19 Oktober 2015

19. Oktober, 2015


Mit dem Media Day, Trainingscamps und ersten Testspielen ist die neue NBA-Saison 2015/16 inoffiziell underways. Wie jedes Jahr checken wir vor dem Start alle Teams medizinisch durch. Die komplette Liste mit allen 30 Mannschaften findet ihr hier.

von TORBEN ADELHARDT @Torben41

Flashback
38-44, Keine Playoffs

Plus
Monta Ellis
Jordan Hill
Myles Turner
Chase Budinger
Joseph Young
Rakeem Christmas
Glenn Robinson III
Toney Douglas

Minus
Roy Hibbert
David West
Chris Copeland
Luis Scola
Donald Sloan
C..J. Watson
Damjan Rudez

Cap-Situation
73 Mio. $ Gehalt
über dem Cap

Stimmung so?


Was ist Neu?
Eine ganze Menge. Das Front Office der Indiana Pacers präsentierte sich in der Sommerpause aktiver als ein ADHS-Patient, der sein Ritalin verlegt hat. Den sieben Abgängen stehen acht Neuzugänge gegenüber – die Trikotbeflocker in Indianapolis hatten alle Hände voll zu tun. Diese personelle Fluktuation steht in einem untrennbaren Zusammenhang mit der neuen basketballerischen Spielausrichtung, welche GM „Larry Legend“ bereits unmittelbar nach Beendigung der vergangenen Saison ausgerufen hat. 

Bird sah die Zeichen der Zeit und krempelte den Kader der Pacers von links auf rechts. Also von groß auf klein. Jahrelang wurde Indiana mit einer hervorragenden Verteidigung und einem langsamen, systematischen Inside-Outside-Spiel in der Offensive assoziiert, Paul George, Lance Stephenson, David West und Roy Hibbert waren die Fixpunkte der Pacers wie wir sie kannten. Das Big Man-Tandem West und Hibbert gehört nun der Vergangenheit an, und damit auch die Spielidentität der letzten halben Dekade. „Smashmouth Basketball“ Ruhe in Frieden. Es soll nun die Pace angekurbelt und die Transition-Offense stärker forciert werden. Mit Smallball-Aufstellungen wird versucht, die offensive Durchschlagskraft zu maximieren und in der Defensive auf dem Flügel weiterhin viel Druck zu machen – kurz: die Pacers anno 2015/16 werden sich in einem völlig neuen Gewand präsentieren.

Beste Addition
Monta Ellis ... Ganz klar: Die neuen Hickory-Jerseys, welche dem grandiosen Basketball-Film Hoosiers entliehen sind. Dann kommt erst einmal lange nichts. Und dann Monta Ellis. In den vergangenen zwei NBA-Spielzeiten haben wir gesehen, wie der Basketballer Ellis im Angriff effizient und effektiv eingebunden werden kann – und wie nicht. Als primärer Ballhandler in Pick & Roll-Spielzügen brillierte die „Mississipi Missile“ im Mavericks-Jersey und gehörte 2014/15 mit 608 Punkten (Platz 3) nach eben jenem simpelsten aller Offensivspielzüge zu den effektivsten NBA-Ballhandlern.

Und genau jene Qualitäten soll Ellis auch in der Pacers-Offense einbringen, wo er mit seinen Drives für Scoring sorgt. Dass der 29-Jährige mit der Rolle des Off-Guards nicht sonderlich gut zurechtkommt, verdeutliche das desaströse Rondo-Intermezzo im letzten Halbjahr. An der Seite von George Hill, der ein effizienter Spot-up-Schütze ist (2014/15: 1,28 PPP), dürfte Ellis wieder in die Spur finden und die (offensive) Metamorphose der Pacers vorantreiben.

The Planet
Paul George ... Der 25-Jährige steht vor einer schweren Saison, die mit einigen Fragezeichen behaftet ist. Mit was für einer Effektivität kann der Rekonvaleszente nach seinem Schien- und Wadenbeinbruch aufwarten? Kann sich George mit seiner neuen Rolle als partieller Vierer in Smallball-Aufstellungen arrangieren? Dass „PG13“ weiterhin der unumstrittene Führungsspieler und Franchise-Anker hier ist, steht nicht zur Debatte.

Seine Fähigkeiten als Two-Way-Player, der in der Defensive von der Eins bis zur Vier jede Position effektiv verteidigen und in der Offensive nach Drives, Cuts oder per Sprungwurf erfolgreich abschließen kann, werden von Head Coach Frank Vogel dringend benötigt. Doch auch George wird sich ersteinmal an den neuen, schnelleren Spielstil akklimatisieren und effiziente Abschlussoptionen neben den zwei Ballhandlern Hill und Ellis finden müssen.


Rising Star
Solomon Hill ... Der Absolvent der University of Arizona nutzte die letztjährige Abwesenheit von George, um sich in der Flügelrotation der Pacers festzuspielen und seinem Coach zu zeigen, weshalb er ein funktioneller Bestandteil der neuen Pacers-Truppe sein sollte.

