14 November 2015

14. November, 2015


Vor zwei Jahren zog LeBron James aus Miami zurück nach Cleveland, in seine Heimat. Nach einer verletzungsgeplagten und beängstigenden Saison 2014/15 hat Heat-Präsident Pat Riley sein Team für Gegenwart und Zukunft neu aufgestellt. Sind die Miami Heat wieder ein Contender? 

von STEFAN DUPICK @hoopsgamede

Im Juli 2014 war die Katastrophe in Miami perfekt, LeBron James entschied sich für die Heimkehr nach Ohio. Der King wollte wieder für die Cleveland Cavaliers auflaufen, das Team das ihn 2003 von der Highschool in die NBA holte. 

Vier erfolgreiche Jahre am South Beach waren für LeBron genug. Vier Finals Teilnahmen und zwei Titel reichten nicht, um den King von einem Verbleib in Miami zu überzeugen. Seine Heimkehr führte folglich zur Sprengung der „Three Kings“, Dwyane Wade und Chris Bosh mussten die Heat künftig alleine führen.

Präsident Pat Riley ließ sich durch den Verlust von James nicht beirren und bastelte an einem neuen, schlagkräftigen Kader für die Saison 2014/15. Ex-All-Star Luol Deng wurde ebenso verpflichtet wie Josh McRoberts. Obendrein kam während der Saison Point Guard Goran Dragic via Trade aus Phoenix. Ein Coup war die Akquisition von Hassan Whiteside, der aus der D-League in die NBA stürmte und sich als difference-maker und MIP-Kandidat etablierte.

Letztlich brachten alle Bemühungen nichts Zählbares ein, denn Miami beendete die Saison mit einer Bilanz von 37-45 Siegen und verpasste die Playoffs. Eine Blamage für die erfolgsverwöhnte Franchise - schließlich war der Kader nominell viel zu gut, um im schwachen Osten die Playoffs zu verpassen.


Bei genauerer Betrachtung war das Scheitern jedoch vorprogrammiert, denn das neuformierte Team hatte kaum Zeit gehabt, sich zu finden. Speziell Dragic und Whiteside kamen viel zu spät zum Team, um sich vernünftig einzugewöhnen.

Noch verheerender waren die unzähligen Verletzungen und Ausfälle. Kein Akteur der Heat konnte alle 82 Saisonspiele bestreiten. Die Leistungsträger Wade (20 verpasste Partie) und der mit einem Blutgerinsel in der Lunge zwischenzeitlich sogar in Lebensgefahr schwebende Bosh (38 verpasste Spiele) fielen über weite Strecken aus; Josh McRoberts kam in Summe auf gerade einmal 17 Einsätze. Luol Deng verpasste zwar "nur" 10 Duelle, kam aber nicht ansatzweise an sein Niveau aus Chicago heran und musste als Enttäuschung verbucht werden.



Wendepunkt: Sommer 2015
Die alte Saison abgehakt, galt es für Riley, das Beste aus der Situation zu machen. Genau dies tat er im Sommer auch. Die Verträge von Dragic, Deng und Wade wurden allesamt verlängert, obendrein im Draft an Position zehn der talentierte Justise Winslow geholt, der zum Steal des diesjährigen Jahrgangs werden könnte.

Als Free Agents kamen Gerald Green aus Phoenix und Amar’e Stoudemire aus Dallas, zwei solide Ergänzungen für die Breite des Kaders. Während Stoudemire derzeit noch verletzt ausfällt, ist Green die perfekte Ergänzung zu Dwyane Wade. Der athletische Flügelspieler kann Wade wichtige Pausen verschaffen und zudem als solider Distanzschütze agieren. Green wird zwar nach seiner ominösen und weiterhin ungeklärten Erkrankung/Eskapade noch ein paar Spiele aussetzen müssen. Sein Start in die Saison war mit 10.3 Punkten pro Abend aber durchaus vielversprechend.

Der Sommer könnte der direkte Wendepunkt für die Heat gewesen sein. Die Neuzugänge waren frühzeitig eingetütet, die Verletzten der vergangen Saison wieder an Board. Somit gab es diesmal mehr als genug Zeit, sich im Trainingscamp zu finden und eine Einheit zu formen. Coach Erik Spoelstra konnte das Team nach seinen Vorstellungen auf- und einstellen und allen Spielern die taktischen Vorgaben einimpfen.



Dieses Team ist also auf einem sehr guten Weg. Der Start war mit sechs Siegen aus neun Partien schon sehr ansehnlich. Die Heat dürfte sich problemlos für die Playoffs qualifizieren - nicht nur, weil der Osten der NBA nach wie vor nicht die Qualität des Westens aufweist.

Dieses Team hat auch sehr viel Qualität, die niemand unterschätzen sollte. Neben der Professionalität auf und abseits des Parketts, einem sehr guten Coach und zwei künftigen Hall of Famern in der Startformation (Wade und Bosh) gibt es vier weitere Faktoren, die neben der ausgedehnten Vorbereitungszeit dazu führen können, dass Miami um den Titel in der Eastern Conference mitspielen kann.

