27 Oktober 2015

27. Oktober, 2015


von SHOTO

Ich liebe Disney-Filme. Das ist für jemanden meines Alters - Anfang/Mitte Zwanzig - erst einmal wenig ungewöhnlich und ganz sicherlich nicht mutig. Aber darum soll es nicht gehen, zumindest nicht jetzt. Eigentlich ist es nur ein müder Versuch, zu etwas anderem überzuleiten, dabei aber trotzdem einen möglichst sphärischen Einstieg zu schaffen. Ihr wisst schon, die Art von Einleitung, die Gefühle in euch weckt, euch in eine angenehme Stimmung versetzt, quasi die verschriftliche Kuscheldecke an einem kalten Wintertag.

Was ich sagen möchte: Ich liebe Disney-Filme. Und einen Disney-Film will ich euch vorstellen. Wobei das auch nicht ganz richtig ist. Eher eine Szene. Eine Szene, die meiner Meinung nach am Ende des Textes Sinn ergibt, zumindest hoffe ich das. Der Film, um den es gehen soll, ist 'Mulan'. Der kam 1998 in die Kinos und war ganz objektiv der vorletzte gute Disney-Film, bevor sich jene Kindheitserinnerungenschmiede in eine dunkle Schaffensphase voller Mixturen aus handgezeichneten und computeranimierten Trickfilmen verabschiedete und Pixar den Ring überließ.

Jedenfalls, Mulan erzählt die Geschichte eines tapferen, jungen Mädchens, das sich aus ihrer Liebe zum Vater und Verzweiflung über dessen Einberufung ins Heer - beziehungsweise in dessen Reserve - als Mann ausgibt und dort seinen Platz einnimmt. Das gegen Hürden rennt, sie schlussendlich aber doch überwindet. Das Freunde findet, Schlachten kämpft, China vor der Invasion der Hunnen rettet und nebenbei alte Geschlechterrollen beiseite fegen kann. Und natürlich die große Liebe findet. Es ist besser, als es klingt.

Jedenfalls gibt es in Mulan einen sehr hollywood-esken Moment: Eine kleine Truppe Reservisten, unter denen sich natürlich Mulan befindet, sieht sich an einem Bergpass dem riesigen Hunnenheer gegenüber. Die Szene baut sich auch sehr stereotypisch auf: Zunächst sieht man nur den Anführer der Hunnen, dann seinen inneren Zirkel, bis nach und nach die kompletten Heerscharen über dem Kamm erscheinen. Und nach und nach der Glauben, man könne diese Situation überleben, aus den Augen der Reservisten erlischt.

Natürlich gelingt es Mulan durch einen genialen Schachzug, diese personellen Unterschiede zu überwinden. Es ist eben immer noch ein Disney-Film. Aber ich mag jenen Moment. Auch wenn er so vor Klischees trieft, das es kaum auszuhalten ist. Es ist dieses niedliche Bild einer kleinen Einheit, das alle Unterschiede überwindet und am Ende eine große Masse an Gegnern besiegen kann. Ich mag jenen Moment, weil er so sehr nach Märchen schreit, das man sich die Ohren zuhalten möchte. Eine Situation, die kaum auf die Realität zu übertragen ist.

Und schon gar nicht im Sport. Schon gar nicht in der NBA.

Und irgendwie war es auch nie gänzlich vorstellbar, dass sich der beste Spiele der Welt auf der größten Basketball-Bühne der Welt in der Mulan-Rolle wiederfinden würde. Sicher, personelle Unterschiede hier, tiefere Kader dort. Aber nie hätte man sich vorstellen können, dass LeBron James eine Bande aus Dieben, Gaunern und anderen Halunken bis in die NBA Finals würde hieven können. Das sollte so nicht sein.

