02 Juni 2015

2. Juni, 2015  |  Tiago Pereira & Philipp Landsgesell @24Sekunden @Phillyland


Finals, yo! Nach dem längsten Vorspiel der Welt und weiteren sechs Wochen Warmlaufen endet die NBA-Saison 2014/15 mit einer letzten, krönenden Finalserie. Golden State und Cleveland treffen ab kommenden Donnerstag aufeinander. Wir von NBACHEF checken für euch im Vorfeld ein letztes Mal die letzte - und wichtigste - Serie dieser Playoffs. 


Entrée





Warum Golden State gewinnt
Demut ist ein selten gesehenes Gut in der Welt der Basketballmillionäre. Denn leider lässt sich Dankbarkeit nicht an Jesus-Tattoos ablesen. Ebenso schwer predigt sich Bescheidenheit mit einem goldenen Ein-Familienhaus an jedem Handgelenk.

Scheinbar erkennen wir den wahren Segen nur, wenn er aus dem Mund eines Kindes kommt. Auch wenn die Worte nur schwer verständlich waren, fand Riley Curry, auf dem Schoß ihres Vaters sitzend, die passendsten Worte des Abends: "Way up I feel blessed." Ursprünglich stammen diese Lyrics von Rapper Big Sean, doch ihre wahre Bedeutung sollten wir erst durch Riley richtig kennen und schätzen lernen.



Wir, das sind die Fans der Golden State Warriors. Die Anhänger, die ihr Team zum ersten Mal seit 1967 wieder in den NBA Finals bestaunen dürfen. So wirklich können wir es auch noch nicht glauben. Vielleicht sind wir deswegen dermaßen dankbar dafür.

Vor der Saison waren die Finals ein moralische Ziel, welches jedes Playoffteam auf dem Whiteboard stehen hatte. Wirklich daran teilnehmen würden andere - dachten wir. Und andere. Auch 67 Siege verwandelten den Wohlfühlcharakter dieser Saison nicht in zwanghafte Titelambitionen.


Gewinnen konnten die Warriors aber dennoch. In den ersten beiden Runden dominierten sie nach Belieben. Weder New Orleans noch Memphis stellten sich als wahre Gefahr heraus. Dass das Halbfinale gegen die Rockets ein weitaus entspannterer Spaziergang werden würde als der durch den Streichelzoo der Bremer Stadtmusikanten, damit war nicht zu rechnen. Nur drei Spiele gaben die Warriors auf dem Weg ins Finale ab. Im nun folgenden Aufeinandertreffen mit Cleveland wird man sicherstellen, dass es bei diesen drei bleibt.

Auch wenn man mittlerweile LeBron James Finalteilnahmen an zwei Händen abzählen muss, gehen der König und sein Gefolge nicht als Favoriten in dieses Endspiel. Denn die Cavaliers mögen zwar James haben, doch dahinter erfüllt der Kader wenige Meisterschaftsansprüche.

Mit ihrem Backcourt, bestehend aus einem einbeinigen Kyrie Irving und zwei ex-Knickerbockern, gegen die Splash Brothers ins Rennen zu gehen, grenzt fast an Selbstmord. Nur Harakiri Dellavedova oder Klay Thompsons Gehirnerschütterung könnten die Warriors ernsthaft ins Straucheln bringen.

Und sollte wirklich ein Krieger ausfallen, stehen fünf weitere bereit, seinen Platz einzunehmen. Igoudala, Livingston, Barbosa, Lee, Speights und wie sie alle heißen... die Second Unit der Dubs hat oft genug in dieser Saison bewiesen, dass sie als Individuen und auch als Gruppe ein verloren geglaubtes Spiel drehen kann.

Auf der Bank der Cavaliers hingegen sollte sich keiner nach einem hilfreichen Nebenmann umschauen. Denn die Suche nach Hilfe würde zu viel Verletzungsgefahr für das alte Eisen um Mike Miller, James Jones und Shawn Marion aufweisen, als dass dies sich lohnen würde.

Somit darf der König bereits seinen Überstundenzettel beantragen, denn es wird Arbeit auf ihn zukommen. Wie auch gegen die Hawks wird James die erste Option im Angriff, der beste Verteidiger seines Teams und der nominelle Trainer der Cavaliers sein.

Damit dieser sich seine Triple Doubles wenigstens ein bisschen erarbeiten muss, werden die Dubs all ihre Verteidiger auf James ansetzen. Jeder gegenwärtige (Green), zukünftige (Barnes) und auch vergangene (Igoudala) First Team All Defense Spieler wird dabei zur Hilfe gezogen werden müssen. James lässt sich nicht stoppen - bremsen aber allemal.

Und sollte am Ende auch der australische Riese Bogut überwunden worden sein, muss die Lebensrettung der Warriors einsetzten - Stephen Curry. Der Point Guard der Warriors muss sich in diesen Finals als bester Spieler der NBA profilieren. Mit seinem Distanzwurf kann er sich dabei zur Legende machen.

