12 Oktober 2015

12. Oktober, 2015


Mit dem Media Day, Trainingscamps und ersten Testspielen ist die neue NBA-Saison 2015/16 inoffiziell underways. Wie jedes Jahr checken wir vor dem Start alle Teams medizinisch durch. Die komplette Liste mit allen 30 Mannschaften findet ihr hier.

von ANNO HAAK @kemperboyd

Flashback
60-22, Playoffs Conference Finals (0-4 vs. Cleveland)

Plus
Tiago Splitter
Tim Hardaway Jr.
Justin Holiday
Walter Tavares

Minus
DeMarre Carroll
Pero Antić
Elton Brand
John Jenkins
Austin Daye

Cap-Situation
74 Mio. $ Gehalt
über dem Cap

Stimmung so?


Was ist Neu?
Außer einem Abgang so gut wie nichts, und das ist das Problem. Vor einem Jahr fragte man sich an dieser Stelle, welcher Hawk um Himmels Willen irgendeinen NBA-Flügel mit Puls verteidigen will. Carroll strafte mich und viele andere lügen. Das namhafteste Minus im Sommer 2015? Bingo. Also Carroll. Dass Atlanta Carroll und Paul Millsap wegen einer Laune des CBA nicht gemeinsam halten konnte und sich schnell auf den Ex-Jazz-Generalisten statt den Inselbegabten mit dem mindertalentierten Friseur festlegte, geschenkt.

Die Antwort der Hawks auf Carrolls Abgang aber war ein Trade für Tim Hardaway Junior. Das ist eine Neuerung, aber bestenfalls eine Verschlimmbesserung. Der Flügel, der in New York zuletzt in erster Linie durch Verbalscharmützel mit Melo und dem Coach auf sich aufmerksam machte und deshalb prima facie kaum in Coach Mike Budenholzers "Team first"-Philosophie passt, ist defensiv durchlässig wie Grenzen im Schengen-Raum. Der Rest bleibt wie gehabt. Budenholzers Beförderung vom Interims- zum Dauer-GM war ein Verwaltungsakt.  

Beste Addition
Paul Millsap* ... Wer sonst? Der absolut verdiente All-Star war der Schicksals-UFA der Hawks. Sein Abgang hätte die Falken im Alleingang zur Bruchlandung im hässlichen Ostdurchschnitt gezwungen und wäre ein fatales Signal in Richtung Al Horford gewesen, der 2016 den Arbeitgeber frei wählen kann. Nicht wenige hatten spekuliert, ein großer Markt wie New York könnte Millsap nach einer Dekade in Anti-Hotspots wie Salt Lake City und Atlanta locken.

Doch Atlantas bester Spieler der regulären 60-Siege-Saison unterschrieb einen vergleichsweise moderaten (allerdings auch kurzen) Vertrag. Damit bleibt der Anker der Hawks dem Team ebenso erhalten wie Budenholzer die Möglichkeit, mit dem inzwischen passablen Distanzschützen das Stretch-Game zu spielen.

The Planet
Al Horford ... Trotz der Hymne auf den Koloss an seiner Seite: Wer sonst? Der one-Franchise-Typ (im neunten Jahr nur Atlanta) ist die Identifikationsfigur, einer der konstantesten, besten und unterschätztesten Big Men der NBA und hat ein verglichen mit seinem Status nachgerade lächerlich kleines Ego.

Am eigenen Korb kann man ihn ohne Schweißausbrüche gegen alle Gewichtsklassen von LeBron James bis Oliver Miller im Endstadium stellen, offensiv ist er – abgesehen vom Schlafzimmerblick – der Gewinner in jedem Tim-Duncan-Lookalike-Wettbewerb. Geht Horford 2016, wird die nächste Saison die letzte kompetitive der Hawks für lange Zeit gewesen sein.


Rising Star
Niemand. Gefühlt sind eigentlich alle am Limit oder schon darüber hinaus. Was generell ja nicht schlecht ist. Für „Dennis Schröder“ reicht mein Optimismus nicht, Splitter ist zu alt, beim Rest ist die Entwicklung konstant (Millsap, Horford, Korver) oder rückläufig (Hardaway, Scott), für Tavares ist die andere Kategorie reserviert. Also: niemand.

Falling Fast
Die giftspeiende Deutschbasketballgemeinde hätte wohl gerne den „EM-Versager“ (Haut ab!) gesehen, nehme ich an? Aber nein, und apropos giftgrün: Ich gehe hier mit dem Re-branding. 'Pacman' war zu schön, um wahr zu sein, bei den neuen Trikots ist das umgekehrt. Die offizielle Bezeichnung von Teamfarbe Nummer vier ist – so hörte ich – „Volt Green“, wobei V.O.L.T. wohl für „Vielleicht Ohne Licht ausgewählT“ steht. Hässlicher als ein 0-4 in den Conference Finals!

