14 Januar 2018

14. Januar, 2018


Jahr für Jahr dreht die NBA mehr oder weniger kräftig am Rad – wenn nämlich die Trading Deadline immer näher rückt und alle Teams zum letzten Mal vor Ladenschluss ihre Kader verstärken (dürfen). In dieser Saison fällt der Stichtag bereits auf den 8. Februar – viel früher als bisher. Auf dem Weg dorthin wirft die #NBACHEF Redaktion wie immer einen genaueren Blick auf die wichtigsten Spieler und Trade-Chips.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Der Abgang Chris Pauls im vergangenen Sommer hat die L.A. Clippers tief ins Mark getroffen. Von 2011 bis 2017 war CP3 Gehirn, Herz und Seele der Mannschaft – und auch wenn seine Zeit im Staples Center unvollendet bleibt, stürzte er die Mannschaft von Microsoft-Gründer Steve Ballmer in eine schwere Identitätskrise.

Die Verantwortlichen der Clippers entschieden sich gegen einen Rebuild, hievten Blake Griffin zurück in die Rolle des alleinigen Franchise Players und versuchten, ihren abgewanderten Spielmacher mit Qualität aus der Tiefe zu ersetzen. Allen voran Patrick Beverley, Miloš Teodosić und Danilo Gallinari sollten die hinterlassene Lücke stopfen. Allerdings blieb den als ewigen Verlierern verschrienen Clippers auch nach Pauls Abgang das Verletzungspech treu.

Beverley (Meniskusriss) wird diese Saison aller Voraussicht nach nicht mehr auflaufen. Teodosić, Beverleys Kumpel aus Zeiten bei Olympiacos in Griechenland, fehlt wegen einer Plantarfasziitis und hat bisher in seinem ersten Jahr in der NBA erst 14 von 42 möglichen Spielen absolviert. Gallinari, der es in seiner achtjährigen NBA-Karriere selten vermochte, seinen Namen von der Verletztenliste fern zu halten, fällt derzeit wegen einer Hüftverletzung aus und verpasste bislang 31 Spiele.

Konsequenz der Dinge: L.A. spielt eine durchwachsene Saison, steht derzeit mit je 21 Siegen und Niederlagen bei einer ausgeglichenen Bilanz auf dem neunten Platz der Western Conference und ist somit zwar noch im Playoff-Rennen, dennoch droht den Rot-Blauen der erste verfrühte Urlaub seit 2011 – bevor CP3 nach L.A. wechselte.

Angesichts des mittelprächtigen Saisonverlaufs und der überschaubaren Perspektive steht die Führungsriege vor richtungsweisenden Entscheidungen. Ob die Clippers weiter versuchen, sportlich relevant zu bleiben, oder aber doch den Neuanfang wagen – ein Name hat in beiden Szenarien keine Dauerhaftigkeit und das ist der von DeAndre Jordan.

Mit aktuell 11,8 Punkten und 14,9 Rebounds im Schnitt ist der 29-Jährige die letzte verbliebene Konstante im Team von Doc Rivers. In den vergangenen fünf Spielzeiten hat DeAndre ganze sechs Spiele verpasst, am Samstag fehlte er erstmals in seiner Karriere aufgrund einer Verletzung.


Wenngleich seine Fähigkeiten als Verteidiger nicht unumstritten sind, wurde der 120 Kilo Koloss 2015 und 2016 ins All-Defensive First Team gewählt. Dank seiner Wucht gilt er in weiten Kreisen als einer der besseren Inside Defender der Liga, körperlich können ihm in der NBA in der Tat nicht viele Paroli bieten.

Davon abgesehen spricht nicht viel für den 35. Pick des 2008 Drafts: Jordans 22,6 Mio. $ schwerer Vertrag belastet die Cap-Situation der Clippers stark, dank einer Spieleroption müsste Ballmer ihm nächstes Jahr sogar etwas über 24 Mio. $ überweisen, was in keinem Verhältnis zu Jordans vor allem offensiv limitierter Produktion auf dem Feld steht.

Eben jene Spieleroption bringt die Clippers in Handlungsdruck. Sollte Jordan sie ziehen, sind den Clippers im Sommer die Hände gebunden, namhafte Verstärkungen wären nicht finanzierbar, eine weitere Saison im Mittelmaß unausweichlich. Umgekehrt will L.A. seinen All-Star Center nicht ohne Gegenwert an die Free Agency verlieren, zumal gleichwertiger Ersatz nicht auf Bäumen wächst. Auch in diesem Szenario wären die hinteren Playoff-Plätze das Maximum der Gefühle.


Und dann ist da auch noch Jordans konstant miese Freiwurfquote: Zwar hat er diese im laufenden Jahr überraschend auf über 60% gesteigert, wirklich verlässlich ist er von der Linie aber immer noch nicht, den derzeitigen Werten ist bei einem Karriereschnitt von knapp 44% nicht zu trauen. Hack-A-DeAndre hat die Clippers mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht, ein derart wurfschwacher Spieler entspricht nicht mehr dem zeitgemäßen Stil. Das macht den Center entbehrlich.

Der Osten ruft

Jordan selbst ist angeblich nach neun Jahren in L.A. einem Tapetenwechsel ebenfalls nicht abgeneigt. Schon 2016 hatte er sich eigentlich gegen die Clippers und für einen Wechsel zu den Dallas Mavericks entschieden, bevor es zur legendären Hausbesetzung kam und die Clippers-Prominenz um Blake Griffin und Chris Paul ihn zum Bleiben überredete.

