19 Oktober 2015

19. Oktober, 2015


Mit dem Media Day, Trainingscamps und ersten Testspielen ist die neue NBA-Saison 2015/16 inoffiziell underways. Wie jedes Jahr checken wir vor dem Start alle Teams medizinisch durch. Die komplette Liste mit allen 30 Mannschaften findet ihr hier.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Flashback
17-65, keine Playoffs

Plus
Kristaps Porzingis
Robin Lopez
Arron Afflalo
Derrick Williams
Jerian Grant
Kyle O'Quinn
Kevin Seraphin
Sasha Vujacic

Minus
Andrea Bargnani
Shane Larkin
Tim Hardaway Jr.
Alexey Shved
Jason Smith

Cap-Situation
76 Mio. $ Gehalt
über dem Cap

Stimmung so?


Was ist Neu?
Großputz im Madison Square Garden. Altlasten wie Bargnani und Hardaway wurden entsorgt, stattdessen sind acht der Spieler mit garantiertem Vertrag Neuzugänge. Infolge einer historisch schlechten Saison holte der neue starke Mann am Big Apple, ein gewisser Phil Jackson, nach dem Motto 'schlimmer geht nimmer' Spieler in den Kader, die tatsächlich etwas können – Mangelware im Vorjahr. Die komplette Kehrtwende, das Akquirieren eines legitimen All-Stars, blieb aus.

Deshalb kommt der neue Hoffnungsträger gefühlt zum ersten Mal seit die Stadt noch Neu-Amsterdam hieß, über den Draft. Und zwangsläufig über Gescheiterte und Gefallene, so zum Beispiel Derrick Williams: Der zweite Pick des 2011er Drafts und Höhepunkt der miserablen Draft-Historie der Timberwolves erhält im Madison Square Garden so etwas wie eine letzte Chance. Auch Arron Afflalo – die Älteren werden sich erinnern, dass er in Denver einst ein nützlicher Spieler war – war zuletzt auf dem absteigenden Ast und hofft auf einen Neuanfang.

Beste Addition
Robin Lopez ... In Portland ist der visuell liebevoll mit Sideshow Bob verglichene Center zu einem der zuverlässigsten seiner Zunft gewachsen. Offensiv zwar limitiert, macht der (ohne Dreads) 2,13 Meter Mann in der Zone sehr unaufgeregt eben das, was man von einem klassischen Big Man erwartet: Zustellen, rebounden, blocken, den Korb verteidigen.

Als echter Anti-Bargnani verleiht er der New Yorker Defense (Defense Efficiency in der Vorsaison: 107,2 – Drittletzter) wieder so etwas wie eine Identität – zumindest Respektabilität, auf der sich aufbauen lässt. Davon ab gibt es von nun an einen Zwillingskampf um die Metropole, denn Bruder Brook spielt bekanntlich für die Nets. Im Derby streiten die beiden Hünen nun um New York wie einst Romulus und Remus um die ewige Stadt. Nur eben mit nicht ganz so großer kulturell-historischer Relevanz.

The Planet
Carmelo Anthony ... Die Alptraumsaison 2014/15 abgeschüttelt, geht es für Melo in der kommenden um nicht weniger, als die eigene Karriere zu retten und nicht als ewiger Verlierer in die Geschichtsbücher einzugehen. Die Knicks sind sein Team, das er mit seinen vielseitigen offensiven Talenten tragen kann.

Auch wenn der ein oder andere das in der Zwischenzeit vergessen oder verdrängt haben mag: Melo ist einer der besten und vielseitigsten Scorer der Welt. Es liegt nun am inzwischen 31-Jährigen, die Knicks zurück in die Gewinnerspur zu fahren und mit Hinblick auf die Free Agency 2016 wieder attraktiver werden zu lassen. Ob die Knicks für Melo früh genug wieder relevant werden, steht auf einem anderen Stern.


