20 Juni 2015

20. Juni, 2015  |  Axel Babst  @CoachBabst


Nur noch knapp einen Monat dauert es, bis für eine neue Rookie-Klasse ein Lebenstraum in Erfüllung geht: mit dem Handshake von NBA-Commissioner Adam Silver beginnen am Draft-Abend 60 neue, mit Spannung erwartete Profikarrieren. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.



Als netter Zusatz einer eher durchschnittlichen Recruiting Class landete Willie Cauley-Stein auf der Talentfarm der Kentucky Wildcats. Bereits nach seinem ersten Jahr hätte er problemlos eine Anmeldung zum Draft in Betracht ziehen können, kehrte stattdessen zwei(!) Mal auf den Campus zurück und erreichte mit seinem Team beide Male das Final Four. Nun entschied sich der Big Man doch vorzeitig für die NBA und darf sich, wenn man Larry Bird Glauben schenken mag, schon bald als gemachter Mann bezeichnen.

Willie Cauley-Stein spielte auf der Highschool neben Basketball auch noch Football. Dort war er ein äußerst erfolgreicher Wide Receiver, was sich bis heute noch positiv bemerkbar macht. Basketball Scouts hatten den langen Schlacks nicht wirklich auf dem Zettel. Zumindest nicht in dem Maße, wie man es von einem Spieler erwarten würde, der von John Calipari rekrutiert wurde. 

Doch von der ersten Sekunde an bewies Cauley-Stein, dass er seinen Freshman Kollegen ebenbürtig war. Es war Jahr eins nachdem John Calipari scheinbar endgültig das College System gekippt und mit einem blutjungen Team um Anthony Davis dominant den Titel eingefahren hatte. Ähnliche Wunderdinge wurden nun von den neuen Gesichtern erwartet. Aber es lief nicht rund. Es fehlte ein erfahrener Aufbauspieler und die Talente waren spielerisch noch nicht so weit wie ihre Vorgänger.

 Mitten in der Saison verletzte sich auch noch Nerlens Noel am Kreuzband, sodass die Wildcats ihre Chancen auf das NCAA Tournament früh begraben konnten. Willie Cauley-Stein nutzte das Plus an Spielzeit jedoch eindrucksvoll und erweckte damit schnell das Interesse mehrerer NBA Teams, die ihn allesamt in der ersten Runde gezogen hätten, doch Cauley-Stein wollte davon nichts wissen. Der Misserfolg nagte an ihm und auch mit seiner spielerischen Entwicklung schien er noch nicht zufrieden zu sein. 

Als Sophomore startete er nun regelmäßig. Auch wenn er in den letzten Saisonspielen verletzungsbedingt nur zuschauen konnte, hatte er trotzdem großen Anteil am Erreichen des Final Four Einzugs. Da er in wichtigen Spielen zuvor mit engagierten Leistungen für eine Trendwende sorgen konnte. Spätestens nun erwarteten wirklich alle Beobachter und Fans, dass sich der mobile Big Man für den Draft anmelden würde. Gerade weil er sich in vielen Bereichen nicht wie erwartet entwickeln konnte und noch jung genug war, um die Potential Karte auszuspielen. 

Erneut aber überraschte er alle und erklärte seine Rückkehr für ein drittes Jahr. Als Teil einer scheinbar unschlagbaren Übermacht war er drauf und dran, Geschichte zu schreiben. Erst im Halbfinale scheiterten die Wildcats an Wisconsin und beendeten damit Cauley-Steins NCAA Karriere früher als geplant.



Willie Cauley-Stein hat das Potential, auf Jahre ein fester Bestandteil des All NBA Defense Teams zu sein und jedes Mal als ein heißer Kandidat auf die Auszeichung zum Verteidiger des Jahres zu gelten. Seine Möglichkeiten, jeden Gegenspieler des Gegners am Punkten zu hindern, sind phänomenal. Cauley-Stein ist ein Unikat, da er Länge, Athletik, gute Fußarbeit, laterale Schnelligkeit und Timing in sich vereint. Willie Cauley-Stein kann beliebige Aufgaben übernehmen und genau das liefern, was das Team gerade braucht. 

