29 Juni 2015

29. Juni, 2015  |  Clemens Boisserée @bvboisseree


Während in Oakland noch die Reste der Championship-Parade weggefegt werden, laufen bei den anderen 29 Teams der Liga die Planungen für nächste Saison längst auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen Blick auf die Eliminierten, analysiert ihr Jahr und prognostiziert den bevorstehenden Sommer.


Saison 14/15
Historisch. Das war sie, die Saison 2014/2015 für die Atlanta Hawks. Die meisten Siege der Franchise-Geschichte, der tiefste Playoff-Run der Franchise-Geschichte – und beides erspielt durch das wohl beste Team der Franchise-Geschichte. Und das schönste daran: kaum jemand dürfte das vorhergesehen haben.

Klar, Kyle Korver war schon vor der 2k15-Season ein Dreier-Shooter par excellence. Klar, Paul Millsap hatte bereits im Jahr davor gezeigt, dass er und seine 2,06 Meter NBA-weit vollkommen underrated sind. Und natürlich standen den Falken mit Jeff Teague sowie Al Horford zwei legitime Allstars zur Seite. Und dennoch: 73 Prozent gewonnen Spiele, 60 Siege, das beste Team im Osten und letztlich der Einzug in die Conference Finals – war mehr als eine dicke Überraschung. 

Was noch hätte passieren können, hätte sich keine Verletzungsseuche nach Georgia verirrt? Wer weiß schon, ob mit Korver und einem fitten Caroll nicht sogar die Cavs noch schlagbar gewesen wären.

Doch eine überraschend starke Saison in Kombination mit auslaufenden Verträgen und überschaubarer Finanzkraft - das alles dürfte einigen Hawks-Fans in der Stunde nach dem Ausscheiden bereits die ersten Sorgenfalten ins Gesicht getrieben haben.

Offseason Agenda
Wer genau die Verantwortung für Coach Budenholzers Wunschzettel trägt, ist bislang noch unklar und die Neubesetzung des General Manager-Postens somit die erste elementare Offseason-Aufgabe in Georgia. 

Nachdem Danny Ferry wegen rassistischer Sprüche den Posten abgeben musste, gilt es als sicher, dass der bisherige Stellvertreter, Wes Wilcox, zum neuen Chef aufsteigt. (Update: Budenholzer ist mit sofortiger Wirkung auch President of Basketball Operations, Wilcox der de facto GM).


Gelingt Atlanta die Verlängerung mit seinen beiden Leistungsträgern Paul Millsap und DeMarre Carroll, ist die Offseason der Hawks so gut wie gelaufen. Dann gilt es vor allem für Budenholzer, aus Fehlern in der Postseason zu lernen und die Offense der Hawks auf ein neues Niveau zu hieven. 

Dafür könnte Tim Hardaway Jr. nützlich sein, dessen mit Abstand größte Stärke auf der offensiven Seite des Spielfelds liegt. Für die elitäre Verteidigung der Hawks ist der Ex-Knickerbocker hingegeben Gift. 

Dennoch könnte gerade der prall gefüllte Backcourt noch einmal Ziel einiger Transferaktivitäten werden – die auch Dennis Schröder umfassen könnten. Angeblich wird der Braunschweiger weiter von den Sacramento Kings umworben. 

Schon seit einigen Wochen hört man immer wieder von diesem Gerücht, ein Deal würde Sinn machen, könnten die Hawks damit ihren Frontcourt pimpen, der im Fall erfolgreicher Vertragsverlängerungen „nur“ aus Horford, Millsap, Muscala und Mike Scott bestehen würde.

Geht der Wunsch des Erfolgscoaches nicht in Erfüllung und Millsap zieht es, wie kolportiert wird, tatsächlich woanders hin, zum Beispiel nach Utah, ständen den Falken einige interessante Wochen ins Haus. Angeblich wäre Greg Monroe von den Detroit Pistons ein mögliches  Ersatzziel.

Personal
Paul Millsap habe ich eingangs bereits erwähnt. Die meisten Punkte vor Teague (16,7 vs. 15,9), die meisten Rebounds vor Horford (7,8 vs. 7,2), mehr Vorlagen als Mack oder Korver (3,1 vs 2,6 bzw. 2,8) – schon an den totalen Zahlen lässt sich erkennen, wer der MVP dieser Geschichtsbuch-Saison der Hawks war. 