Das Bild war ein anderes. LeBron, das war der, der seine Talente gen Süden verlagerte, dort zumindest annähernd ebenbürtige Gleichgesinnte traf und sich mit ihnen zusammenschließen sollte. Auf dass es nicht einen, nicht zwei, nicht drei, nicht vier… ihr kennt die Geschichte. LeBron war nicht MJ. Konnte er nicht sein, wollte er nicht sein. Weil er schwach war, „soft“, ein Gott unter den Sterblichen, aber ein Sterblicher unter Göttern. Einer, für den kein Platz im Olymp ist. Und schon gar nicht auf dem Thron.

Da saß eben jener MJ. Der, der eine Stadt allein zu diversen NBA Titeln geführt hatte. Das Spiel nebenbei transformierte und sich selbst stets mit. Einer, der Basketball gelebt, gespürt und gearbeitet hatte. Keiner, der in den entscheidenden Momenten einknickt, sondern sie so zelebriert, dass sie auf alle Ewigkeit festgehalten werden. Auf Postern, auf Fotos, in 240p-YouTube-Videos. Nein, so einer war LeBron nie.

Natürlich ist das Unsinn. Erinnerungen sind schön und doch trügen sie unsere Wahrnehmung. Wir erinnern uns an die guten Momente, weil jene eben doch so sehr überstrahlen. Die schlechten Momente verdrängen wir, noch bevor sie zu Erinnerungen werden können. Das ist nichts schlechtes, im Gegenteil. Sie erheitern uns, muntern uns in dunklen Momenten wieder auf. MJ gewann nie einen seiner Titel alleine, sondern hatte stets einige der talentiertesten Spieler der NBA an seiner Seite. Und doch bleibt genau das Bild von ihm übrig, auch weil wir es wollen.

LeBron war nie für die Rolle der Mulan gemacht, sie war nie realistisch für ihn. Und doch sollte er sie sich überstreifen. Sollte dem Heer entgegenblicken, seine Truppe anführen und nahezu alleine den Sieg erringen. LeBron James 2015, das war nicht nur eine Naturgewalt, sondern jemand, der vor einem historischen Moment stand: Die Geschichten, die Gedichte, die Lobpreisungen, die über Michael Jordan geschrieben, gesungen und ausgeschüttet wurden, mit einer großen Portion Wirklichkeit anzureichern.

Ich weiß nicht, ob dieser Moment stets so beachtet und gewürdigt wurde, wie er es eigentlich verdient hatte, darum noch einmal deutlicher: LeBron James, der nach Florida geflüchtete und nach Cleveland zurückgekehrte Sohn, war wenige Momente davon entfernt, die Heldensagen des MJ umzusetzen.


Eine Rückschau. Spiel Eins der Finals war knapp. Und ein Indikator dafür, was noch kommen sollte. Die Cavs, sie waren einen Wurf davon entfernt, bereits das erste Spiel aus Golden State zu entführen. LeBrons Jumper nach Kyrie Irvings Block, daneben. Wie Sekunden später der von Iman Shumpert. Overtime. Warriors Tiefe siegt über Cavs’schen Individualismus. Der größer werden sollte, hatte sich Irving doch verletzt. Wie schon Runden zuvor Kevin Love.

Spiel Zwei. Wieder Overtime. Dieses Mal mit anderem Ausgang. Es war nie geplant gewesen. Wie auch? Wer hätte sich ernsthaft vorstellen können, dass eine Starting Five, die nebst LeBron Mozgov, Shumpert, Thompson und Dellavedova stellt, den Warriors ihre erst vierte Heimniederlage 2014-15 einbringen würde? Es war gleichzeitig auch eine der vielleicht besten Leistungen in James‘ Karriere.

Eine auf zwei Meter drei gepresste Isolation-Macht, die den eigenen Wurf wie die Pässe zu den Mitspielern suchte. Ab Spiel Zwei waren es nicht mehr die Cavaliers. Sie wurden zu LeBron James, einer Droge, einer Euphorie-Injektion, die so nicht hätte stattfinden sollen. Später würde man die Statistiken wälzen können, wie wichtig und wie gut LeBron James in diesen Finals war. Doch nicht zu diesem Zeitpunkt.

