01 Oktober 2015

1. Oktober, 2015


Mit TaShawn Thomas wechselt ein weiterer höchst vielversprechender College Rookie in die BBL. Thomas war es zu verdanken, dass die Oklahoma Sooners das Sweet Sixteen erreichten und neben den traditionell starken Kansas Jayhawks und den aufstrebenden Iowa State Cyclones die drittstärkste Kraft der Big 12 waren.

von AXEL BABST @CoachBabst

TaShawn Thomas verbrachte seine ersten drei Spielzeiten am College in Houston. Dort spielte er sich mit einer starken Junior-Saison (drittes College-Jahr) auf den Radar einiger Top-Adressen der NCAA. Damals wurden gerade die Conferences umstrukturiert, Houston spielte gegen Schwergewichte wie Louisville, UConn (wurde in dieser Saison Meister) und Cincinnati. Besonders gegen UConn lieferte Thomas ein überragendes Spiel ab und demontierte den späteren Meister im Alleingang.

Nach dieser überaus erfolgreichen Saison entschied sich Thomas, die Universität zu wechseln, da es bei der University of Houston zu einem Trainerwechsel kam und damit ein Rebuild eingeläutet werden sollte. Als neues Domizil wählte Thomas die Universität Oklahomas aus, für die unter anderem Blake Griffin schon auflief. Die Sooners waren 2013/2014 bereits eines der besten Teams in einer Top5 Conference des Landes gewesen. Allerdings verließ Topscorer Cameron Clark altersbedingt das College. Damit fehlte für die Starting Five ein scorender Power Forward.

In dieses Schema passte Thomas perfekt. Jedoch ließ sich die NCAA sehr lange Zeit, ihm die Spielberechtigung für die Saison 14/15 zu erteilen. Da er es (leider) viel Interpretationsspielraum bei den Regeln zu Transfers gibt, wartete der zuständige Ausschuss des Ligabüros geschlagene sechs Monate, bis er Thomas am Tag vor dem ersten Saisonspiel darüber informierte, dass er für die gesamte Spielzeit spielberechtigt sein würde.

Die Sooners werden von Lon Kruger gecoacht, der sie 2011 übernahm, nachdem das Programm von mittelschweren Skandalen und ausbleibendem Erfolg heimgesucht worden war. Unter Kruger erleben die Fans in Oklahoma wieder eine sehr erfolgreiche Ära. Dieses Jahr war das dritte in Folge mit einer Teilnahme am NCAA Tournament. Das Erreichen des Sweet Sixteens war das beste Abschneiden seit 2009. Das hatte besonders zwei Hauptgründe: Kruger und Thomas.

Kruger ist ein sehr erfahrener Trainer (als einziger Trainer der NCAA konnte er mit fünf verschiedenen Schulen mindestens einen Sieg im NCAA Tournament verzeichnen). Er lässt seinen Spielern viele Freiheiten, gibt ihnen in der Offensive lediglich ein paar feste Prinzipien an die Hand. Dadurch wirkt die Offense meist sehr flüssig und ist für den Gegner schwer auszurechnen.

Oft hat einer der drei Außenspieler den Ball in der Hand und läuft ein klassisches High Pick & Roll mit einem der beiden Big Men. Kruger ist außerdem sehr darauf bedacht, individuelle Vorteile gnadenlos zu nutzen. Daher waren Isolationen und Eins-gegen-Eins-Situationen im Lowpost ebenfalls häufige gesehene Optionen. Für entscheidende Spielsituationen hat Kruger aber auch immer clevere Setplays in der Hinterhand.

In der Defense war besonders die Konstanz in den vergangenen zwei Jahren ein leidiges Thema. Doch in den letzten zwei Saisonmonaten der abgelaufenen Spielzeit konnten die Sooners hier deutlich zulegen. Die Guards stellten endlich ihre permanenten und meist von Misserfolg gekrönten Stealversuche ein und verhinderten dadurch Foulprobleme bei den helfenden Bigs.