Als Rimprotector unter dem Korb gehörte Cauley-Stein in den vergangenen Jahren zur Elite der NCAA. Seine Blockstatistik der vergangenen Saison liest sich nicht sonderlich beeindruckend, ist aber nicht als Referenz für Cauley-Steins Präsenz zu Rate zu ziehen. Auch ohne einen Block verändert Cauley-Stein extrem viele Würfe. 

Seine pure Anwesenheit in der Zone lässt die Gegenspieler beim Drive schon mit den Knien schlottern. Sobald sie den Ball aufnehmen, stehen ihnen die Schweißperlen im Gesicht und sie blicken sich panisch nach einer Passoption um. Alle Wurfversuche, die annähernd eine Chance haben, den Korb zu treffen, werden von Cauley-Stein schonungslos bearbeitet. 

Doch seine Qualitäten als Shotblocker sind nicht das, was ihn so wertvoll macht. Es sind die anderen defensiven Aufgaben, die Cauley-Stein so mühelos erledigen kann. In der Pick & Roll Defense ist er der ideale Verteidiger des Blockstellers. Egal welche Strategie das eigene Team verfolgt, WCS kann sie befolgen. 

Egal welche Qualitäten der Ballhandler hat, Cauley-Stein eliminiert sie. Für die beliebte Ice Defense hat er die nötige Länge, um Würfe des Ballhandlers zu verteidigen oder Pässe auf den Roller abzufangen. Spielt sein künftiges Team lieber klassisches Help-and-Recover kann er problemlos hedgen und den Drive vehement unterbrechen. Doch bereits in der nächsten Sekunde ist er bereit, sich schon wieder mit seinem eigenen Gegenspieler zu befassen. 


Cauley-Steins Schnelligkeit und Beweglichkeit in solch kurzen Bewegungsradien sind faszinierend und wahrscheinlich einmalig. Selbst wenn der Big Man gezwungen ist, komplett zu switchen, bedeutet dies nicht, dass der Gegner automatisch ein Missmatch hat. Bei Kentucky konnte Cauley-Stein auch Guards nach Belieben vor sich hertreiben und sie gehörig unter Druck setzen, ohne Gefahr zu laufen, geschlagen zu werden. 

Höhepunkte waren in dieser Hinsicht sicherlich das Spiel gegen Providence und das Elite Eight gegen Notre Dame. Gegen Providence wurde Cauley-Stein auf Flügelspieler LaDontae Henton, einen der besten Scorer der NCAA, angesetzt und sorgte dafür, dass er eines der schlechtesten Spieler seiner Karriere ablieferte. Gegen Notre Dame hetzte Cauley-Stein NBA Talent Jerian Grant in dessen letzten Angriff so sehr über das Feld, dass er am Ende nur einen Verzweiflungswurf aus der Ecke abdrücken konnte.

In der Offensive ist Cauley-Stein ein brauchbarer Blocksteller. Er setzt gute Screens und rollt sich danach sehr hart zum Korb an. Aufgrund seiner guten Hände und seiner explosiven Sprungkraft kann er Anspiele unterschiedlichster Art fangen und umgehend verwerten. Hier macht sich seine Vergangenheit als Wide Receiver positiv bemerkbar, da er eine ausgesprochen gute Hand-Augen-Koordination besitzt. 

Am liebsten hat er hohe Lobanspiele, die er in Form eines spektakulären Alley-Oop Anspiels in den Korb hämmern kann. Sein Touch ist aber gut genug, um auch Korbleger oder floaterähnliche Würfe zu treffen, falls er dadurch einem Offensivfoul ausweichen muss. 

