11 November 2015

10. November, 2015


Neue Rubrik hier bei uns, ehe ihr sie schon bald auf anderen gängigen Seiten ebenfalls vorfinden werdet. Ein paar Typen, multiple hochaktuelle Themen, freies Assoziationsformat, go!

von SEB DUMITRU @nbachefkoch , ANNO HAAK @kemperboyd , ROMAN SCHMIDT @sch_rom

Rockets

Rom: „Houston, wir haben ein Problem!“, würde ich schreiben, wenn wir ein abgehalftertes, den sportfangesellschaftlichen Bodensatz anziehendes Format wären. Sind wir aber nicht! Daher ist meine Einleitung eine völlig am Thema vorbei gehende, einen Absatz lange Echauffierung über das angebliche deutsche Basketballleitmedium. Achtung, Seitenhieb.

Wo waren wir? Ach ja, die Rockets müssen zusehen, dass sie Dwight langsam zusammengeflickt bekommen. Sein Rücken und auch das nicht erst im Sommer lädierte Knie machen mir Sorgen. Dass der Rest des Frontcourts diesbezüglich ebenfalls kein Glück hat, trägt nicht gerade zur Teamstärke bei.

Und so hat Harden Ty Lawson und Trevor Ariza zur Verfügung, um die Rockets irgendwie durch den Westen zu bugsieren. „NOT GON‘ BE ABLE TO DO IT.“ Sobald sich das Lazarett lichtet, sieht das wieder besser aus. Ich habe keine Angst um Harden.

Anno: Die Aufregung über die Rockets ist für mich nicht beteiligungsfähig. Für mich war der Grund, dass Harden zum Teil ernsthaft vor Curry in der MVP-Diskussion genannt wurde, dass er ein minderbegabtes Team in die WCF getragen hat. Nicht Cavs-2007-minderbegabt, aber immerhin. Jetzt trägt Harden eben nicht mehr, und zugegeben die Verletzung von Howard hilft nicht.

Wobei das Label "zweiter Superstar" für Howard mittlerweile abstrus geworden ist. Aber solange die Berichterstattung Sebs innere Echauffeuse weckt, hat die Krise von Moreyball Mehrwert. Jaha, ich weiß, wo's rausgeht.


Seb: KARDASHIAN! Das fotzige Familien-Furunkel am Arsch aller experimentierfreudigen Promis die große Hinterteile lieben und nicht lügen können, schien wieder ganze Arbeit geleistet zu haben. Aaaaber... Harden ist okay, keine Panik.

Zwei 40+ Punkter in Serie und vier konsekutive Rockets-Siege demonstrieren dass es a) nie zu früh ist um völlig überzureagieren und Teams nach drei Partien wahlweise komplett abzuschreiben/in die Conference Finals zu texten... und b) Houston wie alle anderen neu zusammenstellten Teams Zeit braucht, um sich zu finden. Harden off the ball funktionierte nicht so gut wie geplant. Lawson neben ihm im selben Backcourt funktioniert defensiv überhaupt nicht.

Eine Rückkehr zu gewohntem Rockets-Ball mit  Harden als primärem Ballbehandler hat den Knoten entknotet. Der Spielplan lichtet sich, die Verletzten kommen nach und nach zurück. Let the good times roll...


Thunder

Seb: Apropos Harden: Thunder! Hätte Oklahoma City eigentlich nicht...? Diese fiese Wunde brauchen wir gar nicht erst wieder aufzubohren, denn das in der Prärie beheimatete Naturschauspiel mit dem generischen Logo und einem Bison als Maskottchen Basketballteam ist fachlichen Interpretationen zufolge bereits nach zwei Saisonwochen am Arsch.

Nicht wichtig, dass ein neuer Head Coach ein neues System und einen ehemaligen MVP mit mehr als 20 Wurfversuchen pro Partie (re-)integrieren muss; oder dass alle drei Niederlagen bisher knapp und gegen absolute Top-Teams zustande kamen; oder dass OKC bei meinem letzten Blick auf den Kader immer noch zwei der fünf besten Spieler der Welt aufs Parkett schickt.

