18 Oktober 2015

17. Oktober, 2015


Mit dem Media Day, Trainingscamps und ersten Testspielen ist die neue NBA-Saison 2015/16 inoffiziell underways. Wie jedes Jahr checken wir vor dem Start alle Teams medizinisch durch. Die komplette Liste mit allen 30 Mannschaften findet ihr hier.

von JAN WIESINGER @WiesiG

Flashback
49-33, Playoffs Runde eins (0-4 vs. Washington)

Plus
DeMarre Carroll
Cory Joseph 
Luis Scola
Delon Wright
Norman Powell
Anthony Bennett 
Bismack Biyombo 

Minus
Lou Williams
Greivis Vasquez
Amir Johnson
Tyler Hansbrough
Chuck Hayes
Greg Stiemsma

Cap-Situation
74 Mio. $ Gehalt
über dem Cap

Stimmung so?


Was ist Neu?
Das Personal-Karussell hat in Toronto in dieser Saison durchaus einen kleinen Drehwurm erzeugen können, so emsig mischte General Manager Masai Ujiri seinen Kader durch. Es war das erste Mal in seiner Raptors-Amtszeit, dass Ujiri so umtriebig handelte. Namhafteste und qualitativ hochwertigste Addition ist zweifelsohne DeMarre Carroll, dem jeder halbwegs mental gesunde GM noch vor zwei Saisons wohl eher sechs statt 60 Millionen $ für vier Jahre überwiesen hätte. Den Vertrag hat sich der in den Playoffs beste Spieler Atlantas aber redlich verdient. 

Im neu formierten Supporting-Cast finden sich neben Carroll eine Menge bekannter Gesichter. Neben den anderorts bisher gescheiterten ehemaligen Lottery-Picks Anthony Bennett und Bismack Biyombo kamen mit Cory Joseph und Luis Scola zwei solide Veteranen. Die beiden Rookies Delon Wright und Norman Powell sollen ebenfalls dabei helfen, die Abgänge von Lou Williams, Amir Johnson und Greivis Vasquez zu kompensieren.

Beste Addition
DeMarre Carroll ... Beinahe All-Star Carroll wird als neuer Starter auf dem Flügel zwangsläufig gesetzt sein. Der heute 29-Jährige geht in seine siebte Saison. Ursprünglich als reiner Energizer in die Liga gekommen, hat Carroll sein Skill-Set allerdings enorm erweitert und setzt mittlerweile offensiv nicht nur mit seinem passablen Dreier (39,5%), sondern auch mit dem Zug zum Korb Akzente. Hinter den balldominanten Lowry und DeRozan dürfte Carroll die unbestrittene dritte Option im Angriff werden.

Defensiv werden sich seine Fähigkeiten jedoch noch positiver auswirken: Carroll kann mit seiner Physis, Geschwindigkeit und seinem kaum zu erlernbaren Spielverständnis beinahe jeden Guard und Forward der Liga vor Probleme stellen. Das allein wertet die Defense der Raptors unheimlich auf. Diese hatte mit einem letztjährigen Defensiv-Rating von 104.8 ligaweit nur den 23. Rang belegt.

The Planet
Kyle Lowry ... Lowry muss und wird dieses Team nicht nur in der neuen Saison, sondern vor allem in den kommenden Playoffs anführen müssen. Seine desaströse Performance in der letztjährigen Erstrundenserie gegen die Wizards hat Lowry selbst am meisten gewurmt. In der Offseason verlor der 1,83 Meter große Point-Guard massiv Gewicht, ist jetzt athletischer, will wieder angreifen.

Lowry wird dabei offensiv Wege finden müssen, seine eigene Usage und die von DeRozan nicht zu sehr überzustrapazieren. Auf der anderen Seite muss der Captain das Team auf dem Weg zu einer defensiveren Identität anführen. Der All-Star bringt vorne und hinten alles mit, kann mit seinem aggressiven Naturell die Nebenleute anzustecken und Toronto nicht nur erneut unter den besten Ost-Teams der regulären Saison etablieren, sondern endlich einen tiefen Playoff-Run ermöglichen.