Wie weiter oben formuliert war TaShawn Thomas für mich der Spieler, der in sehr vielen Begegnungen den Unterschied zugunsten der Sooners ausmachte. Besonders offensiv gab er seinem Team eine ganz neue Dimension. Wann immer das Team gerade im Leerlauf über das Feld stotterte, konnten sie Thomas den Ball in die Hand geben und darauf bauen, dass in der Folge etwas Gutes geschehen würde, was zur allgemeinen Beruhigung beitrug.

Thomas ist ein geborener Scorer, der sich über Instinkte, körperliche Anlagen und vielseitige Skills seine Punkte selber erarbeiten kann. Besonders in Lowpost Situationen ist Thomas eine Bank. Selbst gegen größere Gegenspieler kann er konstant punkten, da er genau erkennt, wo seine eigenen Vorteile im jeweiligen Matchup liegen und diese konsequent ausnutzt. Zwar verfügt Thomas nicht über ein klassisches Spiel mit dem Rücken zum Korb, dennoch weiß er genau, wie er sich in solchen Situationen behaupten kann.

Seine Fußarbeit ist nicht vollends ausgereift, doch immerhin sehr annehmbar und situativ sehr effizient. Thomas kann zudem den Vorteil für sich beanspruchen, einen sehr tiefen Körperschwerpunkt und sehr viel Masse zu haben. Mit viel Power und Willenskraft verschafft er sich ein wenig Abstand vom Gegenspieler. Hier muss er eventuell künftig etwas bedächtiger handeln, da sonst Offensivfoulgefahr besteht. Anschließend steigt er blitzschnell und explosiv zum Abschluss hoch.

Die Art des Abschlusses variiert und hängt auch von der Entfernung zum Korb ab: Ist er direkt am Korb, lässt er die Korbanlage mit energiegeladenen Dunks bedenklich schwanken; Bei geringfügig größeren Entfernungen präsentiert er einen formidablen Touch bei Jumphooks und Turnaround-Jumpern.

Fängt Thomas den Ball ein paar Meter weiter draußen, demonstriert er gerne ein sehr vielseitiges Angriffspaket aus dem Face-Up heraus. Lässt der Gegenspieler zu viel Abstand, bedankt sich Thomas mit einem schön anzusehenden Mitteldistanzwurf. Diese Art der Würfe trifft Thomas ungemein hochprozentig, womit er seine Gegenspieler dazu zwingt, keinen Abstand zu lassen. Hin und wieder überdreht er hier ein wenig und spekuliert gerne mal auf den Foulpfiff, der aber dann verdientermaßen ausbleibt.

Thomas kann aus dieser Position heraus allerdings fast noch besser zum Korb ziehen. Für einen Power Forward ist sein Ballhandling sehr gut und ähnelt eher dem Können eines Guards. Zusätzlich zu seinem Ballgefühl verfügt Thomas über einen schnellen ersten Schritt, den man dem bulligen Kraftpaket auf den ersten Blick nicht zutrauen würde. Meist schlägt er seinen Kontrahenten beim Drive daher schon auf dem ersten Meter und lässt diesem keine Chance mehr, vor ihn zu kommen.


Allerdings bestehen auch zwei Risiken bei seinen Drives. Erstens wird Thomas sich an die europäische Schrittfehler Auslegung gewöhnen müssen. Er liebt es, auf einen Wurffake folgend seinen Drive mit einem Passgang Dribbling einzuleiten, bei dem er sehr eindeutig erst das Standbein hebt, ehe der Ball das erste Mal den Boden berührt.

Zweitens tendiert Thomas dazu, auch im dichten Gedränge der Zone einen Abschluss zu forcieren und das Foul schinden zu wollen. Zu selten kommt an dieser Stelle ein Kickout oder der Durchstecker auf den Frontcourt Partner, obwohl diese Variante, wenn er sie wählt, fast immer von Erfolg gekrönt ist.

