02 Oktober 2015

2. Oktober, 2015


Der erste Blick fällt bei College Spielern meist auf die traditionellen Boxscore Stats, anhand derer die Fans des neuen Teams mögliche Stärken und Schwächen und damit den Zugewinn, den der College Absolvent mit sich bringt, herauslesen möchten. Doch gerade bei Josh Gasser spiegeln diese Statistiken einfach nicht wider, welchen Wert er für die Wisconsin Badgers darstellte.

von AXEL BABST @CoachBabst

Die Wisconsin Badgers waren in den vergangenen zwei Spielzeiten jeweils das beste Basketball Team der NCAA. Teams wie Kentucky oder Duke mochten mehr Talent in ihren Reihen haben, tiefer besetzt sein und dazu weitaus athletischere Spieler ins Rennen geschickt haben, doch die Badgers waren eine funktionierende Einheit, eine gut geölte Maschine, die 2014 und 2015 ins Final Four einzog.

Trainiert werden die Badgers von Bo Ryan, einem stoischen Perfektionisten, der nicht den kleinsten Fehler duldet und jeden Spieler für die scheinbar geringfügigste Nachlässigkeit sofort mit einer Auswechslung bestraft. Ryans Spieler gehen während ihrer vier Jahre in Wisconsin durch eine harte Schule, die sie aber mit jedem Jahr deutliche Entwicklungssprünge vollführen lässt.

Die Badgers spielen sehr kontrollierten Basketball, der auf Teamplay ausgelegt ist. Traditionell sind sie unter den Top10 der NCAA in Sachen wenigste Ballverluste zu finden. Im Halbfeld spielen die Dachse ihre Swing Offense, bei der der Ball von Seite zu Seite bewegt wird und viel Bewegung abseits des Balls garantiert ist. Mittlerweile lassen sich aber auch klassischere Horns Spielzüge und viele Pick & Roll Situationen im Playbook der Badgers finden. Übernahm doch mal ein einzelner das Kommando in der Offensive, handelte es sich meist um einen der beiden NBA Picks des diesjährigen Drafts: Frank Kaminsky oder Sam Dekker. Kaminsky war der vielseitigste Scorer der letzten NCAA Saison, während Sam Dekker an guten Tagen ebenfalls ein Spiel im Alleingang gewinnen konnte.

Defensiv sind die Badgers ebenfalls sehr diszipliniert und stehen symbolisch für die Härte der Big Ten Conference. Bei Bo Ryan lernen die Spieler, die Grundprinzipien einer stabilen Mannverteidigung bis ins kleinste Detail. Daher gelingt es den Badgers jedes Jahr auf's Neue, extrem wenige Punkte zuzulassen, ohne dabei zu foulen. In beiden Kategorien sind die Badgers traditionell unter den besten zehn Teams der NCAA wieder zu finden.

Josh Gasser steht wie kein Zweiter für die erfolgreichen letzten Jahre, da er sich nach einem Kreuzbandriss vor knapp drei Jahren zurückkämpfte und sich seit seiner Rückkehr nur in den Dienst der Mannschaft stellte. Seine Bandage am rechten Knie wurde zu einem Markenzeichen für viele Fans, da sie an seine Kämpfernatur erinnert.

Offensiv rückte Gasser teilweise ins zweite, dritte oder sogar fünfte Glied, was mehrere Ursachen hatte, wobei jedoch keine davon etwas mit seiner spielerischen Qualität zu tun hatte. Die Gründe für seine wohl selektierten Offensivaktionen waren eher das System, das Talent seiner Mitspieler sowie seine Konzentration auf defensive Aufgaben.

Über die Jahre hat es Gasser daher perfektioniert, abseits des Balls Gefahr auszustrahlen. Er muss nicht den Ball in den Händen haben, um Druck auf eine Verteidigung ausüben zu können. Dank seiner Spielintelligenz weiß Gasser die Verteidigung genau zu lesen und bewegt sich im richtigen Moment in entstehende Freiräume und entzieht sich damit meist der Aufmerksamkeit seiner Bewacher. Dabei behält Gasser immer im Auge, wo der Ball gerade ist und geht gedanklich schon einen Schritt weiter, indem er die nächste Aktion vorhersieht. Dadurch ist er immer bereits für den Kickout zum offenen Wurf oder läuft einen Backdoorcut genau in dem Moment, in dem sein Verteidiger schläft und sein Mitspieler Blickkontakt aufnimmt.

Besonders sein Spot-up-Dreier ist enorm gefährlich. Er trifft offene Würfe sehr konstant, was unwiderruflich mit seiner guten Vorbereitung verstrickt ist. Er befindet sich immer in einer tiefen, angespannten Grundhaltung, bewegt sich aktiv in den Pass hinein und wirft den Ball blitzschnell ab. Der Wurf ist technisch sehr sauber und wirkt gut ausbalanciert. Gasser ist daher einer dieser Spieler, bei denen man sich schon fast erstaunt an die Schläfe fasst, wenn er mal eine Chance ungenutzt lässt. Auch die Qualität der Würfe, die Gasser trifft, ist erstaunlich. Er kann für 38 Minuten ohne Zähler bleiben, nur um dann in der Crunchtime mit zwei wichtigen Würfen das Spiel zu entscheiden oder zugunsten seines Teams zu kippen.


