21 Januar 2018

21. Januar, 2018


Jahr für Jahr dreht die NBA mehr oder weniger kräftig am Rad – wenn nämlich die Trading Deadline immer näher rückt und alle Teams zum letzten Mal vor Ladenschluss ihre Kader verstärken (dürfen). In dieser Saison fällt der Stichtag bereits auf den 8. Februar – viel früher als bisher. Auf dem Weg dorthin wirft die #NBACHEF Redaktion wie immer einen genaueren Blick auf die wichtigsten Spieler und Trade-Chips.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Die Mediocrity Treadmill – zu schlecht für einen tiefen Playoff-Run oder die Postseason überhaupt, zu gut für einen hohen Draft Pick – ist die schwierigste und undankbarste Situation eines jeden NBA-Teams, weil für ein Entkommen wegweisende Entscheidungen getroffen werden müssen, die das Gesicht des Klubs über Jahre hinweg bestimmen.

Die Brooklyn Nets gingen 2013 All-In und verpfändeten ihre Zukunft für Kevin Garnett, Paul Pierce sowie Jason Terry, scheiterten damit auf ganzer Linie und leiden heute noch unter den Folgen. Dass der umgekehrte Weg, der harte Rebuild, ebenfalls nicht immer ins Ziel führt, demonstrieren derzeit die Charlotte Hornets.

Zwei Jahre vor den Nets sprengten die Hornets (damals noch Bobcats) ihren Safe, verhökerten mit der Aussicht auf hohe Draft Picks und eine bessere Zukunft in Gerald Wallace und Stephen Jackson die besten Spieler.

Es folgte eine Odyssee durch die Niederungen der Tabelle, inklusive der legendär schlechten 2011/12 Spielzeit, als die Bobcats nur sieben der 66 Spiele (Lockout-Season) gewannen. Belohnt wurden sie dafür mit einer Reihe von Top 10-Picks, die sie jedoch fast allesamt in den Sand setzten.

  • Für Jackson erhielten die Hornissen unter anderem den siebten Pick des 2011 Drafts, mit dem sie Bismack Biyombo wählten. Der Kongolese spielte vier mäßige Jahre in North Carolina, ehe die Hornets kein Qualifying Offer für den Center abgaben und ihn somit ohne Gegenwert ziehen ließen.
  • 2012 holten die Hornets mit dem zweiten Pick Michael Kidd-Gilchrist nach North Carolina, der sein Potential als exzellenter Flügelverteidiger bestätigt hat, jedoch offensiv weitgehend unbrauchbar bleibt und sich zudem fast über seine gesamte Karriere mit Verletzungen herumplagt.
  • 2013 wählten sie mit dem vierten Pick Cody Zeller, der sich zwar zu einem soliden Center entwickelt hat, zu mehr aber auch nicht – und ebenfalls ständig verletzt ist.
  • 2014 fiel die Wahl an neunter Stelle auf Noah Vonleh, den Charlotte nach einer durchwachsenen Rookie-Saison zu den Portland TrailBlazers tradete, wo er auch heute noch nicht mehr als eine Randerscheinung darstellt.
  • 2015 lehnten die Hornets angeblich vier(!) First Round Picks ab, um an neunter Stelle Frank Kaminsky zu draften. Der Center hat sich zu einem stabilen Part der Rotation entwickelt und gehört mit seinen erst 24 Jahren sicherlich zum zukünftigen Gerüst der Franchise. Vier Draft Picks ist er jedoch allemal nicht wert.
Bei allem Glück und Unglück, die zum Draft dazugehören, waren die Hornissen in diesem Zeitraum auch bei der Lottery selbst nicht gerade von Fortuna gesegnet. 2012 hatte Charlotte die besten Chancen auf den designierten No. 1 Pick Anthony Davis, die Ping-Pong-Bälle waren jedoch New Orleans hold.

Im Folgejahr hielten sie die zweitbesten Karten auf den ersten Pick, mit dem GM Rich Cho höchstwahrscheinlich nicht Anthony Bennett gezogen hätte. Doch Charlotte fiel ganz aus den Top 3, durfte erst an vierter Stelle wählen. Auch ab 2014, als die schwärzesten Jahre des Tankings vorüber waren, blieb ein Glückstreffer, der sie von den unteren Rängen der Top 10 nach oben brächte, aus.

Dennoch ist diese Aneinanderreihung von Fehlgriffen einer der zwei Hauptgründe, warum die Hornissen nun wieder dort stehen, wo sie 2011 angefangen haben. In der Mediocrity Treadmill.

