12 Dezember 2017

12. Dezember, 2017


Das erste Viertel der NBA-Saison ist gespielt und die #NBACHEF-Redaktion hält einen Moment inne, um ein Zwischenfazit zu ziehen und einen Ausblick zu wagen: Wer hat überrascht? Wer wird überraschen? Wer folgt Earl Watson und David Fizdale in den vorzeitigen Urlaub? Und welcher namhafte Spieler wird dieses Jahr getradet?

von NBACHEFSQUAD

Die größte Überraschung

Torben Siemer @LifeOfTorben: Die San Antonio Spurs. Heimlich, still und leise ist es wieder einmal das Team von Gregg Popovich, das allen Zweifeln zum Trotz wieder zu den Top 3 in der Western Conference gehört. Dabei hat Kawhi Leonard noch gar nicht gespielt und soll erst in dieser Woche zurückkehren. Übrigens der Kawhi Leonard, der noch vor wenigen Monaten zu den besten fünf Spielern der NBA gezählt wurde und bislang zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu vergessen scheint. Eigentlich ist's ja auch Quatsch, die Spurs mal wieder zur Überraschung zu erklären, wenn sie doch seit 20 Jahren genau das machen: Heimlich, still und leise ganz vorne dabei sein.

Jan Wiesinger @WiesiG: Positiv überrascht haben mich auf jeden Fall die Boston Celtics, die im ersten Saisonviertel über 80% ihrer Spiele gewonnen haben. Nach der schrecklichen Verletzung von Neu-Kelte Gordon Hayward im ersten Viertel des ersten Saisonspiels war eine solche Traumbilanz wirklich nicht zu erwarten. Boston weist die besten Defensivkennzahlen der gesamten Liga aus, wobei sich Veteran Al Horford nach einer durchwachsenen Saison im Vorjahr hier zum absoluten Führungsspieler entwickelt hat. Neu-Akquisition Kyrie Irving demonstriert Nacht für Nacht eindrucksvoll, dass er als unbestrittene erste Option im Angriff eines Teams verlässlich funktionieren kann und liefert trotz Maske regelmäßig Top-10-Plays, die jedem Basketballfan das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.

Stefan Dupick @hoopsgamede: Die Boston Celtics sind für mich die größte Überraschung. Trotz des Ausfalls von Gordon Hayward funktioniert das Team ausgezeichnet und weist derzeit die beste Bilanz der Liga auf. Kyrie Irving spielt sich in die MVP-Diskussion, Rookie Jayson Tatum und Sophomore Jaylen Brown spielen wie alte Hasen und selbst Daniel Theis hat bereits seine Rolle gefunden. Brad Stevens hat es geschafft, aus vielen Bausteinen eine Mannschaft zu formen. Kaum vorstellbar, dass mehr als die Hälfte des Kaders im Vorjahr noch nicht im Kader der Kelten stand.


Philipp Landsgesell @Phillyland: Für mich sind die Indiana Pacers die positive Überraschung der bisherigen Saison. Angeführt von Victor Oladipo und Myles Turner stehen die Pacers bei 16 Siegen und elf Niederlagen. Da außer Oladipo und Turner im Kader sonst nicht viel los ist, habe ich die Pacers nicht auf einem Playoff-Rang gesehen.

Daniel Schlechtriem @W14Pick: Die Indiana Pacers waren für mich ein klarer tabellarischer Treibsandkandidat, festsetzt neben den Bulls und Hawks. Stattdessen straft Victor Oladipo alle Zweifler und Kritiker allabendlich ab und blüht regelrecht auf, seit er nicht mehr Westbrooks Wasserträger mimen muss. Die Erben Reggie Millers haben sich von der Lachnummer der Offseason zu einem ernsthaften Playoff-Kandidaten erhoben und sind damit die größte Überraschung. Lobende Erwähnung in dieser Kategorie: Die Utah Jazz und Donovan Mitchell.


Wer schafft den Turnaround?

