13 Januar 2018

13. Januar, 2018


Warum Oldenburg hinter den eigenen Erwartungen zurückbleibt und wie sich die deutschen Teams international so schlagen

von TORBEN SIEMER @lifeoftorben

Mladen Drijencic hatte Hunger. Nicht unbedingt körperlich, eher metaphorisch. Der Coach der EWE Baskets Oldenburg war unzufrieden, als er Mitte Oktober wieder mal „kein Mittagessen“ von seiner Mannschaft serviert bekommen hatte. Zwar hatte Oldenburg an diesem Abend das Champions-League-Heimspiel gegen Juventus Utena mit 102:95 gewonnen, Drijencic' Laune aber war trotzdem schon mal besser.

Er sei ein Defense-Fanatiker, sagte Drijencic in der Pressekonferenz nach der Partie. Und lieferte dann einen Vergleich ab, der nicht nur ihm selbst ein Grinsen ins Gesicht zauberte: „Stell dir vor, du kommst mittags nach Hause und dein Partner hat nicht gekocht. Natürlich hast du Hunger und bist enttäuschst. Aber trotzdem überlegst du dir gut, was du sagst. Denn sonst gibt’s beim nächsten Mal auch kein Frühstück mehr.“ Der Anlass: Eine Nachfrage, wie gut er als Defense-Fanatiker mit der Verteidigungsleistung seines Teams leben könne. Zur Erklärung: Das Mittagessen ist die Defense, das Frühstück die Offense.


Abgesprochen ist natürlich, dass beide Mahlzeiten an jedem (Spiel-)Tag aufgefahren werden. Das Frühstück liegt Oldenburg: „Das ist vielleicht die offensiv beste Mannschaft, die ich bisher gecoacht habe“, sagte Drijencic. Und auch, wenn reine Boxscore-Stats mit Vorsicht zu genießen sind: In bisher 27 Saisonspielen in der Bundesliga (10 Siege, 7 Niederlagen) und in der Champions League (7-3) legte Oldenburg bisher 85,7 Punkte pro Partie auf – trotz des Umbruchs, dass mit Spielmacher Chris Kramer und Center Brian Qvale zwei Leistungsträger den Vizemeister im Sommer verließen. Die Offensive klickte früh in der Saison.

Anders sieht es in der Defensive aus: 83,7 Punkte kassiert diese pro Spiel. Zu viel für den eigenen, Anspruch, um den Heimvorteil in den Playoffs mitzuspielen. Nun mag dieses Zitat von Mladen Drijencic schon ein paar Wochen alt sein, an Aktualität hat es nicht verloren. Nur zweimal hielt Oldenburg seine Gegner unter 70 Punkten, nur achtmal unter 80. Einer der Gründe, warum der Finalist des Vorjahres zur Bundesliga-Halbzeit mit Platz acht so gerade noch auf einem Playoff-Rang steht.

#ThrowBackSaturday Im letzten ALLSTAR Game der @easycreditbbl hat @philschwethelm die MVP-Krone geholt. Heute tritt @rpaulding23 in Göttingen mit dem Team International an. Wir freuen uns auf weitere großartige Momente mit dem Oldenburger Kapitän! Die deutschen Basketball-Fans hatten bereits vor Weihnachten ihre Anerkennung für Rickey Paulding unter Beweis gestellt. Der Oldenburger Kapitän wurde in die Starting Five für das ALLSTAR Game der easyCredit BBL am heutigen Samstag (Tipoff in Göttingen: 20.30 Uhr). Paulding erhielt bei seiner insgesamt siebten Berufung die meisten Stimmen des Teams International. „Es ist eine große Ehre für mich, bereits zum siebten Mal beim ALLSTAR Game dabei zu sein. Diese Wahl empfinde ich auch als Anerkennung für unsere Leistungen in den vergangenen Playoffs. Ich freue mich darauf, den Club und unsere Fans beim ALLSTAR Game zu repräsentieren “, schaut Rickey Paulding auf die Partie voraus. Paulding hat sich in mehr als zehn Jahren mit seiner bescheidenen, teamdienlichen und extrem sympathischen Art in die Herzen der Fans in ganz Deutschland gespielt, erfährt auch von den gegnerischen Anhängern, Trainern und Spielern regelmäßig großen Respekt. Gerechtfertigt hat die Oldenburger Nummer 23 seine Nominierung aber nicht zuletzt mit überragenden Vorstellungen in den vergangenen zwölf Monaten. Besonders die Leistungen in den Playoffs und das mit dem Buzzer Beater gekrönte Comeback gegen Ulm werden ewig in Erinnerung bleiben. Headcoach Mladen Drijencic zeigte sich begeistert von der Nominierung: „Rickey hat diese Wahl mehr als nur verdient. Dabei geht es nicht nur um seine Leistungen auf dem Feld, sondern auch um seine Art als Kapitän und Mensch. Ich freue mich sehr für Rickey und auch darüber, dass er über Oldenburg hinaus große Anerkennung erfährt!“

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Die Gründe für die Probleme sind vielfältig, aber der Verlust von US-Guard Chris Kramer wirkt nach. Der frisch gebackene Vater profilierte sich in seinen fünf Jahren in Blau und Gelb als herausragender Verteidiger, der auch in Sachen Einsatz und Motivation voran ging. Und völlig zurecht im Sommer ins All-BBL First Team gewählt wurde. Als Nachfolger wurde Mickey McConnell präsentiert, der offensiv mit Ruhe und Übersicht überzeugt – defensiv aber gerade gegen athletische Guards zu oft das Nachsehen hat. Auch Qvale-Ersatz Rasid Mahalbasic ist am gegnerischen Korb stärker als am eigenen. Wie auch sein Vorgänger muss er über Antizipation und Stellungsspiel Schnelligkeitsnachteile ausgleichen.