Einzig der Dreipunktewurf fehlt Thomas ein wenig und würde ihm gut zu Gesicht stehen. Da seine Wurfform bei Mitteldistanzwürfen jedoch gut aussieht, kann ich mir gut vorstellen, dass Thomas auch diese Punktequelle für sich anzapfen wird - allerdings wohl eher nicht während seiner näheren Zukunft mit dem MBC.

Thomas ist neben seinen Scoring Qualitäten auch anderweitig in einer Offense zu gebrauchen. Er stellt sehr markante Blocks, an denen die Verteidiger der Ballhandler in der Regel haften bleiben und dem eigenen Mitspieler somit freie Bahn gewähren. Auch hier machen sich wieder sein tiefer Körperschwerpunkt und seine breite Statur bemerkbar, da er viel Raum versperrt und seine Blöcke auch bei einem heftigeren Aufprall des Verteidigers halten kann.

Damit verringert sich die Gefahr auf ein Offensivfoul. Dass er dennoch immer mal wieder Moving Screens abgepfiffen bekam, liegt vor allem darin begründet, dass seine Mitspieler oft sehr ungeduldig waren und nicht warteten, bis der Block stand. Thomas versuchte dann oft noch zu korrigieren, wofür es dann natürlich schon zu spät war.

Nach einem Block kann sich Thomas entweder zum Korb abrollen und dank guter Hände auch schwierige Pässe auf engstem Raum in zwei Punkte ummünzen oder in die Mitteldistanz absetzen und für den Kick des Ballhandlers in Stellung bringen. Beide Optionen sind bei Thomas denkbar, wobei er bei Letzterer entweder seinen Mitteldistanzwurf versenkt oder zum Drive ansetzt.

Als Offensivrebounder strahlt Thomas ebenfalls große Gefahr aus. Er arbeitet sehr hart am Brett und ist vom Gegner eigentlich nicht zu kontrollieren, da ihn die Kombination aus großem Willen, langen Armen und viel Muskelkraft zu einem extrem unnachgiebigen Wüterich beim Reboundduell mutieren lassen. Meist kontrolliert er den Ball nicht mal richtig, sondern tippt ihn überlegt an die Dreierlinie, wo ihn ein Mitspieler fangen kann. Neben solch clevere Aktionen gesellen sich spektakuläre Tip-Dunks oder Putbacks, die Highlightpotential besitzen.

Eine weitere Qualität des Ex-Sooners ist sein Passspiel. Bei Oklahoma fand er in Ryan Spangler einen kongenialen Frontcourt Partner. Die beiden servierten sich gegenseitig regelmäßig die Vorlagen zu einfachen Dunks regelmäßig auf dem Silbertablett. Mit Bodenpässen, Durchsteckern oder sogar No-Look-Pässen stieg Thomas' Gunst bei Spangler, der es ihm umgekehrt mit gleicher Münze zurückzahlte.

Besonders High-Low-Situationen waren oft eine Augenweite, da sich im Laufe der Saison ein blindes Verständnis zwischen den beiden entwickelte und der Ball oft mittels Touch-Pass vom Highpost zum Lowpost wanderte, wo der jeweilige Empfänger reaktionsschnell das Anspiel verwertete.

Der Power Forward ist allgemein ein sehr spielintelligenter Angreifer. Er liest die Verteidigung gut und weiß genau, welche Schritte er unternehmen muss, um sich oder seinen Mitspielern möglichst einfache Punkte zu ermöglichen. Dabei ist er sich auch für die unrühmlichen Aufgaben nicht zu schade und stellt sein eigenes Wohlergehen hinten an. In Notlagen kann Thomas sogar mal den Ball nach vorne bringen und eine Presse knacken.

In der Verteidigung konnte Thomas zwar nicht ganz so glänzen wie im Angriff, doch es besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen Thomas' Ankunft in Oklahoma und der deutlichen Steigerung der Team-Defense zwischen '13/14 und '14/15 (mit Thomas).