Siemer: Die Chicago Bulls. Nein, okay, das wäre dann doch zu viel des Guten. Ich möchte gerne die Oklahoma City Thunder nennen, allein es fehlt der Glaube. „Melo is aging before our eyes“ las ich dieser Tage auf Twitter und so richtig in Fahrt gekommen sind die Big Three der Thunder bislang nicht, zumindest nicht im Kollektiv. Von der Defensive ganz zu schweigen. Aber normalerweise kannst du als Mannschaft um den amtierenden MVP und einen, der zumindest in der Diskussion mal hier und da auftauchte, nicht das ganze Jahr über um .500 herumkriechen. Normalerweise. Aber was ist bei Russell Westbrook schon normal?

Wiesinger: OKC. Ich denke, das mit der Negativbilanz wird zur Saisonhälfte Geschichte sein und danach wird sich eine gefestigtere und besser eingespieltere Truppe auf einem Playoff-Rang festsetzen. Paul George kommt von seiner Verletzung zurück und wenn Carmelo zumindest durchschnittliche Leistungen bringt, wird es mit den Thunder schnell wieder aufwärts gehen. Vor allem George muss sich angesichts seines auslaufenden Vertrages ins Schaufenster spielen. Die Schwächen der Truppe, insbesondere in der Offensive, waren allerdings in den ersten Wochen der Saison klar erkennbar. Jetzt liegt es auch an Trainer und Management, der starlastigen Truppe eine offensive Spielidee zu vermittelten und bei einer sich bietenden Gelegenheit den Kader um die drei Superstars durch Trades zu optimieren. Welcher Spieler der Thunder dabei für andere Teams als Gegenwert interessant sein könnte, darf jedoch in Frage gestellt werden.


Dupick: Die Oklahoma City Thunder schaffen den Turnaround. Aktuell sind die Thunder ein Borderline-Playoff-Team und die Bilanz ist noch negativ. Wenn sich die Big Three um Westbrook, George und Anthony jedoch richtig eingespielt haben, dann wird OKC den Westen ordentlich aufmischen. Das Team verfügt über genug Qualität um am Ende der Saison einen Platz unter den Top 4 zu belegen.

Landsgesell: Die Oklahoma City Thunder sollten den Turnaround schaffen. Nach den Celtics haben die Thunder die zweitbeste Defensive und offensiv ist zu viel Talent vorhanden, um weiter Spiele zu verlieren.  Es wird noch weiter Zeit benötigen, bis sich Westbrook, Anthony und George aneinander gewöhnen, doch die Playoffs sind weiterhin locker drin.

Schlechtriem: Die L.A. Clippers. Nicht dass ich sie zwingend in den Playoffs sehe oder von Organisation und Coach (siehe unten) wahnsinnig viel halte. Die Zwischenbilanz von 10-15 Siegen spiegelt jedoch nicht das reale Leistungsvermögen wieder. Lou Williams füllt die Lücke immer besser (23,2 Punkte und 7,4 Assists im Dezember), Gallo und Teodosić sind zurück und bringen wieder Ordnung ins Spiel – die Talsohle ist überwunden. Ein Trade um DeAndre Jordan (siehe noch weiter unten) würde das Team ohnehin nicht zurückwerfen...


Wer bricht ein?

Siemer: Minnesota! Jimmy Butler beschwert sich schon jetzt darüber, dass Tom Thibodeau das macht, was er schon in Chicago tat – und das ist, seine Starter mehr oder weniger durchspielen lassen. Kurzer Blick auf den Statistikbogen: Im Dezember spielen die Timberwolves mit einer 8-Mann-Rotation. Butler spielt über 40 Minuten im Schnitt, Jeff Teague 35. Letztgenannter spielt übrigens die wenigsten Minuten der Starting Five. In einer Liga, die in den vergangenen Jahren das Thema „Belastungssteuerung“ kultiviert hat, kann das eigentlich nicht gut gehen.

Wiesinger: Hier denke ich schnell an die Indiana Pacers. Die machen derzeit einen wirklich guten Job und schnuppern an einem Playoffplatz mit Heimvorteil. Hometown-Hero Victor Oladipo, dessen Tausch mit Paul George viele Unkenrufe hervorgerufen hatte, spielt wie ein waschechter All-Star, führt das Team an, trifft seinen Dreier überraschenderweise mit brutalen 44% und beendete zuletzt sogar den 13-Spiele-Streak der Cavaliers (den in dieser frühen Phase der Saison auch kaum jemand für möglich gehalten hätte). Für einen sicheren Playoffplatz auch nach 82 Spielen im dann doch nicht ganz so schwachen Osten sind die Pacers aber insgesamt deutlich zu schwach aufgestellt. Ich sehe sie am Ende der Saison eher auf den Plätzen acht bis zehn.

