08 November 2015

7. November, 2015


Herzlich Willkommen zur mittlerweile dritten Ausgabe des einzigen deutschsprachigen Talks über die beste Franchise aller Zeiten: Natürlich reden wir über die Philadelphia 76ers. Philipp Landsgesell wird sich in mehr oder wenigen regelmäßigen Abständen mit Gästen über aktuelle Themen rund um die Organisation aus der Stadt der brüderlichen Liebe unterhalten. 

von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Philipp Landsgesell: Dieses Mal habe ich zwei Nicht-Sixers-Fans zum Gespräch eingeladen, zum einen den legendären Brooklyn Nets-Fan Pascal (@PascalCTB), zum anderen den nicht minder talentierten Torben Siemer (@lifeoftorben). Mein Name ist Philipp Landsgesell (@Phillyland), los geht’s!

Fangen wir mit einer sehr allgemeinen Frage an: Welchen Eindruck habt ihr von den Sixers seit 2013 - dem Jahr, seit dem General Manager Sam Hinkie sportlich verantwortlich ist?

Torben Siemer: Moin erstmal, und danke für die Einladung. Die Sixers, puh. Die „Build Through The Draft“-Franchise, die den Teams aus den großen Märkten mit einer ausgeklügelten Langzeittaktik ein Schnippchen schlagen will. Mithilfe vieler Draftpicks und junger Spieler soll irgendwie der Franchiseplayer gezogen werden, am besten ein Superstar irgendwo zwischen Kobe Bryant und Damian Lillard. 

Oder ein großer Trade aus dem Sammelsurium an Assets, denn mehr als Anlagegüter scheinen die Spieler unter Hinkie bisher nicht zu sein, wenn ich mal einen Blick auf die „Turnover-Rate“ der Personalabteilung in den letzten Jahren werfe. Ich warte darauf, nach wie vielen Jahren im Bodensatz das Team wieder gut werden soll und, sagen wir, mal 30 Spiele gewinnt. 

Pascal Gietler: Auch ich möchte mich natürlich herzlichst für die Einladung bedanken. Ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich sage, dass die 76ers unter Hinkie die kontroverseste Franchise der Association sind. Ich kann die Kritik natürlich teilweise verstehen und auch ich muss sagen, dass ich es als Fan nicht begrüßen würde, wenn man mir - Achtung: Schlechtes Wortspiel - mit dem Tank über die Nerven fahren würde. 

Man könnte durchaus behaupten, dass man irgendwie und irgendwann mal den Franchiseplayer über den Draft bekommen muss, aber es ist halt auch immer ein wenig Glück dabei. Erinnert sich noch einer daran, was Joel Embiid vor der Draft 2014 zurecht über sich hören durfte? Verletzungen verhindern jedoch, dass Hans jemals der zentrale Baustein der Sixers sein wird. Ich werfe die Frage einfach mal an den Fan zurück, wenn ich darf: Wie ist deine Haltung gegenüber Hinkie? Vertraust du dem Plan? 

Landsgesell: Als Sixers-Fan ist es schon sehr merkwürdig. Ein Kernbestandteil des „Fan-Seins“ ist es ja eigentlich, seiner Mannschaft die Daumen zu drücken, mitzufiebern und letztendlich auch Erfolge zu feiern. Das wird in Philadelphia ad absurdum geführt. Niederlagen sind die gewollte Normalität. Daher verlagert sich das „Fan-Sein“ eher in die Bewertung und Beobachtung einzelner Spieler und man hofft, dort einen Hoffnungsträger zu finden. Auch ist es nicht wirklich ratsam, sich mit einem Spieler zu identifizieren, er könnte ja morgen (Hallo MCW) wieder weg sein. (Auch bekannt unter dem ScheißevonwemholeichmireinSixersTrikot-Syndrom). 

Seitdem ich die NBA verfolge, sind die Sixers im Mittelmaß gefangen. Seit der Saison 2003/04 schaffte das Team es zwar fünf Mal in die Playoffs, scheiterte aber bis auf einmal (2011/12, Derrick Rose erinnert sich) immer in der ersten Runde. Die Mittelmäßigkeit ist die absolute Todeszone einer NBA-Franchise. Will ich wirklich jedes Mal um den siebten oder achten Playoff-Platz mitspielen, inklusive Aus in der ersten Runde? Das kann in einer Liga ohne Abstiegsplätze und einem Draftsystem, das schlechte Teams belohnt, nicht das Ziel sein. 

