28 Juni 2015

27. Juni, 2015  |  Pascal Gietler @PascalCTB


Während in Oakland noch die Reste der Championship-Parade weggefegt werden, laufen bei den anderen 29 Teams der Liga die Planungen für nächste Saison längst auf Hochtouren. #NBACHEF wirft einen Blick auf die Eliminierten, analysiert ihr Jahr und prognostiziert den bevorstehenden Sommer.


Saison 14/15
Die Utah Jazz hatten in der ersten Saisonhälfte nicht viel zu feiern. Den Saisonstart verpatzten sie klassisch und holten bis zur Trade-Deadline nur 20 Siege. Dass sie am Salzsee etwas mit den Playoffs zu tun haben würden, hatten vor der Saison nicht mal die größten Optimisten gehofft. 

Wirklich namenhafte Free Agent-Verpflichtungen blieben aus, am Draftabend 2014 entschied sich Utah für Dante Exum - einen der rohesten verfügbaren Spieler, der bisher nur bei Junioren-Weltmeisterschaften für sein Heimatland Australien gegen Spieler seiner Güteklasse angetreten war.

Dennoch konnten die Jazz dem verkorksten Start auch Positives abgewinnen: Neu-Coach Quin Snyder war ein offensichtliches Upgrade zu Tyrone Corbin, das Team präsentierten sich offensiv phasenweise richtig gut. Snyder ließ zu Beginn immer drei Ballhandler (Trey Burke, Alec Burks und Gordon Hayward) starten, was die Jazz offensiv recht flexibel machte. 

Mit Enes Kanter hatte Snyder zu diesem Zeitpunkt zudem einen starken offensiven Big Man. Doch gerade in der Personalie Kanter hatten einige Experten einen Schuldigen für den überschaubaren Erfolg gefunden. 

Nicht ohne Grund entschied sich Utah zur Trade-Deadline dazu, den türkischen Center abzugeben und ab diesem Moment mit dem französischen Big Man Rudy Gobert auf der Fünf zu starten. Dieser Trade war ein klassischer Fall von Addition durch Subtraktion - die Jazz spielten im letzten Saisondrittel richtig erfolgreichen Basketball und konnten in diesem Zeitraum gar die ligaweit sechstbeste Bilanz (19-10) vorweisen. 

Der größte Unterschied war jedoch nicht Quin Snyders neu implementierte Offensive, sondern die Defensive. Rudy Gobert - welcher eine im Maßstab 1:1 originalgetreue Kopie des berühmten Eifelturms zu sein scheint - war ein absolutes Upgrade zu Enes Kanter, der Zeit seiner Karriere gefühlt nicht ein Pick & Roll angemessen verteidigt hat. In Zahlen: Utah ließ mit Kanter im Team auf 100 Ballbesitze satte 105,6 Punkte zu, seit seinem Trade nur noch beinahe lächerliche 94,8 Punkte auf 100 gegnerische Ballbesitze. 

Zusammen mit den individuellen Verbesserungen von Gordon Hayward und Derrick Favors lässt sich mit solchen Voraussetzungen wohl richtig gut arbeiten, zumal Utah im Sommer erneut einen Lottery-Pick und eine Menge Gehaltsspielraum haben wird.


Offseason Agenda
Eine normale Offseason in Salt Lake City verläuft eher ruhig - man muss die heimische EnergySolutions Arena nicht mit dem Gesicht eines x-beliebigen Star-Free Agents schmücken, da in der Regel eh kein gefragter Superstar freiwillig ins beschauliche Utah wechselt. 

Die Hoffnung bei den Jazz liegt im vorhandenen Spielermaterial, welches zwar nicht mit „dem einen“ herausragenden Spieler gespickt, jedoch auf fast jeder Position konkurrenzfähig besetzt ist. 

Die größte Schwachstelle im Kader ist die Point Guard-Position: Sophomore Trey Burke war in seiner zweiten Saison noch ineffizienter, Rookie Dante Exum fungierte phasenweise als reiner Spot-Up-Shooter, der auf den offenen Dreier gewartet hat. 

Falls sich die Jazz wirklich in Richtung Playoffs orientieren wollen, muss ein erfahrener Point Guard her, der im Optimalfall über einen sicheren Wurf verfügt. Das Playmaking kann zu großen Teilen von Gordon Hayward und einem hoffentlich wiedergenesenen Alec Burks übernommen werden. 

