02 Oktober 2015

2. Oktober, 2015


Im Regelfall stehen Absolventen der Baylor University trotz der Erfolgshistorie des vergangenen Jahrzehnts nicht sonderlich hoch im Kurs bei Proficlubs, was eng mit der Spielweise der Bears verknüpft ist. Daher fliegen Spieler wie Royce O'Neale häufig unter dem Radar, wenn sie eine Profikarriere starten wollen. Doch für Ludwigsburg könnte sich O'Neale als wahrer Glücksgriff herausstellen.

von AXEL BABST @CoachBabst

Die Baylor Bears konnten sich in den letzten Jahren einen Ruf als unangenehmer Gegner erarbeiten. Das rührt daher, dass sie in der Verteidigung eine sehr exklusive Zonenverteidigung praktizieren, die sich variabel an die Raumaufteilung des Gegners anpasst und damit viele Setplays in ihrer Effizienz stark beeinträchtigt. Die Grundaufstellung ist eine 1-3-1-Zone, die sich aber bei Pässen auf den Flügel zu einer 2-3-Zone zusammenzieht und ballführende Spieler in der Short Corner aggressiv doppelt.

Gleichzeitig waren die Bears über die vergangenen Jahre aber auch immer eine Wundertüte. Im positiven wie im negativen Sinn. Bezogen auf Royce O'Neales zweijährigen Aufenthalt (vorher spielte O'Neale für Denver) lässt sich das ganz gut darlegen. In der Saison 2013/14 rechnete kaum jemand den Bears gute Chancen im Tournament aus. Obwohl sie mit Cory Jefferson und Isaiah Austin einen Frontcourt mit NBA Talent aufweisen konnten.

Letzten Endes marschierte die von Scott Drew trainierte Mannschaft durch das erste Wochenende der March Madness und erreichte das Sweet Sixteen. In der abgelaufenen Saison wirkten die Bears noch gefährlicher, da weniger ausrechenbar und insgesamt ausgeglichener. Die Verantwortung war offensiv auf mehr Schultern verteilt, mehrere Spieler konnten einem Spiel ihren Stempel aufdrücken. Sie überstanden jedoch nicht mal die ersten Stunden des Wahnsinns und schieden durch einen 10-Meter-Dreier von R.J. Hunter gegen Underdog Georgia State aus.

Neben der ungewöhnlichen Zonenverteidigung waren die überfallartigen Anfangsphasen ein Markenzeichen der Bears in der vergangenen Saison. Auch Royce O'Neale hatte meist seinen Anteil daran, dass die Gegner mit einem Dreierregen direkt auf den ersten Metern abgehängt wurden. Damit waren die Partien dann meist schon entschieden, da ein 15-Punkte-Rückstand gegen die Verteidigung der Bears kaum einholbar war.

Neben der Dreierstärke überzeugen die Bears seit jeher mit ihrer Pick & Roll Motion Offense, bei der ein Side Pick & Roll auf das nächste folgt und die Spieler lernen, die sich ergebenden Optionen richtig zu lesen. Damit entwickeln die Außenspieler Baylors über die Zeit ein gewisses Komfortgefühl in Pick & Roll Situationen, was sich positiv auf ihre Zukunftschancen im Profigeschäft auswirkt.

Royce O'Neale ist ein sehr vielseitiger Spieler, der sich aufgrund seiner weit gefächerten Stärken und Schwächen nicht in zwei Sätzen beschreiben lässt. Er widerspricht in jedem Fall den konventionellen Positionsbezeichnungen und passt damit hervorragend in das System der Baylor Bears hinein. Auch in Ludwigsburg sollte er unter John Patrick seine Stärken gewinnbringend einsetzen und seine vorhandenen Schwächen kaschieren können.


Offensiv sticht beim ersten Blick auf die Boxscores seine gute Dreierquote hervor. In der Tat ist Royce O'Neale ein brandgefährlicher Schütze, den man gerade zu Beginn einer Begegnung unter keinen Umständen frei an der Dreierlinie stehen lassen sollte. Denn dann beginnt ein Spiel mit dem Feuer für jeden Gegner. Diese bittere Erfahrung mussten viele Conference Gegner in der vergangenen Saison machen.

