31 Oktober 2015

31. Oktober, 2015


Während bekannte Top-Talente wie Victor Oladipo, Giannis Antetokounmpo, Nerlens Noel und Jabari Parker die angesagten Breakout-Kandidaten sind, fliegen andere Youngster ein bisschen tiefer unter dem Fan-Radar. Noch. NBACHEF stellt euch in unserer 'Don't Sleep' Reihe eine Handvoll Spieler vor, die in dieser Saison einen großen Leistungssprung machen werden. 

von PASCAL GIETLER @PascalCTB

Die Phoenix Suns haben einen ereignisreichen Sommer hinter sich. Zwar versuchte die Franchise aus Arizona in einem Sommerschlusssprintverkauf, diverse Verträge zu verscherbeln, doch Wunschspieler LaMarcus Aldridge schickte das Team aus der Wüste - nun ja - in die Wüste, entschied sich für einen Wechsel zu den San Antonio Spurs. 

Nichts wurde es mit einem Star-Free Agent: Ein überbezahlter Tyson Chandler, die Vertragsverlängerung von Brandon Knight und ein, zwei Rollenspieler standen für Phoenix am Ende auf der Habenseite. Das bittere an der Situation war jedoch, dass die Suns ihre Flügelrotation enorm ausdünnten. Gerald Green? Weg! Marcus Morris? Weg! Markieff Morris? Hat angeblich auch nicht mehr viel Lust auf Phoenix. Eine Personalie geriet jedoch im Zuge dieser Veränderungen fast in Vergessenheit: T.J. Warren. 

Als die Phoenix Suns 2014 trotz 48 Siegen die Playoffs verpassten, hieß der Trostpreis Lottery-Pick. Ein schwaches Trostpflaster für die Überraschungsmannschaft der Saison 2013-14, doch die Franchise aus Arizona hat vermutlich das Beste aus ihren Möglichkeiten am Draftabend 2014 gemacht. Irgendwo zwischen Zach LaVine und Adreian Payne wählten die Suns den Alphawolf des Rudels der North Carolina State University, T.J. Warren. 

Warren hatte zu diesem Zeitpunkt eine richtig starke Sophomore-Saison für NC State gespielt, im Schnitt 24.9 Punkte bei 52.5% FG gescort. Warren war in seiner Sophomore-Saison Alleinunterhalter seiner Uni und wurde somit folgerichtig in der ersten Runde der Draft gezogen. Wieso hatte kein Team früher zugeschlagen? Recht effiziente 25 Punkte pro Spiel klingen doch nicht schlecht für jemanden, der auf der Speisekarte der gegnerischen Verteidigungen allabendlich ganz oben stand. Die Antwort ist recht simpel: Scouts hatten - beziehungsweise haben - enorme Zweifel, ob T.J. Warren jemals in der NBA in der Art und Weise dominieren kann, wie er es phasenweise am College gemacht hat. 

Warren hat eine recht unorthodoxe Spielweise. Er ist zwar auf beiden Forward-Positionen einsetzbar, verfügt jedoch weder über einen guten Distanzwurf noch über eine überdurchschnittliche Athletik. Wie schaffte es Warren also, so viel für NC State zu punkten? Sein Spiel aus der Mitteldistanz mag zwar ein Schrecken für viele Analysten sein, aber irgendwo zwischen Zone und Dreipunktlinie kann er Plays machen wie kaum ein Zweiter. 


Er verfügt außerdem über eine beneidenswerte Spielintelligenz in der Offensive - er handelte pfeilschnell in Situationen, in denen er den Ball in der Hand hatte, fand Lücken in den gegnerischen Verteidigungslinien und ist jeden Fastbreak mitgesprintet. Er ist ein Paradebeispiel für einen Spieler, den man nicht aufgrund von Scoutingreports oder Statistiken beurteilen sollte. Um sein Offensivspiel zu verstehen, muss man Warren in Aktion gesehen haben. Gängige Klischees sind auf den ACC Player of the Year des Jahres 2014 nicht anwendbar.