Dass Frantz Massenat nach seinem Ermüdungsbruch im Schienbein erst Ende Oktober zurückkehrte und auch der aus Tübingen geholte Big Man Isaiah Philmore nach einer Verletzung im Sommer Anlaufschwierigkeiten hatte, machte das Verinnerlichen neuer Automatismen nicht einfacher. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Oldenburg aufgrund der Europacup-Spiele bislang kaum Zeit für intensive Trainingseinheiten blieb.

Abhilfe schaffen soll jetzt Armani Moore: Nach der Trennung von Bryon Allen Anfang Dezember holte Oldenburg einen athletischen Flügelspieler als Ersatz für den Ballhandler. Moore zeigte zuletzt in Karsiyaka, dass er in der Defensive Löcher zu stopfen weiß. Von den ersten Eindrücken ein Spielertyp, der bislang fehlte.



So bleibt festzuhalten: Will Oldenburg nicht nur in die Postseason einziehen, sondern wie im Vorjahr mehr als eine Runde spielen, braucht es eine ähnliche Steigerung wie im Frühjahr 2017. Auch da kam die Mannschaft von Mladen Drijencic erst spät, aber zur richtigen Zeit ins Rollen. Als nach dem Ausscheiden aus der Champions League plötzlich wieder Zeit für Trainingsarbeit war. Vielleicht lässt sich daraus ja die Hoffnung schöpfen, dass trotz der zumindest in der Bundesliga verbesserungswürdigen ersten Saisonhälfte noch genug Raum ist, um das eigene Spiel auf ein höheres Level zu heben.


An diesem Wochenende ist All-Star-Break in der BBL – eine gute Gelegenheit, mal einen kurzen Blick auf die weiteren deutschen Europacup-Teilnehmer zu werfen.


Brose Bamberg
Der Serienmeister tut sich nicht nur in der Bundesliga (Platz 5, Bilanz: 11-6) schwer, auch in der Euroleague (nur 13. mit 6-11 Siegen) macht sich der Umbruch bemerkbar. Coach Andrea Trinchieri hat quasi eine komplett neue Mannschaft, die aufgrund von Verletzungen noch zu inkonstant ihr Potenzial abrufen kann. Und jetzt fällt sogar der Coach selbst aus: Trinchieri muss sich an der Schulter operieren lassen und fehlt bis auf Weiteres.

Alba Berlin
Neu-Coach Aito Garcia Reneses mag selbst schon in fortgeschrittenem Alter sein, auf dem Feld setzt er auf die Jugend. Spieler aus dem eigenen Nachwuchs wie Tim Schneider oder Bennet Hundt erhalten die Chance zur Bewährung auf Profi-Level. Und das, ohne dass die Ergebnisse leiden. Im Gegenteil: In der Bundesliga (13-4) Zweiter und auf Heimrecht-Kurs, im EuroCup (Regular Season 6-4) in der nächsten Runde (1-1 im Top 16).


Bayern München
Die Bayern sind in die Lücke gestoßen, die Bamberg in diesem Jahr an der Spitze gelassen hat. In der Liga (16-1) Spitzenreiter und bisher klar das konstanteste Team, im EuroCup (Regular Season 9-1, Top 16 mit 0-1 gestartet) nach fast perfekter Hauptrunde sogar als Titelkandidat gehandelt.

Ratiopharm Ulm
Per Günther sagte es kürzlich beim GotNexxt Podcast mit André Voigt: so eine Saison wie 2016/17, als die Ulmer mit 27 Siegen in Folge einen BBL-Startrekord aufstellten, wird kaum zu wiederholen zu sein. Im EuroCup (Regular Season 2-8) war das Aus früh besiegelt, in der Bundesliga (9. Rang/Bilanz: 9-7) wirkt der 0-4-Start noch nach.


medi Bayreuth
Das Überraschungsteam des Vorjahres bestätigt in dieser Saison, dass es sich unter Coach Raoul Korner auf diesem Niveau stabilisieren kann. In der BBL (4. Platz/12-5 Siege) unter anderem mit Siegen gegen Berlin und Bamberg. In der Champions League (6-4) trotz einer unnötigen Heimniederlage gegen Ljubljana unter der Woche weiterhin auf Playoff-Kurs.

Telekom Baskets Bonn
In der BBL (6. Platz/10-7 Siege) grundsolide, in der Champions League (3-7) das einzige deutsche Team mit negativer Bilanz.

MHP Riesen Ludwigsburg
Von John Patrick gecoachte Mannschaften wissen, wie Defense geht: Immer wieder bringt 'LuBus' Full-Court-Press die Gegner aus dem Konzept. In der Bundesliga (Rang 3 mit 12-4 Siegen) auf dem Weg, mit einem Heimspiel in die Playoffs zu starten. Und in der Champions League (8-2) dabei, sich in den Kreis der Final-Four-Kandidaten zu spielen.