30 Januar 2018

30. Januar, 2018


von JAN HUSMANN @JanOnOne

In den letzten Jahren ist der Anteil deutscher Profis in der besten Basketball-Liga der Welt immer weiter gestiegen. Nachdem Dirk Nowitzki lange der einzige etablierte Spieler in der NBA war, kamen seit 2013 erst Dennis Schröder, dann Paul Zipser und diese Saison Daniel Theis und Maxi Kleber dazu. Mit Isaiah Hartenstein spielt bei den Rio Grande Valley Vipers in der G-League ein weiteres vielversprechendes Talent. Und auch wenn der große Blonde wohl bald abtreten wird, lebt sein Vermächtnis weiter.

Einer, der im kommenden Draft den Sprung über den Teich schaffen könnte, ist Isaac Bonga. Der Sohn kongolesischer Einwanderer ist in Neuwied geboren und spielt seit letzter Saison für die Fraport Skyliners in Frankfurt - erst in der Pro B, mittlerweile jedoch in der BBL.

In dieser Saison bekommt Bonga 22 Minuten Einsatzzeit in 16 Spielen. Seine 6 Punkte, 3,6 Rebounds und 2,6 Assists reißen noch keinen Scout aus seinem Sitz. Aber die von den Scouts gesuchten Attribute lassen sich in Zahlen nur schwer ausdrücken. Die einzigen, die es annähernd könnten sind 203 und 210. Das ist Bongas Körpergröße, beziehungsweise Spannweite in Zentimetern. Solche Werte für einen Point Guard lassen die Scouts aufhorchen. Dazu kommen Athletik, Court-Vision und Basketball I.Q., die der 18-Jährige mitbringt. Bonga hat groß 'Potenzial' auf seiner Stirn stehen.


Bonga spielt in Frankfurt als Point Guard. Ich habe ihn allerdings auf verschiedenen Scoutingseiten auch als Shooting Guard oder Small Forward eingestuft gesehen. Bei ‚Basketball without Borders‘ hat man ihn sogar als Power Forward oder Center spielen lassen. Und genau hier liegt die Stärke des jungen Deutschen. Scouts suchen am Ende der ersten und Anfang der zweiten Runde den ungeschliffenen Diamanten anstelle des College-Stars mit wenig Entwicklungspotenzial.

Spieler wie Bruno Caboclo und Thon Maker klettern in den letzten Tagen vor dem Draft oft noch einige Plätze aufgrund ihres Potenzials. Ein großer Spieler, mit langer Reichweite der alle fünf Positionen spielen kann. Der Traum eines jeden Teams. Spieler wie Kevin Durant und Giannis Antetokounmpo können das schon und bilden das Fundament ihrer jeweiligen Playoff-Teams.

Antetokounmpo stellte die NBA Scouts seinerzeit vor noch größere Fragezeichen. Der Grieche war in den USA nahezu unbekannt, aber die Bucks gaben ihm mit ihrem 15. Pick im Draft 2013 eine Chance. In der zweiten griechischen Liga holte er damals 9,5 Punkte und 5 Rebounds. Es ist schwierig irgendwelche Lehren aus dem Vergleich dieser Zahlen zu ziehen, da die Ligen unterschiedlich stark sind, aber es zeigt, dass man in Europa nicht dominieren muss um es in der NBA zu schaffen.

Doch Bonga an Antetokounmpo zu messen, wäre ein großer Fehler, da es auch noch die andere Seite der Medaille gibt. 2014 beriefen die Raptors mit dem 20. Pick Bruno Caboclo in die NBA, zudem Fran Fraschilla am Draft Tag sagte, er sei zwei Jahre davon entfernt, zwei Jahre entfernt zu sein. Jetzt, vier Saisons später habe ich Caboclo zufällig beim NBA G-League Showcase gesehen, als ich NBA TV eingeschaltet habe. Zwei Spiele hat er diese Saison bei den Raptors in Toronto gemacht, 25 in seiner gesamten Karriere. In der G-League legt er 15,6 Punkte in dieser Saison auf. Solide, aber kein Wert, der eine baldige Berufung in die NBA prophezeit.

Was ist Bonga denn nun? Ein Star oder ein Bust? Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen. Und um ein noch klareres Bild von dem Frankfurter Spielmacher zu bekommen, müssen wir tiefer in die Materie eindringen.

Offensive
Wie oben bereits erwähnt, sind Bongas Zahlen noch nichts, was einen vom Hocker haut. Auch während der U19 Weltmeisterschaften im letzten Herbst holte er in 20 Minuten pro Spiel 6,6 Punkte, 3,4 Rebounds und 3,3 Assists bei drei Turnover pro Spiel.

Die Turnoverzahlen spiegeln sich im Spiel wieder. Bonga zeigt oft gutes Ballhandling und den Willen den Ball rotieren zu lassen, ist jedoch immer wieder zu unvorsichtig und spielt Pässe mit zu wenig Übersicht. Oft passt er, wenn er den Wurf nehmen sollte und versucht zu penetrieren, wenn der Pass die bessere Option wäre.

Mit mehr Erfahrung und Ruhe im Spiel sollte das aber abgeschaltet werden können. Dennoch gibt ihm die stetige Gefahr des Passes genug Raum innerhalb der Dreierlinie. Bonga überzeugt dazu im Umschaltspiel durch Tempowechsel, die Verteidiger dazu zwingen draußen bei ihren Leuten zu bleiben, statt Hilfe am Korb zu stellen.


