19 Oktober 2015

19. Oktober, 2015


Mit dem Media Day, Trainingscamps und ersten Testspielen ist die neue NBA-Saison 2015/16 inoffiziell underways. Wie jedes Jahr checken wir vor dem Start alle Teams medizinisch durch. Die komplette Liste mit allen 30 Mannschaften findet ihr hier.

von ONUR ALAGÖZ @LakersParadigm

Flashback
21-61, Keine Playoffs

Plus
D’Angelo Russell
Larry Nance Jr.
Marcelo Huertas
Roy Hibbert
Brandon Bass
Lou Williams
Metta World Peace (!)

Minus
Ed Davis
Jeremy Lin
Wesley Johnson
Carlos Boozer
Wayne Ellington
Jordan Hill
Ronnie Price

Cap-Situation
74 Mio. $ Gehalt
über dem Cap

Stimmung so?


Was ist Neu?
Nach der schlechtesten Saison der Franchise-Geschichte versucht das Management nun mit allen nötigen Mitteln, das Ruder herumzureißen. Kobe Bryants letzte (oder vorletzte) Saison wird zumindest vom Mindset her anders als die beiden vorangegangenen. Mit D'Angelo Russell, Julius Randle, Jordan Clarkson, Lou Williams und Roy Hibbert hat L.A. Spieler nun Spieler im Kader, die im Fall der ersten drei entwickelt und im Fall der letzten beiden zurück zu alter Stärke finden sollen. Erstmals seit gefühlten Ewigkeiten besitzen die Lakers gleich zwei junge Lotterypicks, beide mit enormer Upside, denen die Schlüssel zum Staples Center in die Hand gedrückt werden sollen.

Gut hier: Die „Win-now“-Mentalität ist aus den Köpfen von Buss, Kupchak & Co. gewichen. Alle Beteiligten, vielleicht mit Ausnahme von Kobe, sind sich bewusst, dass sie im Westen nichts zu melden haben. Die Zeit soll genutzt werden, um dem jungen Nukleus Spielpraxis zu geben. Russell soll auf der Eins starten - eine Herkules-Aufgabe im geladenen wild Westen.

Beste Addition
Roy Hibbert ... Der tief Fall des ehemaligen Franchise-Centers der Indiana Pacers soll hier und jetzt aufhören. Erinnert sich noch jemand an das defensive Bollwerk, das einst den Gegnern den letzten Nerv raubte? Hibbert war vor wenigen Jahren einer der prominentesten Namen und Dauerkandidaten in der Diskussion um den Defensive Player of the Year.

Hier soll er anknüpfen. Unter Coach Scott wird Hibbert der uneingeschränkte Quarterback der Verteidigung sein. Mit seinen massiven Ausmaßen – 2,18m & über 120kg – soll er die Zone sichern und den eigenen Ring sauber halten. Gute Nachricht für Lakers-Fans: Es kann nur aufwärts gehen; vorige Saison waren die Lakers zweitletzter bei der defensiven Effizienz... kaum ein Wunder bei Spielern wie Carlos Boozer, Jordan Hill und Robert Sacre in der Zone. Im Zusammenspiel mit Russell und Clarkson als Perimeter-Verteidiger bietet die Paarung mit Hibbert durchaus Potenzial, sollte der seine mentale Labilität im Griff haben. 

The Planet
Kobe Bryant ... Solange sein Name im Wikipedia-Artikel unter „Lakers-Roster“ steht, ist und bleibt Kobe der unangefochtene Franchise-Spieler. Er ist der Closer, der emotionale und physische Leader der Truppe. In seiner 20. Saison gibt es hier nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu beweisen – und leider auch nichts mehr zu gewinnen.

Aus genau diesem Grund wird Kobe weiter scoren, versuchen diverse Altersrekorde zu knacken und seinen Karriereabend Abend für Abend unter bewundernden Blicken der Menge an der 1111 S. Figueroa Street auslaufen lassen. Jetzt noch irgendwo anders hin zu wechseln steht nicht mehr zur Debatte. Das Team in die Playoffs zu tragen aber auch nicht mehr. Sicher, mit den meisten Spielern kann es 'Black Mamba' nach wie vor aufnehmen. Aber die Zeit läuft auch für ihn nicht langsamer. Eine Hall of Fame Karriere neigt sich dem Ende entgegen.