Thomas will auch in der Defense eine Leaderrolle übernehmen und kommuniziert lautstark mit seinen Mitspielern und spornt diese an. Generell ist Thomas im Teamverbund sehr wertvoll als Verteidiger. Besonders mit seiner Toughness ging er mit gutem Beispiel voran und impfte damit so manchem Mitspieler, der zuvor als "Schönspieler" verschrien war, die nötige Härte ein. Ging ein Mitspieler nicht mit der notwendigen Intensität zu Werke, erteilte Thomas diesem gerne mal eine Standpauke bei der nächsten Unterbrechung und brachte ihn damit wieder auf Kurs. Das fehlte in den Jahren zuvor.

Thomas rotiert frühzeitig und hat keine Bedenken, sich einem heranrauschenden Guard als Helpverteidiger in den Weg zu stellen und ein Offensivfoul anzunehmen. Denn auch wenn die Blockstatistik suggerieren könnte, dass Thomas ein guter Shotblocker und Rimprotector ist, so verhindert er Körbe er durch Cleverness. Zwar helfen ihm seine frühzeitigen Rotationen und seine langen Arme, um einige Würfe zu verändern, doch auf ein Blockspektakel dürfen sich MBC Fans nicht einstellen.

Zudem muss Thomas noch an anderen Defiziten arbeiten. In der Pick & Roll Defense ist Thomas theoretisch schnell genug, um den Drive des Guards zu verhindern und dabei kein Foul zu begehen. Allerdings zeigt sich Thomas mit fortschreitender Ermüdung immer angreifbarer. Dann tendiert er plötzlich dazu, doch mal auf den Steal zu gehen oder seine Hüfte herauszuschieben, womit er entweder ein Foul begeht oder den Gegenspieler zum Zug zum Korb einlädt.

Die Müdigkeit ist einerseits darauf zurückzuführen, dass Thomas viele Minuten bei den Sooners auf dem Feld stand und dabei meist mit hoher Intensität agierte. Mitspieler Spangler erging es oft nicht anders. Es waren halt keine vollwertigen Backups vorhanden. Doch Thomas ist auch nicht optimal austrainiert und trägt das eine oder andere Pfund zu viel auf den Hüften mit sich herum. Sollte er seine Fitness verbessern können, ließen sich solche Konzentrationsfehler in der Verteidigung vermeiden.

Immerhin in der Lowpostverteidigung ist Thomas konstant. Mit seinem stabilen Rumpf und seinen langen Arme stellt er für viele Gegenspieler ein kaum zu überbrückendes Hindernis dar. Gerne rangelt er schon vor dem Ballerhalt seines Gegenspielers mit diesem um eine, aus Thomas' Sicht, möglichst schlechte Position für den Angreifer.

Auch in Sachen Rebounding kann man sich auf Thomas verlassen. Mit Autorität greift er sich die Fehlwürfe aus der Luft. Seine Spannweite ist ihm dabei hilfreich und kaschiert ein wenig, dass Thomas nicht immer sorgfältig bei Boxouts agiert. Seine Nachlässigkeit nimmt Thomas jedoch in Kauf und kompensiert sie im Zweifelsfall mit Hustle-Plays. So kann es passieren, dass Thomas einem Rebound ins Aus hinterher hechtet und den Ball noch rechtzeitig erwischt.

Alles in allem ist TaShawn Thomas in Europa und speziell beim MBC gut aufgehoben. In der Offensive stellt er ein wandelndes Missmatch dar. Allerdings kann es ein paar Wochen dauern, bis sich Thomas an die Unterschiede zur NCAA gewöhnt hat. Besonders auf seine Schrittfehler muss Thomas Acht geben.

Außerdem sollte er die Zahl der Kopf-durch-die-Wand-Aktionen herunterschrauben, da er in Europa noch seltener mit Pfiffen der Schiedsrichter gerettet wird. Dafür ist es von Vorteil, dass er von einem College kommt, das nicht systemstarr agiert und gleichzeitig viel Pick & Roll praktizieren lässt. Defensiv ist Thomas sicher kein Meister der Disziplinen, doch er weiß genau, wie er sich im Teamverbund verhalten muss und bringt mit seiner gesunden Härte die richtige Einstellung mit, um der Mannschaft zu helfen.