Positiv hervorzuheben ist außerdem, dass Cauley-Stein seine Wurfform kolossal verbessern konnte. Dadurch sitzen seine Freiwürfe öfter und sollten in Zukunft sogar noch besser fallen. Ganz optimistisch gedacht könnte Cauley-Stein sogar mal in der Lage sein, nach einem Block für den Mitteldistanzwurf hochzugehen.





Darauf beschränken sich aber auch wirklich schon die offensiven Lebenszeichen des Centers. Insgesamt ist der offensive Output mager bis erbärmlich. Besonders ein Lowpost Spiel ist non-existent. 

Selbst wenn Cauley-Stein ein Missmatch gegen einen 20 Zentimeter kleineren Gegenspieler haben sollte, wäre sein Team gut beraten, von einem Pass in den Lowpost abzusehen. Die Fußarbeit des nominellen Innenspielers hat sich kein Stück verbessert. Dropsteps oder Spinmoves sind scheinbar ein Ding der Unmöglichkeit. 

Als verstärkender Faktor kommt hinzu, dass Cauley-Stein im Rumpfbereich sehr schwach ist. Dieser muss jedoch gut ausgebildet sein, wenn ein so langer Kerl wie Cauley-Stein seine Balance und eine gute Position behaupten will. Das sieht teilweise leider sehr hilflos aus, was der Centerspieler im Postup zu bieten hat. Erschwerend kommt hinzu, dass er sich auch ohne Ball nicht immer gut bewegt. 

Sein Spielverständnis für die richtige Aktion in der richtigen Situation ist leider immer noch sehr schlecht. Oft rechnet er nicht mit Pässen oder verpasst den richtigen Moment einen Cut zu laufen. Das will er meist direkt im nächsten Angriff wieder kompensieren, indem er dann in Aktionismus verfällt. Da rennt er dann leider öfters seinem Mitspieler genau in dessen Drive.

Daher kann sich sein Trainer nie sicher sein, was er offensiv von Willie Cauley-Stein bekommt. Auch während eines Spiels können seine Ideen von sehr gut bis idiotisch schwanken, was Coach Cal viele Nerven kostete. Dieser Effekt könnte sich in der NBA verstärken, wenn Teams ihm geschickter seine Stärken wegnehmen und die ebenbürtige Länge der dortigen Gegner zum Tragen kommt. 

Das einzige Manko in der Defensive ist auch hier sein situatives Entscheidungsverhalten. Oft übertreibt er es noch mit seinen Blockversuchen. Dadurch handelt er sich unnötige Fouls ein oder ermöglicht seinem direkten Gegenspieler einfach Putbacks, weil er einen unerreichbaren Wurf blocken will und nicht im Reboundduell zugegen sein kann.

Jeder mögliche Vergleich mit einem aktuellen oder ehemaligen NBA Spieler hinkt ein wenig, weil Cauley-Stein mit seiner Mobilität und Vielseitigkeit aus der breiten Masse heraussticht. Am ehesten ließe sich das skizzierte Bild Cauley-Steins noch auf Tyson Chandler projizieren. Beide sind extrem dominante Verteidiger, die einem Spiel an dieser Seite des Feldes ihren Stempel aufdrücken können. 

Mit ihrer Länge und ihrer Athletik vermiesen sie jedem talentierten Scorer die Lust an den Angriffen seiner Mannschaft. Im Idealfall entwickelt Cauley-Stein ähnlich wie Chandler noch einen überdurchschnittlich guten Freiwurf, der ihn gegen alle möglichen Hack-a-Willie-Strategien immun machen würde.

Im Gegensatz zu so manch anderer Option in dem Bereich des fünften bis zehnten Picks hat Cauley-Stein zwar nicht ganz so viel Potential im Tank übrig, wie seine Nebenbuhler, allerdings ist dafür relativ klar, was man bekommt. Seine Defense sollte er auch in der NBA verlässlich zeigen können. Auf lange Sicht kann Cauley-Stein sich in den elitären Kreis der besten Verteidiger der Liga aufsteigen.