20 Juni 2015

20. Juni, 2015  |  Philipp Landsgesell  @Phillyland


Während sich Cleveland und Oakland in den Finals duellieren, laufen bei den anderen 28 Teams der Liga die Planungen für nächste Saison längst auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen Blick auf die Eliminierten, analysiert ihr Jahr und prognostiziert den bevorstehenden Sommer.


Saison 14/15
Mit 18 Siegen und 64 Niederlagen landeten die 76ers auf dem vorletzten Platz in der Eastern Conference. Schlechter waren nur noch die Knickerbockers aus New York und die Timberwolves aus Minnesota. Sehr viele Niederlagen - die aber im Zuge des Rebuild-Prozesses gerne in Kauf genommen wurden.

Erfreulicherweise konnte Nerlens Noel endlich seine ersten NBA-Minuten spielen, nachdem er die komplette Vorsaison aufgrund einer Knieverletzung verpasste. Nummer-3 Pick und Franchise-Hoffnungsträger Joel Embiid setzte dagegen die komplette Saison mit einer Fußverletzung aus. Nummer 12 Pick Dario Saric blieb in Istanbul, und so bekamen die Fans im Wells Fargo Center nur einen Hoffnungsträger zu sehen: Nerlens Noel.

Der enttäuschte nicht. Noel wurde in seiner ersten Saison zum defensiven Anker einer besser als vermuteten Sixers-Verteidigung und zeigte, dass sich das Warten auf ihn gelohnt hat. Offensiv ist zwar außer Dunks noch sehr wenig los, doch Noel war der Lichtblick in dieser Saison.

Neben Noel konnten vor allem Robert Covington und Jerami Grant ihre Minuten nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Erstgenannter scheint endlich seinen Wurf von jenseits der Dreipunktelinie auch in der NBA zu treffen, nachdem er in der D-Leauge alle Lampen ausschoss.

Grants großes Fragezeichen bleibt genau diese Fähigkeit. Doch er zeichnet sich durch seine enorme Athletik aus, die ihm zu einem guten NBA-Verteidiger werden lassen kann. Die beiden stehen sinnbildlich für das Ziel der Sixers in der abgelaufenen Saison: Talent suchen, das dann seine Chance bekommt, die NBA-tauglichkeit zu beweisen.  

Natürlich erregte der Trade Michael Carter-Williams Aufmerksamkeit und Verwunderung. General Manager Sam Hinkie verdeutlichte erneut, dass er vor nichts zurück schreckt, um den Rebuild weiter fortzusetzen. Die Zweifel an MCWs Wurf waren einfach zu groß und der Lakers-Pick, den sich die Sixers für ihn sicherten, scheint nächstes Jahr mindestens ein Top-10 Pick zu werden. 

Offseason Agenda
Sam Hinkie hält sich für einen Fuchs. Er wird sich nahezu jedes Trade-Angebot anhören, um einen weiteren Zweitrundenpick rauszuholen, auch wenn es nur darum geht, dass ein anderes Team einen Vertrag bei den 76ers abgibt.

Größere Aktivitäten sind aber nicht zu erwarten. Vielmehr geht es immer noch darum, viel Talent für kleines Geld zu akquirieren und die eigenen Spieler weiterzuentwickeln. Das Ziel der 76ers muss es sein, talentierte Spieler zu bekommen, die in ihren bisherigen Situationen ihr Potenzial nicht abrufen konnten und daher erschwinglich sind. Kandidaten wären zum Beispiel Perry Jones oder Jeremy Lamb von den Oklahoma City Thunder.


Personal
Head Coach Brett Brown und sein Trainerstab machen bisher einen fantastischen Job. Es ist nicht einfach, einen immer wechselnden Haufen an Spielern zu coachen, die fast alle um ihre Zugehörigkeit in der Liga kämpfen.

Dennoch scheint die Stimmung in der Mannschaft intakt zu sein und auch sportlich sind Fortschritte erkennbar. Die Weiterentwicklung bei den einzelnen Spielern ist deutlich und erfüllt somit die aktuellen Erwartungen.

Mit Henry Sims und Glenn Robinson III werden zwei Spieler zu Restricted Free Agents, die beide wohl keine Zukunft mehr in Philadelphia haben. Mit Luc Richard Mbah a Moute und Jason Richardson werden zwei Veteranen Unrestricted Free Agents die – falls überhaupt- nur zum Minimum gehalten werden. Der ehemalige Lottery Pick Thomas Robinson und der professionelle „Vereinswechsler“ Ish Smith stehen ebenfalls vor einer ungewissen Zukunft. Vieles wird davon abhängen, welche Spieler im Draft gezogen werden.

