02 Oktober 2015

1. Oktober, 2015


Aaron Whites Vita liest sich beeindruckend und spiegelt in Ansätzen ganz gut wider, welche Qualitäten er mit an den Rhein bringen wird. Als moderner Vierer passt der athletische Forward sehr gut nach Europa und speziell in die Bonner Spielkultur, sodass ihm wenig im Weg stehen sollte, um gleich in seiner ersten Profisaison für Furore zu sorgen.

von AXEL BABST @CoachBabst

Zusammen mit Gabriel Olaseni verbrachte Aaron White seine College Zeit in Iowa. Bei den unter Fran McCaffery aufstrebenden Hawkeyes nahm White eine absolute Schlüsselrolle ein und war der dominierende Spieler des Teams. Dank seiner Vielseitigkeit übernahm er viele Aufgaben, die wichtig für den Teamerfolg waren. Nicht umsonst landete er im Conference First Team einer der Top3 Conferences der NCAA und steht in den Rekordbüchern der Schulhistorie an Platz Eins in den Kategorien verwandelte & versuchte Freiwürfe, sowie absolvierte Spiele.

Offensiv manifestierte sich seine vielseitige Veranlagung darin, dass er als einziger Spieler der langen Garde sowohl Blöcke stellen musste, als auch selber vielerlei Blöcke nutzen durfte, die ihm offene Jumper oder freie Bahn für Drives gestatteten. In den entscheidenden Phasen eines Spiels wurde White gezielt gesucht und er bedankte sich für das Vertrauen in der Regel mit starken Resultaten.

Auch in der Verteidigung nahm White im System der Hawkeyes eine Sonderrolle ein. In der typischen 1-2-2-Zonenpresse agierte White als Speerspitze und hatte die Aufgabe, den gegnerischen Aufbauspieler früh unter Druck zu setzen und zum Pass zu zwingen. Unmittelbar hinter der Mittellinie hetzte der Power Forward meist zum Doppeln in Richtung des ballführenden Spielers. Das führte zu vielen Ballgewinnen und einfachen Punkten.

Wie bereits erwähnt ist Aaron White ein sehr variabler Spieler, der seiner Mannschaft auf unterschiedlichste Arten das Siegen erleichtern kann. Daher ist es schwer, eine explizite Stärke herauszufiltern. Am ehesten ließe sich diese noch an seinem Talent zum Ziehen von Fouls festmachen. White ist für einen Power Forward mit einer ungewöhnlichen Kombination aus Athletik, Spielgefühl und Ballhandling ausgestattet. Er versucht, seinen Gegenspieler in verschiedensten Situationen im direkten Eins-gegen-Eins zu schlagen und hat damit meistens Erfolg.

Bei den Hawkeyes hatte Fran McCaffery mehrere Optionen zur Hand, wie er White in eine solche Isolationen, am liebsten mit einem kleinem Vorsprung ausgestattet, versetzen konnte. Klassisch war hierbei das Pick & Pop, bei dem White einen Block stellte und sich anschließend zur Dreierlinie hinausbewegte. Whites Wurf ist aus der Dreier- und Halbdistanz höchst respektabel. Gerade den Dreier konnte White im Verlauf seiner Karriere verbessern.

Besonders in seinen letzten College Wochen war Aaron White unfassbar heiß von "Downtown" und präsentierte sich treffsicherer denn je. Folglich sind offene Würfe für Aaron White ein gerne genutztes Mittel zum Sammeln von Punkten. Technisch sieht der Wurf sehr sauber aus. Daher kann White auch problemlos aus dem Dribbling einen Jumper nehmen und treffen oder im Stile eines Guards um einen Block abseits des Balls herumlaufen und direkt aus dem Catch-and-Shoot treffen. Mit der etwas weiter entfernten Dreierlinie sollte White ebenfalls keine großen Schwierigkeiten haben.


Noch viel lieber lässt er jedoch seinen Gegner mit einer Täuschung ins Leere springen und macht sich auf den Weg zum Korb. Teilweise muss er gar keinen Fake einbauen, weil er mit seinem schnellen ersten Schritt auch so seinen Verteidiger passieren kann. Bei seinen Drives nutzt er sein exzellentes Ballhandling und attackiert den Korb über beide Hände. Hat er erst einmal einen Vorsprung seinem Gegenspieler gegenüber, schiebt er seinen Körper sehr geschickt zwischen ihn und den Ball. Das verschafft ihm Zeit, seine weiteren Schritte zu planen.

