21 Juli 2015

20. Juli, 2015  |  Daniel Schlechtriem @W14Pick


Ty Lawson ist kein Denver Nugget mehr. Das war mehr oder weniger klar, nachdem dessen interner Zwist mit Coach und Management seit Februar wohldokumentiert und er in Denver spätestens nach der Alkoholfahrt vergangener Woche untragbar wurde.

Dennoch mag sich der eine oder andere Nugget-Fan (und auch alle anderen) verwundert die Augen reiben, wie tief der Marktwert ihres besten Spielers, der an seinen besten Tagen am All-Star Niveau kratzte, gesunken ist.

HOU: Ty Lawson, 2017 2nd Round Pick (ungeschützt)
DEN: Joey Dorsey, Pablo Prigioni, Nick Johnson, Kostas Papanikolaou, 2016 1st Round Pick (top 14 geschützt)

Lawson geht zu den Houston Rockets, die dafür nicht einen einzigen Spieler aus ihrer regelmäßigen Rotation abgeben müssen. Der Erstrundenpick im nächsten Draft wird ein sehr später sein, ähnlich dem, den GM Daryl Morey vergangenes Jahr zusammen mit Jeremy Lin zu den Lakers schickte – Los Angeles durfte letztlich an 27. Stelle wählen. Kein allzu herber Verlust also für Houston. Die Abgänge der vier Spieler sind ebenfalls zu verkraften.

- Joey Dorsey ist sportlich irrelevant und für Nuggets-Manager Tim Connelly höchstens als Trademasse interessant.

- Pablo Prigioni ist kürzlich 38 Jahre alt geworden, ein Karriereende steht im Raum. Die Nuggets sind aus dem mit 1,7 Millionen Dollar datierten ungarantierten Vertrag des Argentiniers ausgetreten.

- Im Falle des griechischen Forwards Kostas Papanikolaou bleibt abzuwarten: Dieser hat in der seiner Rookie-Saison ein paar Fähigkeiten aufblitzen lassen, wenn auch nicht sehr lange. Sein 4,8 Millionen Dollar schwerer Vertrag wird erst im Oktober garantiert. Denver könnte ihn also genauer beäugen, oder versuchen, ihn weiter zu traden. Da sich die Nuggets gestern entschieden, Danilo Galinari nicht zu verhökern, sondern den Italiener sogar lukrativ verlängerten, werden kaum Minuten auf der Drei frei werden.

- Einzig Nick Johnson wird mit ziemlicher Gewissheit nächstes Jahr im Pepsi Center auflaufen. Der 42. Pick des letztjährigen Drafts hat durchaus Anlagen, um eines Tages zu einem soliden Rollenspieler zu wachsen. Bis dahin ist es für den 22-jährigen aber noch ein langer Weg. Immerhin kann er bei seinem neuen Team mehr Minuten erwarten als in Houston.

Zusammengefasst ist das recht wenig als spielerischer Gegenwert für einen Starter, der in der abgelaufenen Saison 15,2 Punkte und 9,6 Assists auflegte.

Risiko: Lebenswandel 
Der geringe Preis für einen Spieler mit Lawsons Fähigkeiten erklärt sich einerseits aus seinem hinlänglich bekannten Wunsch, nicht mehr für die Nuggets zu spielen, andererseits auch mit seinem Lebenswandel.

Der 27-Jährige wurde vergangene Woche alkoholisiert am Steuer erwischt – zum zweiten Mal in diesem Jahr – und infolgedessen zu einer 30-tägigen Entziehungskurs verdonnert. Eine Sperre seitens der NBA steht noch bevor. Lawson gilt schon länger als Hitzkopf, angeblich hatte es bisher jeder seiner Trainer mit ihm schwer.

Die Rockets setzen darauf, dass Tywons (so der vollständige Name, der auf dem Polizeiprotokoll seiner Verhaftung steht) Probleme abseits des Parketts auf diejenigen auf dem Parkett zurückzuführen sind.

