27 Juni 2015

26. Juni, 2015  |  Roman Schmidt  @sch_rom


Während in Oakland noch die Reste der Championship-Parade weggefegt werden, laufen bei den anderen 29 Teams der Liga die Planungen für nächste Saison längst auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen Blick auf die Eliminierten, analysiert ihr Jahr und prognostiziert den bevorstehenden Sommer.


Saison 14/15
Was war nur los mit diesem Team? Jedes Mal, wenn man dachte, sie hätten den Bogen raus, sie könnten einen ernsthaften Run starten, verloren sie mit 14 Punkten gegen die Brooklyn Nets - in Chicago. So war es beispielsweise während ihrer 7-Siegeserie im späten Dezember. Überhaupt gab es nur wenige, nennenswerte Serien, denn die Chicago Bulls waren das gesamte Jahre konstant inkonstant.

Die Zweifler sahen sich bestätigt, da Derrick Rose, der überraschend wenige Spiele fehlte, nicht mehr in der Lage war, dauerhaft zwei aufeinanderfolgende, konsistent gute Leistungen zu zeigen. An irgendeinem Zeitpunkt in seiner Karriere hat jemand ihm gesagt, „Hey, das was Steph Curry kann, kannst du auch.“ Und dieser jemand kostet die Bulls eine Menge verlorene Basketball-Spiele.

Das Experiment Pau Gasol ist geglückt und gescheitert zugleich, da er auf den ersten Blick die Zahlen eines All Stars auflegte, die sich mit Blick auf weiterreichende Statistiken allerdings relativieren. Es ist ebenfalls gescheitert, da Pau und Joakim Noah nicht zusammen spielen können. 

Die Liga ist längst an einem Punkt angelangt, an dem ein Pau Gasol nicht mehr die 4er dieser Welt verteidigen kann - und Joakim leider auch nicht mehr. Der Verfall des Joakim Noah war bezeichnend für die Bulls. Mit jedem verstreichenden Monat wurde deutlicher, dass dieses Team „es“ nicht hat. So dümpelte es irgendwo zwischen Platz 2 und 6 im Osten herum, bis es von dezimierten Cleveland Cavaliers aus den Playoffs geworfen wurde. Ja, das war ebenfalls ein bezeichnendes Ende.

Achja, so ganz nebenbei ist die Ära Tom Thibodeau zu Ende gegangen. Was in diesem Segment schief gelaufen ist, ist eigentlich sehr schnell gesagt: Fast alles. Seine Methoden sind spätestens in diesem Jahr abgestumpft und er konnte das Team nicht mehr erreichen. Es war der richtige Zeitpunkt, um sich von ihm zu trennen. Darauf, dass das Front Office hätte gleich mit fliegen sollen, werde ich noch zurückkommen.



Offseason Agenda
Einen neuen Trainer haben sie bereits, das kann schon mal von der Liste gestrichen werden. Die verpatzte Vertragsverlängerung mit Jimmy Butler wird hingegen wie ein Geist über der Offseason der Bulls schweben. Sie haben sich angeblich geweigert, ihm 12 Mio. $ pro Jahr zu zeigen.

Jimmy hingegen hat ihnen gezeigt, wo der Bulle die Hörner hat. Butler ist inzwischen der unverzichtbarste Spieler dieses Teams. Und die Chicago Bulls wollten ihm kein Jagresgehalt zahlen, dass nur gering höher ist als das eines Javale McGee. Lasst das sacken!

Nun möchte Butler angeblich nur einen kurzfristigen Vertrag unterschreiben, um vom möglichen Salary-Cap Sprung in den nächsten Jahren größtmöglich zu profitieren. Und statt ihn mit einem 4 oder 5 Jahresvertrag gebunden zu haben, werden die Bulls in 1 bis 2 Jahren um einen Unrestricted Free Agent kämpfen müssen, mit dem ihr Team steht und fällt. Bravo. Ich habe im vorigen Punkt in Sachen Front Office offensichtlich nicht zu viel versprochen.

Darüber hinaus hat das Team mit dem „tiefsten Frontcourt der Liga“, wie es vor der Saison behauptet wurde, nun den verrücktesten Frontcourt der Liga. Pau Gasol ist auf Center am besten aufgehoben. Joakim Noah auch. Mirotic und Gibson können nur auf die Vier. Pau Gasol und Joakim müssen/wollen starten. Mirotic sollte starten. Taj ist der odd man out, aber durch seine neuliche Operation, nach der er vier Monate aussetzen muss, ist sein Tradewert auf null gesunken. 