Rising Star
Kristaps Porzingis ... Höchster Knicks-Pick seit Patrick Ewing, dennoch Entsetzen und Buhrufe im Madison Square Garden, gepaart mit einer Schelte vom allseits geschätzten, geradezu verehrten (nicht!) Analysten und Experten Stephen A. Smith – das geht nur in New York. Dem 19-jährigen Letten wurde der Einstieg denkbar schwer gemacht. Sein Willkommensgruß glich einem mittelalterlichen Gang zum Pranger.

An der Entscheidung für den baltischen Schlaks gibt’s aber nichts zu rütteln. 2,21 Meter groß, beweglich, kann werfen und passen... in einer Zeit, in der selbst die längsten Spieler auf dem Parkett immer weiter weg vom Ring entfernt agieren, ist ein Mann von dieser Statur und diesen Fähigkeiten jeden Millimeter Körpergröße in Gold wert. Im ersten Jahr wird der Center-Forward aller Voraussicht nach eine Menge Lehrgeld bezahlen, doch wer sich an die ersten mühsamen NBA-Fußstapfen eines Kevin Durant oder Anthony Davis erinnert, der wird dieses Lehrgeld als lohnbringende Zukunftsinvestition anerkennen... sofern er kein kurzsichtiger, aufbrausender und ungeduldiger New Yorker ist. 

Falling Fast
José Calderon ... Vom Publikumsliebling in Toronto zum Hoffnungsträger in Dallas zum... na ja, was eigentlich? In seinen besten Zeiten glänzte der Spanier trotz bekannter defensiver Mängel als Passgeber, Stratege und historisch starker Freiwurfschütze. Davon ist 2015 nicht mehr viel übrig. Ob er nur vom Sog des miserablen Teams des Vorjahres in den Abgrund gezogen oder doch schon vom Zahn der Zeit eingeholt worden ist, wird sich in diesem Jahr offenbaren.

Vergangene Spielzeit verpasste der Spanier 40 Partien, so viele wie nie zuvor in seiner mittlerweile zehn Jahre andauernden NBA-Karriere. Aufsteiger Langston Galloway rüttelt längst an seinem Posten als erster Spielmacher. Und im 19. Pick des diesjährigen Drafts, Jerian Grant, steht zudem ein durchaus fähiger weiterer Point Guard Gewehr bei Fuß, in dem nicht wenige New Yorks Aufbauspieler der Zukunft sehen.

Don’t Sleep! 
Kyle O'Quinn ... Die Stats des Kraftpakets reißen sicherlich niemanden vom Hocker, dennoch ist der gebürtige New Yorker einer dieser Zugänge, die gerne unter dem Radar verschwinden, das Team aber nachhaltig verbessern. Der Forward mit dem irischen Namen ließ bei den Magic seine Fähigkeiten aufblitzen, wenn er denn durfte.

Als Orlandos Stammcenter Nikola Vucevic kurzzeitig ausfiel und O'Quinn für fünf Spiele dessen Postion übernahm, legte der 25-Jährige in dieser Zeit im Schnitt 15 Punkte und knapp sieben Rebounds auf. In der Zone geht er furchtlos zu Werke, hat aber auch an seiner Mobilität gearbeitet, mit dem Ball umgehen kann der 49. Pick des 2012er Drafts auch. Darauf lässt sich aufbauen, vor allem im bis dato tendenziell talentbefreiten New Yorker Frontcourt.


Good News
+ Melo hat seine Verletzung überstanden und ist schon wieder eifrig dabei, Mitteldistanzwürfe zu nehmen
+ Lopez, Afflalo, O'Quinn oder Seraphin klingen nach Namen mit NBA-Daseinsberechtigung... Definitives Upgrade zum Vorjahr
+ Die vergangene Übergangssaison (Euphemismus) wurde genutzt, um in einem riesigen Misthaufen einen Rest Weizen unter Spreu zu finden. Langston Galloway hat Potential gezeigt, auch aus Cleanthony Early und Lance Thomas können noch passable NBA-Spieler werden