Da Philadelphia keine traditionelle Free Agent-Adresse ist, musste der Weg zum Erfolg  zwangsläufig über den Draft gegangen werden. Ja, der eingeschlagene Weg ist radikal und in dem Ausmaß noch nie dagewesen Ja, der Weg ist kontrovers und spaltet die Basketball-Szene. Ja, der NBA ist es sicherlich recht, wenn der Plan nicht aufgeht. Aber ja, ich bin seit der Übernahme durch Hinkie mit jedem einzelnen Move einverstanden. Von Nerlens Noel (Unglaublicher Trade!), über Embiid (riskant, aber mit der größten Upside), bis zu Michael Carter-Williams. 


Gietler: Auch wenn ich Carter-Williams keinesfalls irgendetwas absprechen möchte, kann man seine Zeit in Philly getrost mit einem absoluten jungen und heißen Topmodel vergleichen, das man nach einem netten One-Night-Stand am nächsten Morgen überhaupt nicht mehr schön findet und rausfindet, dass sie auch beim Alter eine Mogelpackung ist. 

Der Blick in die erweiterten Statistiken war beinahe schon erschreckend, besonders im Kontext seiner Boxscore-Stats. Egal ob es um Rebounding oder Scoring ging: Vermeintliche Stärken waren de facto gar keine und ich unterstelle mal, dass sich auch Analyst Hinkie mit diesen Zahlen beschäftigt hat. Die Frage, ob man solche Zahlen auf die Goldwaage legen muss, lasse ich einfach mal im Raum stehen.

Landsgesell: Die Analogie zu Carter-Williams passt perfekt. Durch die vielen Picks soll die Chance maximiert werden, sich ein absolutes Megamodel zu holen und eben keine Sarah Connor. Die Sixers wollen eine Megan Fox, Jessica Alba oder Eva Green. Aber danach suchen ja alle und es braucht Glück und Geduld, die eine zu finden. 

Gietler: Mal eine Runde „100“: Habe letztens Sarah Connor gesehen. Die hat sich gemacht, aber klar - wenn du mir jetzt hier mit Eva Green (♥) ankommst, weiß ich natürlich, was du mit diesem Vergleich aussagen willst.

Landsgesell: Zurück zum Thema. Das Problem ist es halt, dem „normalen“ Basketball-Fan zu vermitteln, warum der amtierende Rookie des Jahres getradet wird. Aber Hinkie hat einen Plan und das war bei seinen Vorgängern nicht zu erkennen. Das ist ein eminent wichtiger Fortschritt. 
Zudem glaube ich, dass dieses Jahr das letzte Jahr sein wird, in dem richtig getankt wird. Mit vier anstehenden Picks im kommenden Draft (der eigene in der Lottery, der Lakers-Pick; von Heat und Thunder kommen noch Erstrundenpicks), der Ankunft von Dario Saric, von dem ich persönlich viel halte, und Hinkie wird wahrscheinlich zum ersten Mal Cap Space für Free Agents verwenden. 

Was mich auch perfekt zur Überleitung bringt: Angenommen, Hinkie ist nächsten Sommer bereit, Geld auf den Tisch zu legen und Free Agents für Philadelphia zu gewinnen. Haben die letzten beiden Jahre dem Ansehen der Franchise in der Liga geschadet? Raten Agenten ihren Klienten ab, hier zu unterschreiben? 


Gietler: Ich ergreife einfach noch mal das Wort, weil ich diese Frage für äußerst interessant halte. 
Wir alle haben noch sicherlich die schreiende Mom von K.J. McDaniels auf der Tribüne vor Augen und vernehmen Gerüchte von gedrafteten Spielern, die gar nicht so gerne in Philly sein möchten. Ich glaube, dass Philadelphia auch in punkto Free Agent Destination nur schwarz oder weiß ist - niemals grau. Etablierte Free Agents wie Mike Conley, Al Horford oder Kevin Durant werden sicherlich keinen Gedanken an die Sixers verschwenden, sofern sie nicht süchtig nach dem originalen Philly Cheesesteak sind. 

