03 Oktober 2015

3. Oktober, 2015


Mit Tekele Cotton kommt einer der spektakulärsten NCAA-Athleten der vergangenen Jahre in die BBL. Allerdings hebt sich Cotton vom Gros der Sprungwunder dadurch ab, dass er sich nicht nur über spektakuläre Blocks oder Dunks definiert, sondern gleichzeitig ein sehr passabler und cleverer Basketballspieler ist, der sich sehr schnell mit dem europäischen Stil identifizieren dürfte.

von AXEL BABST @CoachBabst

Tekele Cotton lief vier Jahre für die Wichita State Shockers auf. Die Shockers etablierten sich über diesen Zeitraum als feste Größe in der Missouri Valley Conference und sorgten auch überregional für Schlagzeilen. In allen vier Jahren sicherten sich die Shockers einen Platz im NCAA Tournament. 2013 startete das Team von Gregg Marshall einen Cinderella Run, in dessen Verlauf Favoriten wie Gonzaga (mit Elias Harris) oder Ohio State aus dem Turnier gekegelt wurden und der erst im Halbfinale gegen den späteren Meister Louisville sein Ende nahm.

In der Folgesaison blieben fast alle wichtigen Spieler, u.a. auch Cotton, erhalten und die Studenten aus Wichita legten mit 35 Siegen in Serie nicht nur den besten Start der Schulgeschichte hin, sondern zogen auch in die ligaweiten Geschichtsbücher ein. Als erstes Division I Team blieben sie während der Regular Season ungeschlagen und stellten mit einer 35-0-Bilanz die Marke für den besten Start aller Zeiten auf, die jedoch vergangene Saison von Kentucky getoppt wurde. Erst im 36. Spiel mussten sich die Shockers in einem der besten Spiele der vergangenen Jahre den Kentucky Wildcats geschlagen geben. In der letzten Saison gelang die Titelverteidigung in der MVC. Im Tournament konnte man zudem den staatsinternen Rivalen Kansas bezwingen, ehe im Sweet Sixteen gegen Notre Dame Schluss war.

An diesen Erfolgen hatte Tekele Cotton während seiner College Laufbahn großen Anteil. Bereits als Sophomore war Cotton Starter und der beste Verteidiger des Teams. Regelmäßig übernahm er die Spezialaufgaben und schaltete die besten Spieler des Gegners aus. Daher sind die beiden Auszeichnungen als bester Verteidiger der Conference 2014 & 2015 auch vollkommen gerechtfertigt. Offensiv perfektionierte er das Spiel im Schatten des Star Duos VanVleet/Baker und profitierte von der Kreativität seiner Aufbauspieler.

Coach Marshall legt großen Wert auf grundsolide Verteidigungsarbeit. Seine Shockers spielen harte Mannverteidigung und sind sehr gut in den Grundlagen ausgebildet. Fast alle Spieler schaffen es, ihre Gegner vor sich zu halten. Auch im Teamverbund herrscht große Disziplin und jeder arbeitet für den anderen mit. Selbst Teams mit einer Fülle an NBA Talenten oder Spielern mit physischen Vorteilen haben regelmäßig Probleme, gute Abschlüsse gegen diese Defense zu erspielen.

Offensiv macht sich Marshall die Fähigkeiten seines Aufbauspielers Fred VanVleet zu Nutze, der durchaus zu den fünf bis zehn besten Point Guards der NCAA gezählt werden darf. Dieser liest das Pick & Roll exzellent und findet daraus scheinbar problemlos gute Ausstiege und Optionen. Neben dem Pick & Roll als zentralem Element streuen die Shockers mit geschickten Setplays immer mal wieder einfache Punkte ein. Die taktische Disziplin und die stetige Entwicklung der individuellen Fähigkeiten etlicher Spieler sind bemerkenswert.


Die offensiven Statistiken von Tekele Cotton lesen sich zugegebenermaßen auf den ersten Blick wenig berauschend. Allerdings ist Cotton ein Paradebeispiel dafür, warum eine reine Betrachtung dieser Zahlen unzureichend ist, um das Können eines Spielers richtig einzuschätzen. Denn die Statistiken müssen erst in den richtigen Kontext gesetzt werden. Cotton ist ein besserer Offensivspieler, als es die reinen Boxscore Werte suggerieren mögen.

Während seiner ersten beiden Spielzeiten am College agierte Cotton ausschließlich abseits des Balls und lebte von den Anspielen seiner Guards, die seine cleveren Cuts des öfteren honorierten. Erst als Junior fing Cotton nach und nach an, ein eigenes Offensivarsenal anzulegen, das er besonders als Senior immer öfter dazu nutzte, um sich selbst eine Wurfmöglichkeit zu kreieren oder sogar einen Korb eines Mitspielers vorzubereiten. Eine Entwicklung Cottons ist also deutlich zu beobachten und diese sollte auch noch nicht gänzlich abgeschlossen sein, sodass weiter Potential für Verbesserungen besteht.