Nein, wenn Steven Adams immer noch für Enes Kanter startet und Andre Roberson auf der Zwei, dann ist hier klar Hopfen und Malz verloren. Westbrook hat noch nicht ein Triple Double erzielt. Rajon Rondo dafür schon. Durant geht eh nach Washington, Westbrook ein Jahr später zu den Lakers, selbst in die Playoffs will sie der gemeine Fan noch nicht hieven ... im Prinzip also höchste Zeit, diesen Klub endlich aufzulösen. Oder, Anno?

Anno: Das hier ist ein assoziatives Format? SONICS! Ich mag Durant, ich mag Westbrook, ich sehe ihnen gerne zu (wer nicht?). Aber bevor ich mit dieser Franchise warm werde, geht Jerome James an einem Burgerladen vorbei.

Meine Form der Verachtung für Bennett und Co. ist Ignoranz. Sie gewinnen drei am Stück? Ich gucke Kobe. Sie verlieren drei am Stück? Ich gucke Sixers. Solange sie nicht Meister werden und Durant die Decision nachspielt, ist alles grün-gelbe Wattebauschwelt. Ich habe nichts zu meiner Verteidigung zu sagen.


Rom: Mimimimi, Sonics, Thunder, mimimi. Kann ich auch. Nur besser. Naja, oder auch nicht, denn mein Plan war eigentlich, wie ich meine Abneigung gegen Enes Kanter auf über einen Absatz strecke. Ich wäre vorsichtig mit diesem strikten Wegzappen der Thunder, denn vielleicht ist dies das letzte Jahr, in dem wir solch einen One-Two-Punch wie Durant und Westbrook sehen.

Gut, wenn wir Lakers Fans Glauben schenken, dann gibt es das Ganze in zwei Jahren in lila-gold. Der Start in die Season war für OKC relativ holprig und sie haben zwischenzeitlich drei Niederlagen in Folge erdulden müssen (Houston, Toronto, Chicago), in denen zwar die beiden Superhelden stark waren, am Ende jedoch die Luft zu fehlen schien. Vor allem in entscheidenden Situationen gab es selten Alternativen zu, „Kevin, Russell, einer bekommt nen Ball und wirft dann mal.“

Während in jüngster Vergangenheit Teams die Larry O’Brien Trophäe in die Luft gehoben haben, die durch ausgeglichene Spielweise mit phasenweiser Brillanz einiger Einzelkönner glänzen, herrscht in Oklahoma City immer noch der Hero-Ball. Wenn du Batman und den unglaublichen Hulk hast und die Welt auf dem Spiel steht, ist es schwer, auch den freistehenden Peter Parker hin und wieder zu bedienen.


Pistons

Anno: Der samtig reibeisige Klang von van Gundys Auszeitgebrüll ist das phonetische Äquivalent zur Optik eines durchschnittlichen Bill-Laimbeer-Korbballspiels. Hier wächst zusammen, was zusammengehört. Amerikas whitetrashigster Trainer und die Heimat von Eminem.

Und wenn ich den Winterspeck verloren und mich im sanften Glanz der Frühlingssonne zum ersten Mal nach Monaten wieder in mein Größe-S-Rodman-Pistons-Throwback gezwängt habe, werden die Pistons vom süßlichen Saft des Erstrundenaus gekostet haben. Magisch!...Ja,ich weiß,wo's rausgeht.

Rom: Es kann so einfach sein. Stan van Gundy hat Basketball kapiert. Es geht wie folgt. Werde Trainer bei einem Basketball-Team. Nimm einen infantilen, athletischen, großen Mann. Pack ihn in die Mitte. Ihn umgibst du mit vier Leuten, die ganz gut werfen können. Ach was, selbst, wenn sie nicht gut werfen können, lass sie ballern, was das Zeug hält, fällt schon keinem auf.

Dann lässt du einen von den Vieren pausenlos Pick and Rolls mit dem Langen laufen und voilá, ein Selbstläufer. Hast du diese Schritte befolgt, lehnst du dich zurück, zählst deine Scheine und freust dich über das Leben in der Eastern Conference. Und wenn es mal nicht so läuft? Kein Problem! Der Typ, der dich dann feuern sollte, der General Manager- und jetzt halt dich fest- der bist du auch noch!

Naja, bis der infantile, athletische, große Mann sich gegen dich verschwört, weil du mit den Jameer Nelsons und Reggie Jacksons dieser Welt eben keine Titel gewinnst. Und wer ist schuld? Natürlich du. Aber mach dir nichts draus, in ein paar Jahren ist Gras drüber gewachsen und der nächste große Mann steht schon in den Startlöchern. Es kann so einfach sein.