Denn White verlässt sich nicht blind auf seine Sprungkraft oder mögliche Schnelligkeitsvorteile. Er guckt sich vielmehr sehr genau die Defense aus, bis er eine Schwachstelle gefunden hat und diese angreifen kann. Ist er in der Zone, setzt er auch hier wieder seinen Körper geschickt ein und zieht in der Regel das Foul. Dabei behält er die Konzentration aufrecht und verwandelt trotz des Hinderungsversuchs des foulenden Verteidigers. Allerdings kommt hier auch eine schlechte Angewohnheit des Power Forwards ans Tageslicht. Wenn er sich erstmal in Bedrängnis gebracht hat und der Foulpfiff ausbleibt, sieht White schlecht aus und zeigt sich auch in folgenden Szenen nicht sonderlich lernwillig.

Er scheint, ab einer gewissen Bevölkerungsdichte in der Zone, die Möglichkeit eines Kickouts vollkommen zu verdrängen und will bloß noch das Foul ziehen. Daraus können ganze Phasen mit drei oder vier Angriffen in Folge entstehen, in denen White überdreht und nur noch zum Korb zieht, um endlich einen Pfiff zu bekommen. Da er in der BBL nicht den gleichen Status wie in der Big Ten genießen wird, wo er mehr Freiwürfe erzielt hat als jeder andere Conference Spieler der vergangenen 50 Jahre, könnte hier ein potentielles Problemfeld aufkeimen.

Prinzipiell ist White aber ein spielintelligenter Akteur, der teamdienlich spielen möchte. So kann er auch mal als Passgeber für ein High-Low eingesetzt werden. Selbst Bodenpässe aus dem Dribbling sind im Repertoire des Forwards verankert.

Während sich seine Aktionen am College meist als Resultate der bislang beschriebenden Situationen erklären lassen, ist White wegen seiner Vielseitigkeit auch für andere Nutzungsmöglichkeiten oder Notfallmaßnahmen eine Alternative. Zwar hat White kein klassisches Spiel mit dem Rücken zum Korb, doch wenn er den Ball mal im Lowpost Bereich fängt, reichen seine Rumpfstabilität und sein guter Touch, um dennoch sein Punktekonto aufzustocken. Der Jumphook mit der rechten Hand fällt sicher und auch ein Turnaround Jumper ist Teil seines Arsenals. Da er gerne Fakes nutzt, kann er auch im Lowpost eingesetzt Freiwürfe ziehen.

Dank seines Ballhandlings kann White auch mal den Ballvortrag übernehmen. Speziell nach einem Ballgewinn oder Defensivrebound nutzt er die sich bietende Gelegenheit zu einem Schnellangriff und zieht kurzerhand selbst das Tempo an. Coast-to-Coast-Finishes sind für White alltäglich. Zugleich kann White als Nussknacker gegen eine Ganzfeldverteidigung wertvoll sein und Druck von den nominellen Aufbauspielern nehmen.


Hat White im Fastbreak nicht selbst den Ball in der Hand, sprintet er wahlweise die Außenspur im Stile eines Flügelspielers entlang oder legt einen Rimrun im Stile eines Centers hin. Damit kreiert er meist eine Überzahlsituation für sein Team und ist dabei oft selbst der Nutznießer. Er fängt schwierigste Anspiele sehr sicher und kann den Pass direkt in Form eines Dunks, Tips oder Layups verwerten, da er beim Abheben in der Luft scheinbar in der Luft zu stehen scheint und sich damit einen Extramoment zum Anvisieren seines Ziels verschafft.

In der Verteidigung machte White besonders als Alptraum der Aufbauspieler auf sich aufmerksam. Mit seiner Spannweite, Schnelligkeit und seinen schnellen Richtungswechseln war er ideal dazu geeignet, die Aufbauspieler des Gegners als Frontmann der Pressverteidigung unter Druck zu setzen und lasche Pässe abzufangen. Auch beim Trappen überzeugte er dank dieser Attribute und half dabei viele Ballverluste zu provozieren. Wurde die Presse geknackt, war White gedanklich schnell genug, den freien Kontrahenten zu identifizieren, den er für die verbleibende Verteidigungssequenz übernehmen sollte.