Als vielseitiger Flügelspieler, der mit moderatem Spot-up-Shooting (35,4% 3FG), Rebounding (3,8 RPG) und Passspiel (2,2 APG) aufwartet, kann Hill in verschiedene Lineups integriert werden und der Offensive der Pacers Variabilität verleihen. Mangels Alternativen (Mahinmi muss erst einmal beweisen, dass er eine signifikante Steigerung seiner Spielzeit nutzen kann) geht der teaminterne MIP-Award an Drittjahresprofi Hill.

Falling Fast
Die Titelambitionen der Pacers ... 2013 und 2014 stand Indiana zweimal hintereinander in den Finals der Eastern Conference, doch Verletzungen, Lance Stephenson und die „Miami Thrice“ in ihrer Prime machten dem Traum von dem Gewinn der Larry O'Brien Trophäe einen Strich durch die Rechnung. Und nun ist das Championship-Fenster für Indiana geschlossen. GM Bird bemüht sich um eine Umstrukturierung in Eiltempo, doch der Status Quo heißt vorerst Mittelmaß.

Währenddessen unterstellen die Kritiker Bird einen überzogenen Aktionismus. Smallball-Basketball als temporäre Modeerscheinung, für die keine komplette Spielidentität aufgegeben werden sollte. Bis der Angriff auf die Spitze der Eastern Conference wieder eingeläutet werden kann, wird tatsächlich einige Zeit ins Land ziehen. Die Ansicht von Bird, dass der George-West-Hibbert-Nukleus seinen Zenit überschritten hat, ist rational jedoch durchaus nachvollziehbar.

Don’t Sleep! 
Myles Turner ... Es gab in der letzten NCAA-Saison nur wenig deprimierenderes, als bei den Spielen von Turner und seinen Texas Longhorns einzuschalten. Dies lag in erster Linie daran, dass Turner in der Offensive von seinem Head Coach Rick Barnes nur unzulänglich eingebunden wurde und bei seiner Wurfauswahl ein zweifelhaftes Faible für Turnaround-J's an den Tag legte. Dabei besitzt der junge Big Man ein Skillset, das wie gemacht für das Spiel in der modernen NBA zu sein scheint.

Er verfügt über ein unfassbar weiches Wurfgelenk (FT%: 83,9), was ihn zu einem idealen Partner für Hill und Ellis in Pick & Pop-Situationen macht; er kann so die Rolle des Stretch-Bigs ausfüllen; er ist athletisch genug, um die Transition mitzulaufen; und er ist in der Defensive dank seiner Agilität und Länge ein effektiver Shotblocker. Die dünne Personaldecke im Pacers-Frontcourt wird dafür sorgen, dass Turner reichlich Spielzeit zieht. Bleibt nur zu hoffen, dass der verletzungsanfällige Jungspund über einen längeren Zeitraum fit bleibt.


Good News
+ Paul George ist endgültig zurück! Der zweifache All-Star gehörte vor seiner schwerwiegenden Verletzung der individuellen Top-5 der NBA an. Als grandioser „Lockdown-Defender“ und variabler Scorer und Passer in Personalunion, wird er, seine vollständige Genesung vorausgesetzt, seinem Team in der Offense und Defense Stabilität verleihen
+ Der Backcourt ist mit Hill, Ellis, Rodney Stuckey und Rookie Joseph Young qualitativ gut besetzt. Die Guards sind allesamt brauchbare Ballhandler und dynamisch genug, um die Transition-Offense anzutreiben und mit ihren Drives für Scoringgefahr zu sorgen. Hinzu kommt ein athletischer Frontcourt, bei dem alle drei Spieler (Mahinmi, Turner und Jordan Hill) die Transition mitlaufen können
+ Die Smallball-Aufstellungen sehen (zumindest) auf dem Papier vielversprechend aus. Lineups wie Hill-Ellis-Miles-George-Turner kündige Spacing en masse an und werden jede Defensive der Liga dank ihrer effizienten Spot-up-Schützen und multiplen Ballhandler unter Dauerbeschuss setzen. Jedoch...

Bad News
- ... sind die meisten Lineups der neuen Smallball-Pacers ein fragiles Defensivgebilde. Es fehlt an phyischen Lowpost-Bigs, die Postups effektiv verteidigen können. Ellis hat große Schwierigkeiten, seinen direkten Gegenspieler an der Penetration zu hindern und auch C.J. Miles hat sich Zeit seiner Karriere als Minus-Verteidiger aufgetan
- Die Abgänge der Big Men West und Hibbert schmerzen enorm. West war trotz schwindender Athletik dank seiner Physis, Mentalität und Härte ein sehr verlässlicher Verteidiger. Hibbert besaß nach dem Pero-Antic-Playoff-Debakel 2014 nicht mehr den besten Leumund, aber zählte weiterhin zu den effektivsten Ringbeschützern der NBA. Mahinmi, der noch nie mehr als 19 MPG in einer Saison spielte, ist nun der wichtigste Post-Verteidiger. Puh...
- George ist knatschig. Der Star hat in etwa soviel Vorfreude auf die Power Forward-Position wie Shawn Kemp auf seine alljährlichen Alimentenzahlungen und tut seinen Unmut über die Medien kund. „Du spielst da, wo der Trainer dich aufstellt“ - im Fall von George müssen Vogel und Bird, die nicht nur aus linguistischer Sicht ein formidables Trainer-General Manager-Duo bilden, noch Überzeugungsarbeit leisten