Dumm nur, dass ausgerechnet dieser MVP ab dem 1. Juli Free Agent ist. Ohne irgendeine Option, ihn zu alten Konditionen binden zu können, wird Atlanta alles in die Waagschale werfen müssen. Der 30-Jährige wird ab Juli um eine andere Gehaltsklasse als die 9,5 Millionen Dollar verhandeln, die ihm die Hawks 2014/2015 überwiesen. 

Da trifft es sich gar nicht gut, dass auch noch ein zweiter wichtiger Mann ab Juli feilschen darf: Small Forward DeMarre Carroll legte in 31 Minuten Spielzeit eine Allround-Performance ab: Einen PER-Wert von 15,9 bei 12,6 Punkten, 5,3 Rebounds, 1,7 Assists und fast 49 Prozent aus dem Feld sowie einem Karrierebestwert von 39,5 Prozent vom Perimeter...

Dieser Carroll kassierte dafür in seinem zweiten und letzten Vertragsjahr schlanke 2,4 Millionen Dollar. Nun, ab der Saison 2016/17 darf sich der 28-Jährige sicherlich über einen besser dotierten Gehaltscheck freuen. Ob er diesen aus Atlanta bekommt? 

Draft
Die Hawks nutzten ihren 15. Pick nicht etwa für einen potenziellen Millsap-Ersatz, einen neuen Backup-Center (Pero Antic wird die Hawks definitiv in Richtung Türkei verlasen, es verbleibt Mike Muscala) oder eben einer Neuverpflichtung für Carrolls Drei. 

Stattdessen wurde der Pick an die New York Knicks getradet, dafür kam mit Tim Hardaway Junior weitere Unterstützung für den Backcourt. Die Hawks sind dort nun mit Teague, Mack, Schröder, Korver, Bazemore und eben Hardaway unglaublich tief aufgestellt. 

Gedraftet wurden nach dem Trade nur noch zwei europäische Zweitunden-Picks: den 21-jährigen schwedischen Guard Marcus Eriksson (FC Barcelona) und den 20-jährigen Griechen Dimitrios Agravanis an 59. Stelle aus Piräus. Bei beiden darf bezweifelt werden, dass sie bereits in diesem Sommer den Schritt über den Teich wagen. 


Kohle
Bleibt also der Fokus auf altbewährtem Spielermaterial - beziehungsweise die Stange Dollar unter dem Salary Cap für dessen Weiterverpflichtung. Nach 2014er Statuten (63 Millionen Dollar) hätten die Hawks 20 Millionen Dollar für neue Verträge. Da auch dieses Jahr mit einer Erhöhung des Caps gerechnet werden kann, dürften sogar noch ein paar Millionen zusätzlich zur Verfügung stehen. 

„Unsere wichtigste Aufgabe ist es jetzt, unser Team zusammen zu halten. Je länger ich mit Paul und DeMarre und unserem aktuellen Team weiterarbeiten darf, desto besser“, ließ Coach Mike Budenholzer unmittelbar nach der Darf wissen. 

Für Millsap stände genügend Geld bereit, sogar ein Maximalvertrag wäre drin, dann allerdings bliebe wohl kaum genug Kohle für Carroll übrig, der nach einer MIP-Saison in Richtung zweistelliger Millionensumme schielen dürfte.

Zukunft
Die Hawks haben sich mit kontinuierlich guter Arbeit bis an die (Ost)-Spitze der National Basketball Association gekämpft. Zumindest im weiteren Umfeld bleiben sie wohl auch ohne Carroll oder Millsap. Mit den frei bleibenden Geldern ließe sich auf dem ordentlich bestückten Transfermarkt gut shoppen und das Team auf Playoff-Kurs gehalten werden.

Der Optimalfall bleibt aber – wie oben skizziert – ein Erhalt des Erfolgsteams von 2014/2015. Ob selbst in diesem Fall diese historische Saison noch einmal überboten werden kann, ist mehr als fraglich. 

Gerade Carrolls Leistungsexplosion könnte – nicht untypisch – mit dem letzten Vertragsjahr zusammengehangen haben. Wie motiviert der 27. Draftpick von 2009 mit einer dicken Vertragsverlängerung zu Werke geht, bleibt abzuwarten. 

Außerdem sind da immer noch die ständigen Verletzungen anderer Hawks-Leistungsträger. Kyle Korver muss sich in der Pause einer Knieoperation unterziehen und allen voran Al Horfords Glasknochen gefährden auch in den kommenden Jahren jegliche etwaige Titelambitionen der Hawks.