04 Juli 2015

4. Juli, 2015  |  Anno Haak @kemperboyd


Sie werden lächeln. Sie werden sich freuen. Sie werden stolz sein. Das Trikot wird angehoben, die Fotohandys und die wenigen alten Kameras mit den großen Objektiven werden klicken. Der Hauptdarsteller wird leicht gequält gucken, aber das tut er immer. Das muss nichts heißen. Auf der purpur-schwarzen Stellwand steht „Sleep Train Arena“. Es ist die Heimat der „LAUTESTEN Fans der NBA“ (Eigenbeschreibung Sacramento Kings auf Twitter). Es ist das Paradoxon, das die Kings und diese Pressekonferenz sind.


Lächle, Rajon, lächle!
Sie stellen einen Spieler vor, der noch vor wenigen Jahren All-Star war. Der mit ca. 30 Jahren im besten Point Guard Alter ist. Der für nach heutigen Maßstäben mickrige 9,5 Mio. grüne Scheine und nur ein Jahr unterschreibt. Der nichts kaputt macht, was nicht schon unrettbar verloren war. Rajon Rondo ist ein King. Rajon Rondo ist der Zielstrich einer 15-monatigen Irrlichterei, die einen sinnvollen Vertrag zum schlechtesten Deal des Sommers macht.

Silver Screening
März 2014. Die NBA-Gemeinde staunt: Was haben wir nur übersehen?

*interlude*
Time Shift: Nochmal 33 Monate früher, im Juni 2011. Draft-Nacht. Die Fernsehexperten brüten vermutlich über irgendeinem Duke-Spiel-Videoschnipsel, um zu erklären, warum Kyrie Irving mehr Chris Paul als Magic Johnson ist. Die wackeren Teile der deutschen NBA-Gemeinde, die sich das ermüdende Schauspiel von fünfzehn knapp 20-Jährigen anschauen, die aufspringen, die Verwandtschaft knuddeln und in der Regel hässliche Kappen zu karnevalsbunten, von Amateurathleten eigentlich nicht bezahlbaren Maßanzügen aufsetzen, um sich den warmen Händedruck von David Stern abzuholen, sind schon ins Bett gefallen. Mr. Commish selbst hat schon wichtigeres zu tun, wahrscheinlich eine Partie Spätabend-Schlammwrestling mit Billy Hunter. Der Lockout winkt bereits. Es bleibt Adam Silver, Sterns damaligem Nummer-1-Adlatus vorbehalten, den 60. und letzten Pick der Nacht zu verkünden. Sacramento ist an der Reihe. Sie wählen: Isaiah Thomas.
*interlude Ende*

Drei Jahre später hat sich der erste nennenswerte NBA-Point Guard seit Muggsy Bogues, der kleiner ist als ich, den dürren, 30 cm unter NBA-Gardemaß hängenden A**ch abgespielt. In einem Land, in dem Dir „hard work“ jeden Bullshitbingo-Jackpot bringt, hat er wirklich geackert wie der sprichwörtliche Gaul.

Believe in your dream, pursue your dream, live your dream, be the dream. Be like Mike? Be like Isaiah! Zu klein, zu schmächtig, zu wenig, zu irrelevante Uni. Der 60. Pick? Die Statuten sehen das halt vor. Die zweite Runde ist ein schmutziger Job. Aber irgendeiner muss ihn ja machen. Spieler wie Isaiah Thomas sind der Grund, warum Secondrounder als "trade assets" gelten.

I am the American Dream!
Von 60 zum Hero in drei Jahren. Im März 2014 legt Thomas 21/6/4 auf, krümelt fast 60 TS% aufs Board. Das sind Zahlen eines Lottery Picks. Thomas ist der beste Aufbau in Sacramento, seit Mike Bibby relevant war. Kaliforniens traurigste Franchise brauchte einen Point Guard wie Wasser in Whittier, und sie haben ihn gefunden.

