02 Oktober 2015

1. Oktober, 2015


Mit Matt Stainbrook kommt nicht nur ein außergewöhnlicher Basketballspieler, sondern auch eine interessante Persönlichkeit in die BBL. Als Fahrer für das Unternehmen "Uber" verdiente er sich gerne etwas dazu, um sein Studium selbst zu finanzieren. Denn obwohl er der beste Spieler der Xavier University war, verzichtete er zugunsten seines jüngeren Bruders auf sein Stipendium, damit der vom Walk-On zu einem vollwertigen Teammitglied aufsteigen konnte. Stainbrook tat dies nicht allein des Geldes wegen - er liebt den Umgang mit Menschen und beweist gerne seine unterhaltsame Natur.

von AXEL BABST @CoachBabst

Matt Stainbrook begann seine College Karriere an der Western Michigan University. Die eher kleine Universität war die einzige, die bereit war, dem Big Man ein Stipendium anzubieten. Daher zögerte er nicht lange und sagte zu. Ursprünglich sollte er direkt in seiner ersten Saison ein Redshirt Jahr einlegen, um sich körperlich an das Niveau der NCAA anzupassen. Doch da die Personaldecke seines neuen Teams auf einmal ausdünnte, wurde er als unerfahrener Center mit einigen Kilos zu viel auf den Hüften direkt ins kalte Wasser geworfen.

Er schlug sich gut und konnte als Freshman und speziell im zweiten Jahr als Sophomore gute Leistungen abrufen. Allerdings fand seine zweite Spielzeit ein jähes Ende, als er im Conference Tournament für eine unglückliche Boxout-Situation mit einem Flagrant-2-Foul bedacht wurde und somit die Partie vorzeitig beenden musste. Sein Team verlor das Spiel und damit die Gelegenheit, am NCAA Tournament teilzunehmen.

Kurz darauf gab Stainbrook bekannt, Western Michigan zu verlassen und schloss sich den Xavier Musketeers an. Den NCAA Regularien entsprechend setzte er die Saison 2012/13 aus und bestritt keine einzige Begegnung. Allerdings packte er die Gelegenheit beim Schopf und trainierte sich etliche zusätzliche Pfunde ab. Als Junior ging Stainbrook erstmals für die X-Men an den Start. Neben Isaiah Philmore (ehemals Ulm, nun Bonn) etablierte er sein dominantes Insidespiel und gab seinem neuen Team von Beginn an Stabilität. Zwar reichte es nicht, um über die First Four Runde des NCAA Tournaments hinauszukommen, doch der Grundstein für weitere Erfolge war gelegt.

In der abgelaufenen Saison machte sich dann bezahlt, wie eingespielt die Truppe aus Cinicinnati war. Mit Stainbrook als Anker und Fels in der Brandung mauserten sich die Muskeeters zu einem gefährlichen Team in der Big East Conference. Zur Belohnung wurde das Team als 6 Seed im Teilnehmerfeld der March Madness gesetzt. Mit einer starken Vorstellung gewannen sie das erste Spiel gegen Ole Miss und setzten sich zwei Tage später einigermaßen souverän gegen Underdog Georgia State durch. Im Sweet Sixteen zeigte Stainbrook eine seiner stärksten Leistungen gegen die mit NBA Kandidaten gespickten Arizona Wildcats, die schlicht kein Mittel gegen die Hartnäckigkeit Stainbrooks zu finden schienen. Nur knapp mussten sich die Musketeers geschlagen geben.

Stainbrook spielte eine zentrale Rolle im System von Coach Chris Mack. In jedem Angriff versuchten die Musketeers, ihren schwergewichtigen Innenspieler in Szene zu setzen. Durch die vielen guten Schützen um den Big Man herum, waren exzellentes Spacing und viel Spielraum garantiert. Aber auch das klassische Pick & Roll fand immer wieder seine Anwendung.

Defensiv zeigten sich die X-Men in der vergangenen Saison sehr variabel. Von klassischer Mannverteidigung über eine kompakte 2-3-Zone bis hin zu einer schwer zu knackenden 1-3-1-Zone probierte Chris Mack viel aus, um gegnerische Angriffe zu stoppen.

Nicht umsonst wurde Stainbrook auch "The StainTrain" genannt. Zwar ist Stainbrook trotz andauernden Extraschichten im Kraftraum während der vergangenen College Jahre immer noch vom idealen Körperbau eines Profisportlers entfernt, doch Stainbrook weiß genau, wie er seine massive Statur einsetzen kann. Ist Stainbrook am Zonenrand, schlägt er dort Wurzeln und lässt sich keinen Zentimeter mehr von der Stelle schieben. Mit seinen breiten Schultern hält er seinen Gegenspieler geschickt auf dem Rücken und bietet ein gutes Passziel für seine Mitspieler.


