23 Juni 2015

23. Juni, 2015  |  Wolfgang Stöckl  @WStckl


Während in Oakland noch die Reste der Championship-Parade weggefegt werden, laufen bei den anderen 29 Teams der Liga die Planungen für nächste Saison längst auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen Blick auf die Eliminierten, analysiert ihr Jahr und prognostiziert den bevorstehenden Sommer.


Saison 14/15
Nachdem die Love-Affäre im Sommer sich nicht in eine längerfristige Beziehung verwandelte, war eigentlich klar, dass der Rebuild der Celtics noch etwas länger dauern und den Fans eine weitere deprimierende Saison bevorstehen würde. 

Genauso fing es auch an. Nach einem schweren Programm zum Saisonstart dauerte es nicht lange, bis man sich im Tabellenkeller im Osten wiederfand. Als GM Danny Ainge auch noch Rajon Rondo und Jeff Green tradete, war eigentlich klar, dass es nur wieder um einen guten Draft-Pick gehen würde. 

Allerdings war Boston in einem sehr schwachen Osten nie so richtig weit weg von Platz 8. Als Ainge zur Trade-Deadline dann die Möglichkeit bekam, Isaiah Thomas und seinen super Vertrag (27 Mio. $/4 Jahre) für lau zu erwerben, musste er zuschlagen. 

Die Mannschaft, die zuvor schon einen leichten Aufwärtstrend gezeigt hatte, legte dann bis Saisonende einen Run hin, den ihr niemand zugetraut hatte. Nach dem All-Star-Break hatten die Celtics eine der besten Bilanzen der gesamten Liga und schafften überraschend noch die Qualifikation für die Playoffs. 

Dort hatten sie dann das Pech, auf die mit Abstand beste Mannschaft im Osten zu treffen: Cleveland, das ungünstigerweise zu diesem Zeitpunkt auch noch in Bestbesetzung war. Die Celtics schlugen sich respektabel, hatten aber nie eine Chance und wurden mit 0-4 in den Sommerurlaub gefegt. 

Offseason Agenda
Die Serie gegen die Cavs war dennoch durchaus hilfreich. Dort wurden die Schwächen der jungen Keltentruppe gnadenlos offen gelegt. Spieler wie Tyler Zeller und Kelly Olynyk sind gute Rollenspieler und verfügen über Finesse und Spielintelligenz, aber sie können weder im Post punkten, dort defensiv dagegenhalten, den Ring beschützen oder am defensiven Brett verlässlich die Rebounds pflücken. 

Der fehlende Rim-Protector ist in Boston schon fast ein Running-Gag. Man weiß seit Jahren, dass er fehlt, dass man ihn braucht, aber er kommt einfach nicht. Notwendig wäre es allemal. Letzte Saison waren die Celtics auf dem letzten Platz bei den geblockten Würfen. Gegen die Celtics haben die Gegner eine Quote von über 61% FG direkt am Korb - damit liegt Boston im untersten Viertel der Liga. 


Das Problem beginnt mit der Pick & Roll Defense. Die Guards und Flügel sind zwar relativ starke Verteidiger und können den Schaden oft begrenzen, indem sie wieder sehr schnell bei ihrem Mann sind, aber ohne dass der große Spieler seinen Job macht, ist es in der NBA schwer bis unmöglich, effektiv zu verteidigen. 

In Bostons Pick & Roll Defense gibt es aufgrund der fußlahmen Big Men kaum Alternativen. Aggressiv Hedgen ist mit Olynyk, Zeller und Jared Sullinger nicht drin; Switchen sowieso nicht, also beibt nur sinken, sinken, sinken und irgendwie versuchen, den Guard in einen relativ offenen Midrange-Jumper zu locken.  Klingt nicht gerade nach einem Erfolgsrezept und klappt auch nicht immer. Da kein Shotblocker wartet, wagen sich die gegnerischen Guards immer gerne in die Zone der Kelten. Das muss sich badmöglichst ändern. 

Vorne fehlen noch ein Scorer, der sich selbst seine Würfe kreieren kann. Im jetzigen Kader sind Thomas und Sullinger die einzigen, die dazu in der Lage sind, aber keiner von beiden ist ein Allstar oder in der Nähe des Prestigespiels. Wegen ihnen reagiert keine Defense über und lässt die anderen Spieler dann offen stehen. Die Playoffs haben auch dieses Jahr wieder gezeigt, dass Teams mit Stars es im Angriff wesentlich einfacher haben, als solche, die nur auf Teamplay, Ballbewegung und die Macht ihrer Spielzüge bauen. 

Ansonsten fehlen noch dringend ein paar gute Distanzschützen. Nur 32,7% warfen die Celtics letzte Saison von der Dreier-Linie - der schlechteste Wert der Liga. Da Dreipunkt-Würfe aber ein elementarer Bestandteil der Pace-and-Space-Offensive der Celtics sind, muss sich das Team hier auf jeden Fall verbessern.  

In der Saisonpause wird das Management der Celtics versuchen, zumindest einen Teil dieser Lücken zu schließen. Durch die vielen Picks, den vorhandenen Gehaltsspielraum, Trade Exceptions, auslaufende Verträge und junge Spieler mit günstigen Rookie-Verträgen sind die Möglichkeiten der Kelten fast endlos. 