Bad News
- Der Kader ist besser als im Vorjahr, aber immer noch weit davon entfernt, wirklich gut zu sein. Selbst für den achten Platz im miserablen Osten werden sich diese Knicks sehr strecken müssen
- Früher genügten die Namen 'New York' und 'Madison Square Garden', um begehrte Free Agents an Land zu ziehen. 2015 nicht mehr. Die größten Namen verschwendeten im Sommer erst gar keine Zeit mit Gedankenspielen an einen Wechsel ins einstige Basketball-Mekka. Selbst die zweite Garde, etwa Greg Monroe, zog die traditionell farblosen Bucks den Knicks vor
- Das New Yorker Publikum zahlt sehr viel Geld für Eintrittskarten und TV, entsprechend schnell lassen sie das Team ihren Unmut spüren. Die Kniehosenträger bräuchten eigentlich Zeit, zusammenzuwachsen. Diese haben sie nicht – und bei einem Auftaktprogramm mit Milwaukee, Atlanta, Washington, San Antonio und Cleveland als erste Gegner kann es ganz früh ungemütlich werden

Was fehlt?
Talent, Organisation, Glaubwürdigkeit. Mit einem neuen Höchstrekord für Fehlentscheidungen pro Minute haben sich die Knickerbockers in den vergangenen Jahren zur Lachnummer gemacht. Alles ist zwar besser seit Phil Jackson das Ruder übernommen hat, doch auch der als Messias gefeierte Träger von elf Ringen hat die Wende bisher nicht herbeigeführt. Träumereien um Kevin Durant verbieten sich angesichts des desaströsen letzten Jahres. Der Weg durch die Wüste der Bedeutungslosigkeit ist noch ein sehr, sehr langer.   

Blast from the Past


KGDCG
José Calderon … Wenngleich die Frage legitim ist, ob Derrick Williams die 4,4 Mio. $ Wert ist, die er fürs Basketballspielen erhält, wird jener in dieser Kategorie von José Calderon übertroffen. James Dolan macht knapp 8 Mio. $ für den Aufbauspieler locker, dessen Nutzen seit dem Trade um Tyson Chandler im Trüben geblieben ist. Es ist nicht davon auszugehen, dass langfristig mit dem Spanier geplant wird. Stattdessen würde eine endgültige Degradierung zur Trade-Masse ohne größeren Gegenwert niemanden verwunden - erst recht wenn Galloway und Grant gute Leistungen abliefern.

LP-Rating


New York spielt in der miesesten Division und wird gegen die besseren Teams der Liga nicht viel zu melden haben. Aufregung und Spektakel? Fehlanzeige. Offensiv wird Melo den Alleinunterhalter mimen. Defensive? Mantel des Schweigens. Interessant wird höchstens die Entwicklung der Rookies, allen voran Porzingis. Nicht genug, um uns Abend für Abend zum Einschalten zu überreden...

Eine Frage noch...
Kommt es doch zum Melo-Trade? Phil Jackson hat mit der Entscheidung für Porzingis die Weichen auf Zukunft gestellt, nicht auf Gegenwart. Die Uhren des einzigen Superstars im Knicks-Trikot ticken und niemand bei geistiger Zurechnungsfähigkeit erwartet, dass im kommenden Sommer plötzlich ein Championship-fähiges Team um ihn herum steht. Sollten die Knicks zum Jahreswechsel bereits außer Reichweite der Playoff-Ränge stehen, wird man sich im Front Office mit dieser Thematik beschäftigen (müssen). 

Check 1,2
Besser, aber noch nicht gut. Wenn selbst im chronisch schlechten Osten die Playoffs nachdrücklich in Frage stehen, steht sehr viel Aufbauarbeit bevor. Captain Jax zieht die Verjüngungskur radikal durch, hat die Kosten drastisch gesenkt und Ausblicke auf ein besseres Übermorgen geschaffen. Ein solcher Umbruch braucht jedoch vor allem Zeit. Vergangenes Jahr hangelte sich das impulsive New Yorker Publikum mit der Hoffnung auf einen Top Pick durch die trostlose Spielzeit. Das hilft dieses Jahr nicht, denn die beiden eigenen Picks gehen infolge grandioser Schachzüge (Bargnani, Camby) nach Toronto respektive Houston. In dieser Spielzeit hat New York also wenig zu gewinnen.

Chef-Orakel
30-52

Playoffs?