Nach dem Ballerhalt setzt der Innenspieler in klassischer Centermanier auf eine Mischung aus Kraft, weichem Handgelenk, hohem Spielverständnis und einer gehörigen Portion Spielwitz. Kann Stainbrook nicht direkt seinen patentierten Baby-Hook mit der linken Hand anbringen, arbeitet er gerne mit zahlreichen Täuschungen und seiner guten Fußarbeit. Dank konsequenter Dropsteps, mit deren Hilfe er seine Verteidiger in der Regel überrumpelt, und geschickter Up-and-Under-Bewegungen ist er im Eins-gegen-Eins einfach nicht zu stoppen.

Beeindruckend ist dabei, wie wenig Platz der Linkshänder braucht, um den Ball Richtung Korb zu werfen und wie schnell der Ball teils die Hand verlässt. Angesichts seiner behäbigen und kantigen Bewegungsabläufe lassen sich viele Verteidiger von dieser plötzlichen Schnelligkeit auf dem falschen Fuß erwischen. Auch Fouls sind keine gute Idee, da der Koloss ein hochprozentiger Freiwurfschütze ist und besonders in entscheidenden Momenten nervenstark agiert.

Am College gingen daher viele Gegner dazu über, den Big Man bei jeder Ballberührung zu doppeln. Doch das schien Stainbrook nicht im geringsten zu stören. War der zweite Verteidiger ein Guard, erntete dieser meist nur ein höhnisches Grinsen, prallte an Stainbrooks massivem Körper ab und konnte einen erfolgreichen Korbleger nicht im Geringsten verhindern. Ein Forward oder gar zweiter Big Man beim Doppeln führten meist dazu, dass Stainbrook in aller Seelenruhe durch seine als Markenzeichen etablierte Sportbrille linste und solide Pässe zu den offenen Mitspielern verteilte.

Problematisch ist für Stainbrook eigentlich nur ein physisch ebenbürtiger und in gewissem Maß erfahrener Kontrahent. Denn Stainbrook ist bei seinen Abschlüssen noch immer sehr auf seine stärkere linke Hand angewiesen. Zwar mehrten sich zuletzt auch die Finishes mit rechts, doch unter Bedrängnis neigt der Big Man immer noch dazu, seine rechte Hand außer Acht zu lassen. Gleichzeitig verliert Stainbrook nie die Bodenhaftung, was grundsätzlich löblich, im Fall von Abschlüssen über athletische Shotblocker aber selten von Vorteil ist. Dunks werden die Anhänger der Merlins nur in absoluten Ausnahmefällen sehen. Mit der Länge und/oder Sprungkraft der BBL Center wird sich Stainbrook erst arrangieren müssen.


Hin und wieder kann der Linkshänder auch mal einen Wurf aus der Mitteldistanz durch die Reuse zischen lassen. Das erhöht die Effizienz seiner Wurftäuschungen. Generell fühlt Stainbrook im Highpost Bereich nicht unwohl. Er ist ein exzellenter Passgeber und für High-Low-Situationen auf beiden Positionen empfänglich. Sein hohes Spielverständnis und seine weiches Handgelenk helfen ihm immer wieder, präzise Lobpässe auf seine Frontcourt Partner zu spielen.

Als Offensivrebounder sorgt Stainbrook für weitere Störfeuer in der Zone des Gegners. Auch hier machen sich seine Masse und sein Spielverständnis positiv bemerkbar. Häufig steht er genau richtig und lässt sich von seiner Pole Position nicht verdrängen. Teilweise boxt er seine Gegenspieler sogar am offensiven Brett aus, um sich in eine günstige Lage zu manövrieren. Dadurch kann er auch ausgleichen, dass er verhältnismäßig kurze Arme für einen Center hat und beim Absprung nur mit knapper Not ein Stapel Papier zwischen Stainbrook und das Parkett passt. Dank seiner guten Hände, die den Ball sicher greifen und ihn nicht mehr freigeben, kann er auch direkt ohne großes Zögern den Putback im Korb unterbringen.

Im Pick & Roll ist Stainbrook ein guter Blocksteller, da er den Verteidiger am Ball für mehrere Sekunden von der Bildfläche verschwinden lässt. Dieser braucht in der Regel eine ganze Weile, um sich über den Block zu kämpfen, was Stainbrooks Gegenspieler gute Drives ermöglicht und große Lücken in die Defense reißt. Stainbrook selbst zeigt sich oft sehr geduldig und löst den Block erst auf, wenn der Vorteil zu Stande gekommen ist.

Anschließend bewegt er sich sehr zielstrebig mitten in die Zone und ist jederzeit bereit für das Anspiel seines Guards. Auch unter Bedrängnis erreichen den Big Man die Pässe seiner Mitspieler, da er gute Passwinkel kreiert und auch schwierige Pässe fängt. Allerdings läuft Stainbrook immer Gefahr, sich Offensivfouls beim Abrollen einzuhandeln. Entweder überrollt er kleinere Guards etwas zu ungestüm oder er setzt seine Ellenbogen im Gedränge außerhalb des erlaubten Rahmen ein.