Auch in der individuellen Eins-gegen-Eins-Verteidigung hilft seine Athletik dem Power Forward, seine Aufgabe zu erledigen. Gerade gegnerische Vierer kann White wegen seiner Schnelligkeit gut in Schach halten und deren Drives unterbinden. Schwieriger wird es hingegen, wenn er mit einem Nachteil in solche Situationen gerät. Muss White beispielsweise ein Closeout laufen, lässt er sich noch verhältnismäßig oft schlagen, da er oft nicht tief genug in die Knie geht, um sein gesamtes Potential zu mobilisieren.

Diese fehlende Grundhaltung macht sich auch in anderen Situationen bemerkbar und ist dafür verantwortlich, dass er oftmals schlechter in der Verteidigung aussieht, als er es eigentlich ist. Als Helpside Verteidiger kann White sehr effektiv sein, indem er Offensivfouls zieht oder den Korbleger des Angreifers im letzten Moment verändert. Er ist zwar kein Shotblocker, doch er weiß genau, wie er seine Arme, seine Sprungkraft und seine kerzengerade Körperhaltung zur Verteidigung des Rings nutzen kann. Das kann er nur nicht zeigen, wenn er vorher mit durchgestreckten Beinen in der Zone steht und damit nicht genug Zeit hat, auf den Drive der Offensive zu reagieren.


In der Pick & Roll Bekämpfung ist White wiederum sehr nützlich, da er mit guter lateraler Geschwindigkeit, annehmbarer Fußarbeit und guter Körperkontrolle aggressiv hedgen kann, ohne ein Foul begehen zu müssen. Im Notfall ist White sogar in der Lage, das Matchup ganz zu switchen. Gegen sehr athletische Guards kann das zwar problematisch sein, doch im Normalfall geht die Sache glimpflich aus.

Als Lowpostverteidiger ist White sehr engagiert. Oft rangelt er schon vor dem Ballerhalt mit seinem Gegner, um diesen von aussichtsreichen Positionen fernzuhalten. Dank guter Hüftstabilität und Fußarbeit lässt White sich weder austanzen noch mit Leichtigkeit unter den Korb schieben. Einziges Problem ist jedoch, dass White für einen Power Forward nicht sonderlich groß ist und viele Gegenspieler daher einfach über ihn hinüber werfen können. Dagegen kann White nichts ausrichten.

Beim Defensivrebound ist White ein Aktivposten. Zwar vergisst er manchmal das Boxout, kann diese Fauxpas jedoch mit Geschick, Schnelligkeit und Antizipation wettmachen. White hat außerdem ein gutes Timing und steigt sehr hoch, wenn er den Ball aus der Luft fischen möchte. Sein erster Blick gilt meist noch vor der Landung auf dem Boden einem möglichen Outletspieler.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass White ein extrem vielseitiger Spieler ist, der aus meiner Sicht einen exzellenten Fang für Bonn darstellt. Nicht nur die Vielzahl seiner Talente, sondern gerade die Art seiner Stärken machen ihn zu einem sehr interessanten Spieler für die Bonner. Meiner Meinung passt er perfekt in die Offense von Trainer Fischer.

Er kann sein Ballhandling und seine Schnelligkeit oft ausleben, hat einen respektablen Wurf und sollte auch gut mit Frontcourt Partner Klimavicius harmonieren. Zwar muss man ein wenig abwarten, wie er mit der Linie der Schiedsrichter klarkommen wird und wie gut er sich an das Profileben gewöhnt, doch ansonsten gibt es eigentlich keinen Grund, weshalb White offensiv nicht einschlagen sollte.

In der Defense wird sich zeigen, wie sehr White am College von seiner Schnelligkeit gelebt hat. Wenn er diese weiter geschickt einbringen kann, gleichzeitig seine Grundhaltung verbessert und nicht zu oft im Lowpost attackiert wird, sollte er aber auch defensiv mindestens auf durchschnittlichem Niveau agieren können. Da White sich während seiner College Jahre den Ruf eines harten Arbeiters angeeignet hat, sollten sich schnell Verbesserungen an den wenigen Schwachstellen ergeben.