auf der Small Forward Position wieder. 

Aus dieser ungewohnten Rolle machte Lyles jedoch das beste und hatte nach der Verletzung vom anderen Tweener des Kaders, Alex Poythress, eine Garantie auf einen Platz in der ersten Fünf. In dieser Formation bildete er zusammen mit Willie Cauley-Stein und Karl-Anthony Towns den größten Frontcourt der USA (auch größer als der jedes NBA Teams). In vielen wichtigen Spielen konnte er entscheidende Impulse geben, ohne dabei das Spiel zu dominieren. 

Still und leise beeinflusste er Spiele auf unterschiedlichste Arten und wurde erst gegen Ende der Saison in angemessenem Maß dafür gelobt. Erst im Halbfinale um die Meisterschaft mussten Lyles und die Wildcats ihre weiße Weste ablegen. Anfang April gab der Kanadier zusammen mit 6 anderen Mitspielern bekannt, dass er sich zum Draft anmelden werde. 



Zwar lesen sich Lyles’ Statistiken alles andere als spektakulär, allerdings ist dennoch beeindruckend, was für eine starke Saison der Freshman hinlegen konnte. Immerhin musste Lyles als gelernter Innenspieler plötzlich als dritter Außenspieler eines Teams agieren, auf dem der nationale Fokus lag und jedes kleinste Detail einer unmenschlich kritischen Betrachtungsweise unterzogen wurde. Lyles fiel jedoch kaum negativ in Erscheinung. Hier kamen ihm seine große Vielseitigkeit und sein hohes Spielverständnis zu gute. 

Lyles muss nicht den Ball in den Händen haben, um ein wirkungsvoller Offensivspieler zu sein. Er bewegt sich geschickt abseits des Balls und zieht damit genug Aufmerksamkeit seitens der Defense auf sich, um seinen Mitspielern trotz seiner fehlenden Gefahr aus der Distanz Freiräume zu schaffen. Das ist schwieriger als es sich anhört, weil Bigs sich andere Automatismen bei Drives von Mitspielern angewöhnen, als es Außenspieler tun. 

Sich innerhalb weniger Monate umstellen zu können, erfordert ein hohes Maß an Spielintelligenz. Bei seinen Cuts ist er immer anspielbar und kann auch missratene Pässe noch verwerten. Gleichzeitig weiß er genau, wie er sich am offensiven Brett positionieren muss, um seinem Team eine zweite Wurfchance zu ermöglichen. Des Weiteren besitzt Lyles ein gutes Gespür dafür, welche Vorteile er seinem Kontrahenten über besitzt und wie er diese auch gewinnbringend einsetzen muss. 

Für einen Spieler seiner Größe ist Lyles zusätzlich mit starkem Ballgefühl ausgestattet. Selbst gegen Außenspieler reichen seine Künste mit dem Ball, um diesen im 1-1 zu schlagen. Noch effektiver ist diese Fähigkeit jedoch gegen einen Big Man, den Lyles aus dem Faceup attackieren kann. Hier ist er nicht zu stoppen. Aufgrund seiner Länge und seiner kräftigen Rumpfmuskulatur ist Lyles ein guter Finisher in der Zone, der viele Fouls zieht und trotzdem seinen Abschluss verwandeln kann.

Zudem ist Lyles’ Jumper besser als es die Quoten erahnen lassen. Technisch sieht die Bewegung bereits sehr rund aus und bedarf nur noch einiger weniger Korrekturen bei der Armhaltung und dem Abklappen des Handgelenks. Die Balance und Bewegungsabläufe sind in sich aber schon sehr stimmig. 

Aus der Mitteldistanz ist Lyles schon jetzt ein gefährlicher Schütze. Dabei macht es keinen Unterschied, ob er aus dem Catch-and-Shoot wirft oder den Ball an Dreierlinie erhält und abdrückt, nachdem er seinen Gegenspieler mit einer Wurffinte und einem Dribbling hinter sich gelassen hat. Daher sollte es nur eine Frage der Gewohnheit sein, bis Lyles auch als Distanzschütze eine Bedrohung für die gegnerische Verteidigung darstellt. 

Für seine Rolle als Small Forward war es ebenfalls zuträglich, dass er sehr mobil auf den Beinen ist und über eine gute Fußarbeit verfügt. Dadurch kann er ausgesprochen gut den Fastbreak mitlaufen und Außenspuren besetzen. 