Während Stainbrook offensiv insgesamt sehr wertvoll sein kann, muss sich sein Team jedoch darauf einstellen, in Transition Situationen immer auf den schwerfälligen Big Man warten zu müssen. Er braucht aufgrund seines Körpergewichts sehr lange, bis er den Ball eingeholt hat und sorgt damit häufig für Unterzahlsituationen seiner Mannschaft.

In der Verteidigung lebt Stainbrook von seiner Intelligenz und seiner Masse. Daher ist sein größter Trumpf hinsichtlich seiner defensiven Fähigkeiten das Rebounding. Er boxt seine Gegenspieler sehr kompromisslos aus und schiebt sie regelmäßig ganz aus der Zone heraus. Er positioniert sich schon beim Wurfversuch und ist damit gedanklich meist schneller als alle anderen neun Akteure auf dem Court. Kann er einen Ball nicht direkt einsammeln, weil seine Arme zu kurz sind oder sein Sprungvermögen dazu nicht ausreicht, tippt er sich geschickt selber den Ball zu oder behält die Übersicht und leitet das Leder zu einem Mitspieler weiter.

Auch in Sachen Lowpost Defense macht dem "StainTrain" niemand etwas vor. Selbst körperlich ebenbürtige Kraftpakete sind eher selten erfolgreich. Er zwingt gegnerische Big Men oft dazu, schlechte Abschlüsse zu nehmen, die nur eine geringe Erfolgsaussicht aufweisen. Dennoch handelt sich Stainbrook hier manchmal unnötige Fouls ein. Gerade gegen schnelle Spinmoves schiebt er gerne mal unerlaubt die Hüfte raus. Auch gegen Faceup Big Men muss sich Stainbrook gelegentlich regelwidriger Mittel bedienen.


Uneingeschränkt wertvoll ist Stainbrook jedoch für die Teamdefense. Als kommunikativer Mensch hat Stainbrook keine Probleme damit, lautstark Befehle und Hinweise über das Feld zu brüllen und damit seinen Mitspielern so gut es geht zu assistieren. Bei Xavier erfüllte er speziell bei den Zonenverteidigungen als Dirigent eine führende Rolle und instruierte seine Nebenleute. Doch nicht nur mit Worten hilft Stainbrook seinen Kollegen, auch seine Rotationen bewahren sein Team immer wieder davor, Punkte des Gegners hinnehmen zu müssen.

Er besetzt frühzeitig die Helpside und ist meist so früh zur Stelle, dass er sogar Offensivfouls annehmen kann, weil der Offensivspieler ungebremst in Stainbrook hineinrennt. Allerdings wird Stainbrook nicht als Shotblocker in Erscheinung treten. Gerade beim höheren Tempo der BBL und der geringeren Angriffszeit von 24 Sekunden wird Stainbrook öfter in brenzlige Situationen geraten, in denen ihm eine mindestens durchschnittliche Athletik zu Gute käme. Foulprobleme sind daher immer ein Thema für den Brettcenter. Allein über seine Spielintelligenz wird er sich dieser leidigen Geschichte nicht entziehen können.

Ein weiteres Problemfeld könnte die Pick & Roll Defense werden. Zwar ist Stainbrooks Fußarbeit ausgesprochen gut, doch spätestens nach zwei Schritten macht sich seine mangelnde Grundschnelligkeit bemerkbar, sodass der ballführende Angreifer leichtes Spiel hat und unbekümmert am Center vorbeiziehen kann. Selbst bei bewegungsarmen Verteidigungsvarianten, bei denen Stainbrook weit absinkt und erst in der Zone aktiv in die Bekämpfung des Pick & Rolls eingreift, hat Stainbrook oft Probleme und kann trotz aller Cleverness nicht vermeiden, dass leichte Punkte für den Gegner zustande kommen.

Auch in der Transition Defense wird es, äquivalent zu Fastbreaksituationen im Angriff, häufiger zu Unterzahlsituationen kommen, da Stainbrook einfach seine Zeit braucht, bis er das andere Ende des Spielfeldes erreicht hat.

Nach dem Ausfall von Roberson kommt mit Stainbrook ein prinzipiell ähnlicher Spielertyp nach Crailsheim. Stainbrook sollte offensiv eine Bereicherung sein und im Vergleich zu Roberson eine größere Stütze darstellen. Defensiv sind Stainbrooks Limitationen offenkundig und werden darüber entscheiden, wie wertvoll er für die Merlins sein kann. Gelingt es ihm, seine Foulprobleme in den Griff zu bekommen, und wird er im Teamverbund gut versteckt, kann Stainbrook sicher eine sehr erfolgreiche Rookie Saison abliefern. Sein Spiel passt gut nach Europa. Zudem ist er charakterlich ein Zugewinn für das Team und die gesamte Liga, weshalb er schnell zu den Publikumslieblingen zählen sollte.