Spiel Drei. Back in Cleveland. Finals, mit LeBron in den Reihen. So romantisch, dass der zweite Sieg für Cleveland fast ausgeschlossen war. Fast. 40 Punkte, 12 Rebounds und 8 Assists später waren alle eines besseren belehrt worden. Zwei Minuten, die James in diesem Spiel auf der Bank saß. Replay: Zwei Minuten, die James in diesem Spiel auf der Bank saß. Zwei. Zwei wie die Anzahl der Siege, die die Cavs nun hatten. Und weiter mit James: Zu diesem Zeitpunkt hatte er 123 Punkte erzielt, nebenbei durchschnittlich 12 Rebounds und 8.3 Assists pro Spiel geholt. Heute nur eine Anekdote, eine Randbemerkung, war LeBron zu diesem Zeitpunkt Basketball.

Wir phantasieren derzeit, wie oder eher was ein Anthony Davis einmal werden kann. Die Antwort ist: LeBron James in den ersten drei Spielen der Finals 2015. Und plötzlich lag etwas in der Luft. Eben wie in jenem Moment, wenn sich in Mulan die Hunnen über den Kamm schälen. Man wähnt sich selbst vielleicht schon in Sicherheit, denkt bereits über die historischen Auswirkungen nach. Bis sich über dem Horizont eine Streitmacht materialisiert. Und das waren ab diesem Moment die Golden State Warriors.

Spiel Vier. Smallball-Ekstase. Bogut aus dem Spiel genommen, dafür Iguodala implementiert. Ein Schwadron flexibler Kettenhunde in der Defensive, eine hochexplosiver Dreipunkte-Smoothie in der Offense. 103-82 las man auf den Spielberichtsbögen, während Selsillen bereits die LeBron-Phantastereien auflasen. Es wurde ja auch nicht besser.

Spiel Fünf, 104-91. Spiel Sechs, 105-97. Man sah keinen vitalisierenden LeBron, sondern jemanden, dem man die abgespulten Minuten, die Ausfälle an Co-Stars und die in ihn projizierten Träume einer ganzen Stadt, einer ganzen Region ansehen konnte. Das eine ist der Film, das andere die harte, graugefärbte Realität. Leistungen eines Einzelnen waren hinfort, stattdessen thronte ein Kollektiv.

Selbstredend war der erste NBA Titelgewinn der Golden State Warriors seit 1975 nie, anders als derzeit angenommen und artikuliert wird, eine Laune der Natur. Ein Hack in der Matrix. Die Warrios waren eher dominierender Langstreckenläufer statt Sprinter. Seit Herbst waren sie der NBA Primus. Die, an denen sich jeder messen musste.

Ja, natürlich hatten sie Glück. Während in Portland ein Starter nach dem nächsten ins Lazarett abtransportiert wurde und im Osten Polizeistationen „ihr Ding taten“, blieben die Warriors von schlimmeren Verletzungen weitgehend verschont. Aber für Glück kann man nichts, ebenso wenig, wie für Pech. Man sollte es dankend annehmen, sich aber nie auf dessen Fortbestand verlassen. Und das taten die Warriors nie. 

Sie waren der spektakuläre Beweis, das Smallball-Spiel eben doch Erfolg hat. Dass es bessere Würfe gibt. Die Warriors 2014-15 waren die Sieger, die wir brauchten.

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Wenn man die Geschiche der Statistiken und deren Verwendung in der NBA erklären, oder besser nacherzählen möchte, dann kann man das auf vielen Arten machen. Man könnte es Wikipedia gleichtun, chronologisch die Entwicklung abhandeln und bei Frank McGuire, ehemaliger North Carolina Trainer, beginnen.