Seb: Wer hatte die Pistons bei 4-1 Siegen nach fünf? Lügt euch nicht selbst an, niemand von uns. Also niemand von uns Homo Sapiens zumindest. Die neueste Iteration der van Gundy Pistons (ist erst die zweite, wirkt aber wie die mindestens fünfte) scheint endlich in der Lage, den präferierten Ball des unterhaltsameren van Gundy Bruders umzusetzen.

Das Rezept ist einfach: Reggie Jackson als Ballhandler im Pick & Roll, drei Schützen aussen (idealerweise Ersan Ilyasova, Marcus 'Monsterstart' Morris und Kentavious Caldwell-Pope), Andre Drummonds gigantisches Hinterteil als autarker Planet mit eigener Gravitationskraft, der alle fliegenden Objekte in der Umlaufbahn anzieht.. und fertig ist der ernstzunehmende Playoff-Kandidat. Jeder kennt seine Rolle, die Teamchemie ist super, Drummond wird bei jeder Gelegenheit gefeatured (wie es auch sein sollte). Wenn van Gundy jetzt "just noch a fucking Bench formen" könnte...



Warriors

Rom: Ich finde es ziemlich unverschämt, dass die Warriors offenbar keine der Expertenumfragen gelesen haben, in denen kaum 10% der Befragten ihnen einen zweiten Titel zutrauten. Da kommen sie einfach daher und bügeln alles nieder, was nicht bei 3 einen Flop versucht. Und dann wird dieses Team von diesem wahnsinnigen Long Range Rider angeführt, der noch irrere Zahlen liefert als das Kollektiv ohnehin schon tut.

Ich habe gesehen, wie dieses Team den (zugegeben, derzeit sehr schwachen) Grizzlies mit 50 Punkten Vorsprung lebendig die Lunge entfernt hat, ohne, dass die Starting Five Schweiß auf der Stirn hatte. Steph Curry ist nicht von dieser Welt. Ja, es ist erst November, aber es ist schwindelerregend, wie dominant dieses Team aussieht. Und Klay Thompson (knapp unter 14 Punkte pro Spiel) ist noch nicht einmal auf Betriebstemperatur.

Ich lehne mich mal ganz vorsichtig (aber weit) aus dem Fenster und behaupte, das könnte sich bald anfühlen, wie die Bulls Teams Mitte der 90er Jahre. Aber man muss auch mal sagen, so langsam gehen wirklich die Superlative aus. Ist gut jetzt, Warriors. Kommt mal wieder runter.

Anno: Ich hatte hier ein paar pfannenfertige Witze über Luke Walton, den Vornamen von dessen Vater und einen 171-0-Streak aus alten Wrestlingzeiten in der Schublade. Dann las ich einen Vergleich der Warriors mit den Unbeatebulls. Von einem Bulls-Freund! So kam ich aus dem Tritt und auf eine Path-Not-Taken-Story.

Was wäre wohl das Thema dieses Absatzes, wenn die Warriors vor 17 Monaten den Teilzeitbesserwissern gefolgt wären und ihr halbes Roster inkl. Thompson für Love nach Minneapolis verschifft hätten? Sicher nicht die Warriors. Diese Erfolgsgeschichte ist so unwahrscheinlich schön, weil sie so schön unwahrscheinlich ist. Und weil die Dominanz gut aussieht. Und wer einen NBA-Champion nicht mag, dessen bester Spieler halb so viel verdient wie Kobe, hat den Basketball nie...

Seb: Alles nur Glück, Mann!



Kobe

Seb: Die aktuelle Diskussion um Kobe Bryant, seine potentiell letzte Saison, seine schwachen Leistungen bisher, sein Vermächtnis, seine erodierenden Skills, die schädigenden Auswirkungen seiner Präsenz auf die Entwicklungskurve der Kids im Team... das alles verdeutlicht doch eines: egal ob ihr Bryant liebt, hasst oder ihn realistisch seht (lies: als einen der zehn besten Spieler aller Zeiten) - er beschäftigt euch. Immer noch, selbst nach 20 Jahren und mehr als 55.000 Minuten auf höchstem Niveau in der besten Liga der Welt.