So bleibt Kemba Walker der einzige Volltreffer in diesen schweren Jahren. Walker kam 2011 mit dem neunten Pick als frischgebackener NCAA Champion nach Charlotte und entwickelte sich als einziger aus diesem Sammelsurium der Unzulänglichkeiten zum Starspieler und zu einem der besten Point Guards der Eastern Conference. Folgerichtig wurde er vergangenes Jahr mit seiner ersten Nominierung zum All-Star belohnt.


Als legitimer Franchise Player wäre Kemba somit prädestiniert, den 2011 gestarteten „Process“ zu vollenden und das chronisch erfolglose Charlotte, das in diesem Jahrtausend nur drei Mal die Playoffs erreichte und jeweils in der ersten Runde die Segel streichen musste, endlich-endlich wenigstens in die Conference Finals zu führen. Darauf wartet die Franchise seit der Gründung 1988 noch immer.

Die Zeichen stehen jedoch genau umgekehrt. Aufgrund der dürftigen Zwischenbilanz von aktuell 18-26 Siegen werden die Chancen auf Playoff-Basketball im hauseigenen Spectrum Center von Tag zu Tag schlechter. Die sportliche Führung muss handeln und erwägt nun offenbar, den neuerlichen Rebuild einzuleiten.

Walker ist der einzig wertvolle Spieler in Charlottes Aufgebot und das hängt neben dem Drafting mit dem zweiten Hauptgrund für den gescheiterten Rebuild zusammen: Der Personalpolitik abseits des Draftings. Die Hornets holten in Marvin Williams und Nicolas Batum gestandenes Personal, musste dieses Duo aber in der Hoffnung auf sportlicher Perspektive deftig überbezahlen, um es in North Carolina zu halten.

Die Rechnung ging nicht auf:

  • Batum (~25 Mio. $ pro Jahr bis 2021) ist über seinem Zenit und zeigt körperliche Abnutzungserscheinungen. Die im letzten Jahr aufs Parkett gebrachten 15,1 Punkte, 6,2 Rebounds und 5,9 Assists rechtfertigen keinen Maximalvertrag.
  • Williams (~14 Mio. $ pro Jahr bis 2020) steht dieses Jahr im Schnitt nur noch knapp 26 Minuten auf dem Feld, seine Produktion in den relevanten Kategorien sinkt entsprechend.
  • Der im Sommer von den Atlanta Hawks geholte Dwight Howard (~23,5 Mio. $ pro Jahr bis 2019) legt mit 15,5 PPG und 12,4 RPG ordentliche Zahlen auf, agiert aber weiter höchst ineffektiv auf und abseits des Feldes

Die ebenfalls zu hoch dotierten Verträge der Eigengewächse Zeller (~14 Mio. $ pro Jahr bis 2021) und Kidd-Gilchrist (~13 Mio. $ pro Jahr bis 2020) verstopfen die Payroll der Hornissen vollends. Kurzum: Charlotte bezahlt eine nicht einmal durchschnittliche, dafür häufig verletzte Truppe wie einen Contender. Circa 117 Mio. $ stehen in diesem und im nächsten Jahr bei den garantierten Gehaltsausgaben. Zu viel, um einfach weiter zu machen.

Hier kommt Kemba Walker ins Spiel, den die Verantwortlichen aufgrund seiner ansprechenden Leistungen sicherlich eigentlich nicht traden möchten, angesichts der eingebrockten Suppe aber womöglich keine andere Möglichkeit sehen. Vornehmlich weil Walker im Sommer 2019 Unrestricted Free Agent werden wird und alles außer einem Maximalvertrag einem Affront gleich käme.

Im beschaulichen Charlotte, einem der kleinsten Märkte der Liga, stets unteres Drittel in absoluter Zuschauerzahl und Hallenauslastung, ist ein weiterer Maximalvertrag – dann ab ca. 35 Mio. $ pro Jahr, unter diesen Umständen kaum noch finanzierbar.


Daher sieht sich die sportliche Führung gezwungen, in den sauren Apfel zu beißen, um die Stabilität der Franchise nicht zu gefährden. Natürlich werden sie ihren All-Star nicht zum Sonderpreis ins Schaufenster stellen. Ein Paket um junge Spieler, Draft Picks und/oder einen der genannten miesen Verträge steht auf dem Preisschild. Das macht einen Trade kompliziert. Die Hornets fordern daher andere Teams proaktiv auf, Angebote für Kemba abzugeben.