Personal
Brandon Bass, Jae Crowder (Restricted), Jonas Jerebko, Gigi Datome (Restricted) und Phil Pressey (Team Option) sind nun Free-Agents.

Bass wird keinen neuen Vertrag bekommen - es sei denn die Celtics schaffen es einen echten Blockbuster vom Stapel zu lassen und sie brauchen noch einen verlässlichen, günstigen Veteranen. 

Crowder wird Ainge auf jeden Fall versuchen zu halten, er hat absolut überzeugt in der letzten Saison. Vielleicht nicht zu jedem Preis, aber Boston wird schon zur Not an das eigene obere Limit gehen. 

Bei Jerebko ist schwer vorherzusehen, was passiert. Eigentlich passt er sehr gut ins Team und ist ein Spieler, wie ihn sich Brad Stevens wünscht. Er trifft den Dreier, kann zum Korb ziehen, ist ein brauchbarer Passgeber, guter Offensivrebounder und solider Verteidiger. Er spielt immer mit Vollgas. Seine Personalie hat aber trotzdem nicht oberste Priorität, daher wird man sehen müssen, ob am Ende noch Geld für ihn vorhanden ist.

Datome wird trotz guter Leistungen wohl keinen neuen Vertrag bekommen. Es macht keinen Sinn, James Young, der in der zweiten Saison ein fester Bestandteil der Rotation werden will und soll, wieder einen ähnlichen Spieler vor die Nase zu setzen. Presseys Personalie hat unterste Priorität, er kann bleiben wenn am Ende noch Platz und Geld übrig sind. 

Ansonsten ist "Assistenzcoach" Gerald Wallace endlich in seinem letzten Vertagsjahr angekommen, das könnte heißen, dass man ihn bei Bedarf doch noch traden kann, ohne dafür ans Tafelsilber zu müssen. 

Interessant ist vielleicht noch, dass Jared Sullinger im Sommer 2016 Restricted Free Agent wird. Sollte man im Front-Office der Celtics zu der Überzeugung kommen, dass es mit ihm keinen Sinn mehr macht und er nie seine Gewichtsprobleme, die seine Entwicklung bremsen, in den Griff bekommen wird, landet er auf dem Trade Block - vor oder im Laufe der Saison.

Ansonsten wird sich noch eine Menge tun im Kader der Celtics. Mit vier Draftpicks (siehe unten) in diesem Jahr und Plänen für die Free-Agency wird sich die Lineup zwischen Saisonende 2015 und Saisonanfang 2016 verändern. Nur eines ist sicher: Keiner ist sicher! Außer Coach Stevens...



Draft
Boston besitzt in diesem Jahr zwei Erstrundenpicks - den eigenen an Position 16 sowie den der Los Angeles Clippers (Doc Rivers Trade) an Position 28. Hinzu kommen zwei Second Rounder (33 und 45).

Ainge hat in der Vergangenheit mehrmals bewiesen, dass er ein ausgezeichnetes Händchen bei der Evaluation von jungen Spielern besitzt: Al Jefferson an Nummer 15, Tony Allen an 25, Avery Bradley an 19 oder Jared Sullinger an 21.

Ebenso schnell ist Ainge allerdings in der Lage, alles und jeden in ein Tradepaket zu packen und Richtung Empfänger zu schicken, der ihm im Gegenzug einen gestandenen Veteranen kredenzt. Boston gilt traditionell als eines der aggressivsten Teams während der Draft-Woche. Gerüchte darüber, dass Boston seine Anlagen dazu nutzen möchte, um sich hoch zu traden, halten sich hartnäckig. Dass es in Ainges War-Room also vollkommen ruhig und gesittet zugehen wird, ist unwahrscheinlich.

Kohle

Hier sieht es richtig gut aus. Nur 42 Mio. $ an garantierten Gehältern sind bisher für nächstes Jahr fix, 10 Millionen für Gerald Wallace bereits mit eingerechnet. Das macht unterm Strich mehr als 20 Millionen Wenn Ainge den Vertrag von Wallace wegbekommt, hat Boston Platz für zwei Maximalverträge. Das alleine macht die Celtics schon zu einem der absoluten Schwergewichte in der diesjährigen Free-Agent Periode. 


Zukunft
Getankt wird vorerst nicht mehr. Ganz in Gegenteil: das nächste Ziel dürfte sein, möglichst bald die Krone im Osten anzugreifen. Dazu fehlt natürlich noch einiges an Qualität, aber die Kriegskasse ist reichlich gefüllt mit Draftpicks, Gehaltsflexibilität, Trade Exceptions und jungen Spielern auf Rookie-Verträgen.

Was diesen Sommer genau passieren wird, ist nicht vorherzusehen. Allein der Draft bietet schon so viele Möglichkeiten, sich hoch-, runter- oder komplett rauszutraden, das eine Prognose töricht wäre. Danach kommt die Free-Agent-Periode, das Front-Office hat schon angekündigt, auch hier sehr aktiv zu sein. 

Es wird sicher einiges passieren. Voraussagen lässt sich derzeit nur, dass jede Aktion dazu dienen wird, die Mannschaft nicht für die Zukunft, sondern fürs Hier und Jetzt zu verbessern. Allein das ist für die meisten Celtics-Anhänger schon eine sehr gute Nachricht.