Am Ende der zweiten Runde. Die Lücke war da. Die Chance, die er nicht hatte, kam. Isaiah Thomas nutzte sie. Der Draft-Tellerwäscher wird Millionär werden. Ein ungeschliffenes Juwel. Die beste Draftentscheidung diesseits von Boogie, die die Kings je getroffen haben. Sactown ist im Rausch. Die Kings können das nur abfucken. Die Kings werden es abfucken. So hart, dass Thomas‘ vermeintlicher Namensvetter wie ein vernunftgesteuerter GM aussehen wird.

Die ersten schwadronieren vom Contender-one-two-punch-DMC/IT. Das ist übertrieben und die Hater, die gegen den Hype anschreiben, kommen auf Bestellung. Begrenzt, beschränkt, zu klein, was, wenn die Athletik sich verabschiedet? War der nicht verletzt? Vielleicht haben Leute, die so denken, Viveks Ohr. Vielleicht ist der neue Owner nur so geizig wie die Alten. Vielleicht haben sie schlicht keinen Plan. Die Entscheidung, den restricted Free Agent nicht zu halten, scheint früh zu fallen. Das ist respektabel.

Der Draft steht an. Vermeintlich ein Jahrhundertjahrgang. Ein paar mehr als mediokre Einser sind zu haben. Die Nummer-Eins-Pick-Chancen waren zweieinhalb mal so hoch wie die der Cavaliers. Alles gut. Die Draftnacht kommt. Nummer 8 haben die Basketballgötter den Kings zugedacht. Marcus Smart geht an sechs weg. Nummer sieben: Julius Randle. Dann kommt die größte Punchline seit „I take my talents to south beach“.

I say it’s…
...Payton? Nope. Elfrid packt den Afro zehn Minuten später unter eine Sixers-Kappe (der Anzug ist übrigens taubenblaugrau whatever, jedenfalls nicht bunt). Auf Nik Stauskas fällt die Wahl. Sie müssen umgedacht haben. Thomas bleibt, für McLemore haben sie sicher einen Trade in der Hinterhand.

Die Free Agency kommt. Nichts passiert. Kein commitment, kein offer sheet, nichts. Am 12. Juli unterschreibt Thomas. Vier Jahre, knapp 30 Millionen Dollar. Alles gut? Nichts ist gut. Sign & Trade nach Phoenix. Ein drittes Team, McLemore im Paket? Draft Picks? Cash? Gib mir irgendwas zum Analysieren, Sacramento! Nichts. Nur Leere. Und Alex Oriakhi Jr.... Wer?

Aber da ist ja noch McLemore. Ein Chip. Ein Asset. Gibt’s einen gamble für den ewig verletzten Rose? Will Boston Smart nicht? Ist Lillard unglücklich in Portland? Die Kings sind wie die Welt im Ganzen. Man möchte das Chaos ordnen. Irgendwo diesseits von Verschwörungstheorien muss das Ganze doch einen Sinn haben.

Man möchte sich einreden, dass alle Front Offices wie eine Mischung aus Pat Riley und dem Spurs Management arbeiten. Und dann redet man sich ein, dass da ein Masterplan ist. Dass Vivek mehr weiß als wir. Dass die gerade vor der Relocation bewahrten Kings das Glück haben müssen, einmal im Leben einen ganz großen Coup in der Schublade zu haben, der alle umhaut wie 'The Decision' oder Garnetts Gang nach Beantown.

Stunden nach Thomas‘ Abgang sind alle Fieberträume zu Ende. Die profane Realität sind 16 Mio. $ und das Versprechen des Starter-Jobs für Darren Collison. Darren! Collison! McLemore ist übrigens noch da. Bis heute.