An dieser Stelle zeigt sich auch, dass Lyles bereit ist, an seinen Schwächen zu arbeiten. Denn während seiner Highschool Zeit war Lyles bisweilen nicht sonderlich austrainiert und schleppte sich über das Feld. Innerhalb der letzten eineinhalb Jahre konnte er massive Fortschritte in Sachen Geschwindigkeit und Explosivität erzielen.





Liest man sich all die Vorzüge, die Trey Lyles an den Tag legen kann, durch, entsteht schnell das Bild eines wandelnden Missmatches, das aber seine Mitspieler nicht aus den Augen verliert und kein Problem damit hat, mal die zweite Geige zu spielen. 

Allerdings muss man ganz klar unterstreichen, dass Lyles letzte Saison nicht auf seiner angestammten Position gespielt hat und damit in die Tweener Schiene fällt. Es ist sehr schwer zu sagen, inwiefern ihm das Jahr in Kentucky geholfen oder geschadet hat. Es hat ihm sicherlich insofern geholfen, als er so seine Vielseitigkeit viel besser zur Geltung bringen konnte als es unter normalen Umständen der Fall gewesen wäre. 

Auf der anderen Seite kann seine Zeit am Perimeter schadhaft gewesen sein, wenn GMs, die Interesse an ihm haben, eher mit ihm als Power Forward planen. Aktionen im Lowpost waren von ihm kaum zu sehen. Wenn doch, wirkte weder Lyles glücklich in seiner Lage, noch schien Calipari hier zwei sichere Punkte zu wittern. 

Deshalb können sich NBA Clubs einfach nicht sicher sein, was Lyles derzeit wirklich im Stande zu leisten ist. Das könnte einige Entscheidungsträger am Draftabend dazu bewegen, die Box der Pandora ungeöffnet zu lassen. 

Lyles muss erst mal für sich selber klar definieren, auf welcher Position er sich sieht und wie er dort einen Grundstock an Offensivaktionen etablieren kann, auf die er im Notfall zurückgreifen kann. Das würde ihm deutlich mehr Sicherheit auf dem Spielfeld verleihen. Zuletzt wirkte er wieder entlang der Dreierlinie noch im Lowpost sonderlich glücklich. 

Hat er einen Bereich für sich entdeckt und fühlt er sich dort einigermaßen behaglich, kann er im nächsten Schritt versuchen, auch das zweite Areal für sich zu beanspruchen. Hier sollte er aber nichts überstürzen, sondern erst die Grundlagen festigen. Perspektivisch scheint es am sinnvollsten zu sein, wenn Lyles zunächst als Power Forward mit Midrange Game anfängt und sich dann langsam nach außen vorarbeitet. 


Einen Bereich, den man fast zur Gänze mit Vorsicht betrachten sollte, ist seine Defense. Hier hatte er beispielsweise bei der U19 WM mit Kanada größere Probleme. Seine Gegenspieler hatten zu leichtes Spiel im Lowpost und konnten fast nach Belieben scoren, obwohl Lyles eigentlich die Länge, Fußarbeit und Kraft hatte, um ein mindestens durchschnittlicher Verteidiger zu sein. 

Im letzten Jahr war er dazu gezwungen, aggressiv in der Verteidigung zu agieren, da er einfach keine Chance gehabt hätte, seine Gegner vor sich zu halten. Doch selbst bei einer intensiven Grundhaltung hatte er oft Probleme mit der Schnelligkeit seiner Gegner und konnte auch seine Länge nicht hilfreich einbringen. Hier muss man abwarten, ob Lyles wirklich mal ein solider Verteidiger werden kann. Die Anlagen dazu hat er eigentlich.

Sollte sich Lyles offensiv den oben geäußerten Erwartungen entsprechend entwickeln, besteht die Aussicht, dass Lyles einmal ein ähnlich talentierter Offensivspieler wie Antawn Jamison wird. Beide sind sehr variabel veranlagt und können auf beiden Forward Slots effektiv sein. 

Auch die Bewegungsabläufe und die Art der Abschlüsse (Spinmoves mit anschließendem Floater bspw.) sind sich verblüffend ähnlich. Beide haben zudem eine gute Nase für Rebounds und verschaffen sich geschickt gute Position am offensiven Brett. 

Trey Lyles hat riesiges Potential und ist vielleicht der beste Allrounder der Draftclass. Allerdings muss er seine Stärken noch kompromissloser anwenden und wesentlich aggressiver spielen. Noch versteckt er sich zu sehr im Hintergrund. Sollte er diese Zurückhaltung ablegen und seine Waffen in der Offensive weiter schleifen können, steht Lyles eine gute NBA Karriere bevor.