Seit der Entlassung von George Karl 2013 ging es mit den Nuggets steil bergab. Mit Karl und Lawson am Ruder stürmten die Nuggets zu einer 57-Siege-Saison. Im Folgejahr mit Brian Shaw auf der Bank reichte es aus unterschiedlichen Gründen nicht einmal mehr für die Playoffs. In den letzten zwei Jahren herrschte in Denver das Chaos, in das sich ihr Aufbauspieler hineinziehen ließ.

Die Hoffnung seines neuen Brötchengebers liegt im Tapetenwechsel und der verbesserten Gesamtsituation. Houston hat den Anspruch, um die Championship mitzuspielen. Damit kann sich ein Spieler von Lawsons Qualitäten eher identifizieren als mit dem Rebuild in Colorado. Außerdem ist er mit James Harden und Corey Brewer gut befreundet. 

Ein gewisses Risiko seitens der Rockets ist zwar vorhanden, dies ist aber überschaubar. Sie geben für Lawson kaum etwas von Bedeutung ab – und sollte er aus irgendwelchen Gründen nicht die Erwartungen erfüllen, haben sie in Beverley einen erprobten Starter Gewehr bei Fuß. Einen der durch den Trade frei gewordenen Plätze im Roster wird aller Wahrscheinlichkeit nach Jason Terry füllen, der für ein paar Minuten als Kombo-Guard auch in seinem fortgeschrittenen Alter noch zu gebrauchen ist.

Sollte Lawson aber an seine besseren Zeiten anknüpfen, haben die Rockets das seit Jahren benötigte offensive Upgrade im Backcourt an Land gezogen, denn Lawson kann sowohl für sich, als auch für seine Mitspieler kreieren. Dass er freiwillig auf sein garantiertes Gehalt der 2016/17 Saison verzichtet zeigt, dass er es mit den Rockets Ernst meint.

Nuggets zahlen die Zeche 
Denver hatte keine andere Wahl, als zu diesem Zeitpunkt einem miesen Deal zuzustimmen. Mit dem siebten Pick im Draft mussten sie den besten verfügbaren Spieler holen. Das war Emmanuel Mudiay, der seither als neuer Hoffnungsträger gilt – und ausgerechnet auf Lawsons Position spielt.

Es wäre zwar denkbar gewesen, beide zusammen aufs Feld zu schicken, allerdings nicht sonderlich fruchtbar für Mudiays Entwicklung. Dieser steht nun von Anfang an in der Verantwortung – und muss nicht an der Seite eines Spielers lernen, der nicht für die Nuggets spielen will. Komplikationen wären vorprogrammiert gewesen.

Jeder in der Liga wusste, dass Lawsons Tage in Denver gezählt sind, die Promillefahrt tat ihr Übriges dazu. Ein weiterer Negativvorfall, eine weitere Verletzung und die Nuggets hätten nicht einmal mehr einen Draft Pick für ihren Aufbauspieler erhalten, ihn womöglich gar entlassen müssen wie die Pistons Josh Smith.

Tim Connelly musste handeln und bekommt in diesem Deal die Quittung aus der fehlenden Handlungsbereitschaft im Februar und vor dem Draft. Ähnlich wie die Celtics mit Rondo haben es die Nuggets verschlafen, ihren auf gepackten Koffern sitzenden Aufbau zum richtigen Zeitpunkt zu verschiffen. Sie konnten nur noch Schadensbegrenzung betreiben und den Blick weit, weit in die Zukunft richten. Wenigstens werden sie nächsten Sommer über eine Menge Cap Space verfügen.

Fazit: Für Houston ist dieser Deal ein Geschenk. Ohne größeren Aufwand kann ein enormer Profit entstehen, der Houstons Offensive ein gutes Stück gefährlicher macht und James Harden enorm entlastet.

Späte Erstrundenpicks sind im Büro von Daryl Morey ohnehin weniger gerne gesehen als frühe Zweitrunder. Dass dieser Pick, den die Rockets aus Denver erhalten, auch noch ungeschützt ist, unterstreicht die Verzweiflung in der Mile High City.

Die neue Herausforderung, die Möglichkeit an der Seite von Kalibern wie Harden und Howard zu spielen, ist für Lawson die Gelegenheit, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen.

Vorteil Houston.