#TeamRondo
Mitte der Saison wird klar, was der Plan ist. Und er ist so behämmert, dass man lauter schreien will als die „lautesten Fans der NBA“. Der Plan heißt Rajon Rondo. Die Kings können gar nicht genug Tafelsilber aus den Schränken holen, um Boston wohlzugesinnen. Dass Rondo in bekannt liebenswürdiger Selbstüberschätzung durchblicken lässt, dass die Chaosfranchise vom Pazifik kaum seiner hochgezogenen Augenbraue wert ist, scheint niemanden zu stören. Was sich Starter Collison bei dem wochenlangen öffentlichen Buhlen um Nummer 9 denkt, auch nicht. Der Kelch geht an den Kings vorbei Richtung Texas. Kurz später tradet Phoenix Thomas nach Boston. Diese Liga…

Rondo ruiniert dann in den folgenden Monaten, was von seinem guten Ruf noch übrig ist. Doch die Kings haben von Thomas gelernt. Pursue your dream. Auch wenn der längst ein Coachingalbtraum ist. Im Sommer 2015 wird der Traum Realität. Zwischendurch hat man noch den einzigen Superstar, den Sacramento seit Chris Webbers zweiter prime hatte, mit einem Trainerwechsel befremdet. Und für Viveks feuchten Spielertraum Cap Space via Trade freigemacht.

Die Vertragsabsorbierstation des Ostens, Philadelphia, nimmt Carl Landry und Jason Thompson auf. Als Mitgift gibt es einen Erstrundenpick, zwei Erstrundentauschrechte und… wenn Ihr’s nicht schon wüsstet, würde ich sagen: haltet Euch fest… Nik Stauskas. Damit auch irgendjemand an der Dreierlinie die Pinpoin-Pässe des fünftbesten Point Guards der Liga (*hüstel, hust, Verschleimung löst sich*) verwerten kann, hat man ja immer noch McLemore. Doch halt, die Kings haben einen besseren Plan: Philadelphia hat wohl inspiriert, also holen sie noch Marco „Rocky Balboa“ Belinelli. Der hat ja bei den Spurs gespielt. Der muss gut sein. Oder? ODER?

Lemme get this straight…
... leitet der Amerikaner gerne Sätze ein, wenn etwas so unverständlich ist, dass er es zugespitzt zusammenfassen muss, um nachzuvollziehen, was der Gegenüber meint. Also lemme get this straight:

Ihr seid Sacramento. Ihr habt McLemore. Ihr braucht einen Point Guard. Ihr habt Isaiah Thomas und/oder den achten Draft Pick mit Elfrid Payton im Green Room. Ihr macht Folgendes: Stauskas draften, Thomas für nix abgeben, Collison für zuviel holen und ihm ein warmes Plätzchen versprechen, das im Geist für Rondo reserviert ist. Um dann Stauskas, einen Pick und zwei Swap-Rechte wegzuwerfen und Rondo zu holen. Unnötig zu erwähnen: Collison ist noch da.

Oder noch kürzer: ein Top-10-Pick, ein geschützter First Rounder, zwei First-Round-Swaps und zwei Forwards im Gegenzug dafür, dass Rajon „Mein Coach* (*egal wie er heißt) hat keine Ahnung“ Rondo ein Jahr lang für fast zehn Millionen Kröten vorspielen darf, um anschließend bei einer ernstzunehmenden Franchise zu unterschreiben?

Alles, alles, was in dieser Liga als Asset gilt (Draft Picks, Draft steals, Cap Space, Verlässlichkeit) haben die Kings in 15 Monaten verbrannt, um den Kadaver von RR9 und „Star appeal“ in die Halle zu kriegen, die bald ausgedient haben soll. Demnächst wird wieder gefeilscht werden um das neuen CBA.

Dann werden sie wieder die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der kleinen Märkte bejammern, die Vertreter der Wolves, der Jazz und der Kings. Letztere werde ich dann endgültig nicht mehr ernst nehmen. Und wenn irgendjemand fragt, warum, I’ll say, it’s Rondo… Ihr könnt ja in der Zwischenzeit das Trikot mit der lilanen Neun hochhalten.