Hassan Whiteside
Der junge Center kam in der letzten Saison aus dem Nichts und sorgte von heute auf morgen für Erstaunen. Whiteside legte Double Doubles aufs Parkett und blockte respektlos jeden Spieler, der ihm in die Quere kam.

Fraglich war lediglich, ob es sich bei Whiteside um ein One-Hit-Wonder à la Jeremy Lin handelt, oder ob er nachhaltig Einfluss auf das Spiel der Heat nehmen kann.

Nun ist die neue Saison zwar erst ein paar Spiele alt, dennoch scheint Whiteside seine Leistung aus der letzten Saison bestätigen zu können. Ein Double Double im Schnitt (14,6 Punkte und 11,7 Rebounds) kombiniert mit 4,0 Blocks lassen vermuten, dass die Heat ihren Center der Zukunft gefunden haben. 

Whiteside macht aktuell noch zahlreiche Fehler und unüberlegte Aktionen, dominiert aber dennoch durch seine Länge und schiere Präsenz. Wenn er die Fehler abstellt, dann kann er zeitnah in die Big Men Elite der Liga aufsteigen.

Gesundheit/Fitness
Die letzte Saison war aus gesundheitlicher Sicht eine Katastrophe. Miami braucht hinsichtlich der Gesundheit der Spieler etwas Glück, kann eine ähnliche Seuche wie im vergangenen Jahr nicht noch einmal gebrauchen. Die hohen Ziele sind nicht zu erreichen, wenn wieder so viele Schlüsselspieler ausfallen.

Coach Spoelstra wird versuchen, den Veteranen so oft es geht Ruhepausen zu gönnen, so dass Deng, Bosh und vor allem Wade noch ausreichend Stoff für die Playoffs im Tank haben. In den Playoffs dürfte für die Heat dann einiges drin sein, denn kaum ein Team im Osten verfügt über mehr Erfahrung und individuelle Qualität als Miami.

Breite des Kaders
Die Breite und Qualität des Kaders betreffend hat Miami im Sommer ordentlich nachgelegt. Gerad Green ist eine sehr günstige und dennoch qualitativ hochwertige Ergänzung für die Rotation. Green kann sowohl Shooting Guard als auch Small Forward spielen. 

Justise Winslow macht bisher einen sehr guten Eindruck und fügt sich sehr gut ein, der Rookie ist bereits jetzt ein guter Verteidiger und konnte auch schon in der Offensive Akzente setzen. Winslow stellt eine sehr gute Ergänzung zum wieder erstarkten Luol Deng dar, der in der noch jungen Saison bereits zeigen konnte, warum Riley ihn im letzten Jahr nach South Beach gelotst hat.

Auf den großen Positionen wird Amar’e Stoudemire nach seiner Genesung ebenso Spielanteile bekommen wie Josh McRoberts. Während Stoudemire lediglich in der Offensive unter dem Korb Akzente setzen dürfte, ist McRoberts als Allrounder gefragt. 

Der Forward verfügt über einen guten Distanzwurf und ist als sehr guter Passer bekannt. Da McRoberts in der letzten Saison verletzungsbedingt kaum zum Einsatz kam, kann auch er als de facto Neuzugang betrachtet werden.


Variation
Durch die Genesung von Chris Bosh und Josh McRoberts, die Verpflichtung von Amar’e Stoudemire und dadurch, dass Hassan Whiteside seine Leistung der Vorsaison nicht nur bestätigen sondern gar verbessern kann, sind die Heat in der Big Man Rotation sehr facettenreich aufgestellt.

Bosh und Whiteside stehen als Power Forward und Center in der Starting Five und bilden ein klassisches Big Men Gespann. Die Heat können jedoch ebenso Bosh als Center und dazu McRoberts als Power Forward starten lassen und somit flexibel auf Small Ball Line-Ups reagieren. Zudem sind sowohl Bosh als auch McRoberts in der Lage, hochprozentig aus der Distanz zu treffen um somit Räume in der Zone zu schaffen.



Alles in allem stehen bei den Erfolgsaussichten der Heat zwar noch einige Ungewissheiten im Raum. In erster Linie sind dies die alternden Stars und deren Verletzungsanfälligkeit. Sollte das Team vom Verletzungspech verschont bleiben und die positive Entwicklung anhalten, ist für die Heat in dieser Saison aber viel drin. 

Die Starting Five aus Dragic, Wade, Deng, Bosh und Whiteside gehört, zumindest nominell, zu den besten der Liga. Nun liegt es an Erik Spoelstra, aus diesem Team das Optimum herauszucoachen. 

Gelingt ihm das, könnte es sogar zu einem Conference Finale zwischen den Heat und LeBrons Cavs kommen. Das würde folglich zu einem Wiedersehen der „Three Kings“ in Miami führen... und nicht nur die American Airlines Arena zum Beben bringen.