02 Oktober 2015

2. Oktober, 2015


Der offensiv vielseitigste Spieler der vergangenen NCAA Saison war Seth Tuttle. Zumindest hätte man für die These gute Argumente zur Hand. Doch nicht alleine aufgrund seiner Vielseitigkeit freue ich mich schon sehr, Tuttle in der BBL weiter im Auge behalten zu können. Sein ganzer Spielstil passt hervorragend zur europäischen Form des Basketballs.

von AXEL BABST @CoachBabst

Seth Tuttle verbrachte seine College Zeit an der University of Northern Iowa. Das hört sich im ersten Moment zwar nicht sonderlich spektakulär an, doch spätestens in der letzten Saison tauchten die Panthers und im Speziellen Seth Tuttle in den landesweiten Medien der USA immer öfter auf. Grund dafür war eine sensationelle Saison, an deren Ende die vielleicht beste Spielzeit der Schulgeschichte mit 31 Siegen (Rekord) und einem Top10 Ranking (ebenfalls Schulbestwert) zu Buche steht.

Besonders der Kampf mit den Wichita State Shockers um den ersten Platz der Missouri Valley Conference bot packende Duelle auf allerhöchstem Niveau. Beide Teams konnten ihre Heimspiele jeweils gewinnen. Die Panthers überzeugten dabei mit solider Teamdefense und anschaulichem Offensivbasketball. In der zentralen Rolle befand sich hier Seth Tuttle, um den quasi die ganze Offensive konstruiert war und der deshalb bei den meisten Setplays eine zentrale Rolle spielte. Um ihn herum befanden sich mehrere Schützen, die er bedienen konnte. Gleichzeitig waren aber auch die Guards in der Lage, ihre Verteidiger aus dem Dribbling heraus zu schlagen, weshalb Tuttle auch mal Ruhepausen bekam und die Offense an guten Tagen nicht komplett schultern musste.

Seth Tuttle ist wie bereits erwähnt ein unheimlich vielseitiger Spieler. Für seine Panthers agierte der Power Forward wegen seiner vielen Talente daher als Playmaker aus den verschiedensten Situationen. Offensiv bietet er fast das gesamte Paket, das sich ein Trainer von einem modernen Vierer wünschen kann. Viele Plays der Panthers waren daher so konzipiert, dass Tuttle den Ball an seinen "Sweet Spots" erhalten konnte. Diese Areale liegen im Lowpost sowie Highpost Bereich.

Diese Abhängigkeit von Tuttle war Segen und Fluch zugleich. Denn kaum ein Gegner hatte die Mittel, um Tuttle zu stoppen, sodass die Panthers dank ihres souveränen Anführers ihre Gegner zum Großteil im Griff hatten und das Spielgeschehen dominierten. Tuttles Dominanz bildete das Fundament für die Offense der Panthers. Coach Ben Jacobson wusste genau, wie er sich die Vorteile seine Leaders zu Nutze machen konnte und überließ diesem teilweise sogar das Kommando auf dem Feld.


Ein beliebtes Mittel von Coach Jacobson war Tuttle in ein simples Pick & Pop zu versetzen. Tuttle stellte dabei den Block und bewegte sich anschließend in Richtung Dreierlinie beziehungsweise Halbdistanzbereich. Hier erhielt er vom Ballhandler den Pass und konnte anschließend selber schalten und die Situation lesen, um sich wenige Bruchteile einer Sekunde später für die richtige Option zu entscheiden.

Tuttle ist aus der Halbdistanz ein sehr gefährlicher Schütze und konnte seine Quote auch jenseits der Dreierlinie deutlich verbessern, sodass er als Senior selbst aus sieben Metern Entfernung mal einen Dreipunktewurf versenken konnte. Technisch sieht die Wurfform sehr gut aus und deutet darauf hin, dass die Dreierquote während seiner Senior Saison keine Eintagsfliege war. Trifft er einen oder zwei Jumper hintereinander, lockt er damit seinen Gegenspieler noch weiter nach außen. Hier kommt nun die wahre Stärke Tuttles zum Vorschein.

Mit Coolness und einem für einen Power Forward überdurchschnittlich guten Ballhandling legt er sich den herannahenden Verteidiger so zurecht, wie er ihn haben will und attackiert das Closeout. Er kann über beide Hände gleichermaßen gut zum Korb ziehen. Dabei behält er stets die Kontrolle und lässt sich nicht zu überhasteten Aktionen hinreißen. Zwar fehlt ihm der schnelle erste Schritt und das Ballhandling, um seinen Kontrahenten vollständig hinter sich zu lassen, doch es reicht meistens, um tief in die Zone vorzudringen.