Mirotic spielte gerade sein erstes Jahr in der Liga und er ist noch jung genug, dass man hoffen kann, dass er noch besser wird. Noah hat eines seiner schlechtesten Jahre hinter sich und auch sein Tradewert ist enorm gering. Sind wir an dem Punkt, an dem man Pau Gasol traden muss?! Nach einem so verdammt guten Jahr?! Es ist verrückt, ich hab’s ja gesagt.

Fakt ist, dass der Frontcourt der Bulls aufgeräumt werden muss. Außerdem muss gesehen werden, ob Doug McDermott bereit ist, in die Starting Five aufzurücken. Da er es ist nicht ist (glaubt mir!) muss ein weiterer Flügelspieler her, der darüber hinaus nicht zu teuer sein darf. Also, ich resümiere: CHI braucht einen günstigen aber guten Wingman und das Chaos im Frontcourt muss aufgeräumt werden. Klingt nach einer verdammt spaßigen Offseason.

Es bleibt spannend, ob der neue Coach seiner Linie treu bleibt, und aus den Bulls ein offensives, dreierfreudiges Team machen möchte. Speaking of which…

Personal
Der Coach ist tot, es lebe der Coach. Fred Hoiberg hat das Zepter in Chicago übernommen. Hoibergs Name kreiste schon lange als Aasgeier über Tom Thibodeau und er soll der Wunschkandidat des Front Office gewesen sein. Er mag nicht das komplette Gegenteil zu Thibs darstellen, jedoch ist er kommunikativ, ein Kumpeltyp, weniger für seine Defense bekannt… okay, er ist das komplette Gegenteil von Tom Thibodeau.


Jimmy Butler muss gehalten werden. Alles andere wäre ein maßloses Scheitern der Offseason. Keine Diskussion. Joakim Noah, Pau Gasol, Taj Gibson und Nikola Mirotic. Einer, vielleicht sogar zwei dieser vier ist/sind zu viel. Sollten Joakims Knie sich nicht mehr bessern, sind die Bulls darüber hinaus offiziell auf Center-Suche.

Außerdem ist Mike Dunleavy Jr. Free Agent. Die Wichtigkeit des Veteranen tausender Kriege und verdeckter Flagrants ist für die Bulls nur schwer in Geld zu bemessen. Immerhin war er der Starting Small Forward.

Draft
Chicago zog mit dem 22. Pick Bobby Portis - einen Stretch Big mit Defensivqualitäten. Portis ist vielleicht der vielseitigste Big Man des Drafts und wurde nicht zu unrecht zum SEC Spieler des Jahres gewählt - noch vor den Kentucky Talenten. Im Angriff hat er einen sicheren Jumper, der bis zur Dreierlinie fallen kann.

Im Faceup nutzt er seinen schnellen ersten Schritt und sein gutes Ballhandling über beide Seiten. Auch sein Postgame konnte er deutlich verbessern, ist allerdings noch nicht am Ende des Tunnels angelangt. In der Defense ist er sehr beweglich und kann als Teamverteidiger und Individualverteidiger glänzen. An 22 sicher jemand mit Steal Potential. Er passt sowohl zur Bulls Mentalität, als auch zu Fred Hoibergs Missmatch Offense.


Kohle
Die Bulls stehen, wenn man Spieler- und Teamoptionen nicht mit hineinrechnet, etwas unter dem Salary Cap, was vom Cap Hold für Jimmy Butler jedoch geschluckt werden wird.

Darüber hinaus wird der Vertrag des Erstrundenpicks knapp 1.2 Mio. $ an Gehalt verbrauchen. Es bleibt die Midlevel Exception. Die Vertragslage ist derzeit so, dass große Verpflichtungen erst nächstes Jahr möglich sein werden.

Zukunft
Willkommen im Niemandsland. Gut genug für die Playoffs, nicht gut genug für die Conference Finals. Dies ist leider der absehbare Kurs der Bulls und nichts außer ein radikaler Umbruch des Rosters kann ihn maßgeblich ändern.

Mit der Ära Thibodeau ist auch die die erste Karrierehälfte des Derrick Rose zu Ende gegangen und war ähnlich erfolgreich: Steil nach oben, dann kam der langsame Verfall. 

Hoiberg hat eine spannende Aufgabe vor sich und niemand kann es ihm vorwerfen, wenn sich der Erfolg erst in Zukunft einstellt. Das Team wird immer älter und braucht dringend ein Re-Tooling. Das vermeintlich spaltbreit offene Titelfenster ist zu. Es ist so sehr zu, dass die Scheiben beim Zuschlagen herausgesprungen sind.