Welche bessere Möglichkeit gäbe es, als gegen den besten Spieler unserer Generation das Verlierermantra der Jumpshooter abzulegen, um am Ende nicht nur einen Zeigefinger in den Himmel zu recken, sondern auch die Larry O’Brien Trophäe. 




Warum Cleveland gewinnt
 Auf den ersten Blick spricht nicht vieles für die Mannschaft aus Ohio. Die Cavaliers treten gegen den MVP, den Heimvorteil, gegen ein historisch gutes regular season Team an und sind dabei selbst von Verletzungen gebeutelt.

Doch die Cleveland Cavaliers haben mit LeBron James den besten Basketballer auf diesem Planeten, einen zweifachen NBA-Champion, fünfmaligen Most Valuable Player, der jetzt alles versuchen wird, um seiner Heimatstadt Cleveland den langersehnten Titel zu liefern, damit sich sein persönlicher Kreis schließt.


James muss für die Cavaliers vieles übernehmen, manchmal zu vieles: Scoren, den Ball bringen, verteidigen, dazu eine ganze Franchise führen, die noch nie echten Erfolg in den Playoffs vorzeigen kann.

Doch James kann diese Bürde locker schultern und spielt fabelhafte bisher Playoffs. 27,6 Punkte, 10,4 Rebounds und 8,3 Assists legt er durchschnittlich aufs Parkett. Er gewann das Spiel vier gegen die Chicago Bulls per Buzzer Beater und Spiel drei gegen die Atlanta Hawks in der Verlängerung quasi im Alleingang. „The Chosen One“ spielt auf allerhöchstem Niveau und das inspiriert auch seine Mitspieler, was James besonders auszeichnet und die Cavaliers so stark macht.

J.R. Smith durchlief eine Entwicklung vom Troublemaker zu einem wertvollen Rollenspieler, der hochprozentig Dreier ballert und ungewohnt fokussiert an die Sache ran geht.  Defensivkünstler Iman Shumpert zeigt ungeahnte offensive Qualitäten. Tristan Thompsons Fähigkeit, offensive Rebounds zu erkämpfen, ist unglaublich wertvoll und ergänzt James Fähigkeiten perfekt.

Das alles ist auf James zurückzuführen, da seine Penetration unglaublich viel Aufmerksamkeit bei den Verteidigern erzeugt, mit seinen überragenden Passfähigkeiten findet er die offenen Schützen immer an der richtigen Stelle.

Auch Kyrie Irving wird die längere Pause genutzt haben, um sein lädiertes Knie zu schonen, damit er wieder relativ gesund in den Finals auflaufen kann. Erreicht Irving Normalniveau, sind er und James ein explosives Duo, das nicht in den Griff zu kriegen sein wird.

Head Coach David Blatt hat eine Mannschaft geformt, die kompetitiv, hart arbeitend und sehr abgeklärt spielt. Vor allem Thompsons Reboundarbeit und Matthew Dellavedovas irritierende Aktionen am Rande des Erlaubten schliffen diese Identität.



„Ich weiß nicht, ob es ein Team gibt, das härter spielt als wir“, sagte ein sichtlich stolzer Coach Blatt nach der Conference Finalserie gegen die Hawks. Das so einfach ausschauende Spiel der Warriors wird sich gegen eine verbissene Verteidigung der Cavaliers auf einen harten Kampf einstellen müssen.

Natürlich ist es noch ein langer Weg, bis der NBA-Champion 2015 Cleveland Cavaliers heißt. Nahezu alles muss passen, um die Warriors zu schlagen: James muss weiterhin dominant spielen, besonders sein Sprungwurf sollte effizienter fallen; Kyrie Irving muss nahe bei 100% sein, da die Cavs offensiv nicht nur von James leben können.

Irving wird defensiv eine Schippe drauflegen, damit Curry oder Thompson ihn nicht völlig demontieren. Die Cavaliers haben gegen diese Warriors keine Chance, „Uncle Drew“ defensiv zu verstecken und ihn sich ausruhen zu lassen. Der weiß das, und kann entsprechend reagieren.

J.R. Smith wird weiterhin heiß von jenseits der Dreipunktlinie Dreier einstreuen. Die anderen Rollenspieler um Mozgov, Dellavedova, Shumpert oder Thompson müssen aggressiv verteidigen, ohne in Foulprobleme zu kommen, dazu in der Offensive weiterhin clever spielen und ihre Möglichkeiten nutzen.

Die Cavaliers haben die Finals erreicht, obwohl sie immer wieder durch Verletzungen zurück geworfen wurden. Dieses Team ist nicht in Bestbesetzung, und dominierte dennoch. Cleveland ist in den Finals, weil James sie dorthin gebracht hat. Warum nicht also noch den letzten Schritt nehmen und die Warriors schlagen? Es wäre der beeindruckteste Sieg von LeBron James in seiner illustren Karriere. Jeder weiß, was große Spieler in großen Spielen erreichen können.



Die Rechnung bitte!