Rising Star
Jordan Clarkson ... Der Point Guard war die Überraschung der letzten Saison. Als 46. Pick zunächst übersehen, entwickelte er sich rasant in Richtung Stützpfeiler der Franchise. Nach dem All-Star Break legte er hervorragende Zahlen auf: 16,7 Punkte, 4,6 Rebounds, 5,4 Assists pro Abend. Mit 1,96 Metern bietet Clarkson Gardemaß als Aufbauspieler, kann aber ebenso auf der Zwei auflaufen. Gerade defensiv bietet er einen riesigen Mehrwert zu den – galant gesagt – minder begabten Verteidigern wie Lou Williams, Nick Young und Kobe Bryant.

Der Plan des Managements, aus Clarkson und Russell ein doppelköpfiges Guard-Monster zu machen, immer variabel, perfekt für den modernen Basketball, könnte aufgehen. Schafft es Clarkson, sich durch den drohenden Sophomore-Slump zu kämpfen, wird Coach Scott ihn mit mehr Spielzeit belohnen müssen. Er ist effektiv, und es macht Spaß macht, ihm zuzusehen. Clarkson hat das, was den Lakers die letzten Jahre abging: Energie.

Falling Fast
Nick Young ... Young wird bald nicht mehr ins Konzept der Lakers passen. Tat er das jemals? Als gnadenloser Gunner, der einen zwar ins Spiel, aber auch aus dem Spiel ballern kann, wird er hinter teamdienlicheren, intelligenteren Profis zurückbleiben. Das Privileg, nach Wunsch und Belieben Würfe zu chucken, ist Kobe vorbehalten.

Das Management will wieder auf die Siegesstraße, die nicht breit genug für Youngs Ego ist. Gerade seine Spirenzchen abseits des Feldes, sein Alter Ego „Swaggy P“, all diese Dinge gehören nicht mehr in die Umkleidekabine. Besonders Kupchak ist darauf bedacht, keine Seifenopern mehr zu unterhalten... da passt ein Möchtergern-Entertainer wie Nick Young einfach nicht mehr rein. Ich rechne damit, dass er in den ersten Monaten veräußert wird. Beim richtigen Team kann er durchaus als Heatchecker von der Bank für Furore sorgen. Die Lakers aber gehen einen anderen Weg – und den wohl ohne ihn.  

Don’t Sleep! 
Julius Randle ... 15 Minuten - solange dauerte die Rookie-Saison des Lakers-Lottery-Picks 2014. Nach überstandenem Beinbruch ist der Youngster wieder fit und kann es kaum erwarten, endlich richtig durchzustarten. Bei den Lakers wird er genügend Möglichkeiten erhalten, sein Können unter Beweis zu stellen. Die Mannschaft wird sich früh aus dem Playoff-Rennen verabschieden und seinen Perspektivspielern viel Einsatzzeit garantieren.

Randle hat die Power und Mobilität, um sich auf der Vier als wichtiger Stützpfeiler nicht nur dieser, sondern auch zukünftiger Lakers-Mannschaften zu etablieren. Niemand sollte erwarten, dass er sofort Zahlen wie ein Zach Randolph in seiner Prime auflegt - im Übrigen der Spieler, der aufgrund körperlicher und spielerischer Parallelen am häufigsten genannt wird, wenn es darum geht, Randle zu charakterisieren. Das muss der 20-Jährige aber auch nicht. Eine 'Z-Bo Light' Variante reicht L.A. in der kommenden Saison bereits völlig aus.


Good News
+ Randle ist gesund und sieht gut aus. Seine Power hat er nicht eingebüßt, er hatte ein ganzes Jahr, um die Feinheiten des NBA-Spiels zu beobachten. Das hat bei Blake Griffin damals Wunder bewirkt. Eine ähnliche Rückkehr aufs Parkett würde dieses Team beflügeln
+ Die Organisation hat gelernt, sich mit dem temporären Loser-Image zu versöhnen und lieber graduell aufzubauen. Nächstes Jahr gehen etliche Verträge von den Büchern, Kupchak hat enormen finanziellen Spielraum
+ Mit Russell, Clarkson und Williams hat L.A. drei Guards, die mit ihrer Geschwindigkeit den Gegner schwindlig spielen können und beinahe beliebig austauschbar sind. Hier wird es die ein oder andere spektakuläre Small Ball Lineup geben