Abseits des Balls ist Cotton jedoch weiterhin am gefährlichsten. Er weiß genau, wann sein Gegenspieler ihn aus den Augen lässt und wie er das zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen kann. Oft reicht ihm eine Sekunde der Unaufmerksamkeit seitens des Verteidigers, um sich in dessen Rücken davon zu stehlen. In diesen Situationen schafft es Cotton nicht nur, sich seines Kontrahenten zu entledigen, sondern attackiert auch gezielt die Lücke in der Defense, sodass sein Aufbauspieler ihm wirklich den Ball passen kann. Damit zieht er urplötzlich die Aufmerksamkeit mehrerer Verteidiger auf sich, was wiederum Freiräume für andere Mitspieler öffnet.

Bei seinen Cuts kann Cotton Pässe verschiedenster Art fangen und direkt in Punkte umwandeln. Egal ob ein niedriger Bodenpass oder ein optimistischer Lobpass, jeder Ball erreicht Cotton. Im Anschluss hebt er blitzartig vom Boden ab und vollstreckt mit atemberaubender Sprungkraft und Körperkontrolle in der Zone. Dabei ist es immer wieder erstaunlich, wie Cotton offensichtliche Größen- und Gewichtsnachteile in Wohlgefallen auflöst und den Verteidiger schlecht dastehen lässt. So sorgte er schon für das eine oder andere nette Poster Motiv und Highlights am Fließband.


Um solchen Peinlichkeiten zu entgehen, gewöhnten sich viele Gegenspieler an, Cotton alleine an der Dreierlinie stehen zu lassen und sanken weit bis in die Zone ab. Damit hatten sie zumindest in den ersten beiden Jahren auch noch Erfolg, doch seitdem konnte Cotton seinen Wurf deutlich verbessern. Zwar spiegeln die Quoten dies noch nicht unbedingt wider, doch der Wurf des Athleten sieht mittlerweile deutlich sauberer aus und viele kleine Fehlerquellen konnten beseitigt werden. Daher scheint es nur eine Frage der Zeit und der Übung zu sein, bis Cotton ein akzeptabler Distanzschütze wird.

Allerdings wird er niemals ein Scharfschütze sein und auch bei Würfen aus dem Dribbling offenbaren sich oftmals noch die alten Unzulänglichkeiten, sodass Cotton mittelfristig ein Catch-and-Shoot-Spieler bleiben wird. Auch beim Freiwurf besteht noch viel Luft nach oben, insbesondere was die Konstanz angeht. Generell ist Cottons Wurf noch nicht sehr gefestigt und sehr von der Tagesform abhängig. An guten Tagen sitzt jeder Dreier und Freiwurf, an schlechten Tagen kann jedoch auch mal gar nichts fallen.

Einen Bereich, den Cotton auch kontinuierlich verbessern konnte, ist sein Ballhandling, wenngleich gesagt werden muss, dass hier weiter Verbesserungsbedarf besteht. Auch hier kann eine lineare Steigerung ausgemacht werden. Während Cotton in seinen ersten Jahren kaum den Ball zum Drive aufsetzte und wenn doch, dann lediglich bei geraden Penetrations ohne Handwechsel, ging Marshall letzte Saison so gar dazu über, seinen Backcourt Spieler zumindest phasenweise das Pick & Roll als Ballhandler laufen zu lassen.

Cotton bewies dabei ein gutes Gespür für Timing und das richtige Attackieren von Lücken. Jedoch limitierten ihn seine unausgereiften Skills hin und wieder. Gegen Verteidiger mit schnellen Händen oder guter lateraler Geschwindigkeit hat Cotton immer noch Schwierigkeiten, Crossover einzusetzen und mit solchen einen Vorteil zu schaffen. Zumindest kann er mittlerweile schlechte Close-Outs oder langsamere Gegner mühelos mit dem Ball in der Hand hinter sich lassen.

Die größte Stärke Cottons ist jedoch sein Verhalten im Fastbreak. Dank seiner guten athletischen Anlagen und seines hohen Spielverständnis scheint er eine Garantie für zwei sichere und meist spektakuläre Punkte darzustellen. Der variable Guard besetzt vorbildlich die Außenspuren, sprintet immer mit maximaler Leistung und sorgt für gute Abstände zwischen sich, dem Gegenspieler und dem Ball. Alley-Oops und Dunks gehören daher zur Tagesordnung. Doch selbst im Eins-gegen-Eins kann Cotton immer wieder leichte Punkte herausholen, da er einige sehr effektive Stepthroughs und Eurosteps im Repertoire hat.

Insgesamt ist Cotton ein sehr genügsamer Offensivspieler, der einerseits nicht viele Würfe braucht, um effizient zu sein, und andererseits kaum Fehler begeht, weshalb er dem Team sehr selten schadet. Einzig sein wackliger Distanzwurf und sein mäßiges Ballhandling können ihn an schlechten Tagen zum Risikofaktor hochstufen.