Man könnte auch Bill James, den Begründer der Baseball „Sabermetrics“ ins Feld führen. Denn seine Arbeit blieb nie auf Baseball beschränkt, sondern hatte auch weitreichende Folgen für andere Sportarten. Sein Erfolg, statistische Beobachtungen massenkompatibel zu gestalten, konnte ja auch andernorts funktionieren. Aber die Geschichte von Bill James ist weitgehend erzählt, zumindest in sehr schöner Hollywoodform festgehalten.

Oder man bemüht sich um die Person Dean Oliver, dem Autoren von „Basketball on Paper“. Wahrscheinlich eine der NBA Pflichtlektüren und ein Buch, das schon viel zu lange in den tiefen meiner Wunschliste begraben ist. Dean Oliver ist aber nicht nur deshalb wichtig. Denn er war es, der der erste Vollzeit „statistical analyst“ der NBA wurde. Aber er wird später eine Rolle in diesem Text spielen müssen.

Es gäbe wie gesagt interessante Arten. All diese Menschen sind lohnenswerte, interessante Persönlichkeiten der Basketball- und NBA Historie. Man könnte anhand ihrer Leben schöne Retrospektiven schreiben. Aber ich will einen anderen Mann in den Fokus dieses kleinen Abrisses rücken. Weil ich glaube, dass er für das Basketball-Kollektiv wichtig ist, vielleicht sogar wichtiger, als oben genannte Personen. Die Rede ist vom heutigen Memphis Grizzlies Angestellten John Hollinger.

Wenn man verstehen will, warum er wichtig ist beziehungsweise war, muss man sich kurz an die Anfänge des Jahrtausends erinnern. Wahrscheinlich waren die Teams schon zu jenem Zeitpunkt für Statistiken aufgeschlossener, als man annehmen könnte (eine Vermutung meinerseits, das sollte wohl nicht unerwähnt bleiben). Doch waren sie zu jenem Zeitpunkt ganz sicherlich eines nicht: massenkompatibel. Geht man heute in ein Hausforum seiner Wahl, liest man in den NBA Fantasy Foren dieser Welt oder klinkt sich in die häufig als „Basketball-Twitter“ titulierte Gemeinschaft ein, dann wird man allerorts auf Statistiken stoßen.

„Die Usage Rate von Spieler X beträgt…“, „die effiziente Field Goal Percentage bewegt sich seit dem Trade…“ oder „sein Offensiv-Rating schwankt derzeit zwischen…“ sind heute etablierte Sätze, mit denen der Großteil etwas anfangen oder ihre Bedeutung zumindest erahnen kann. Aber verschiedene statistische Größen auf Kennzahlen herunterbrechen hatte nicht von jeher seinen Platz.

Auftritt John Hollinger. Sein Player Efficiency Rating sollte dem Fan genau das bieten, was oben angesprochen wurde: Verschiedene Größen so zu einer Formel modellieren, dass am Ende eine Kennzahl herauskommt, die man dem NBA Fan nicht nur erklären, sondern auch in dessen Sprachgebrauch überführen kann. Eine Kennzahl, die im Grunde so simpel ist, dass sie nie als ernsthafte Entscheidungsgrundlage dienen sollte, aber auch nicht zu komplex, um Fans abzuschrecken.

Eine Fankultur, die durch Seiten wie FiveThirtyEight oder NylonCalculus für die statistischen Feinheiten sensibilisiert war, wie wir es heutzutage sind (oder es zumindest annehmen), war damals wie gesagt noch lange nicht vorhanden. Hollinger fungierte quasi wie der aktuelle Hollywood Blockbuster-Trend: Dinge nehmen und sie so gestalten, dass man die Feingeister nicht gänzlich verärgert, weniger anspruchsvolle Zuschauer aber nicht durch überbordende Komplexität erdrückt und abschreckt.

Und so wurde eine Formel, bei der man heute gerne nie Nase rümpft, auch Grundlage unserer heutigen Errungenschaften, die durch SportVU und NBAStats ständig erweitert wird.