Wie bereits angerissen, legten die Bears mehrfach sehr fulminante Starts hin, die den Gegnern die Bürde eines uneinholbaren Rückstands auftrugen. Mit fünf oder sechs Dreiern in den ersten Angriffen konnten sich die Bears oft direkt auf 15 Zähler oder mehr absetzen. In der Regel war O'Neale dabei derjenige, der die meisten Distanztreffer verzeichnen konnte. Kein Wunder, denn der Wurf sieht technisch perfekt aus und ist nur schwer zu verteidigen. O'Neale beeindruckt mit leichtfüßiger Ausführung beim Wurf. Das Handgelenk klappt im richtigen Moment mit der korrekten Ausrichtung ab. Da der Abwurfpunkt beim groß gewachsenen Flügelspieler sehr hoch liegt, ist der Wurf kaum zu blocken, obwohl die Wurfbewegung recht langsam ist.

O'Neale braucht dennoch nicht viel Platz, um abzudrücken. Am liebsten schließt er aus dem Catch-and-Shoot ab, kann aber auch aus dem Dribbling mal hochgehen. Sehr gefährlich ist O'Neale besonders in Transition Situationen, da seine Wurfvorbereitung wenig Zeit benötigt und er blitzschnell seine Füße sortiert. Hin und wieder überdreht O'Neale ein wenig, allerdings ist man geneigt, ihm das angesichts seiner häufigen Erfolgserlebnisse, die einer Mannschaft den entscheidenden Push geben können, nachzusehen.

Doch nicht nur als Schütze ist O'Neale beim Fastbreak gefährlich. Auch als Ballhandler mimt er gerne mal den Point Forward und kreiert höchst selbst brenzlige Momente für die gegnerische Verteidigung. Meist angelt sich O'Neale den Defensivrebound oder fängt mit seinen langen Armen einen laschen Pass ab. Anschließend macht er Tempo und treibt das Leder mit schnellen, raumgreifenden Schritten über das Feld.

Er trifft gute Entscheidungen im offenen Feld und entscheidet sich meist für die richtige Wahl zwischen eigenem Abschluss oder Zuspiel zum Teamkameraden. Dabei kann er auch das Tempo geschickt variieren und die Verteidiger damit aus der Reserve locken. Hat O'Neale nicht selbst den Ball in der Hand, sprintet er die Außenspur entlang und nimmt sehr früh Augenkontakt mit dem Ballhandler auf. Stoppt er nicht an der Dreierlinie ab, kann er auch zum Korb durchlaufen und ein Anspiel im letzten Moment dank seiner Schnelligkeit in einen Korbleger oder sogar ein Dreipunktespiel konvertieren.

Im Setplay weiß O'Neale neben seinen Wurfqualitäten besonders durch Slashing und Passfertigkeiten gefallen. O'Neale ist ein Meister darin, die überhasteten Close-Outs, die sein Ruf als Schütze verursacht, gezielt zu attackieren. Er liest schnell, ob der Verteidiger sein Tempo nicht rechtzeitig drosselt. Ist dies der Fall, setzt O'Neale den Ball ein oder zwei Mal hart auf den Boden, womit er seinen eigenen Gegenspieler passiert und sich dank großer Schritte schon mitten in der Zone befindet.


Um der Helpside zu entgehen, hat der Forward eine Vielzahl von Bewegungsmustern automatisiert, die ihn im Idealfall am Helpverteidiger vorbeimanövrieren und einen guten Abschluss ermöglichen. Sein Lieblingsmove ist dabei die Jump-Penetration. Allerdings muss O'Neale auch so kreativ sein, da er sehr schmächtig ist und Körperkontakt nur bedingt absorbieren kann. Daher lässt er leider relativ oft vermeintlich leichte Punkte liegen. Gerade im Hüftbereich ist O'Neale angreifbar und jeder Kontakt führt dazu, dass er einknickt und einen unkontrollierten Abschluss Richtung Korb schickt. Da O'Neale auch kein explosiver Athlet ist und meist unter Ringniveau finishte (allerdings gab es auch einige überraschende Ausnahmen), haben seine Layup-Versuche noch geringere Erfolgsaussichten.

Auch in anderen Bereichen macht sich seine geringe Muskelmasse bemerkbar. Teilweise hatte er sogar Schwierigkeiten, sich abseits des Balls auf den Spot zu begeben, zu dem er gelangen wollte. Gingen Gegenspieler physisch mit ihm und bumpten ihn mehrfach, war O'Neale beispielsweise nicht in der Lage, Blöcke abseits des Balls zu stellen. Deswegen muss er noch viel Zeit im Kraftraum verbringen, wenn er offensiv noch effektiver sein will.