Die größte Stärke ist momentan noch das Ballhandling. Beim Zug zum Korb hat Bonga immer wieder Variationen drin (Stutter Step, Spin Move). Er hat gutes Timing bei seinen Drives und versucht beidhändig zu finishen. Seine Skills am Korb sind jedoch zum großen Teil noch sehr roh und er prallt aufgrund seiner mangelnden Physis noch oft am Gegenspieler ab.

Seine knapp 80 Kilogramm sind noch zu wenig für seine Körpergröße, um im Konzert der Großen dagegen zu halten. Doch auch daran arbeitet Bonga, nimmt Berichten zufolge 8.000 kcal pro Tag zu sich. Momentan macht Bonga jedoch auch schon viel wett, indem er seine langen Beine nutzt, um am Verteidiger vorbei zu kommen. Sein erster Schritt ist nicht nur schnell, sondern auch lang, was wieder Parallelen zu Giannis aufkommen lässt.


Sein Wurf ist zwar nicht fundamental kaputt, allerdings fehlt ihm die Schnelligkeit und Höhe beim Abschluss. Letztes Jahr war er 0-9 in der BBL und 1-12 bei der U19 Weltmeisterschaft. Dieses Jahr immerhin 7-20 in der BBL, aber eine tödliche Gefahr ist er noch nicht von außen (19,5 % über seine Karriere). Doch den Dreier kann man lernen und grundsätzlich ist es gut, dass Bonga weniger als einen Dreier pro Spiel über seine BBL-Karriere nimmt. Er weiß was er kann und was er nicht kann.

Defensive
Als Abwehrspieler ist Bonga alleine schon aufgrund seiner Länge vielversprechend. Er blockiert die Passwege des Gegners effektiv und seine Athletik sollte ihm die Möglichkeit geben ein passabler Shot-Blocker zu werden. Außerdem besitzt er immer aktive Hände und bestraft den Gegner oft bei unsauberen Dribblings. Legt in der BBL beachtliche 1,25 Steals in seinen 22 Minuten auf. Eine weitere Stärke in der Defensive, die er ebenfalls seiner langen Reichweite zu verdanken, hat sind Chase-Down Blocks, die er in großer Regelmäßigkeit an das Brett nagelt.

Seine Athletik und Länge erlaubt es ihm außerdem die meisten Flügelspieler vor ihm zu halten. Durch seine langen Beine muss der Angreifer oft einen Schritt mehr um ihn herummachen, was den Bewegungsablauf ändert. Zusätzlich zeigt Bonga unglaublich starke Instinkte in der Defensive.


Doch auch defensiv gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten. Insbesondere muss er das „Ball-Watching“ abstellen. Er verliert noch zu oft seinen Gegenspieler bei Cuts oder Off-Ball-Screens aus den Augen und ermöglicht so leichte Punkte. Außerdem wird er aufgrund seiner Physis noch zu oft im Post herumgeschoben. Auch wenn der Einsatz am Glas da ist, fehlt noch die Cleverness und der Körper um die Bretter zu holen.

Zusätzlich darf man eine Sache nicht vergessen. Ein gerade 18 Jahre alter Teenager muss noch nicht fertig sein mit Wachsen. Sollte Bonga noch zwei bis drei Zentimeter an Länge gewinnen, würde er noch flexibler einsetzbar.


Und jetzt?
Mir persönlich gefällt Vieles, was Bonga macht, sehr gut. Allerdings hatte ich auch immer schon eine Schwäche für lange, ungeschliffene Verteidiger mit Offensiv-Potenzial. Mit mäßigem Erfolg (Vonleh, Isaac, etc.). Er ist zwar noch sehr roh, aber seine natürlichen Instinkte machen ihn zu einem interessanten Projekt für NBA-Teams. Wie erfolgreich er sein wird, ist kaum voraus zu sagen. Wird er der nächste Giannis? Sicherlich nicht! Ihn an dem Erfolg der erfolgreichsten Euro-Exporte des letzten Jahrzehnts zu messen wird ihm nicht gerecht und legt ihm eine unnötige Belastung auf.

Doch Bonga hat das Potenzial es in der NBA weit zu bringen. Alles was ich gesehen und gelesen habe, scheint Bonga ein hart arbeitender, selbstständiger Typ zu sein, der genau weiß, was die NBA mit sich bringen wird. Viel hängt in solchen Fällen auch immer von der Situation ab, die man bei seinem Draft-Team vorfindet.

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Dass er in den letzten Monaten in vielen Mock Drafts gefallen ist, liegt nicht an ihm. Scouts tendieren in den College-Basketballmonaten oft dazu die amerikanischen College-Stars in den Himmel zu loben. Um das zu überleben, muss man schon Luka Doncic heißen. Positiverweise senkt es aber auch die Erwartungen an den Mann aus Hessen. Bonga wird in Mock Drafts zurzeit irgendwo zwischen Pick 20 und 50 gehandelt.

Bis Juni wird es sicherlich noch eine deutlichere Tendenz geben, wo er am Ende des Tages landet, aber in den späteren Regionen des Drafts hängt es oft von subjektiven Kleinigkeiten der entscheidenden Personen ab, ob ein Spieler gedraftet wird oder nicht. Ein Spieler wie Dejounte Murray, der ähnlich wie Bonga gebaut ist, wurde an Nummer 29 von den Spurs gedraftet. Dann konnte er sich ein Jahr im Schatten der Stars entwickeln und spielt jetzt eine wichtige Rolle in einem der Top-Teams der NBA.

Am Ende des Tages gehört zum Durchbruch in der NBA oft auch eine Menge Glück dazu. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, heißt es dann. Doch zunächst muss Bonga die Möglichkeit haben an den richtigen Ort zu kommen und der geht bekanntermaßen nur über den einen Tag im Juni im Barclays Center zu Brooklyn.