03 Oktober 2015

3. Oktober, 2015


Mit Daniel Mullings kommt ein höchst interessanter Spieler in die BBL, der aufgrund seiner geringen Größe nie eine NBA Perspektive hatte. Auf europäischer Bühne kann der Guard jedoch sehr schnell zu einem sehr soliden Spieler heranwachsen.

von AXEL BABST @CoachBabst

Der Kanadier spielte für die New Mexico State Aggies, die unter Marvin Menzies stets talentierte Teams ins Rennen schicken. Neben Mullings liefen während der vier Jahre seiner Zeit in New Mexico einige vielversprechende Spieler auf. Bekanntester Name dürfte Sim Bhullar sein, der letzte Saison sein erstes Spiel in der NBA absolvierte. Gemessen am Talentlevel, der mannschaftlichen Geschlossenheit und den taktischen Finessen ist es daher auch nicht verwunderlich, dass sich die Aggies in den vergangenen vier Jahren jeweils einen Platz im begehrten NCAA Tournament ergattern konnten.

Bevor ich näher auf Mullings' Anteil daran und dessen spielerische Qualitäten eingehe, macht es jedoch auch Sinn, nochmal einen gesonderten Blick auf die Spielweise der Aggies zu werfen. Denn dieser ist weit von den Stilen der Bundesliga Mannschaften entfernt. Besonders defensiv lässt Menzies eine ungewöhnliche Verteidigungsform praktizieren. Dabei handelt es sich um eine sehr hoch stehende 2-3 Matchup-Zone, die gerne in eine 1-3-1-Zone übergeht und meist mit einer 2-2-1 Fullcourt Presse eingeleitet wird.

Ziel ist es, die gegnerischen Aufbauspieler unter Druck zu setzen und ihnen schlechte Entscheidungen abzuringen. Im Halbfeld erfordert sie ein hohes Maß an Kommunikation. Da Menzies sein Fach versteht, resultieren daraus viele leichte Fastbreakpunkte. Allerdings sind die Aggies sonst eher ein Team, das die eigenen Größenvorteile durch langsames, geordnetes Setplay ausspielen möchte. Es gibt keine Pick & Rolls, dafür jede Menge Touches für die Big Men im Lowpost.

Daniel Mullings ist ein Combo Guard, der besonders mit seiner vielseitigen Spielweise auf sich aufmerksam machen kann. Sein Paket ist umfassend und er weiß genau, welche seiner Künste gerade am dringendsten benötigt wird, um seinem Team den Erfolg zu bringen. Der Kanadier ist ein eleganter Spieler mit guter Körperbeherrschung und faszinierender Athletik. Letztere lässt er in unterschiedlichen Situationen erkennen.


Speziell beim Rebound ist der Guard sehr präsent und hilft seiner Mannschaft dadurch weiter. Dank guten Timings, hoher Einsatzbereitschaft und fabelhafter Sprungkraft fischt sich der Guard die Rebounds auch bedrängt von gegnerischen Big Men aus der Luft. Er antizipiert meist schon beim Wurfversuch, wohin der Ball gehen wird und macht sich auf den Weg zum voraussichtlichen Landeplatz. Auch seine langen Arme sind beim Reboundkampf wichtige Utensilien.

Im Anschluss an einen wichtigen Defensivrebound leitet Mullings meistens selber den Fastbreak ein, indem er den Ball nach vorne peitscht und mit schnellen, raumgreifenden Schritten das Tempo verschärft. Zwar ist sein Entscheidungsverhalten in Überzahlsituationen noch ausbaufähig (oft kommt der Pass auf den Mitspieler zum falschen Zeitpunkt und er entscheidet sich dann auch noch für die falsche Passvariante), doch er arbeitet sich und seinen Mitstreitern dadurch dennoch viele einfache Punkte.

Speziell beim eigenen Abschluss beeindruckt Mullings erneut mit seiner Körperbeherrschung und seiner vertikalen Höhe beim Absprung. Er kann problemlos über Gegenspieler dunken oder Kontakt bei Korblegern absorbieren. Daher ist er immer ein Kandidat für ein spektakuläres Dreipunktespiel. Seine Finishes sind über beide Hände sicher.

Generell kann Mullings innerhalb kürzester Zeit mit mehreren gelungenen Aktionen an beiden Enden des Feldes dafür sorgen, dass ein Spiel zugunsten seines Teams kippt. Meistens klaut er dann den Ball ein oder zwei Mal hintereinander und schließt selber spektakulär ab.

Mullings ist offensiv aber mehr als ein reiner Highflyer, der sich nur darauf versteht, Highlights am Fließband zu produzieren. Er spielt sehr überlegt und ist ein richtiger Anführer, der genau weiß, wann er ein Spiel beruhigen muss oder seinen Mitspielern Verantwortung übertragen kann/sollte. Wird er gedoppelt, was in der Conference mit den diversen Zonenpressen häufiger vorkam, befreit sich der Guard meist mühelos.