Dupick: Die Detroit Pistons überraschen bislang und sorgen im Osten für Furore. Nach zuletzt drei Niederlagen in Serie bekam die Euphorie in MoTown jedoch bereits den ersten Dämpfer. Die Pistons werden im Laufe der Saison einbrechen und sich am Ende knapp in die Playoffs retten. Generell dürften sie damit jedoch zufrieden sein.

Landsgesell: Philadelphia. Zu fragil ist das verletzungsanfällige Gerüst der Sixers. Die Bank ist dünn und kann Verletzungen nicht auffangen. Die Sixers werden zwar nicht drastisch abstürzen, aber einige Spieler unter .500 landen.

Schlechtriem: Die Charlotte Hornets sitzen auf einem sehr dünnen Ast. Mit 5-3 Siegen sind sie ordentlich gestartet, befinden sich jedoch seit dem durchwachsenen November (4-9) im Tiefflug. Spätestens die Absenz ihres Coaches Steve Clifford legt sämtliche Ambitionen ad acta. Mit Verletzungen plagen sich die Hornissen ohnehin ständig herum, Gefahr von der Dreierlinie gibt’s immer noch keine und Dwight Howard im Aufgebot zu haben ist bekanntlich seit Jahren ein Minusgeschäft. Abgesehen von den Rohrkrepierern aus Chicago und Atlanta sehe ich im Osten dieses Jahr kein Team hinter Charlotte. Wenigstens fallen sie nicht besonders tief.



Der wackligste Trainerstuhl

Siemer: Kurzer Blick nach oben – hallo Billy Donovan! Sicher lässt sich die Misere der Oklahoma City Thunder nicht auf den Coach reduzieren, ganz ohne Schuld kann er aber schon rein logisch nicht sein. Was die Thunder phasenweise anbieten, wird schon zum Running Gag in diesem Internet. Niemand erwartet Ballmovement wie bei den Golden State Warriors, aber etwas mehr Kreativität darf schon mal her. Beim Offensiv-Rating von basketball-reference gehören die Thunder zum unteren Drittel, stehen knapp vor den Atlanta Hawks. Puh.

Wiesinger: Rivers raus! Klar hatte der Mann nach dem Paul-Abgang und einer Menge fieser Verletzungen (Patrick Beverley, Blake Griffin, Miloš Teodosić, Danilo Gallinari) bereits vor dem Start dieser Saison eine Menge Pech. Aber seine Degradierung zum Nur-Coach vor dem ersten Spiel und seine eindrucksvolle Unfähigkeit, mit einem starken Clippers-Kader überhaupt die erste Playoffrunde zu überstehen, sind für mich klare Indizien dafür, dass Doc Rivers nicht mehr der richtige Trainer für die Clippers ist. Alternativkandidat für den nächsten Rauswurf ist für mich Steve Clifford in Charlotte, bei dem in den letzten Jahren kaum eine positive Entwicklung erkennbar war.

Dupick: Den nächsten Trainerwechsel gibt es in Los Angeles. Während der Posten von Luke Walton bei den Lakers gesichert ist, sollte der Stuhl von Doc Rivers ordentlich wackeln. Bei den Clippers läuft nicht viel zusammen und daran ist Doc Rivers nicht so ganz unschuldig. Natürlich kann der Coach nichts für die Ausfälle von Griffin, Gallinari oder Beverley, dennoch hat es nicht den Anschein, als würde der Coach das Team noch erreichen.

Landsgesell: Glenn Rivers. Nach der Verletzung von Blake Griffin ist die Saison der Clippers schon gelaufen. Nachdem ihm im Sommer schon der GM-Posten genommen wurde, sitzt Rivers mittlerweile auf dem Schleudersitz.