Hoch anzurechnen ist ihm jedoch, dass er sich von seiner physischen Unterlegenheit nicht unterkriegen ließ. Dieser Kampfgeist zeigte sich besonders bei seinen Auftritten am offensiven Brett. Speziell eigenen Abschlüssen unter Bedrängnis ging O'Neale direkt hinterher. Meist konnte er sich eine zweite Chance erarbeiten und dann zumindest das Foul ziehen. O'Neale hat einen extrem schnellen "Second Jump". Kaum kommt er nach seinem Korbleger auf dem Boden auf, steht er schon wieder in der Luft und streckt seine langen Arme nach dem Ball aus. Kann er das Leder nicht mit beiden Händen fangen, nutzt er aber zumindest seine Spannweite zu einem Tip, mit dem er den Ball zu einem Mitspieler leitet.

Im System der Bears hatte O'Neale auch relativ oft den Ball in den Händen, um als Ballhandler das Pick & Roll zu laufen. Zwar ist er hier etwas eingeschränkt, zeigte aber zuletzt durchaus gute Ansätze. Allerdings werden diese sich nicht unmittelbar auf den europäischen Stil übertragen lassen. O'Neale fehlt das Ballhandling, um auch unter Druck gute Entscheidungen treffen zu können. Er dribbelt sehr hoch und nicht besonders hart, weshalb der Ball lange in der Luft ist und somit ein leichtes Ziel für die flinken Finger eines erfahrenen Gegenspielers darstellt.

Am College konnte O'Neale immerhin geschickt seine Größenvorteile ausspielen und so mit Übersicht viele gute Pässe spielen. Meist war er dabei noch nicht mal direkt als Assistgeber an einem Korb beteiligt, sondern sorgte mit einem Hockey-Assist für die entscheidende Lücke in der Verteidigung. Aus dem Pick & Roll kann O'Neale auch den Korb attackieren, was ihm angesichts seiner mangelnden Ballhandling Skills und seines wenig explosiven ersten Schrittes sonst im reinen Eins-gegen-Eins nicht möglich wäre. Auch hier trifft O'Neale gute Entscheidungen, penetriert nie zu weit in die Zone hinein und kann gute Durchstecker an den Nebenmann bringen.

Generell ist O'Neale als Passgeber einigermaßen talentiert. Er sieht oft den richtigen Pass und behält auch die Weakside immer im Auge. Seine Skip-Pässe sind extrem hart und können daher nicht abgefangen werden. Auch seine Entrypässe in den Lowpost sind meist sehr effektiv, allerdings hängt die Erfolgsaussicht in solchen Momenten auch immer von der Konzentration des Wings ab. Oft ist er zu lässig und verzichtet auf Passtäuschungen oder einen optimalen Passwinkel, was meist in einem Ballverlust endet.

Hier muss O'Neale noch mehr Acht geben und sich nicht zu leichtfertigen Fehlern hinreißen lassen. Als Rezipient von Pässen tut sich O'Neale ebenfalls nicht sonderlich hervor. Für einen Flügelspieler hat er überraschend schlechte Hände, die scheinbar dafür verantwortlich sind, dass ihm viele Pässe durch die Finger flutschen oder er beim letzten Dribbling plötzlich den Ball nicht sauber aufnimmt und anschließend die Kontrolle verliert.

In der Defensive gilt es abzuwarten, was O'Neale im Stande zu leisten ist. Wie bereits angesprochen liegt hier die Achillesferse der Profichancen vieler Baylor Alumni. Die Verteidigungsform der Bears ist einfach sehr ungewöhnlich und verhindert Eins-gegen-Eins-Situationen, sodass sich nur wenige differenzierte Aussagen zum individuellen Leistungsvermögen eines jeden Verteidigers treffen lassen.

O'Neale erfüllte meist die Rolle als der Spieler, der sich um den Highpost kümmert und dafür sorgt, dass sich die Grundaufstellung bei einem Pass auf den Flügel von einer 1-3-1 zu einer 2-3-Zone ändert. Dementsprechend lagen seine Hauptaufgaben darin, Pässe auf den Highpost zu verhindern oder Drives über die Mitte von der Flügelposition zu unterbinden. Gerade die erste Aufgabe war für O'Neale maßgeschneidert. Mit seiner Länge, seiner toughen Einstellung und seiner Beweglichkeit, konnte er oft den Entrypass im Keim ersticken und Drives direkt stoppen. Bei Drives zeigte er gute Instinkte, da er nie seine Hände benutzte und allein mit Geschick und ein bis zwei schnellen Defense Steps einen Turnover provozieren konnte.

