09 Dezember 2017

9. Dezember, 2017


Kurz bevor der Spekulatius auch schon in den Ausverkauf gelangt, wird in der NBA der Grabbeltisch befüllt und die Trade-Rotation angeworfen. Beißen Sie nochmal in den Lebkuchen, die Chefküche backt die Deals der noch jungen NBA-Saison gut durch. Heute: I say, it's Brooklyn.

von ANNO HAAK @kemperboyd

Start
Das Okaforodrama! Spätestens seit Februar hatte die Beziehung zwischen dem Pivoten und den Process 76ers mehr etwas von einem Rosenkrieg als einem Arbeitsvertrag. Der 3. (!) Pick Jahrgang 2015 bekam seitdem in Wahrheit Geld fürs Nichtstun und das Lautweinen. Letzteres tat er öffentlich, regelmäßig und... mit gutem Recht.

Okafor wollte weg (manche Trikotwegwerfermemschaffer sagen, er wollte nie da sein), die Sixers nahmen sich die Freiheit, ihre einstige Twintower-Hoffnung zu demütigen, wie wohl selten ein Top-3-Draftee zuvor gedemütigt wurde.


Im Februar durfte er wegen eines vermeintlich imminenten Abgangs zunächst dem Teamflieger beim Abheben zu Auswärtstrips zusehen. Im Oktober ließ Colangelo die Option auf Jahr 4 ungenutzt verstreichen. Spätestens seitdem war klar, dass alles jenseits eines eingefrorenen Truthahnsandwiches als Gegenwert reichen würde, um das Missverständnis zu beenden.

Die Brooklyn Nets sind der glückliche Harald Juhnke der NBA. Leicht einen sitzen und keine Termine. Gewinnen ist spätestens seit Russells Verletzung kein Thema mehr, verlieren bringt nichts vong Pick weg her, also heißt es Draftwahlrechte und Testspieler Jahrgang 1993 und aufwärts einsammeln.


Schuss
Die Sixers erhalten Trevor Booker, die Nets befreien Okafor und nehmen im Vorbeigehen noch Nik "Vivek Man Crush" Stauskas und den Zweitrundenpick der New York Knicks im Jahr 2019 mit.



Nets
Sean Marks wird mehr und mehr zur süßesten Frucht vom Baume des Gregg P. Binnen 22 Monaten hat er aus dem Dresden 45 der NBA ein Team mit Perspektive gemacht. Mit Russell, Crabbe, Okafor und Stauskas hat er jetzt schon mehr evaluierbares Talent gesammelt als die Kings in drei bis vier durchschnittlichen Draftjahren.

Nur heißt "evaluierbar" eben nicht werthaltig und zukunftsträchtig. Dass Top-10-Picks noch während ihrer Rookie-Verträge zu haben sind, hat Gründe. Alle akquirierten Jungspunde tragen freiheitsstatuengroße Fragezeichen mit sich herum. Das gilt auch und besonders für Okafor.

Ein Beitrag geteilt von Jahlil Okafor (@jah8) am

Der ist sowas wie der Turnbeutelvergesser der NBA. Die waren in der Schule erst cool, weil sie während der Sportstunde machen konnten, was sie wollten. Aber als man den Basketball als Hobby entdeckt hatte, waren sie nur noch Metalkuttenträger mit Bewegungslegasthenie. Okafor gilt als reiner Postscorer vom ganz alten Schlag. Unbeschadet der Frage, ob das nicht eher ein Skillset Marke "T-Rex kurz vor der Eiszeit" ist: was genau heißt eigentlich Scorer?

Im Rookiejahr zählte der Boxscore knapp 18 Punkte pro Abend. Nur war das erstens der Tatsache geschuldet, dass außer ihm nun wirklich überhaupt niemand da war, dem man guten Gewissens einen NBA-Ball in die Hände drücken konnte. Und zweitens waren die Effizienzwerte schon damals horrend (ORtg Jahr 1: 92,0, in Worten: zweiundneunzig 0/100).


Ein Spielmacher von den großen Positionen war er eben so wenig wie ein guter Rebounder (in den letzten drei Jahren spielten Spieler von Okafors Größe 86 Saisons mit höherer Reboundrate). Defensiv ist das Beste, was man über den 124-kg-Kolloss sagen kann, dass er schlicht nicht wollte.