Kommt eine Hilfe, kann er sowohl den Kickout auf den freien Schützen, als auch den Durchstecker auf seinen Frontcourt Kollegen an den Mann bringen. Gegen späte Hilfen ist Tuttle kräftig und routiniert genug, einen guten eigenen Abschluss zu wählen. Meistens stellt er es sogar so geschickt an, dass er sich einen Foulpfiff samt Bonusfreiwurf abholt. Tuttle ist zwar nicht der sprunggewaltigste Finisher, weiß aber ganz genau, wie er genug Kontakt suchen muss, um einerseits Abwehrversuche seines Verteidigers im Keim zu ersticken, andererseits aber soweit in Balance bleiben kann, um noch einen kontrollierten Wurf loszuwerden.

Die Hauptoption, Tuttle gewinnbringend in Szene zu setzen, war, ihm durch verschiedene Blöcke abseits des Balls aussichtsreiche Position im Lowpost zu verschaffen und ihn dort anzuspielen. Zwar wirkt Tuttle auf den ersten Blick ein wenig zu klein und nicht kräftig genug, um sich in dieser rauen Gegend eines Basketballcourts durchboxen zu können, doch glücklicherweise gibt es für Spieler wie Tuttle andere Mittel und Wege, hier erfolgreich zu sein.


Tuttle ist dem Gros seiner Gegenspieler in puncto Spielverständnis derart überlegen, dass er den kleinsten Fehler des Verteidigers postwendend bestraft. Bereits beim Ballerhalt begibt sich Tuttle auf Fehlersuche. Er spürt instinktiv, wie sein Verteidiger gerade steht und ob er ihn mit einer schnellen Drehung zur Baseline überrumpeln kann. Ist dies nicht der Fall, gerät Tuttle allerdings nicht in Hektik, sondern lässt sich Zeit und studiert die Situation genauer. Ergibt sich immer noch nichts, beginnt Tuttle mit der körperlichen Arbeit.

Da ihm die Kraft fehlt, um jeden beliebigen Verteidiger unter den Korb zu schieben, arbeitet er mit vielen Wurf- und Schulterfakes. Ab und zu geht er auch mal ins Faceup, damit er den Verteidiger in Bewegung versetzt. Hat er seinen Gegner endlich aus der Contenance gebracht, kann Tuttle variabel mit beiden Händen Korbleger, Up-and-Unders, Jumphooks sowie Tournaround-Jumpers über beide Schultern einnetzen.

Die vielleicht größte Qualität in Tuttles Lowpost Spiel ist vermutlich seine Passfähigkeit. Weil viele Teams in der Conference dazu übergehen musste, Tuttle zu doppeln, um ihren Big Men Peinlichkeiten im Eins-gegen-Eins zu ersparen, war Tuttle oft dazu gezwungen, sich frühzeitig wieder vom Leder zu trennen. Mit höchster Präzision und genialen Gedankenblitzen, feuerte er wirklich jedes Mal den richtigen Pass zum freien Mitspieler.

Dabei war es völlig egal, von wo der zweite Verteidiger anschwirrte, wie sich die Verteidigung als Kollektiv zusammenzog oder wo der besser postierte Mitspieler genau stand. Tuttle fand immer den richtigen Mann und entschied sich für die richtige Passvariante. In seinem Repertoire befinden sich alle erdenklichen Passformen: Einhändige oder beidhändige Bodenpässe, Skip-Pässe, Durchstecker auf cuttende Mitspieler und mehr. Somit agierte Tuttle oft als Spielmacher aus dem Highpost. Das erklärt auch, seine grandiosen Assistwerte.

Eigentlich gibt es beim Power Forward daher nur zwei magere Kritikpunkte in der Offensive, die jedoch darüber entscheiden werden, wie gut er sich in der BBL eingewöhnen wird. Zum einen muss man abwarten, wie Tuttle sich damit arrangieren kann, dass er künftig nicht mehr die unangefochtene Nummer Eins der Offense seines Teams ist. Da er aber sehr uneigennützig spielt und genug Talente vereint, um auch abseits des Balls effektiv zu sein, sollte sich dieser Punkt recht schnell abhaken lassen.

Punkt zwei kann da schon eher ins Gewicht fallen. Denn auch wenn es nur wenige Gegner schafften, lieferte unter anderem Wichita State eine Blaupause, wie man den Big Man aus dem Spiel nehmen kann. Die Shockers gingen mit Tuttle sehr ungestüm um und brachten ihn durch eine ruppige (aber nicht unfaire) Gangart vollkommen aus dem Konzept. Er fühlte sich sichtlich unwohl, kam kaum an den Ball und wirkte wie ein Schatten seiner selbst. Da in der BBL deutlich kräftigere und deutlich mehr robuste Gegenspieler durch die Liga stapfen, sollte sich Tuttle an eine physischere Spielart möglichst schnell gewöhnen, denn sonst kann er schnell zum Non-Faktor einer Offense verkommen, was angesichts seines Spielwitzes äußerst tragisch wäre.