Doch er spielt nicht nur den Pass auf den freien Mann und vermeidet Kopf-durch-die-Wand-Aktionen. Zusätzlich entstehen aus seinen Pässen meistens direkt Scoring Optionen, da er auch Skip-Pässe oder Fullcourt-Pässe gezielt anbringen kann. Gerade die Skip-Pässe zeugen von großer Übersicht und hohem Spielverständnis, die sich gerade im Halbfeld Angriff oft als hilfreich erweisen.


Auch bei seinen Drives behält Mullings fast immer den Kopf ob und versucht den Durchstecker zu spielen. Er kann seinen Gegenspieler mit beiden Händen schlagen und nutzt oft seinen schnellen ersten Schritt. Allerdings muss man hier zwei Dinge einschränkend anmerken. Erstens zog Mullings nicht so oft zum Korb, wie man es angesichts seiner Athletik vermuten würde.

Das lag zwar einerseits am System, das sehr stark auf die Bigs ausgelegt war; andererseits schaffte er es aber auch oft nicht, den letzten entscheidenden Schritt an seinem Gegenspieler vorbeizukommen. Gerade wenn sein Gegner (unsauber) mit der Hüfte arbeitet, hat Mullings keine Chance auf einen sauberen Korblegerversuch. Zweitens wurden viele seiner Drives dadurch vereinfacht, dass sein Gegenspieler ein Closeout laufen musste und Mullings ihn fast nie im 1-1 schlagen musste.

Leider kann ich auch nicht beurteilen, wie gut Mullings' Wurf wirklich ist. In den Spielen, die ich von Mullings gesehen habe (immerhin 5-6), nahm er kaum Sprungwürfe. Sobald er in Balance war und genug Platz hatte, sahen seine Würfen sehr ordentlich aus. Allerdings gab es auch Versuche, bei denen er überhastet agierte und seine Technik ihn im Stich ließ. In dieser Hinsicht ist Mullings sicher ein Projekt.

Ein Nachteil wird sein, dass der Guard am College quasi nie in Pick & Roll Aktionen eingebunden war. Dieses zentrale offensive Element fand in den Sets der Aggies schlicht keine Anwendung. Wie schnell kann sich Mullings mit diesem Umstand arrangieren? Hoffnung macht, dass er clevere Cuts läuft und so zumindest abseits des Balls etwas Gefahr ausstrahlen sollte.


In der Defensive ist die Übertragbarkeit auf das europäische Spiel auch nur bedingt gegeben. Durch die Matchup-Zone kamen klare 1-1 Duelle kaum zustande. In den Situationen, wo es dennoch auf individuelles Leistungsvermögen ankam, hinterließ Mullings bei mir einen wechselhaften Eindruck. Er agiert oft noch sehr undiszipliniert.

Bei Closeouts lässt er sich hin und wieder über die Mitte schlagen, er fokussiert sich zu sehr auf den Ball bei Drives und versucht oft auch noch reinzuschlagen, obwohl er sich damit nur in eine schlechte Position bringt. Denn entweder begeht er unnötige Fouls oder er ermöglicht einen vollkommen offenen Dreier, weil er helfen will, obwohl er nur einen Pass vom Ball entfernt verteidigend im Passweg stehen sollte. Dies ist eine Frage der Gewöhnung und es wird sicher eine Weile dauern, bis er diese über vier Jahre antrainierten Automatismen ablegen wird.

Positiv ist jedoch hervorzuheben, dass Mullings schnell genug ist, um Gegenspieler vor sich zu halten. Auch seine Fußarbeit ist ausgezeichnet. Hinzu kommt, dass er seine langen Arme genau richtig einsetzt, um das Dribbling seiner Kontrahenten zu stören. Bei schwachen Ballhandlern braucht Mullings nur wenige Sekunden intensiver Verteidigung, um dem überforderten Angreifer das Leder zu entreißen.

Außergewöhnlich gut ist zudem seine Fähigkeit, den Fastbreak des Gegners im Alleingang zu stoppen. Mit starkem Timing unterbindet er entweder einen Pass im richtigen Moment oder stürmt urplötzlich auf den Angreifer zu, der daraufhin in Panik gerät oder den Ball an Mullings verliert. Mit diesem mutigen Verhalten ersparte Mullings seinen Aggies den einen oder anderen leichten Zähler auf dem Konto des Gegners.

Insgesamt ist Mullings ein sehr variabler Spieler, der mit einem vielseitigen Paket besticht und eine Menge unausgeschöpftes Potential birgt.  Wichtig wird jedoch sein, dass Mullings genug Zeit zugesteht bekommt, um sich an den neuen Stil und die andere Basketballkultur zu gewöhnen. An beiden Enden des Feldes wird ihn etwas vollkommen Neues erwarten, mit dem er sich erst arrangieren muss. Mit seiner Athletik, seiner Hartnäckigkeit und seiner mitreißenden Art besitzt Mullings großes Potential zum Publikumsliebling aufzusteigen.