Allen voran die New York Knicks werden mit dem 27-Jährigen in Verbindung gebracht, denn er ist 'Straight Outta Bronx'. Das Zusammenspiel mit dem lettischen Einhorn Kristaps Porzingis würde die derzeit ebenfalls schwachen Kniehosenträger schlagartig zurück auf die NBA-Landkarte katapultieren. Zudem wäre die Heimkehr des verlorenen Sohns für den pathetischen New Yorker Medienzirkus ein gefundenes Fressen. Allerdings bedarf es für einen funktionierenden Trade, der die oben aufgeführten Bedingungen erfüllt, einiges an Fantasie.


Ein Angebot rund um New Yorks französischem Rookie Frank Ntilikina, der Absorption von Dwight Howards/Nicolas Batums Vertrag oder aber einem Erstrundenpick wird wohl mindestens notwendig werden, um die Verhandlungen aufzunehmen. Weil die Knicks jedoch gedenken, die eigene Payroll zu senken, bleibt das Zustandekommen eines solchen Angebots fraglich.

Die Dallas Mavericks gelten ebenfalls als möglicher Abnehmer: Mark Cubans Truppe tankt bekanntlich nicht, wenngleich die Siegesquote und die Qualität der Mannschaft etwas anderes suggerieren. Mit der Addition Walkers würde Dallas den eingeleiteten Rebuild überspringen und in Dirk Nowitzkis Spätherbst wieder zumindest um die Playoff-Ränge mitmischen.

Die notwendigen Puzzlestücke hat Cuban in seiner Schatulle: Rookie Point Guard Dennis Smith Jr. wäre für Charlotte von Hauptinteresse, außerdem könnten die Mavs ihren grantigen Center Nerlens Noel loswerden und ihn zusammen mit dem entbehrlichen Veteranen Wesley Matthews für Walker und Howard/Batum nach North Carolina schicken. Die Bereitschaft der Texaner, sich von Smith zu trennen respektive einen der miesen Verträge aufzunehmen, ist dabei die größte und wohl unüberwindbare Hürde.


Die San Antonio Spurs suchen eine langfristige Lösung auf der Eins und waren schon im Sommer stark an Kyrie Irving interessiert. Walkers Fähigkeiten in Coach Gregg Popovichs System wäre für den fünffachen Champion ein Hauptgewinn. Allerdings gilt heute ebenso wie bei der Personalie Irving, dass die Spurs außer Tony Parkers auslaufendem 15 Mio. $ schweren Vertrag und dem eigenen Erstrundenpick (#25 abwärts) nicht wirklich viel zu bieten haben, um die Hornets überhaupt ans Telefon zu kriegen. Zu wenig für ein Kaliber wie Kemba.

Die Denver Nuggets haben da schon mehr im Portfolio, allen voran ihren stagnierenden Point Guard Emmanuel Mudiay als Ersatz für Walker. Mudiay ist erst 21 Jahre alt und spielt im dritten Jahr die wenigsten Minuten seiner noch jungen Karriere, braucht demnach dringend eine Luftveränderung.

Zusammen mit dem 7. Pick des 2015 Drafts kann Denver weitere junge Spieler wie Jamal Murray oder Will Barton in den Topf werfen, oder aber den eigenen Erstrundenpick, der 2018 aller Voraussicht nach zwischen #12 und #20 landen wird – also eine zu verkraftende Tauschware wäre. Mithilfe von Kenneths Farieds Vertrag, den die Hornets dann strechen könnten, ließe sich sogar einer von Charlottes dicken Verträgen aufnehmen.


Womöglich ist es aber die effektivste Lösung, ein Team zu kontaktieren, das ähnlich verzweifelt wie die Hornets dasteht – der Weg zu den Orlando Magic wäre nicht weit. Die kommen ebenfalls seit Jahren nicht voran, stehen auf dem letzten Platz der Eastern Conference, haben aber eine Auswahl an jungen (sprich: kostengünstigen) Spielern wie Mario Hezonja, Elfrid Payton oder Jonathan Isaac.

Für die Möglichkeit, ihren besten Mann Aaron Gordon mit Kemba Walker zu kombinieren, sollten sich die Magic nicht scheuen, jeden anderen Spieler feilzubieten – also auch Evan Fournier, Terrence Ross oder Nikola Vučević. Somit könnte Orlando auch den erwünschten übersättigten Vertrag absorbieren, wobei eine Rückkehr Dwight Howards dem Trade die besondere Würze verliehe.

Walker selbst will übrigens keinesfalls aus Charlotte weg. Die Hornets sind sein Team, er hat sie durch dunkle Zeiten geführt und die miserable Personalpolitik nicht verschuldet.


Unabhängig davon, ob Kemba getradet werden wird oder nicht, wird das Team um GM Rich Cho angesichts dieser Krise ein heißer Kandidat für eine Komplettsäuberung im Sommer werden.