Schlechtriem: Soll: Doc Rivers. Wird: Dave Joerger. Die Kings haben einen Haufen Kohle in die Veteranen George Hill, Zach Randolph und Vince Carter investiert, stehen aber doch wieder wie jedes Jahr im Keller, nicht einmal in der Nähe der Playoff-Ränge. Weil es Sacramento ist und weil die Phoenix Suns und Memphis Grizzlies zuletzt Ansprüche auf den Award der am schlechtesten geführten NBA-Franchise geltend gemacht haben, wird’s mal wieder Zeit für einen überhasteten, sinnbefreiten Schnellschuss der Kings.


Der Blockbuster-Trade

Siemer: Trade-Orakel spielen, das klappt eher selten. Die Memphis Grizzlies haben sich ja gegen den Trade von Marc Gasol und für den Rauswurf von Coach David Fizdale entschieden, sonst wäre das vielleicht meine Wahl gewesen. Also: DeAndre Jordan. Der Clippers-Center weint vermutlich nach jedem Spiel darum, dass Chris Paul jetzt Clint Capela die Pässe zuwirft, die L.A. einst zu Lob City machten. Angeblich haben ja die Cleveland Cavaliers Interesse – welches Paket die bieten könnten, schwierig. Tristan Thompson straight up?


Wiesinger: Marc Gasol zu den Spurs. Der hatte in Memphis zuletzt zumindest (wohl) stark am Trainerstuhl von David Fizdale gesägt, wird da aber ohnehin nicht mehr glücklich. Auch wenn sein Bruder noch bezahlt wird, als sei er Anfang 30, dürfte sich die romantische Vorstellung vom Zusammenspiel der spanischen Brüder bald angesichts dessen drohenden Karriereendes erledigt haben. Pop steht auf Euro-Jungs und auf dem höheren Niveau ist Marc derzeit einer der wenigen, halbwegs realistischen Prospects. Technisch wird das ganze jedoch schwierig: Tony Parker und sein auslaufender Vertrag + X müssten wohl gehen, dazu würden die Grizzlies wohl saftig frühe Erstrundenpicks haben wollen, die es in San Antonio nicht zu holen gibt. Also müsste ein drittes Team mit ins Boot.

Dupick: Die Spatzen pfeifen es bereits von den Dächern: DeAndre Jordan, der Center der Clippers, ist in der Gerüchteküche aufgetaucht. Ein potentieller Trade des Big Man hängt sowohl an der Zukunftsausrichtung der Clippers, als auch am potentiellen Gegenwert. Als Abnehmer werden die Cavs, die Raptors, die Bucks oder auch die Wizards gehandelt. Während DJ allen genannten Teams sofort weiterhelfen könnte, ist ein Deal, der den Clippers gefällt, durchaus schwierig zu finden. Wenn ich mich festlegen müsste, dann würde ich einen Trade vorschlagen, der DJ zu den Bucks sendet und den Clippers im Gegenzug John Henson, Jabari Parker und Malcolm Brogdon beschert (Voraussetzung für diesen Trade: Die Bucks sind sich hinsichtlich der Gesundheit von Parker unsicher und wollen ihm keine teure Verlängerung anbieten).

Landsgesell: DeAndre Jordan. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Clipper auf dem Trading Block steht und zu haben ist. Ein Team, das sich ein Upgrade auf der Center-Position bis zum Saisonende wünscht, könnte ihn zu einem akzeptablen Preis zur Trading Deadline bekommen.

Schlechtriem: DeAndre Jordan ist kein Blockbuster, den ich unbedingt gesehen haben muss. Daher werfe ich Paul George in den Raum. Die Liaison mit Russ und Melo war von Anfang nur ein Einjahresprojekt – das beschauliche Oklahoma City kann so oder so alle drei nicht bezahlen, erst recht nicht wenn sie schon Mühe haben, eine ausgeglichene Bilanz aufs Parkett kriegen. Weil Anthonys Trade-Wert negativ ist und George ohnehin noch immer in Lakers-Bettwäsche schläft, kann der Lauf der Dinge auch direkt beschleunigt werden. Die Lila-Goldenen verschaffen sich für die Free Agency im Sommer einen uneinholbaren Vorsprung und bringen den verlorenen Sohn der Stadt schon jetzt nach Hause, geben dafür Julius Randle (+ Dreingaben) ab, der infolge der Blitzkarriere Kyle Kuzmas im Staples Center redundant geworden ist.