15 Juli 2015

15. Juli, 2015  |  Jeremias Heppeler @RisseimAsphalt


Sport, so sagt man, ist eine globale Sprache, die in der Lage ist. interkulturelle Grenzen zu sprengen, wenn die Vokabeln längst ausgegangen sind. Derzeit gibt es wohl nur wenige Orte auf der Welt, an welchen du als deutscher Reisender nicht auf den vierten WM-Titel der Fußballnationalmannschaft angesprochen wirst und die abenteuerlichsten Aussprachen des Wortes „Schweinsteiger“ zu hören bekommst. Oftmals ist ein Ball der beste Übersetzer.

Wir befinden derzeit mit einem kleinen Team in Ulan Bator und arbeiten dort an einem Independent Dokumentarfilm über die Straßenkinder der mongolischen Hauptstadt. Der Film wird den Namen „Die Stadt der vergessenen Kinder“ tragen. Die Straßenkids fallen durchs Raster, weil die Nomadenkultur, die das gesamte Land nach wie vor feingliedrig durchzieht, nicht auf das Leben in einer Metropole vorbereitet ist und weil nach verschiedenen Macht- und Autoritätsverschiebungen in den vergangenen Jahren eigentlich keiner so richtig für die Kinder verantwortlich ist.


Die erste Woche unseres einmonatigen Aufenthalts haben wir auf Spuren- und Ursachensuche bei den Nomaden der Wüste Gobi verbracht. Jetzt sind wir zurück in Ulan Bator und haben uns auf die aktive Suche nach den Kindern der Straße begeben. Vor einem Kinokomplex sind wir, einem Insider-Tipp folgend, fündig geworden: Da sitzen sie, zwei Jungs, etwa zehn Jahre alt, singend, um Popcornreste und kleine Scheine bettelnd. 

Unsere Übersetzerin Odmaa nimmt Kontakt auf, wenig später sitzen wir mit einer fünfköpfigen Gruppe im flackernden Scheinwerferlicht eine Straßenlaterne. Die Stimmung ist keinesfalls angespannt, aber ein wenig gezwungen und gedrückt. Wir wissen nicht so richtig, wie wir uns verhalten sollen. Den Jungs geht es ähnlich, sie rauchen, spucken, raufen. 

Bis einer von ihnen damit beginnt, eine angedeutete Jumpshots in die Luft zu ballern. „Ah, Basketball.“, lautet meine wenig inspirierte Analyse, aber urplötzlich ist das Eis gebrochen. Odmaa reagiert sofort und schon haben wir nicht nur den sprichwörtlichen Fuß in der Tür, sondern auch einen gemeinsamen Termin. Morgen. 13 Uhr. Freiplatz.

Dass Basketball in der Mongolei eine ziemlich große Nummer ist, ist uns bereits einige Tage zuvor aufgefallen. Auf dem Naadam, dem wichtigsten Volksfest des Landes, sieht man neben traditionellen Trachten immer wieder Basketball-Merchandise. Michael Jordan, LeBron James, Stephen Curry, ausgeblichene Knicks-Jerseys – die Klassiker eben. Dazu Unmengen an ausgetretenen Nike Sneakern. Neben den absoluten Stars des Sports kennt der ein oder andere auch Dirk Nowitzki: „Der riesige Blonde, der die vielen Dreier ballert?“ Ganz genau! Selbst in den abgelegensten Wüstendörfern findet sich eigentlich immer eine abgewetzte Korbanlage. 

Tatsächlich ist Basketball hier so etwas wie die Trendsportart Numero Uno. Eigentlich kennt das Land nur Ringen, Bogenschießen, Knochenschnipsen und Pferderennen – das sind die klassischen Naadamdisziplinen, in welchen sich sowohl die Nomaden in kleinem Kreis als auch die Hauptstädter in echten Massenevents mit Olympiacharakter messen. 

In den vergangen Jahren erlebte aber insbesondere Basketball einen ordentlichen Schub – die Gründe dafür sind vielfältig: Zum einen steht die Mongolei aufgrund ihrer Geschichte immer noch unter konkreten Einfluss von Russland und China, der durch Yao Ming losgetretene Hype im Land der Mitte ist auch in die Mongolei geschwappt – mittlerweile wird in der kolossalen Ring-Arena auch Basketball gespielt.