Rising Star (via @nbachefkoch)
Jonas Valanciunas ... Obwohl die Kritik an seinen Leistungen nicht verstummen will, hat sich der junge Center Jahr für Jahr verbessert. Im Alter von erst 23 Jahren kann niemand einen kompletten Basketballer erwarten. Ist er einer der dominantesten Fünfer der NBA? Nein. Hat er das Zeug, eines Tages in einem solch illustren Kreis zu landen? Definitiv. Toronto jedenfalls ließ sich nicht lange bitten, den Litauer mit einer lukrativen Vertragsverlängerung auszustatten.

Valanciunas hat seine klaren Stärken in der Offensive, wo er aus fast jeder Situation Korbgefahr ausstrahlt. Er hat einen soften Touch, trifft Frei- und Mitteldistanzwürfe hochprozentig, ist ein Tier am offensiven Brett und kann auch aus dem Pick & Roll abschließen. Defensiv hat er Schwächen. Vor allem seine Anfälligkeit für Fouls nimmt ihn viel zu häufig vom Parkett. Er muss lernen, seine Länge ehrlich einzusetzen und seinem Team hinten nicht zu schaden. Dann ist der Weg zum All-Star für einen der besten Europäer in der NBA nicht mehr weit.

Falling Fast
Terrence Ross ... Ross kam mit vielen Vorschusslorbeeren in die Liga, konnte ab und zu sogar großen Eindruck geltend machen. Unvergessen zum Beispiel seine 51-Punkte-Performance gegen die Clippers, bei der er sogar einen Vince-Carter-Rekord einstellen konnte, oder seine Leistungen beim Slam Dunk Contest.

Der 24-Jährige Athlet duckt sich allerdings noch viel zu häufig weg, nimmt schlechte Würfe und wirkt oft lustlos. Eine echte Verbesserung in seinem Spiel ist bis heute nicht auszumachen - Hauptgrund dafür, dass der smarte Ujiri seinem jungen Flügelspieler bisher noch immer keine Vertragsverlängerung offeriert hat. Macht Ross, der seinen Startplatz an Carroll eingebüßt hat, in 2015/16 keinen Riesensprung in seinen Leistungen, ist seine Zeit als Raptor Geschichte.

Don’t Sleep! 
Anthony Bennett ... Schlafen darf er gerne. Aber bitte: nicht essen! Die Entlassung durch die Timberwolves und das sofortige Vertragsangebot der Raptors stellen für Bennett die wohl allerallerallerallerletzte Chance dar, seinen Erstrundenpick aus dem Jahr 2013 noch zu rechtfertigen. Ich rede hier nicht von seiner ersten Position überhaupt, sondern von seiner Position unter den ersten 30!

Bennett ist Kanadier, kehrt nach einem Spießrutenlauf durch Cleveland und Minneapolis in seine Heimat zurück und könnte in Toronto zumindest ein bisschen aufblühen. Im Sinne von solide Leistungen von der Bank bringen. Womit ihm wenigstens eine Karriere als solider Rollenspieler winken könnte. Ich bin optimistisch und sage: Das wird was.


Good News
+ Der Backcourt mit Lowry und DeRozan zählt zu den am besten eingespielten in der gesamten NBA
+ Die Starter der Raptors befinden sich im besten Basketballer-Alter oder auf dem Weg dorthin und verzahnen gute Fähigkeiten heute mit der Hoffnung auf weiteres Wachstumspotenzial 
+ Paul Pierce spielt jetzt im Westen und kommt als Verursacher für ein Erstnrunden-Aus nicht mehr in Frage

Bad News
- Die Defensive war zuletzt ein Witz. Gegner hatten meist leichtes Spiel, gegen Toronto zu punkten. Die Playoff-Pleiten gehen auch auf die Kappe der schwachen Verteidigung
- Zwei Erstrundenniederlagen in Serie haben mental Spuren hinterlassen
-  Ist die Upside der Raptors begrenzt? Ohne einen Rebuild oder Blockbuster-Trade scheinen die Conference Finals schier unerreichbar