Die wahre Stärke Cottons liegt jedoch in der Defensive, wo er sich regelmäßig in einen bissigen Terrier verwandelt und seinen überforderten Matchups den letzten Nerv raubt. Mit den Spielern, die diese Erfahrung in den letzten Jahren machen durften, ließe sich eine Liste mit illustren Namen führen, die mittlerweile in der NBA oder im europäischen Ausland für Furore sorgen. Besonders beeindruckend sind in dieser Hinsicht zwei Tatsachen.

Erstens ist es außergewöhnlich, wie ernsthaft, zuverlässig und unaufgeregt seine Spezialaufträge angeht. Scheinbar kann ihn nichts daran hindern, die Vorgaben, die ihm sein Trainer vor einer Partie erteilt, umzusetzen. Und zweitens erstaunt es, wie variabel Cotton dabei agiert. Egal ob kleiner quirliger Guard oder bulliger Flügelspieler mit enormen Größenvorteilen: Es kommt kaum vor, dass Cotton nicht Paroli bieten kann und die Oberhand behält.

Im Eins-gegen-Eins am Perimeter weist Cotton keinen Angriffspunkt auf, der einen Gegner dazu verleiten könnte, einen Vorteil auszumachen. Cotton ist unheimlich schnell auf den Beinen und kann speziell bei seitlichen Bewegungen ausgezeichnet mit dem Tempo des Angreifers mithalten. Wegen seines kräftigen Rumpfbereichs können ihn Offensivspieler auch nicht einfach nach hinten drängen. Gleichzeitig nutzt Cotton auch aktiv seine Hände und stibitzt mit flinken Fingern öfter mal Bälle.

Selbst über Close-Out-Situationen ist Cotton kaum zu schlagen. Aufgrund seiner langen Arme kann er einen Wurf erschweren, auch wenn er vielleicht noch nicht in unmittelbarer Nähe zum Angreifer angekommen ist. Auf Fakes fällt Cotton in der Regel nicht herein und konzentriert sich stattdessen, darauf mit guter Fußarbeit, die Möglichkeit einer Penetration zu unterbinden.

Hervorzuheben ist hierbei, wie sauber Cotton verteidigt. Oft versuchen Verteidiger intuitiv mit einer oder beiden Händen die Hüfte des Gegners zu greifen, um sich einen regelwidrigen Vorteil zu verschaffen. Doch diesen Impuls scheint Cotton nicht zu spüren. Daher geriet der Stopper trotz seiner vielen Minuten und seiner Sonderaufgaben fast nie in Foulprobleme.

Auch als Verteidiger im Pick & Roll entpuppt sich der Neue bei den MHP Riesen Ludwigsburg als unangenehmer Bewacher. Selbst Screens härtester und präzisester Sorte scheinen den College Abgänger nicht im Geringsten zu irritieren. Er bekämpft die Blöcke dank seiner guten Fußarbeit sehr effektiv und hat sich meist in Windeseile um den Blocksteller herum geschlungen. Den kurzen Rückstand kann Cotton schnell wieder egalisieren und lässt das den Ballhandler mit hautenger Verteidigung auch spüren, sodass sich dieser zwei Mal überlegt, ob er wirklich weiter attackieren soll.

Ein weiterer Aspekt, der oft übersehen wird, sich aber beispielsweise im Fall des Spiels Wichita State gegen Northern Iowa als siegbringend erwies, ist die Deny-Verteidigung Cottons. Im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft der MVC ging es darum, Seth Tuttle aus dem Spiel zu nehmen. Cotton übernahm stellenweise die Aufgabe Anspiele auf Tuttle zu verhindern und war damit sehr erfolgreich. Der dominante Big Man blieb blass und die Shockers konnten ihren MVC Titel der regulären Saison verteidigen. Auch bei der Deny-Verteidigung helfen Cottons Spannweite und seine Kompromisslosigkeit, die jeden Pass auf seinen Gegenspieler zu einem Abenteuer werden lassen.

Für einen etwas zu klein geratenen Flügelspieler ist Cotton zudem ein ausgezeichneter Rebounder, der durch gutes Boxout-Verhalten und die bereits mehrfache erwähnte Sprungkraft viele Fehlwürfe einsammelt und im Anschluss daran meist auch noch den Fastbreak mittels schnellem Ballvortrag einleitet.

Cotton bietet ein sehr komplettes Paket und kann eine Menge Erfahrung für einen Europa Rookie aufweisen. Gerade defensiv gibt es eigentlich keine Schwachstelle und er sollte sich hervorragend mit der Mentalität des Patrick'schen Basketballs identifizieren können. Als guter Fastbreakspieler wird er auch offensiv seine Ausrufezeichen setzen und die Liga um eine weitere Attraktion bereichern.

Im Halbfeldangriff sollte sich Cotton ebenfalls zurecht finden, da Ludwigsburg ähnlich viel Pick & Roll läuft, wie es die Shockers tun. Einzig sein Distanzwurf könnte hin und wieder für kleine Leistungslöcher verantwortlich sein, doch auch hier sollten sich keine allzu tiefen Sorgenfalten bei John Patrick ausbreiten, da Cotton mental stark genug ist, sich aus kleineren Krisen frei zu schwimmen.