Don’t Sleep! 
Walter Tavares ... Auch ohne Falkenbrille (oh, the irony) eines der interessanteren Projekte des diesjährigen Drafts. Roh, klar, ist er ein recht intelligenter Verteidiger, der für seine rund 2,20 Meter erstaunlich mobil wirkt. Was den passablen Blocksteller im Übrigen offensiv (wo es ansonsten wenig Berichtenswertes gibt) zu einer Waffe im Pick & Roll macht.

Ob er hinter Millsap, Horford und dem neu akquirierten Splitter (hab ich ihn doch noch untergebracht) viele Minuten sehen wird, bleibt abzuwarten. Aber wenn die verletzungsprädestinierte Physiognomie hält, könnte er in ein paar Jahren ein Roy Hibbert für Einkommensschwache werden.


Good News
+ Das Team ist eingespielt, (fast) jeder kennt seine Rolle, der Geist in der Kabine ist einer der besten ligaweit
+ Atlanta spielt im Osten, bis auf die vermeintlichen Sleeper vom South Beach und die schon wieder verletzungszerzausten Bulls ist keine ernstzunehmende Konkurrenz für den Platz hinter Cleveland ersichtlich
+ Bei ausreichend gleißender Beleuchtung sieht das neongrün wie neongelb aus

Bad News
- Stillstand ist Rückschritt und so…und der Sommer 2015 war der stillstdenkbare
- Die kleine Flügelrotation ist die wohl schlechteste unter allen Teams mit Ambitionen jenseits der 45 Siege. Hardaway, Bazemore und Sefolosha haben alle kratergroße Löcher im Skills-Paket
- Antics Paket aus Kleiderschrankgröße, Osteuropamafia-Tattoos und stabilster Bart diesseits von Reggie Evans wird als optisches Highlight vermisst werden

Was fehlt?
Der beste Hawks-Spieler der Playoffs 2015, der jetzt in Toronto ist. Ansonsten eigentlich nicht viel, und doch Welten. Atlanta stand 2015 auf 100 Besitze offensiv und defensiv unter den Top-4 ligaweit, hat aber dank den Cavs doch keine Chance auf die Finals. Das ist Jammern auf hohem Niveau, aber die Hawks sind der Team-gewordene Beleg, dass der letzte Schritt von einer mehr als respektablen Mannschaft zum echten Contender größer ist als gemeinhin angenommen.

Blast from the Past


KGDCG
Hier war eine Hommage an einen zweimaligen Slam-Dunk-Champion vorgesehen, der nicht Dominique Wilkins heißt. Dann trat J-Poor zurück. Aus Respekt vor dem Lebenswerk bleibt diese Kategorie leer. Vom Lebensalter gehört hier Korver hin, aber ein 50/50/95-Fella, der Steph Curry als besten Shooter der Welt in Frage stellt, hat seine Schecks schlichtweg verdient. Wenn gar nichts hilft, nehmt Thabo Sefolosha. Die Tage des Ex-Bullen als relevanter 3-and-D-Spieler sind ähnlich lange her wie Derrick Rose' letzte verletzungsfreie Saison.

LP-Rating


Hier muss ein wenig Selbstreferentialität (doch, das ist ein Wort) erlaubt sein. Wenn die Nuggets nur wegen Mudiay drei Röhrenglotzen erhalten, sind hier vier die untere Kante. Die arschkrampenhässlichen Playoffs haben vergessen lassen, dass die Falken ihre 60 Siege zuletzt auf der Schönfahrerspur erspielten. Der Ball wird geteilt und versinkt nur selten (lies: mit dem Braunschweiger auf der Platte) im schwarzen Dauerdribblingloch. Wer puren Teambasketball (was ein – treffendes – Klischee) mag und wem der Zeitunterschied bis zum Alamo zu groß ist, ist bei den Hawks richtig aufgehoben.

Eine Frage noch...
Kelly Oubre, WTF? Der Hawks-Draft war ein einziges Dummdumm-Geschoss. Mit Carrolls nahendem Abgang als Bürde, Oubre für Jerian Grant nach Atlanta zu schicken, war schon eher mittel. Grant dann für Hardaway zu verschiffen, war einer der schlechteren Hawks-Deals seit den 120 Millionen Dollar für "Iso-Joe." Dass Atlanta für Oubre zwei künftige Zweitrunder abstaubte, ist ebenso richtig wie für ein Win-Now-Team völlig nutzlos. Als Conference-Finalist an #15 draften und Tim Hardaway Jr. dabei rausholen? Kann man zwar machen, aber das ist dann halt…WTF! 

Check 1,2
Vor einem Jahr schien der Himmel die Grenze zu sein. Ist er auch immer noch. Wenn der Himmel aussieht wie 60 Siege zuzüglich zwei Playoff-Runden. Die Hoffnung auf Mehr wäre eine Schimäre. Eher dürfte es leicht bergab gehen. Zwei Playoff-Runden sind je nach Matchup sicherlich wieder drin, aber die gläserne Decke in Cleveland ist errichtet. Und sollten Love und Irving ihre Knochen zusammenhalten, wird das Ende der nächsten Hawks-Saison noch deutlich hässlicher als das der vergangenen.

Chef-Orakel
50-32

Playoffs?