Erschwerend kommt hinzu, dass er dank des Kopfkratzer-Moves der Sixers, ihm das vierte Jahr zu verweigern, im Sommer unumschränkt Free Agent wird. Dass Okafor dann massive Begehrlichkeiten weckt, steht zwar nicht zu erwarten. Ergo erscheint eine günstige Verlängerung nicht irreal. Dass Schnapperverträge mit Verweis auf die Marktlage aber nicht gerade zur Befriedung und Motivation beitragen, erlebt man in Dallas gerade mit "Hot Dawg" Noel.

Stauskas ist einer dieser Spieler, deren schleudernde Karriere eine Kerbe im Holz dessen sind, was wir als das schlechteste Management der modernen NBA lieben gelernt haben. Wäre er irgendwo anders gelandet als in Kingston und dem offensiv diesseits von Embiid horriblen Philadelphia, vielleicht wäre er längst ein respektables One-Trick-Pony vom Schlage des späten Ray Allen. Stattdessen ist man gezwungen, einen Spieler, dessen einzige Qualität der Distanzwurf ist, für die Steigerung der 3P% auf knapp 37 (letzte Saison) zu feiern.


Booklyn ist nicht wirklich der Ort, an dem schlingernde Lotteriepickkarrieren revitalisiert werden. Frag nach bei Bennett, Robinson und Russell. Auch Stauskas wird im Sommer im Übrigen vertragsfrei, auch wenn die Nets hier via dem (R) vor dem "FA" auf dem Fahrersitz Platz nehmen.

Der Pick... ach, komm, lass mich! Zwei relativ junge Spieler, die zunächst ein paar Tickets verkaufen und rein theoretisch Upside haben, also; nebst einem Pick. Das kann man sicher so machen, Marks zu feiern, als hätte er aus Dung Bitcoins gemacht, ist aber weit drüber.


76ers
Es ist mir kaum ein Fall erinnerlich, in dem der Marktwert eines Collegeheroen in so kurzer Zeit derart mutwillig heruntergewirtschaftet worden ist wie hier. Warum machten die Sixers das? Die Antwort ist die denkbar dümmste: weil sie es können. Sie haben mit Simmons und Embiid ihre Dopplkopfhydra gefunden. Der eindimensionale Riese vom Mount Duke stand nurmehr im Weg.


Brian Colangelo als Michele Corleone, Jahlil Okafor als Frank Pentangeli. Er hatte seine Pläne gemacht. Der Dino aus der Urzeit des Spiels wurde nicht mehr gebraucht. Dass er nochmal gerufen wird, um den alten Mann in Miami zu überwinden, steht nicht zu erwarten.

Im Vakuum geht der Trade klar. Wobei man zur Beschreibung von Booker schon eine Reihe Bullshitbingo füllen muss. Ein Veteran, der Covington, Simmons und Co ein paar Minuten abnehmen kann. Er wird keinen Ärger machen, beim Publikum gut ankommen und sein Vertrag läuft aus. Wenn die Alternative ein Buyout Deines Lotteriepicks von vor drei Jahren ist, bist Du mit dem Inbegriff von NBA-Durchschnitt ordentlich bedient.


Dabei noch den spätestens seit Redicks Ankunf redundanten unglücksseligen Litauer zu schlabbern, ist in Ordnung. Einen von gefühlt 321 Zweitrundenwahlrechten als Bonus obenauf zu stapeln, tut in der jetzigen Wachstumsphase nicht sehr weh.

Weitet man den Blick, ist der Deal ein Desaster. Vielen Fans galt Okafor von Beginn an als verpasste Chance auf Towns (daran waren die Tischtennisbälle schuld) bzw. Porzingis (daran waren nach Lesart seiner Jünger die Hinkie-Kontrollettis in den teuren Anzügen schuld). Aber das ist gar nicht der Punkt.

Die Sixers wollen das große Bild? Den Rahmen weit ziehen? Die Perspektive nie vergessen? Die vierte Dimension und die Meisterschaft 2023 immer im Blick? Sie haben aus drei Lotteriespielern (Carter-Williams, Noel, Okafor) unter dem Strich einen Zweitrundenpick, Justin Anderson, den auslaufenden Deal von Booker und die (wahrscheinlich) auch an drei noch vorhandene Chance auf (den natürlich verletzten) Fultz gemacht und unterwegs Antetokounmpo und Porzingis verpasst. Aber nochmal Pentangeli: von mir gibt’s keine Schwierigkeiten! Macht Ihr mal...


Rechnung
Menschen mit pathologisch guter Laune werden sagen, ein Deal, der für beide Seiten Sinn macht. Glas-halb-leer Menschen mit Realismus Overkill wie ich finden das alles nur traurig. Wenigstens verliert Sean Marks keine Trades.

Vorteil Brooklyn