Infolge dieses Kuriosums kommen die Mavericks als Abnehmer selbstverständlich nicht in Frage. Allgemein haben die Teams der Western Conference entweder wenig Spielraum und/oder Handlungsbedarf auf der Center-Position, sodass die Wahrscheinlichkeit im Falle eines Trades sehr hoch liegt, dass es für DeAndre nach Osten geht, stets nach Osten.

Vor allem zwei Teams wird großes Interesse am 2,11 Meter Goliath nachgesagt. Als heißer Interessent gelten die Milwaukee Bucks, die trotz gestiegenen Ansprüchen derzeit nur auf dem achten Rang der Eastern Conference verweilen und infolge des Trades um Eric Bledsoe, für den sie ihren Big Man Greg Monroe opfern mussten, nicht umhin kommen auf den großen Position nachzurüsten, um zurück zur Erfolgsspur zu gelangen. Unterstützung vor allem am Brett ist unabdingbar, Milwaukee befindet sich in der Rebound-Rate im Tabellenkeller, nur die Orlando Magic und Dallas Mavericks rebounden schlechter.


Die Bucks können keinen zeitnahen Erstrundenpick bieten, da sie ihren eigenen im kommenden Draft ebenfalls für Bledsoe in die Waagschale werfen mussten. Daher müssen sie den Clippers ein Paket um junge Spieler schmackhaft machen, allen voran mit John Henson als preislich, aber auch qualitativ leichtgewichtigen Ersatz für DeAndre.

Das größte Ass im Ärmel Milwaukees ist Jabari Parker. Der zweite Pick des 2014 Drafts steht kurz vor der Rückkehr von seinem im Februar 2017 erlittenen Kreuzbandriss, dem bereits zweiten seiner noch jungen NBA-Karriere. Die Clippers werden wegen Parkers Verletzungsanfälligkeit und dem eigenen dauerbesetzten Lazarett in dieser Personalie misstrauisch sein.

Andererseits stellt der erst 22-Jährige eine Chance dar, sich in Ruhe einen neuen Franchise Player aufzubauen. Zusätzlich zu Henson und Parker werden die Clippers einen jungen Spieler und einen Draft Pick fordern, Milwaukees Rookie of the Year Malcolm Brodgon wird jedoch nicht zur Diskussion stehen.

Ebenfalls im Rennen um DeAndre sind die Cleveland Cavaliers, bei denen nach zuletzt nur drei Siegen aus zehn Spielen die Rufe nach Veränderung lauter werden. Die eigene Zone, die Defensive, das Rebounding sind schon seit Jahren die Achillesferse der LeBrons. In Isaiah Thomas und Kevin Love haben sie nun gleich zwei limitierte Verteidiger im Aufgebot, deren fehlende Präsenz nur durch einen Brocken wie DeAndre wettgemacht werden kann. Daher würde ihnen der 2017 All-Star nur zu gut zu Gesicht stehen.


Im Gegensatz zu den Bucks haben die Cavs auch Erstrundenpicks im Angebot, wobei jener der Brooklyn Nets, den sie im Tausch für Kyrie Irving von den Boston Celtics erhalten haben, offenbar unangetastet bleiben soll. Der eigene Pick 2018, der mutmaßlich im hinteren Drittel der ersten Runde landen wird, ist für die Kavaliere jedoch abkömmlich und damit sicherlich Teil des Angebots an die Clippers. Zusätzlich kann Cleveland ein Paket um Tristan Thompson und Iman Shumpert schnüren, ohne sich dabei merklich ins eigenen Fleisch zu schneiden.

Ganz abgesehen von der sportlichen Makeln darf allerdings bezweifelt werden, dass die Clippers mit deren Verträgen – Thompson hat 2018/19 knapp 17,5 Mio. $ garantiert und in der folgenden Spielzeit gar etwas über 18,5 Mio. $, Shumpert im Sommer eine Player Option über 11 Mio. $ – als Gegenwert einverstanden sind. Auch hier wird die neu installierte sportliche Führungsriege um Lawrence Frank auf ein deutlich besseres Angebot pochen.

Die Bucks und die Cavaliers werden bis zur Trade Deadline nachdrücklich um die Dienste des Centers buhlen. DeAndre selbst liebäugelt derweil mit einer Rückkehr in seine Heimatstadt Houston, dort wirft sein ehemals kongenialer Passgeber Chris Paul inzwischen die Lobs für Clint Capela. Sollten die Houston Rockets im Sommer wider Erwarten nicht mit Restricted Free Agent Capela verlängern, würde Jordan schlagartig zum Thema werden.

Fazit

Die Clippers scheinen selbst nicht recht zu wissen, wohin es gehen soll. Gerüchten zufolge haben sie den Minnesota Timberwolves Blake Griffin im Austausch für Karl-Anthony Towns angeboten, was nicht nur ein dickes Fragezeichen hinter den Maximalvertrag setzt, den sie Griffin im vergangenen Sommer vorlegten, sondern auch hinter die Ausrichtung allgemein.


Zumindest scheinen sie sich einig darüber zu sein, bis zur Deadline am 7. Februar die Angebote für DeAndre Jordan präzise zu sondieren. Sein Abgang wäre zumindest kurzfristig zu verkraften, im Notfall mit Griffin als verkapptem Center. Viel mehr als der nächste First Round Exit ist angesichts dieser verletzungsgeplagten Truppe, mit oder ohne DeAndre, illusorisch.

Bei einer realistischen Einschätzung der Lage durch die Verantwortlichen wird ein Tabula Rasa im Februar zugunsten der mittelfristigen Zukunft (sprich: Draft Picks) immer wahrscheinlicher. Neben DeAndre Jordan wird es auch an Geboten für den erst im Sommer akquirierten Lou Williams nicht mangeln.