Die Leistungen von Warren vor seiner Profikarriere sind über jeden Zweifel erhaben, doch in einem Team, das in der Vorsaison 48 Spiele gewonnen hatte, ist es für Rookies automatisch schwer, an Spielzeit zu kommen. Mit dieser Problematik musste sich auch Warren in Phoenix auseinandersetzen. Die Suns waren nicht nur auf dem Flügel gut abgedeckt, sondern stellten zu allem Übel auch noch bis zu drei Point Guards zeitgleich aufs Feld. 

Der Weg in die D-League kam für den Frischling mit Ansage. Dort konnte Warren überzeugen. Und für all die, die keinen großen Wert auf Zahlen aus der D-League legen: In der Summer League konnte Warren ähnliches vollbringen. Am Ende dieses besseren Pick-Up-Basketball-Turnieres hatte Warren 18.7 PPG bei 54% FG auf dem Konto stehen. 

Natürlich muss man mit den Zahlen vorsichtig sein, doch Warren hat das gezeigt, was ihn auf dem College ausgezeichnet hatte: Vertrauen in die eigenen Stärken, blitzschnelle Entscheidungen und opportunistische Transition-Punkte. Die Frage, ob diese Spielweise sich vollends auf die reguläre NBA-Saison adaptieren lässt, bleibt zwar noch ungeklärt, doch es gab durchaus schon hoffnungslosere Fälle.

Mit 614 gespielten Minuten und durchschnittlichen 6.1 PPG braucht man als NBA-Profi nicht hausieren gehen. Deshalb ist die Frage durchaus legitim, ob Warren nicht der Suns-Spieler ist, der in der kommenden Saison den größten Sprung nach vorne machen kann. Die Voraussetzungen sind sowohl günstig als auch ungünstig: Einerseits dürften auf dem Flügel mehr Minuten für Warren vorhanden sein als früher, andererseits wird er vermutlich aufgrund von fehlendem Spacing zu wenig Platz zum operieren haben. 


Entscheidend wird sein, wie erfolgreich oder eben nicht erfolgreich die Phoenix Suns in dieser Saison agieren werden. Bei vermeintlichem Misserfolg könnte die Talentevaluation von Warren den Verantwortlichen in Arizona wichtiger sein als die Zufriedenheit von Starter P.J. Tucker - sprich: Ein Job für Warren in der Starting Five hängt stark vom Saisonverlauf ab. 

Ein weiterer Schlüssel zu mehr Minuten ist die Causa Markieff Morris, der zwar noch für die Suns die Sneaker schnürt, aber wohl nach dem Abgang seines Bruders Marcus nichts gegen ein Engagement bei den Detroit Pistons einzuwenden hätte. Ein Trade schwebt weiterhin im Raum. 

Diese externen Faktoren bringen jedoch gar nichts, sollte T.J. Warren nicht weiter an seinem NBA-Spiel arbeiten. Als Flügelspieler, der sich seinen eigenen Wurf kreieren und Löcher reißen kann, ist es wichtig, dass sein Distanzwurf zumindest respektiert wird. In der diesjährigen Pre-Season, also der etwas hübscheren, jedoch noch immer hässlichen Schwester der Summer League, traf Warren nur enttäuschende 14,3% von jenseits der Dreierlinie.

Der neutrale Beobachter weiß um Warrens Qualitäten. Die kommenden beiden Jahre werden vermutlich entscheiden, in welche Richtung sich seine Karriere bewegen wird. Warren hat aufgrund seiner offensiven Instinkte eine Menge Potenzial, in dieser Liga erfolgreich zu sein - ganz gleich wie unorthodox, unmodern oder unanalystisch sein Spiel sein mag. Einen jungen Spieler, der weiß, wo der Korb hängt, und auch in der Defensive über eine gewissen Portion Upside verfügt, sollte man immer auf dem Zettel haben.