Was fehlt?
Ein richtiger Superstar. Ja, Lowry ist Allstar und ein zweifellos begnadeter Basketballspieler. Aber eben (vielleicht noch) keiner, der dir Erstrundenserien im Alleingang gewinnt. Selbiges gilt für DeRozan, dessen wackeliger Distanzwurf ihn eins, zwei Stufen unter der Elite auf dem Flügel festhält. Lou Williams' Abgang dürfte außerdem eine erhebliche Lücke beim Bank-Scoring hinterlassen, so dass hier Alternativen gefunden werden müssen und Coach Casey seine neu zusammengestellte Truppe und Rotationen besonders sensibel aufeinander abstimmen muss.

Blast from the Past


KGDCG
Anthony Bennett … Vor nur zwei Jahren galt Bennett als einer der kommenden NBA-Stars. Groß, kräftig, beweglich und wurfstark... er sollte die Position revolutionieren. Mittlerweile ist selbst dem optimistischsten Fan klar geworden: Bennett wird nicht nur niemals seinen hohen Draft-Status rechtfertigen. Er läuft Gefahr, zum größten Draft-Bust aller Zeiten zu werden. Minnesota, ein Team das eigentlich mehr als genug Zeit hat, um junge Talente zu entwickeln, entließ Bennett aus seinem Vertrag. Er wird noch von den Wolves bezahlt, Toronto überweist ihm aber eine knappe Million - in der Hoffnung, Bennetts Karriere noch irgendwie retten zu können. Es sollte niemanden wundern, wenn sein nächster Scheck von einem Team in China ausgestellt wird.

LP-Rating


Solide. Solide wie ein Käsebrot mit jungem Gouda und ner Scheibe Gurke drauf. Man weiß was man geliefert bekommt und ist damit normalerweise auch zufrieden. Interessant dürfte sein, ob die defensive Transformation, die GM Masai Ujiri mit seinen Trades und Akquisitionen einzuläuten versucht, bereits Früchte trägt oder die Spielweise der Raptors in der Offense allzu negativ beeinträchtigt. Geht Lowry wirklich so durch die Decke, wie er es in der Preseason anteasern konnte (Jungs, Preseason, I know) könnte er die fehlende Brötchenhälfte für das Sandwich werden. Und der Schinken gleich dazu...

Eine Frage noch...
Hat der Umbau das Team überhaupt besser gemacht? Oder ist diese Mannschaft einfach nicht zu reparieren? Toronto hatte es in der Atlantic Division - der mit Abstand schwächsten Division im Basketball - zuletzt zu leicht. Franchise-Rekorde purzelten, ein Platz unter den Top-4 war garantiert. Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, dass GM Ujiri bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren ganz andere Pläne hatte. Sollten die Raptors auch mit einer defensiveren Ausrichtung nicht über die erste Runde hinaus kommen, stehen große Wechsel ins Haus - nicht nur auf, sondern auch neben dem Parkett. 

Check 1,2
Die reguläre Saison ist latte: Die Raptors werden in dieser Saison noch stärker an ihrer Playoff-Performance messen. Insbesondere Coach Casey müsste bei einer weiteren frühen Schlappe seine Arbeit nicht nur kritisch hinterfragen lassen, sondern seinen Hut nehmen. Trotz des gewaltigen Umbruchs ist ein kompletter Einbruch aber ausgeschlossen. Qualitativ ist der Kader nach wie vor stark genug für die Plätze 3-6 im Osten. Und auch die von Drake geführten Fans werden die letztjährige Blamage ganz schnell wieder vergessen haben und ihre Truppe nach vorne peitschen. Platzt der mentale Knoten "erste Runde", ist je nach Matchup vielleicht sogar das Conference Finale drin.

Chef-Orakel
48-34

Playoffs?