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Durch Statistiken verstehen wir Basketball immer besser. Die heutigen Zahlenmassen lassen sich durch technologische Fortschritte so gut interpretieren, dass Trends schneller klarer werden und sich sogar annähernd beweisen lassen. Wir können immer mehr Wissenstransfer leisten, indem wir immer mehr Kennzahlen ins Verhältnis setzen. Wir denken an Hollinger zurück, kreieren eigene Zahlen und Modelle, die eine möglichst hohe Wahrscheinlichkeit und Treffsicherheit bieten.

Und doch gibt es und gab es stets eine Variable, die Trends negieren konnte und kann: Der Superstar. Der, der den Gedanken des Tankings/Rebuildings rechtfertigt. Das Zentrum der Aufmerksamkeit. Superstars sind wichtig, auch das lässt sich heute statistisch beweisen. Nein, wirklich. Superstars helfen Teams, und das sogar immens.

Superstars ziehen Aufmerksamkeit auf sich, im besten Fall können sie diverse Verteidiger binden. Das eröffnet Räume, schafft Möglichkeiten für bessere Würfe. Passstafetten können das zu einem Teil auch, doch besteht bei ihnen gerade in der heutigen Zeit die Gefahr, dass sie nur ein Selbstzweck sind. Denn wenn Defensiven so flexibel werden, wenn Spieler nahezu jede Position verteidigen können, wie gut kann dann ein Pass sein? Und wie viel Raum schafft er? 

Superstars negieren die Flexibilität zu einem Teil. Doch sind sie auch Problem für statistische Trends. Denn wie gut ist ein Trend oder kann er sein, der letztendlich durch einen Hack zustande kam? Zumal die Anzahl an spielverändernder Superstars begrenzt ist. Eine so geringe Anzahl, dass es schwierig wird, mit Ausgleichsfaktoren wie der 'Sample Size' zu argumentieren.

Und deshalb waren die Golden State Warriors die Sieger, die wir brauchten. Weil sie unser Argument sind, wenn wir mit jenen argumentieren, die noch Restzweifel haben, weil vielleicht zu viele Faktoren noch nicht abgebildet werden (können). Sie sind es, die wir heute ins Feld führen können, wenn wir auf Smallball und Dreipunktewurfaffinität hinweisen. Sie sind es, sie sind der Messias.

Wir haben es doch mit eigenen Augen gesehen. Als in den Finals Golden State auf diesen Smallball-Style umstellte, war die Serie gewonnen. Und vor allem scheinen sie aller Göttlichkeit zum Trotz doch reproduzierbar. Die neue Blaupause. Weil sie immer noch greifbar sind. Stephen Curry mag gut sein, aber er ist kein LeBron. Niemand, der allein solche physischen Grundlagen besitzt, dass ein Klon undenkbar und eine Kopie unmöglich erscheinen. Was ist es, das Stephen Curry auszeichnet, das nicht reproduzierbar wäre? Eben.

Draymond Green war ein Zweitrundenpick. Also sicherlich niemand für den man sein Haus verkaufen müsste, weil er in der Lottery gehandelt wird. Überhaupt, für das Modell Golden State muss man nicht vollends tanken. Einzig die Entscheidungen, Steve Kerr zu vertrauen und Klay Thompson nicht zu traden, zeugen von einer gewissen Qualität. Aber das erfordert in erster Linie Qualität hinter den Kulissen, und die bekommt man notfalls aus San Antonio. 

Allein, so einfach ist es natürlich nicht.

Curry ist ein Basketball-Mutant. Eine fluide, voll-ausbalancierte Hawk-Eye-Technologie. Jemand, der das Feld in eine dreidimensionale Matrix umwandeln kann. Und notfalls eben dank schnellerer Finger als Lucky Luke den einen entscheidenden Moment eher abspringt und wirft. Eine Belastungsprobe für Bänder und Sehnen, ob nun die eigenen, oder die der Gegenspieler. Es gibt keinen zweiten Curry. Zumindest ist niemand zu erahnen, der dieses irgendwann entstehende Loch vollends ausfüllen könnte.