Die Jazz müssen außerdem ihre Bank verbessern - zwar zeigten Rookie Rodney Hood und Energizer Trevor Booker phasenweise wirklich gute Leistungen, aber besonders im Frontcourt fehlt es den Jazz an der nötigen Tiefe. 

Interessant aus deutscher Sicht: Utah erhielt im Zuge des Enes Kanter-Trades die Draftrechte am deutschen Big Man Tibor Pleiss. Ein Wechsel in die NBA gilt als wahrscheinlich, und je nachdem, wie die Free Agency verläuft, könnten die Jazz in dem jungen Deutschen einen wertvollen Teil ihrer Rotation sehen. Pleiss ist zur Zeit in Salt Lake City und spricht mit dem Klub.



Personal
Wie bereits erwähnt: Es dürfte ein ruhiger Sommer für die Jazz werden. Von den letztjährigen Rotationsspielern wird lediglich Aussie Joe Ingles Free Agent, den sie aber aufgrund seiner ordentlichen Leistungen zu einem angemessenen Tarif am Salzsee halten möchten. 

Die Jazz werden nach Ingles potenzieller Vertragsverlängerung noch rund zehn Millionen Dollar an Gehaltsspielraum haben, um ein bis zwei neue Spieler nach Utah zu holen oder um ein weiteres Jahr als „Gehaltsmüllhalde“ zu fungieren, die für ihre Entsorgung mit Draftpicks belohnt wird.

Draft
Utah addierte zwei Spieler zu seinem Nachwuchskader hinzu: Lotterie Big Man Trey Lyles und Kombo-Guard Olivier Hanlan.

Trey Lyles ist ein kräftiger Faceup Vierer, der mit Power und Ballhandling seinen Weg zum Korb findet. Beide Hände sind gut geschult. Problemzonen des neuen Jazz Mitglieds sind die Defense und sein Shooting. In der Verteidigung musste er zuletzt oft am Perimeter verteidigen und konnte seine Probleme im Lowpost kaschieren. Der Wurf an sich sieht nicht schlecht aus, allerdings fehlt ihm bei Distanzwürfen die Konstanz in der technischen Ausführung.

Hanlan ist ein guter Schütze, der beide Guard-Positionen spielen kann und die Chance hat, sich als Backup früh in der Rotation festzuspielen. Trey Burkes Aktienkurs fällt und fällt - wenn Hanlan früh überzeugt und genauso ausgebufft agiert wie am College, könnte sich Burke bald nach einem neuen Team umsehen müssen.


Kohle
Die Utah Jazz haben - stand heute - ohne den neuen Vertrag von Joe Ingles rund 55 Millionen Dollar in den Büchern stehen. Addiert man dazu noch den kleinen Vertrag des 12. Picks im kommenden Draft, dürften die Jazz rund zehn Millionen Dollar Platz bis zur prognostizierten Gehaltsobergrenze von 67 Millionen Dollar haben. 

Die Jazz werden vermutlich keinen Free Agent überbezahlen, zumal Trey Burke wohl auf dem Tradeblock steht und man aufgrund seines Rookie-Vertrages Platz braucht, um gegebenenfalls mehr Gehalt in einem Trade zurückzunehmen.

Zukunft
Es stand schon schlechter um die Jazz-Musikanten aus der Mormonen-Hochburg. Mit Gordon Hayward hat Utah langfristig einen Borderline-(All)-Star an die Franchise gebunden, Derrick Favors wird von Jahr zu Jahr besser und „The French Rejection“ begeisterte mit seinem defensivem Impact nachhaltig. 

Es ist wirklich ein Jammer, dass die Jazz im hart umkämpften Westen wohl tendenziell nicht in die Playoffs einziehen werden - zumindest nicht im nächsten Jahr! Falls die Jazz Draftglück haben und sich Dante Exum zu einem guten NBA-Spieler entwickelt, dürfte aber spätestens in zwei Jahren mit Utah zu rechnen sein.

... Es sei denn, die Jazz schaffen es irgendwie, in die Eastern Conference zu kommen, denn dort würden sie im kommenden Jahr wohl um den Heimvorteil in den Playoffs mitspielen.