Interessant sind die klassischen jungen Underachiever, die bisher mit zu wenig Spielanteilen auskommen mussten - für diese Spieler wäre die Bühne im Wells Fargo Center wohl eine dankbare Plattform. Bei diesen Spielern sind jedoch zwei Fragen wichtig: 

1.) Passen sie in Hinkies Vision Basketball zu spielen? 
2.) Sind sie überhaupt ein Upgrade? Immerhin kann man mit Nik Stauskas, Noel, Jahlil Okafor und gegebenfalls Saric/Embiid durchaus einen vorzeigbaren Kern vorweisen.

Gerade der zweite Punkt wird meiner Meinung viel zu oft unter den Teppich gekehrt. Die Sixers haben sich in den vergangenen zwei Jahren durchaus verbessert und mit den anstehenden Draftpicks besteht wohl kein großes Interesse an der Free Agency 2016. Was meinst du, Torben? Du saugst ja auch jegliche News und Gerüchte auf - haben die Sixers in absehbarer Zeit Aussichten auf einen namenhaften Free Agent? Jimmy Butler soll ja bereits in diesem Sommer zumindest ein gewisses Grundinteresse signalisiert haben...

Siemer: Ich dachte, das wäre hier ein lockerer Talk und dann knallt ihr hier zwei so Abhandlungen raus. Erstmal sortieren. Also: Philly als Free Agent-Destination? Schwierig, in den letzten Jahren konnten da nur erfolgreiche Teams mit Perspektive (James und Bosh zu den Heat, Aldridge zu den Spurs) dicke Fische aus dem Teich holen, oft aber bleiben diese auch bei den Teams, die sie gedraftet haben ($$$). Und wie du, Phil, bereits sagtest, Philadelphia war in der jüngeren Vergangenheit keine allzu oft ins Navi eingegebene Adresse für vertragsfreie Spieler. 

Also kurz und schmerzlos, nein. Die Sixers sind (noch) nicht gut genug, auch wenn Noel sich toll entwickelt. Okafor ist noch zu jung, dazu die Taschen von Hinkie voller Draftpicks: Trades für Talente sind immer ein Thema, dazu die Hoffnung auf den Lakers-Pick und den eigenen Lottery-Pick 2016. Über den Draft aufzustocken, halte ich für den realistischeren Weg. Nur: Wann stoppt Hinkie die Pick-Sammelei und stellt den Schalter auf „Spiele gewinnen“? Der Kern mit Noel, Okafor, vielleicht Stauskas (STAUSKAS!) und bald Saric sowie hoffentlich auch Embiid ist vielversprechend. Wohin die Reise geht und wann das Mies-Sein nicht mehr Hauptziel ist, darauf bin ich gespannt. Also, ähm, wo waren wir noch gleich? 

Landsgesell Ich sehe das ein wenig anders: Philadelphia war in den letzten zehn Jahren kein Ziel für ambitionierte Free Agents. Warum auch? Das Team war nicht sonderlich talentiert, die Stadt eher unattraktiv. Für die kommende Free Agent-Periode erwarte ich aber, dass Hinkie zum ersten Mal Cap Space nutzen wird, um Free Agents in die Stadt der brüderlichen Liebe zu locken. Das werden zwar keine Spieler mit Gold-Gütesiegel sein, sondern eher – wie Pascal oben angesprochen hat – junge Spieler mit Entwicklungspotenzial. Bis dahin wird das Management weiter Assets sammeln, um per Trade einen unzufriedenen Superstar zu bekommen. 

Der Name Paul George lässt die Herzen der Sixers-Fans immer wieder hochschlagen. Wie wahrscheinlich ein solches Szenario ist, muss jeder für sich selbst entscheiden, aber die Sixers werden auf jeden Fall bereit und in der Lage sein, ein angemessenes Paket zu schnüren. Dem Image der Franchise wird das Tanken meiner Meinung nach nicht geschadet haben. Wenn die Spieler sehen, dass Talent da ist und sie das Team essentiell verstärken können, werden sie auch wieder nach Philadelphia kommen. 