Dario Saric wird mindestens ein weiteres Jahr in der Türkei bleiben. Wahrscheinlich ist sogar, dass er erst in zwei Jahren den Sprung über den Teich wagt, da er dann seinen Vertrag mit den 76ers aushandeln kann und nicht die Rookie-Verträge der NBA unterschreiben muss.


Draft
Der Draftabend ist für jede Franchise im Rebuild wegweisend. Die 76ers haben insgesamt sechs Wahlmöglichkeiten: #3, #35, #37, #47, #58, und #60.

D’Angelo Russell scheint eine realistische Wahl an Nummer drei zu sein. Der Combo-Guard ist ein Scorer mit Range bis hinter die Dreierlinie. Mit Noel und/oder Embiid brauchen die Sixers Shooting auf dem Feld, um den Big Men Platz unter dem Korb zu verschaffen.

Auch der Name Kristaps Porzingis taucht immer wieder in Gerüchten auf. Der Lette ist 2,11 groß und trifft seinen Sprungwurf - auch aus der Distanz. Das sind Attribute, die ihm zu einem perfekten Stretch-Vierer machen. So einen suchen heute bekanntlich alle Teams.

Auch ein Trade am Draftabend ist nicht ausgeschlossen. Je nachdem, wie die Timberwolves und Lakers sich entscheiden, entstehen für Philadelphia dahinter viele Optionen. Wenn einer auf Trades vorbereitet ist, dann Hinkie. Dazu hat er noch weitere Erstrundenpicks (der Lakers, Thunder und Heat) im Ärmel, die er bei Bedarf spielen kann.

Mit ihren unzähligen Zweitrundenpicks werden die Sixers versuchen, interessante und übersehene Talente zu ziehen, bei denen sie glauben, die Schwächen abstellen zu können.

Kohle
Bisher sind nur 24 Millionen Dollar im Salary Cap belegt. Topverdiener ist übrigens JaVale McGee mit 12 Millionen Dollar, der im Laufe der vergangenen Saison schon entlassen wurde. Das Beispiel zeigt: Die 76ers haben massig Spielraum und liegen weit unterhalb des Caps. Da millionenschwere Neuverpflichtungen nicht zu erwarten sind, wird sich auch in Zukunft daran nichts ändern.

Mit dem Erstrundenpick kommt auch nur ein garantierter Vertrag hinzu. Die abgelaufene Saison hat gezeigt, dass es sich durchaus lohnen kann, mit Capspace in die Saison zu gehen. So können schlechte Verträge von anderen Teams absorbiert werden, ohne Schaden davon zu tragen. Picks und/oder talentierter Spieler sucht Hinkie im Gegenzug für das Aufnehmen ungeliebter Verträge. 


Zukunft
Den Sixers steht eine weitere Etappe im Rebuild-Prozess ins Haus. Die Zukunftsperspektive wird davon  abhängen, ob Joel Embiid seine Verletzungsprobleme überwinden und ob er der erhoffte Franchise Spieler sein kann. Berichten zufolge, ist seine Heilung nicht wie erhofft verlaufen.

Bei Big Men mit Fußproblemen gibt es viele Beispiele, wie sich die Verletzung negativ auf die Karriere auswirken kann. Die Embiid Verletzung wirft Fragen auf: Braucht Embiid eine Operation? Wird er Summer Leauge spielen? Ist er der neue Andrew Bynum?

Die unverhofften Neuigkeiten haben bei vielen Fans das Vertrauen in den Rebuild erstmal erschüttern lassen. Dennoch ist es zu früh, von einem gescheiterten Experiment des radikalen Rebuild zu sprechen. Rückschläge gehören eben dazu. Die Sixers stehen immer noch am Anfang eines langen Weges, wieder in der NBA relevant zu sein.

Philadelphia wird vorerst unbeirrt weitermachen. Dieses Team ist auf der Suche, nach talentierten Spielern und einer Mischung, die Herrn Hinkie gut genug ist. Ein Rebuild ist ein steiniger, harter Prozess. Ergebnisse auf dem Parkett scheinen bei dieser Franchise weiterhin zweitrangig.