Gasser ist jedoch kein eindimensionaler Shooter, der auf die Pässe seiner Mitspieler angewiesen ist. Zwar waren seine Aktionen mit dem Ball in der Hand selten, doch das lag vor allem daran, dass in der Swing Offense jeder Angreifer den Ball nur sehr kurz in der Hand hält, ehe er ihn zum nächsten freien Mitspieler weiterleitet.

Nicht zu unterschätzen sind daher Gassers Fähigkeiten als Ballhandler. Hin und wieder durfte er als solcher das Pick & Roll laufen und traf in diesen Situationen genauso gute Entscheidungen, wie jeder nominelle Point Guard. Besonders seine Ruhe und sein Spielverständnis machen sich in solchen Situationen bemerkbar. Dank schneller Auffassungsgabe erkennt Gasser recht schnell, ob und wenn ja wie er zum Korb ziehen kann. Dabei nutzt er den kleinsten Fehler seitens der Verteidiger aus, um sie mit einem überraschend schnellen ersten Schritt zu schlagen.

Einzig gegen aggressives Doppeln ist Gasser anfällig, weil er dann schnellen Entscheidungen gezwungen wird und sich im Zweifelsfall auf sein Ballhandling verlassen muss. Hier tendiert Gasser noch zu oft dazu, schnell den Ball aufzunehmen und sich damit weiter in die Bredouille zu bringen. Gasser wagt sich zwar nicht oft in die Zone vor, doch er ist durchaus kräftig und entschlossen genug, um auch mal ein Dreipunktespiel zu erzielen.

Allerdings macht sich Gassers fehlende Explosivität in dieser Hinsicht bemerkbar. Denn nur wenn die Helpside schläft, hat er eine gute Chance, auf ein Erfolgserlebnis in der Zone. Er finisht höchstens im Fastbreak auf Ringniveau und ist auch nicht schnell in der Luft.

In Eins-gegen-Eins Situationen führt diese athletische Einschränkung dazu, dass er seinen Gegenspieler nicht konstant schlagen kann. Selbst wenn er seinen Kontrahenten beim Closeout oder mit seinem schnellen ersten Schritt auf dem falschen Fuß erwischt, kann es sein, dass dieser ihn wieder überholt, weil die Schnelligkeit fehlt, um den Vorsprung zu halten.

Als Passgeber sticht Gasser bei seinen Drives heraus. Er kann sowohl den abrollenden Big Man mit Pocket Pässen oder Durchsteckern bedienen, als auch Dreierschützen auf der Weakside mit seinen Kickouts füttern. Seine Kickouts gleichen dabei Kanonengeschossen, die unerwartet schnell und gleichzeitig extrem präzise in den Händen des lauernden Schützen landen.


Neben seinen Pässen aus Drives heraus ist Gasser aber auch in der Lage, Anspiele anderer Art sicher an seinen Mitspieler zu bringen. Speziell seine guten Pässe auf die Big Men im Lowpost werden gerne mal übersehen, sind aber auch eine Qualität, die es zu würdigen gilt. Besonders Frank Kaminsky profitiert von Gassers Fähigkeiten und hatte dadurch oftmals leichtes Spiel unter den Körben, da er sich nicht noch Zentimeter um Zentimeter zum Korb vorschieben musste.

An dieser Stelle wird dann oft von Kritikern darauf verwiesen, dass solche Spieler nur gewohnt sind, ihre Rolle auszufüllen und sich die Effizienz der wenigen Aktionen nicht im gleichen Maße auf eine deutliche erhöhte Zahl an Touches übertragen ließe. Doch in Gassers Fall trifft diese Kritik nicht zu. Denn bis zu seinem Kreuzbandriss, den er während der Vorbereitung auf seine Junior-Saison 2012/13 erlitt, war Gasser durchaus im größeren Rahmen eingebunden. So gelang ihm als einzigem Freshman der Big Ten Geschichte neben einem gewissen Magic Johnson ein Triple Double. Es war gleichzeitig das erste Triple Double eines Badgers überhaupt.

Da Gasser ein sehr vielseitiger und cleverer Spieler ist, wird er sich schnell mit jeder Rolle anfreunden können, mit der er künftig bedacht wird. Seine geringe Fehlerquote trotz verschiedenster Aufgaben und Rollen bei den Badgers bestätigt dies. Nicht ohne Grund durfte er mehr Minuten spielen, als jeder andere Akteur im Kader, was bei Bo Ryan einem Ritterschlag gleicht.