Draymond Green mag zwar ein Zweitrundenpick gewesen sein. Doch scheint es wenig realistisch, dass zukünftig mehr und mehr Rollenspieler ihren Weg über die zweite Runde finden werden, schließlich gibt es individuelle Gründe, warum sie es nicht bis in die Lottery schaffen. Zumal Zweitrundenpicks eine immense Geduld und sehr viel Vertrauen des Front Office' erfordern. Junge Spieler kommen nicht fertig aus dem College und erfordern eine konstante Entwicklungshilfe durch den Trainerstab. Aber Zeit ist etwas, dass Teams mit begrenzten Kaderplätzen nur ebenso begrenzt aufbringen und rechtfertigen können.

Einer Fangemeinschaft ist es sicherlich leichter glaubhaft zu machen, auf das Potenzial ehemaliger Lottery-Picks hinzuweisen, als auf das mögliche Potenzial von Zweitrundenpicks. Gerade dann, wenn sich attraktive Free Agency Optionen ergeben. All das erfordert einen Plan und Strukturen im Hintergrund. Etwas, was womöglich schwieriger zu erlangen ist, als eine potente Starting Five, bestehend aus drei Lottery-Picks und diversen Rollenspielern. Hippe, attraktive Teams mit jungen Spielern gab es zuhauf, doch wie oft konnte sich eine Organisation als echter San Antonio Spurs Konkurrent in der Liga etablieren?

Nein, die Warriors können nicht als einfach zu kopierende Blaupause dienen. Ihre Einzelteile sind komplex, gut und sehr selten. Die organisatorischen Grundlagen sind sicherlich nicht weniger schwierig aufzubauen, denn ob die Warriors auf solidem Fundament aufgebaut haben, lässt sich sowieso nach der letztjährigen Saison noch nicht abschließend beantworten. Das kann nur die Zeit zeigen.

Warum dann, brauchen wir die Warriors? Oder anders: Brauchen wir sie wirklich, um den Trend von Statistiken und daraus abgeleitete, erfolgsversprechende Trends zu rechtfertigen? Warum das „Ha-Ha“-Meme auspacken und auf alle zeigen, die mit den vollends auf Statistiken fokussierten Betrachtungsweisen nicht so viel anfangen können?

Basketball und dessen Betrachtung, ob im Fernsehen, über Blogs oder in Foren, ist doch keine stereotypische High School, in der die sportlichen Jocks die Nerds in die Mülltonnen stecken. Die Einzelfälle wie zum Beispiel ein Charles Barkley, sind doch genau das: Einzelfälle. Niemand hinterfragt heutzutage die Notwendigkeit von Statistiken oder deren grundsätzliche Aussagekraft.

Stats sind mittlerweile Mainstream, ermöglicht durch unter anderem John Hollinger, verfeinert durch Leute wie Seth Partnow und frei zugänglich gemacht durch NBA-eigene Bestrebungen, die auf ihrer offiziellen Webseite eine erschlagende Fülle von ebendiesen Statistiken für alle frei zugänglich offeriert.

Stattdessen scheint es so, als argumentiere eine große Masse unter dem Deckmantel des Minderheiten-Nerdtums. Eine Masse, die sich bei kleinsten Anzeichen von Widerständen oder Hinterfragungen wie ein hungriges Hyänen-Rudel auf jene Nonkonformisten stürzt und sie über einen Elefantenfriedhof jagt.

Zum Beispiel Phil Jackson. Als jener sich auf Twitter darüber wunderte, wie es denn für auf Dreier-fokussierte Teams in den Playoffs läuft, war die Meute des Intelligenzrates schneller mit den letzten Resten seiner Seelenhülse beschäftigt, als auch nur einer über den tieferen Sinn seines Tweets nachgedacht hatte.