Bad News
- Reißt Hibbert in der Defensive nichts, bleibt die Defensive ein absoluter Alptraum
- L.A. spielt immer noch in der Western Conference, die in dieser Offseason noch besser und tiefer geworden ist
- Das Management muss sich endgültig einem Rebuild hingeben. In L.A. rebuildet man eigentlich nicht, man reloadet. Der Zug ist aber endgültig abgefahren

Was fehlt?
Ein klarer Erbe für Kobe. Russell, Clarkson, Randle sind allesamt potenzielle  künftige Stars, aber keine Franchise-Spieler. L.A. muss irgendwie die großen Fische an Land ziehen. Der früher belächelte Mitbewohner, die Clippers, sind mittlerweile um Welten besser aufgestellt - das kratzt am Ego. Auf den großen Positionen mangelt es an offensiver Power. Außer Randle gibt es hier keinen zuverlässigen Scorer und selbst bei ihm ist fragwürdig, wie konstant er punkten wird. Rebounding wird ebenfalls ein Problem sein. Hibbert ist keiner, der die Bretter putzt, dahinter wird es ohnehin dünn.

Blast from the Past


KGDCG
Kobe Bryant … In einer Zeit, in der multiple ex-Superstars wie Tim Duncan, Dirk Nowitzki und Kevin Garnett auf Geld verzichten, um ihren Teams die Möglichkeit zu eröffnen, besseres und damit teuereres Talent zu verpflichten, geht Bryant den umgekehrten Weg. Er nimmt, was er sich über zwei Hall-of-Fame Dekaden redlich verdient hat: nämlich soviel, wie viel die Lakers ihm maximal überweisen wollen. Das sind in seinem speziellen Fall 25 Mio. $ für 82 Partien. Er ist damit nicht nur der 2015/16 am üppigsten bezahlte Spieler der NBA, sondern auch Zielscheibe giftspeiender Fans. Wann hat so etwas Kobe jemals tangiert? 

LP-Rating


Viel wird’s hier nicht zu sehen geben - außer die bereits angesprochenen jungen Wilden im Team. Russell, Clarkson, Randle und Nance, das ein oder andere Highlight wird also in jedem Spiel zu bewundern sein. Lakers-Games werden aber trotzdem anstrengend. Das Team muss sich finden, lernen, das ist als Zuschauer eher ermüdend als spannend. Kobe wird hin und wieder mal eine kleine Explosion oder Serie hinlegen, was den Basketball-Medien einen kleinen Eintrag wert sein wird. Davon aber ab: Wenn ihr kein Lakers-Fan seid, sei euch verziehen, wenn ihr hier weiterzappt.

Eine Frage noch...
Welche Free Agents lassen sich nach Tinseltown locken? Nächstes Jahr sind bisher nur 24 Millionen Dollar als Daueraufträge angegeben, mit steigendem Salary Cap steht L.A. in finanzieller Hinsicht also mehr als hervorragend da. Aber: Welcher Star will kommen? Schafft es Kupchak, einen Spieler aus den Top-10 anzulocken? Wie viel Geld wird Kobe nehmen, wenn er noch eine Saison dran hängt? Der Weg zurück an die Spitze ist lang und schwer. Der erste Schritt mit guten Draftentscheidungen ist gemacht. Jetzt muss Kupchak nachlegen.  

Check 1,2
Ohne Scheiß: Es kann nur besser werden. 61 Niederlagen aus der vorherigen Saison werden nicht noch einmal passieren. L.A. hat Talent im Kader, das entwickelt werden will. Veteranen, die einen zweiten Frühling erleben möchten. Ein Management, das langsam die Augen öffnet und sich nicht mehr arrogant auf den Glanztaten vergangener Jahre ausruht. 

Dennoch: Hier gibt es (noch) nichts zu reißen. Der Westen ist zu stark, das Team zu unhomogen und die Schlüsselspieler noch zu jung. Klar, es ist vielversprechend, was da heranwächst, aber für den Upper Echelon der Ligaelite reicht es bei weitem noch nicht. Eventuell gibt es Kobes Farewell-Tour als Highlight, wie damals bei Jordan. Vielleicht den ein oder anderen Statement-Sieg. Dann steht ein weiterer Trip in die Lottery an. Beenden die Lakers die Saison nicht mit einer der drei schlechtesten Bilanzen, geht der eigene Pick an die Philadelphia 76ers. 

Chef-Orakel
30-52

Playoffs?