Zum anderen ist da die fortschreitende Modernisierung, die das Land in den vergangenen Jahren prägte und teils entscheidend verändert hat. Mittlerweile gibt es in beinahe jeder Nomandenjurte Strom und eine Satellitenschüssel, dort wo einst die buddhistischen Altäre standen, prangt heute meistens ein Fernsehgerät. Neben alten Schmacht- und Heldenschinken über Dschinggis Khan und koreanischen Soaps flimmert meistens Sport über die Empfangsgeräte. Basketball, so unsere Erfahrungen, ist in Sachen Quote ganz weit vorne mit dabei. 

Und zuletzt ist da eben die pure Schlichtheit des Basketballsports. Egal ob alleine, zu zweit oder zu zehnt, egal ob in der Stadt oder in der Wüste – es braucht nicht mehr als einen Ball und einen Korb, um eine gepflegte Runde zu spielen. Ball is Life... das ist in New York und Europa nicht anders als im tiefsten Asien.

Am nächsten Tag treffen wir uns wieder am Kino. Like, der Freiluft-Jumpshooter, ist nicht dabei. Am Abend zuvor hatten die Jungs Stress mit einigen Besoffenen in einem Imbiss, Like hatte sich nach der Auseinandersetzung aus dem Staub gemacht und ist seither nicht mehr aufgetaucht. Also quetschen wir uns zu acht mit drei deutschen Filmemachern, vier Straßenjungs und einer Übersetzerin ins Auto und fahren zur nächsten Schule. Dort kann man Bälle und sogar eine Halle mieten. Die Jungs wollen lieber überdacht zocken – denn dazu haben sie nur selten die Möglichkeit. 


Normalerweise spielen sie draußen, meistens in der Jurtensiedlung der Stadt. Die Anziehungskraft der Großstadt und Vorzüge wie Internet und fließendes Wasser, macht auch vor den Nomaden nicht halt. Deshalb hat es abertausende nach Ulan Bator gezogen. Hier haben sie ihre Jurten vor der Stadt aufgestellt, wo sich mittlerweile eine Art Jurtenghetto gebildet hat. Heute aber geht es in die Halle und die hat einen unsagbaren 70er Jahre Sowjet-Style. Bretterboden. Dicht mit Sportsymbolik bepinselte Wände.

Zunächst spielen wir ganz klassischen Zwei-gegen-Zwei Ball – und hier wird sich nichts geschenkt. Im hart umkämpften Zweikampf zwischen Jörg, unserem 1,86 Meter großen Kameramann, und Eku, der gefühlte 120 Zentimeter misst, ziehen sich beide leichte Verletzungen am Schädel zu. Ersatzmann Frank, Fotograf und Mongoleiexperte, zieht sich gleich wenige Possesions später einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zu. 

Bleibt also nur noch One-on-One übrig: Zaraa, der 17-jährige Anführer der Gruppe, fordert mich heraus. Nach zwei echten Basketball-Schlachten steht es 2-0 für den Straßenjungen, der seinen Heimvorteil effektiv ausnutzt. Meine anfängliche Reboundüberlegenheit („You can't teach height!“) verpufft angesichts des ausgeprägten Skillsets meines Gegenübers. Der zeigt nämlich sein volles Potential inklusive Behind-the-Back-Dribblings, totsicheren Layups aus allen Lagen und Hookshots über meine ausgestreckten Arme.


Im Verein zu spielen kommt für Zaraa aber nicht in Frage. Zu sehr liebt der Straßenjunge die Freiheit, die ihm nur die Straße gibt, zu sehr verachtet er Autoritäten. Die Schule hat er nach der fünften Klasse abgebrochen, das staatliche Ersatzprogramm nur viermal besucht. Heute verbringt er seine Tage mit Betteln und Kaugummi-Verkauf... oder eben auf dem Freiplatz. 

Das zusammengekratzte Geld fressen die Automaten der Spielotheken, in denen die Jungs, wenn sie genug Kohle anfahren, auch übernachten. Am Ende unseres Duells gibt es Handshakes, ein Gruppenbild, eine ordentliche Portion Khuushuur (ausgebackene Maultaschen, das Nationalessen des Mongolei) und Cola (das ideale Sportleressen) am Fluss, wo sich die Jungs waschen und baden. „Mann, das hat echt Spaß gemacht!“, sagt Eku mit vollen Backen. 

Übermorgen zocken wir wieder...



Wer mehr über unser Filmprojekt erfahren möchte, dem sei unsere Facebookseite www.facebook.com/ulanbatorfilm ans Herz gelegt. Dort gibt es Artikel, Bilder und Making-Of-Videotagebücher aus Ulan Bator.