Jackson passte je perfekt ins Bild: Ein ehemaliger Intellektueller, der eine chronisch erfolglose Franchise, die ihrem Big Market Image erlegen ist, anführt und nicht begriffen hat oder begreifen will, wie die moderne NBA funktioniert. Wie auch? Sonst wäre er ja kein Bestandteil der Knicks. Sondern in modernen Teams. Statt die Ergebnisse einfach für sich sprechen zu lassen und zu schauen, ob womöglich ein zweiter Gedankenboden in Jacksons Tweet versteckt war, wurde vorschnell getagt und geurteilt.

Oder die Sacramento Kings. Hach, diese dysfunktionalen Scheinintelligenten. Bis heute haben sie es nicht geschafft, einem der besten NBA Spieler ein erfolgreiches Team an die Seite zu stellen. Stattdessen entlassen sie ohne Not den Trainer, mit dem zumindest etwas Glauben zurück gekehrt war. Und dann traden sie wertvolle Assets für eine Idee, die sowieso nicht funktionieren wird. Und weil das alles nicht genug ist, entlassen sie Dean Oliver. UNSEREN DEAN OLIVER. Der (Mit)Begründer des Effiziensstrebens.

Das passt ja mal wieder. Eine Franchise, die so viele dumme Entscheidungen trifft, kann Statistiken ja nur hassen. Und wieder ward ein Urteil gesprochen. Weil wieder zu vieles zu gut passte. Weil eine wenig intelligente Franchise dem gegenwärtigen Trend widersprach. Ein vorschnelles Urteil, mal wieder. Denn: die Entlassung Dean Olivers war keine ideologische, sondern eine personelle. Eine vollkommen alltägliche Entscheidung eines neuen General Managers, Personal auszutauschen, wurde den Kings nicht zugestanden.

Sämtliche mahnenden Worte der ortsansässigen Journalisten, es sei tatsächlich keine Statistik-feindliche Entscheidung gewesen, wurden müde belächelt. Bis wenig später mit Roland Beech der Gründer der Seite 82games eingestellt wurde - jemand mit hoher Statistikaffinität, der seit 2005-06 für die Dallas Mavericks gearbeitet hatte und integraler Bestandteil des Championship-Stabes 2011 war. Aber sich entschuldigende Worte, natürlich waren sie weniger häufig, als noch die spöttischen Tweets.

Und so bleibt die Frage nach der Notwendigkeit. Die Notwendigkeit, die die Golden State Warriors meint. Die Warriors, die wir brauchten. Weil sie als letztes, endgültiges Argument dafür dienen, dass der Hauptfokus auf Statistiken doch der richtige Weg ist. Ich glaube aber nicht, dass das Basketball-schauende Kollektiv diesen Beweis wirklich brauchte. Weil nur verschwindend wenige die Relevanz von Statistiken ernsthaft anzweifeln.

Denn der überwiegende Teil hat verstanden, dass Statistiken notwendig sind, um das „was ist passiert“ zu verstehen und in den größeren Kontext einzuordnen. Als Entscheidungsgrundlage für das „wie wollen wir spielen und wie könnten wir Erfolg haben“. Und es ist mein vielleicht größter Wunsch für die heute beginnende Saison 2015-2016, wenn sich Leute und Blogger häufiger dahingehend hinterfragen, ob ihre gewählte Betrachtungsweise die einzig richtige ist. Oder ob man nicht anfangen sollte, das große Ganze zu sehen, andere Sichtweisen zumindest zuzulassen.

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Die Golden State Warriors sind keine Basketball-Revolution. Zumindest nicht meiner Meinung nach. Das als kleiner, deutscher Blogger mit einem übermäßigen Aufmerksamkeitsdrang und -defizit zu behaupten, nachdem im Mutterland jene Revolution bereits ausgerufen wurde, ist im besten Fall nur frech oder doof. Aber ich glaube, dass die Warriors eher eine Basketball-Evolution sind. Ein logischer nächster Schritt, der frühere Entwicklungen berücksichtigt. Eine Entwicklung, die irgendwo in der ABA und den von Doug Moe trainierten Denver Nuggets begann, bis sie über 'Nellie-Ball' und Phoenix’sches 'Seven Seconds or less' ihren Weg in die heutige NBA fand.