Fakt ist: Kobe ist durch - das wird nicht nur dieses Jahr, sondern wurde schon in den vergangenen beiden deutlich. Jeder menschliche Körper hat, egal wie durchtrainiert und maschinen-mäßig optimiert er ist, eine finite Belastungsgrenze. Ist die überschritten, gibt es keinen Weg zurück.

Dass Kobe also je wieder an seine letzte effiziente/effektive Saison anknüpfen kann, an 2012/13, ehe ihm der Achillessehnenriss ein anderes Schlusskapitel in den 'Das Gift der Mamba' Bestseller diktierte - völlig utopisch. Dass er plötzlich die Midrange-Pullups gegen Mann sein lässt, die meist nur noch Eisen mitnehmen - unrealistisch. Dass ihn Byron Scott, einer seiner ersten Teamkollegen und Freunde seit 1995, auf die Bank setzt, wenn er in einer Halbzeit solo ganze Backsteinsiedlungen hochzieht - ähm, nein!

Es bleibt wie es ist: Kobe wird auf seiner letzten Runde durch die 28 übrigenen Arenen der Liga die Häuser ausverkaufen wie im heimischen Staples Center, MVP-Rufe ernten, alte Weggefährten umarmen, miese Quoten werfen und in zwei von drei Fällen als Verlierer vom Platz gehen.

Nicht das Ende, dass er sich einst vorgestellt hatte - aber das ahnte er irgendwie schon, als ihm an jenem schicksalhaften Abend vor den Playoffs 2013  gierige Journalistenscharen ihr viel zu grelles Scheinwerferlicht in seine tränenden Augen hielten. Kobe weiß: selbst die stursten und bissigsten Menschen aller Zeiten sind zu kurz, um mit höheren Mächten zu boxen. Vater Zeit gewinnt immer!


Rom: Ich bin ganz ehrlich: Diskussionen über Kobe Bryant gehe ich heutzutage kontinuierlich aus dem Weg. Auch seine Spiele sehe ich mir ungerne an. Wer kann mir das verdenken? Ich möchte nicht ständig über seinen Platz in der Basketballgeschichte debattieren müssen, als hätte er die Kobe 10s längst an den Nagel gehängt.

Ich möchte nicht ständig daran erinnert werden, dass alles nur noch eine Frage der Zeit geworden ist, ein Bonus mit Ehrenrundencharakter. Dass er ein Spiel nach dem anderen versucht, die Uhr zurück zu drehen und auf der Stelle tritt. Dass die Zeit an ihm nagt. Wir sehen uns Tim Duncan an und reden uns ein, dass heutzutage alles möglich sei und Kobe bereits nach dem All-Star Wochenende die Young Guns wieder reihenweise vorführen wird. Der Mensch ist Meister im sich etwas vormachen.

Kobe ist auch Symbolik. Mit ihm geht ein entscheidender Teil meiner Jungend endgültig zu Ende. Seit ich diesen Sport entdeckt habe, ist Kobe Bryant nicht aus dieser Welt wegzudenken. Für eine neue, lila-goldene Generation auf der Zwei bin ich einfach nicht bereit. Bitte zwingt mich nicht, hierzu noch mehr zu sagen. Ach verdammt, Seb, wisch hier mal durch. Schon wieder Staub im Auge.

Anno: Wer über Kobe nicht diskutieren will, hat Basketball nie geliebt. Wer nur schreibt, dass er es nicht will, verfasst einen ganzen Absatz. Er ist im 20. Jahr und immer noch relevant genug, um drüber zu reden. Die meisten anderen Spieler stehen 20 Jahr nach dem Draft vor irgendeinem Insolvenzgericht. Duncan kann nicht der Maßstab sein. Er spielt immer noch. Er startet immer noch. Durchhalten ist ein Wert an sich.

Ich sehe immer noch lieber ihm dabei zu, wie er Backsteinwolkenkratzer baut, als den meisten anderen, wenn sie treffen. Er saugt? "Er ist Kobe!" (mit freundlicher Genehmigung des Königs). Ach so: meine Jugend ist eh futsch, von daher warte ich ohne Angst auf das Twitterbild von einem unterschriebenen Vertrag bis 2018. Es ist November, Freunde!