Die Defense ist wahrscheinlich die größte Stärke des Allrounders. Nicht ohne Grund wurde er mehrfach in das All Conference Defense Team der härtesten NCAA Conference gewählt. Gasser konnte seine Grundlagen dank der Ausbildung Bo Ryans perfektionieren. In Kombination mit seiner Mentalität eines bedingungslosen Wettkämpfers macht ihn das zu einem idealen Kettenhund für alle drei Außenpositionen.


Gasser befindet sich stets in einer tiefen Grundhaltung, die ihm maximale Beweglichkeit bei seitlichen Bewegungen und Tempowechseln ermöglicht. Verteidigt er am Ball, agiert er sehr diszipliniert. Er schlägt nie nach dem Ball und benutzt seine Hände nie, um den Gegenspieler festzuhalten oder anderweitig illegal zu behindern. Sobald ihn der Angreifer attackieren möchte, reißt er seine Arme reflexartig nach oben und beweist damit den Referees, seine saubere Verteidigung. Auch seine Hüfte schiebt er nicht heraus.

Stattdessen kämpft er sich mit langen entschlossen Schritten wieder soweit vor den Angreifer, dass dieser abbrechen muss. Belässt er es nicht bei diesem Versuch, sondern will unbedingt seinen Drive fortführen, endet dies meist darin, dass er sich auf den Fuß dribbelt oder den Ball auf eine andere Weise verliert. Einzig bei sehr kleinen und flinken Guards kann Gasser aufgrund seiner mangelnden Explosivität dann einfach nicht mithalten.

Gasser verteidigt zudem auch sehr gut im Passweg. Zwar bleibt dies oft unbemerkt, doch mit seiner gezielten Deny-Verteidigung stört Gasser oft den offensiven Rhythmus des Gegners, weil er das problemlose Anspiel unterbindet und damit das Timing des gesamten Spielzugs außer Kraft setzt. Lasche Pässe fängt Gasser sofort ab. Gleichzeitig lässt er sich aber nicht aus der Reserve locken und ist somit nicht anfällig für Backdoorcuts.

In der Pick & Roll Defense scheint Gasser gegen die meisten Blöcke einfach immun zu sein. Dank guter Fußarbeit und Toughness kämpft er sich in Windeseile um jeden Block herum und ist binnen kürzester Zeit wieder nah genug an seinem Gegenspieler dran, um ihn an der Penetration zu hindern. Damit erlaubt Gasser es dem Verteidiger des Blockstellers weit einzusinken und sich damit keiner brenzligen Situation an der Dreierlinie aussetzen zu müssen, wo das Risiko eines Fouls bestehen könnte.

Als Teamverteidiger rotiert Gasser sehr früh. Er liebt es sich unmittelbar vor dem No-Charge-Halbkreis in Stellung zu bringen und darauf zu warten, dass ihn ein ungestümer Angreifer über den Haufen rennt. Dabei lässt es Gasser auch kalt, ob es sich bei dem Angreifer um einen wieseligen Guard oder einen kräftig gebauten Brettcenter handelt. Er bleibt ohne mit der Wimper zu zucken stehen und wartet auf den Aufprall. Ist Gasser die zweite Hilfe, rotiert er ebenfalls früh und verhindert mögliche Durchstecker, indem er lauernde Big Men fast schon aus der Zone ausboxt, anstatt lediglich einen Arm in den Passweg zu halten.

Ausboxen ist ein gutes Stichwort, da Gasser ein exzellenter Rebounder für einen Guard ist, der sich viele Rebounds alleine durch seine gute Arbeit im Vorhinein sichert. Sobald der Ball in der Luft ist, konzentriert sich der Guard nur noch darauf, den nächstbesten Gegenspieler aus der Zone zu schieben. Mit seiner Bissigkeit gelingt es ihm das in der Regel auch. Zudem kann sein Coach darauf zählen, dass Gasser jedem Loseball nachsetzt und sich dafür auch gerne mal ins Aus schmeißt, nur um seiner Mannschaft den Ballbesitz zu retten.

Alles in allem ist Josh Gasser ein absoluter Winnertyp und jeder Coach, Mitspieler und Fan dürfte sich darüber glücklich schätzen, einen solchen Akteur in der eigenen Mannschaft zu wissen. Gasser wird offensiv zwar keine Bäume ausreißen, doch er wird andere Wege finden, seinem neuen Team unter die Arme zu greifen. Mit seiner kompromisslosen Art und seiner geringen Fehlerquote, sowie seinen wichtigen Dreiern besitzt er hohes Potential, zum Publikumsliebling aufzusteigen.

Die einzige wirkliche Einschränkung, die ich bei Gasser sehe, ist die Frage nach der Umgewöhnung vom Wisconsin-Basketball zum europäischen Stil. Das System der Badgers ist sehr speziell und auf eine 35-Sekunden-Angriffszeit ausgelegt, was den Spielern jede Menge Zeit für ihre Entscheidungsfindung gibt. Es könnte für Gasser nach fünf Jahren am College eine Weile dauern, ehe er sich in der BBL akklimatisiert hat.