Die Warriors mögen keine Blaupause für Teamkonstruktion sein, sicherlich aber ein Ideengeber. Smallball funktioniert mit dem richtigen Personal und kann im besten Fall bis zur NBA Trophäe führen. Doch wäre es fahrlässig, den heutigen Stil als endgültiges Maß aller Dinge zu sehen, weil er schön mit den Statistiken korreliert. Stile ändern sich im Laufe der Zeit oder werden gänzlich neu geschaffen.

Die Evolution im Basketball wird auch nach 2015 weitergehen. Ein neuer offensiver Hauptfokus auf Dreier und Lay-Ups zieht entsprechende Defensiv-Schemata nach sich. Was einst als „Three-and-D“ Spezialisierung anfing, ist heute nahezu Einstellungsvoraussetzung. Doch wird dies, oder besser kann dies, in einer Überbewertung münden. Als „besser“ klassifizierte Würfe werden sich zunehmend darauf besser eingestellten Defensiven gegenübersehen. Dieser Trend hat längst begonnen.

Daraus ergeben sich neue Zonen, die neue „bessere“ Würfe ergeben. Intelligente Teams werden diese neuen Hotspots ausfindig machen und aggressiv attackieren. Stets ergänzt um die heutigen Spots. Daraus entstehen neue Defensivgebilde, die ihrerseits versuchen, diese Hotspots zu eliminieren oder zumindest abzuschwächen. Es ist ein ewiger Kreislauf, ein ewiges Rennen. In kapitalistischer Art und Weise sind Teams dazu verdammt, zu wachsen. Niemand kann sich erlauben, heutige Kenntnisse als absolut anzunehmen.

Und dieser Kampf ist ein weiterer Layer für die neue Saison. Gibt es 2015/16 bereits Teams, die Neues ausprobieren? Damit vielleicht sogar Erfolg haben? Oder kolossal scheitern und vom Braintrust ausgelacht werden? Ich weiß es nicht. Aber ich freue mich unheimlich auf diesen Innovationsdrang.

Nebst den offensichtlicheren Geschichten, natürlich. Können die Warriors ihren Erfolg wiederholen? Schlechter geworden sind sie wahrscheinlich nicht. Wie stark schonen die Cavaliers ihre Starter, um ein erneutes Verletzungstrauma in den Playoffs zu verhindern? Wie spielen die San Antonio Spurs, die seit langer Zeit den vielleicht besten Free Agent des Jahrgangs verpflichten haben - weil sie wollten? Wie schlagen sich die Oklahoma City Thunder, die hoffentlich gesund bleiben können?

Überhaupt: Wer setzt sich im Blutbad „Western Conference“ durch? Und im Osten: Wie kommen die Chicago Bulls mit einem Trainer klar, der sie nicht umbringen will? Wie viel schlechter werden die Hawks? Wann fordert Carmelo Anthony den Trade, und wohin würde er gehen? Boston vielleicht? Schafft es das neue It-Team aus Milwaukee, seine Puzzlestücke so schnell zusammenzusetzen, dass eine erneute Playoff-Teilnahme möglich ist? Streckt der monobebraute Roboter-Pelikan Anthony David bereits diese Saison seine Flügel über der gesamten NBA aus? Wer ist das Überraschungsteam, positiv wie negativ? Und was machen eigentlich die Lakers?

Es sind diese Layer, und natürlich noch einige mehr, die die NBA Saison 2015-16 zu einer der interessantesten Spielzeiten machen werden, die ich aktiv miterlebt habe. Somit bleibt mir nur noch eines zu sagen: Viel Spaß dabei!