Natürlich darf der Sixers-Talk nicht ohne ein paar Sätze zu Jahlil Okafor passieren. Persönlich war ich leider sehr enttäuscht, dass Karl-Anthony Towns und D’Angelo Russell von den Timberwolves bzw. Lakers gepickt wurden. Doch die ersten Spiele Okafors gefallen mir sehr und überzeugen mich. Seine Moves im Low-Post sind ausgefeilt und er kann schon große Teile der Offensive tragen. Mit den Bigs der Celtics, Jazz und Cavs warteten gestandene NBA-Profis auf den 19-jährigen, der aber offensiv trotzdem fast nach Belieben dominierte. 

Problematisch sind eher seine defensiven Fähigkeiten. Die Sixers bekommen pro 100 Ballbesitze 10 Punkte weniger eingeschenkt, wenn er sitzt. Das ist natürlich ein Problem. Ein Ring-Beschützer wird er nie sein und auch im Rebounding hat er seine Probleme. Wie seht ihr den Nummer-3 Pick des vergangenen Drafts? Habt ihr das erwartet? Habt ihr überhaupt schon ein Sixers-Spiel in dieser Saison geschaut? 

Gietler: Jahhhhhh! Ich habe sage und schreibe ein Spiel der Sixers gesehen: Als die Jazz in Philly zu Gast waren, wollte ich zum einen natürlich meine Sidechick aus Utah abchecken, und zum anderen sehen, wie sich Okafor gegen einen potenziellen Defensive Player of the Year im Post anstellt. Leider habe ich mir für eine Bewertung von Okafor genau das falsche Spiel ausgesucht. Kleiner könnte die Sample Size nicht sein - ich bin  dennoch nach wie vor davon überzeugt, dass Okafor im Vakuum betrachtet der zweitbeste Spieler des vergangenen Drafts gewesen ist. Was ich besonders erfreulich finde, ist seine Freiwurfquote. Diese war am College mit 51% nicht wirklich gut; bisher trifft er 81% - ein Indiz für eine tolle Arbeitsmoral und sein großes Potenzial. 

Siemer: Ich muss gestehen – für einen Auftritt der Sixers hat mir die Zeit gefehlt bisher, zu mehr als ein paar Highlights hat es noch nicht gereicht. Aber ich gebe Pascal Recht, die Arbeit an den Freiwürfen, wenn sie denn langfristig ist, macht mir Hoffnung, dass Okafor die richtige Arbeitseinstellung hat. In der Hinsicht beunruhigen mich eher die immer wieder aufkommenden Gerüchte rund um Embiid: Er trage seinen Schutzschuh zu wenig, habe Gewicht zugelegt und feiere außerdem zu viel. Ein Urteil über die Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte kann ich mir schwerlich erlauben, dennoch: Die ersten zwei Jahre einer potenziellen All-Star-Karriere zu verpassen, muss hart sein und ordentlich am Selbstbewusstsein nagen. Ich hoffe, der Junge steht im Herbst 2016 endlich fit auf einem NBA-Parkett. 

Landsgesell: Zum Schluss: Over-Under-Vorhersagen macht man normalerweise vor der Saison, doch wir Sixers sind ja radikal. Ich lege das Over-Under bei 22 Siegen fest. Ich gehe drüber! Was sagt ihr? 

Gietler: Du gehst drüber? Puh. Ich sehe die Sixers noch immer in jedem Match-Up als Außenseiter und als Nets-Fan muss ich einfach hoffen, dass es ein Team gibt, dass unter 20 Siegen bleibt. Ich geh intuitiv einfach mal „under“!

Siemer: 18 Siege waren es in der Vorsaison, du sagst sie gewinnen vier Spiele mehr. Ich zitiere Pascal: „Puh.“ Sehe ich ehrlich gesagt nicht – der Osten ist nicht viel, aber doch zumindest ein wenig besser geworden - auch wenn das Ab der Nets das Auf der Knicks ausgleichen könnte. Ich traue ihnen bestenfalls 20, vielleicht 21 Siege zu, also: Under.

Landsgesell: Ich bedanke mich für das nette Gespräch und eure wertvolle Zeit. Keep it 100!