Dafür zeigte der Senior jedoch, dass die Fundamentals in anderen Bereichen der Verteidigung noch Mängel aufweisen. Im Eins-gegen-Eins mit Guards oder Flügelspielern fehlt ihm die laterale Geschwindigkeit, um mithalten zu können. Zudem ist sein Körperschwerpunkt sehr hoch, wodurch ihm zusätzlich die notwendige Beweglichkeit abhanden kommt. Das sah teilweise schon lächerlich aus, wie schnell ihn so mancher Außenspieler einfach nach nicht mal zwei Metern in der Gegend stehen ließ. Obwohl es dank der Zone nicht oft zu solchen Momenten kam und die Konsequenzen weniger gravierend ausfielen, war diese Problematik dafür umso prägnanter zu erkennen. Solche Isolations gegen O'Neale sind daher dringend zu verhindern.


Auch als Teamverteidiger hat O'Neale noch Defizite. Während die Bears Kommandos in der Lautstärke einer Meute hungriger Grizzlies auf Lachsfang durch die Arenen brüllten, war O'Neale oft unentschlossen, ob dieses Closeout wirklich seiner Verantwortlichkeit unterlag oder er wirklich jenen Cutter bumpen sollte. Diese Sekunde der Verzögerung verursachte oft gute Wurfchancen für den Gegner. Dass er bei Wurffakes in der Regel abhebt oder Fouls begeht, macht die Sache nicht unbedingt besser.

Immerhin als Rebounder ist O'Neale eine Bereicherung für jede Verteidigung. Mit spitzen Ellenbogen, guter Fußarbeit und einem guten Riecher für den Landeplatz, boxt O'Neale seinen Kontrahenten trotz mangelnder Masse sehr effizient aus und sichert sich daher viele Rebounds. Oft muss er nicht einmal vom Boden abheben, weil er beim Wurfversuch schon gut arbeitet und ihm der Ball quasi in den Schoß fällt.

So negativ sich jedoch seine Defensivkünste anhören, kann ich mir dennoch vorstellen, dass der Ex-Bear sehr gut ins Konzept von John Patrick passen wird und darin aufblühen kann, ähnlich wie er es bereits an seiner texanischen Uni tat. Da Patrick sehr aggressiv verteidigen lässt und viele Fallen aufstellt, kann O'Neale beim Abfangen von Pässen eine verlässliche Stütze sein. Er ist sehr clever und liest genau, an welcher Stelle der Ballhandler ein mögliches Passziel ausgemacht hat.

Da O'Neale schnell und beweglich ist, sowie über sehr lange Arme verfügt, könnte er die ideale Besetzung sein, um solche riskanten Pässe abzufangen und damit Fastbreaks einzuleiten. Dank seiner Reboundfähigkeiten könnte er sogar als nomineller Power Forward auflaufen und damit den Druck einer Presse durch die Möglichkeit eines dritten Guards auf dem Feld erhöhen.

Sollte Patrick also die richtigen Aufgaben für O'Neale in der Defensive identifizieren können, wäre dies schon ein wichtiger Schritt zu einer soliden Rookie Saison des Wings. Offensiv sollte O'Neale mit seinem Wurf auch eine Bereicherung darstellen. Selbst wenn dieser anfangs nicht fallen sollte, kann O'Neale aufgrund seiner Vielseitigkeit und Spielintelligenz andere Nischen finden, um seinem Team offensiv zu helfen.

Unter normalen Umständen wäre die Verpflichtung eines Royce O'Neales wegen seiner zweifelhaften Defensivvermögens daher ein ziemliches Risiko aus meiner Sicht. Doch ich denke, dass O'Neale gut zum Stil eines John Patrick passen wird und dieser die Vielseitigkeit seines neuen Allrounders richtig einsetzen wird. Daher könnte O'Neale einer dieser Spieler werden, die unter Patrick unverhofft einschlagen.

Andererseits halte ich es aber nicht für vollkommen ausgeschlossen, dass O'Neale bereits nach wenigen Wochen wieder die Koffer packen muss. Die Wahrscheinlichkeit des zweiten Szenarios schätze ich zwar gering ein, doch gerade bei der Umstellung eines Baylor Absolventen auf das System von John Patrick ist kaum eine valide Prognose möglich, weil die Spielkulturen jeweils speziell sind. Ob das der Eingewöhnung des Rookies O'Neale zu- oder abträglich ist, wird sich erst während der ersten Saisonwochen zeigen.