In der Verteidigung muss man die Sequenzen seiner College Zeit ein wenig mit Vorsicht genießen. Denn angesichts seiner Mammut Aufgaben in der Offense, probierte Coach Jacobsen seinem Star möglichst kräfteschonende Matchups zuzuweisen. So hatte Tuttle es meist mit relativ unscheinbaren Angreifern zu tun, die individuell zu schwach waren, um ihn ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.

Immerhin ist es der Forward dadurch nun gewohnt, auch am Perimeter verteidigen zu müssen. Denn manche seiner Gegner waren passable Dreierschützen, die ihn zu sorgfältigen Closeouts zwangen. Zwar fehlt ihm die Schnelligkeit und die laterale Beweglichkeit, um Flügelspieler vor sich zu halten, doch für andere Faceup Vierer sollten seine Fähigkeiten genügen.


Was Tuttle als Lowpostverteidiger auf dem Kasten hat, wird sich zeigen müssen, da es in der Conference einfach keine dominanten oder auch nur annähernd durchschnittliche Innenspieler gab, die ihn in dieser Hinsicht hätten herausfordern können. Die wenigsten Teams verfügten überhaupt über gelernte Innenspieler. Die wenigen, die es gab, verfehlten das Gardemaß selbst für College Verhältnisse um mehrere Zentimeter oder waren technisch einfach nicht beschlagen und versuchten mit ihrer Physis zu punkten.

Immerhin als Teamverteidiger konnte sich der Power Forward ein ums andere Mal auszeichnen. Er kommuniziert sehr lautstark mit seinen Nebenleuten und erkennt dank seines Basketball Sachverstands viele Gefahrenherde in ihrer Entstehung. Schreitet er nicht selber zur Tat, ist Tuttle geistesgegenwärtig genug, einen Mitspieler auf die Gefahrenquelle hinzuweisen und diesen zur Beseitigung zu animieren. Als Helpverteidiger ist Tuttle ebenfalls eine große Stütze, da er frühzeitig rotiert und in der Regel ohne Fouls einen schwierigen Wurf forciert.

Die größte Qualität in der Defense des Power Forwards ist mit Abstand seine Arbeit beim Rebound. Tuttle ist ein sehr gewissenhafter Rebounder und boxt seine Gegenspieler fast immer aus. Diese Boxouts sind geprägt von Cleverness, guter Fußarbeit und hohem Engagement. Damit kompensiert er seine mäßige Athletik und die durchschnittliche Armlänge, die für die meisten guten Rebounder eigentlich ungewöhnlich wären. Doch Tuttle weiß genau, wie er seinen Körper geschickt zwischen Korb und Gegenspieler bringen muss, weshalb er meist die bessere Ausgangsposition beim Kampf um den Abpraller hat. Tuttle ist ausgeschlafen genug, um sich diesen Vorteil dann nicht mehr nehmen zu lassen.

In der Pick & Roll Verteidigung kann Tuttle verschiedene Verteidigungsformen praktizieren und dabei den direkten Drive des Guards verhindern. Grund dafür ist seine gute Fußarbeit. Allerdings sollte man dennoch verhindern, dass Tuttle zu einem Tausch der Gegenspieler gezwungen wird, da ihm dafür einfach die Schnelligkeit fehlt.

Generell muss man abwarten, wie gut sich Tuttle mit der gehobenen Geschwindigkeit und der deutlich besseren Athletik der BBL anfreunden kann. Gerade bei den Spielen der Panthers in der MVC konnte er nach Belieben den Spielrhythmus kontrollieren. In einigen Spielen, als das Tempo deutlich schneller war und er es mit sprungstarken Gegnern zu tun bekam, wirkte Tuttle unterlegen und seine unterdurchschnittliche Sprungkraft und seine Geschwindigkeitsnachteile wurden relativ schnell offenkundig.

Trotz der Fragezeichen in der Verteidigung wird Seth Tuttle mit Sicherheit ein großer Zugewinn für Würzburg und die gesamte BBL sein. Er passt hervorragend in den europäischen Stil, da er spielintelligent ist und sich vor allem über seine gute technische Grundausbildung definiert, was der europäischen Schule sehr nah kommt. Mit seiner Vielseitigkeit wird er eine unberechenbare Allzweckwaffe darstellen, die für den Gegner kaum zu kontrollieren ist.

Doch wie jedem Rookie sollte man auch Tuttle einige Spiele Eingewöhnungszeit gewähren, da er sich erst an die Schnelligkeit der BBL und die Härte des Profibasketballs gewöhnen muss. Der Unterschied zu seiner Conference ist in diesen Bereichen gewaltig, wird gleichzeitg aber die einzige nennenswerte Hürde sein, die Tuttle meistern muss.