Was fehlt?
Qualität auf dem Flügel. Mit Solomon Hill, C.J. Miles, Chase Budinger und Glenn Robinson III. tummelt sich viel Durchschnitt auf dem Flügel. Eine Leistungssteigerung von Hill ist möglich, und auch Miles bringt seine Qualitäten ein (Shooting), aber alles in allem mangelt es hier an Talent. George wird auch Spielzeit auf dem Flügel sehen und in seiner Paraderolle als „Two-Way-Wing“ brillieren.

Doch wenn „PG13“ auf seiner angestammten Position aufläuft, wird wiederum die dünne Personaldecke im Frontcourt offensichtlich. An dieser Stelle zeigt sich am deutlichsten, dass die Pacers noch in der Phase des Umbruchs stecken und die notwendige Balance hinsichtlich der Qualität ihres Back- und Frontcourts noch nicht gefunden haben.

Blast from the Past


KGDCG
Chase Budinger … Der Wing geht in sein letztes Vertragsjahr, welches ihm noch einmal 5 Mio. $ bescheren wird. Doch danach dürfte es für den 27-Jährigen schnell in Richtung „Veteran Minimum“ gehen. Zu verletzungsanfällig, zu unkonstant, zu inkompetent bei der Verteidigungsarbeit (checkt seine Defense-Stats – so grausam, wie es zuletzt auch aussah) – die „glorreichen“ Tage von Budinger liegen lange zurück und datieren noch aus seiner Zeit bei den Houston Rockets. Die Pacers dürfen sich bereits glücklich schätzen, wenn Budinger über einen längeren Zeitraum gesund bleibt und von der Bank aus kommend für Shooting auf dem Flügel sorgt.

LP-Rating


Zugegeben: die Verlockung war sehr stark, an dieser Stelle lediglich zwei Röhrenfernseher zu vergeben. Aber im Endeffekt überwiegen dann doch die positiven Aspekte bzw. die Neugier auf die neumodellierten Pacers. Paul George ist zurück – auf der Vier. Funktionieren die Smallball-Pacers und werden sie ihrem Namen alle Ehre machen? Werden Ellis und George Hill im Backcourt harmonieren? Kann Ian Mahinmi tatsächlich Starterminuten auf der Fünf abreissen? 

Fragen über Fragen und es wird spannend sein zu sehen, wie Head Coach Vogel das neue Offensivkonzept aufs Parkett bringt. Und notfalls gibt es noch einen Extra-Fernseher für Myles Turner. Sollte er fit bleiben und seine Foulanfälligkeit bei der Beschützung des eigenen Korbs minimieren, dann steht in den Reihen der Pacers ein heißer Anwärter auf den „RoY-Award“.

Eine Frage noch...
Wird die Defensive der Pacers ohne die Bigs Hibbert und West wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen? Die Gefahr ist definitiv real. Natürlich werden die Pacers nicht plötzlich ein Defensiv-Rating von jenseits der 110 auflegen, doch die letztjähren Verteidungsautomatismen und -strategien müssen nun umstrukturiert werden. 

Die Pacers konnten jahrelang permanent Durck auf die Ballhandler am Perimeter ausüben, da sie sich bei den Drives auf die Hilfe ihrer Big Men im Interior verlassen konnten. Nur wenige Teams verteidigten gegnerische Post-ups effektiver als Indiana. Die Neuzugänge Ellis und Jordan Hill haben ihre defensiven Unzulänglichkeiten und es ist äußerst fraglich, ob die Pivoten Mahinmi und Turner die Pacers-Zone verlässlich dicht machen können.

Check 1,2
Der Neustart in Indianapolis, von Bird als unumgänglich verkauft, wird in dieser Saison die ersten Konturen annehmen. Die Spieler sollen die neue Offense-Philosophie adaptieren und sich das taktische Korsett einer „Pace-and-Space“-Offensive verinnerlichen. Es wird interessant sein zu sehen, wie George im Angriff als Smallball-Power Forward Mismatches kreiert und wie er in der Verteidigung gegen seine physischeren Kontrahenten agiert. 

Der Verlust ihrer zwei besten Post-Defender und der endgültige Abschied des zermürbenden „Smashmouth-Basketball“ - es weht ein neuer Wind im basketballverrückten Bundessaat. Im Kampf um die hintersten Playoff-Plätze nehmen die Pacers bestenfalls die Rolle des Außenseiters ein, doch in diesem Jahr liegt das Hauptaugenmerk sowieso eher auf der Evaluierung des vorhandenen Spielermaterials. Bird und Vogel (Hihi) wollen sehen mit welchen Akteuren sie in den nächsten Jahren die neue Spielphilosophie weiter vorantreiben können.

Chef-Orakel
37-45

Playoffs?