31 Januar 2018

30. Januar, 2018


Tauschhandelzeit in der Welt größten Orangeballoperette. Eine Woche vor der Deadline bekommt das Jahr 2018 den ersten Blockbuster. Die Chefküche hat vorsorglich das Öl in den Pfannen bereits erhitzt und brät wie gehabt die wichtigen Deals. Heute: Bad Boy Blake.

von ANNO HAAK @kemperboyd

Start
Seit der Spieler, den sie einst wegen eines halblegalen Vetos gewannen, in einem völlig illegalen Trade zum Space Center rübermachte, stehen bei den Clippers die Zeichen auf irgendwas mit Neuaufbau bei gleichzeitig kontinuierlicher Playoffpräsenz. Ergo wurden in einem Deadline Day Umfeld, das eher „eingeschlafene Füße“ als „WTF!“ war, vorwiegend DeAndre Jordan und der kürzlich akquirierte Lou Williams bei allen und jedem gehandelt, was nicht bei Drei auf dem Backboard war.


Die Pistons haben mit den Hornets, den Pelicans, den Bucks und den Spurs (ja, ich habs gesagt) die Kaste „Brooklyn 2014 Zweipunktnull“ gebildet. (Nahezu) luxusbesteuerter Durchschnitt steht im Arbeitszeugnis von GM/Head Coach Stan „nie wieder bestimmt ein Spieler über mein Schicksal, f u Dwight“ van Gundy. Ergo suchte man verzweifelt wie die eigene Heimatstadt nach Upgrades, um den leidensfähigen Fans wenigstens zwei Playoffspiele bieten zu können.


Schuss (...und zwar einer, der richtig knallt)
Blake Griffin lernt nach fast neun Jahren eine neue Franchise kennen. Um nicht gänzlich zu vereinsamen, nimmt er Brice Johnson und Willie Reid mit nach Motor City. Tobias Harris, Avery Bradley, Boban Marjanović, der Pistons Erstrundenpick 2018 (bis inkl. 2020 top-4-geschützt) und der Pistons 2019 Zweitrundenpick wandern in die warmen Gestade von Los Angeles.

DET: Blake Griffin, Willie Reed, Brice Johnson
LAC: Tobias Harris, Avery Bradley, Boban Marjanović, 2018 1st Round Pick (DET), 2019 2nd Round Pick (DET)



Clippers
Hätten Sie gerne Scherze über Doc Rivers, der sein Panini Album mit Ex-Celtics vollkleben will? Mögen Sie Späße über Reisemann Tobias Harris? Denken Sie, die Worte „Boban“ und „Marjanović“ reichen für eine Pointe? Dann gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, will ich die „Lieber einen guten Freund verloren, als einen schlechten Witz nicht gerissen“-Quote erfüllen. Jerry knows West! Logo! Wer das 73-Siege-Team mithalf aufzubauen und dann noch Kevin Durant dazu bewegt hat, Fantastilliarden liegen zu lassen, um sich der Party anzuschließen, hat wohl zwei Unzen Ahnung, wie man „Rebuild“ schreibt und richtig macht.

Viel mehr Hoffnung allerdings habe ich auch nicht zu bieten. Ich würde jedem Clippers-Fan (hallo, ihr zwei!) aber welche verkaufen. Der Preis ist ein Fetzen von dem Trikot-Banner, das sie hergestellt und für das Rekrutierungsvideo im Sommer unter das Dach der Halle zogen, die sie sich teilen müssen. Wirklich, Karma ist ein Ding! Muss man wissen.

Den einzigen Franchise Player neben dem Mecker-Paule (und der wäre ohne Lob Citys Coarchitekt nie gekommen) wegrotzen für einen mediokren Erst- und einen noch mediokreren Zweitrundenpick? Man kann das machen, ist halt das Trade-Äquivalent zu einer LeBron-James-Abwehrcreme.


Es gibt viele gute Argumente für einen Trade des besten Spielers der Clippers.

Wenn Hüfte abwärts ausnahmsweise mal alle Bänder und Knochen waren, wo sie hingehören, ballte er die Faust... und das endete auch nicht gut. Die letzte komplette Saison spielte er, da war Dirk Nowitzki amtierender Finals MVP. Die Athletik geht anders als sein Inhaber jetzt nach Süden, der Dreier begegnet ihr nordwärts, ist aber noch in Gebieten ohne Schnee. Für all das mit dann 33 selbige Anzahl an Millionen jährlich zu überweisen, ist selbst für MS Ballmer wenig verlockend.

Nur ist das 2022, in einer Zeit, in der die Sixers nach dem Threepeat schon wieder im Decline sein werden. Doch zur Zweigleisigkeit, die doppelt im Sackgleis enden könnte, später. Zurück zum Karma.

Griffin war die Clippers und die Clippers waren Blake. Die 'Clipper 4 life'-Kampagne hatte bei allem unnützen Pathos einen wahren Kern. Ohne ihn wäre Paul nicht gekommen. Ohne ihn hätte Ballmer womöglich die Kings gekauft. Ohne ihn wäre L. A.'s andere Team nie der Representer der Stadt, in der es niemals regnet, geworden. „Wir müssen an die Zukunft denken“, sagt man eben meistens, wenn die Vergangenheit das Gewissen plagt.


Das wiederbelebte Imageproblem der Alt-Sterling-Franchise hier sind aber gar nicht die Jahre 2009 bis 2017. Sie haben Griffin vor kaum sechs Monaten ihre Franchise zu Füßen und 173 Mio. $ auf sein Konto gelegt. Man kann dem „Ab 15.12. sind eben alle Wetten ungültig“ entgegenhalten, aber das ist dann selbst für das Business NBA schon sehr schnöde.

Das womöglich im Sommer frei werdende Geld könnte man theoretisch in LeBron James anlegen. Oder Paul George. Oder Boogie. James mag selbst im hohen Alter sowieso unantastbar sein. Aber will Paul George im Sommer in der alten Heimat unterzeichnen mit der Angst im Nacken, Weihnachten in, sagen wir, Milwaukee zu sitzen?

Win now AND later!
... ist wohl die Strategie, aber das ist die Quadratur des Kreises. Man hätte in Dallas nachfragen können, ob das funktioniert, aber da sind seit Jordangate vermutlich die Leitungen zugeschweißt. Wir reden von einer Franchise, die im Sommer den Morey mühsam entlockten Erstrundenpick mit Jamal Crawfords Vertrag verhühnerte, um Platz zu machen für... Danilo Galinari. Nun dealt man den wertvollsten Spieler (neben Paul), den man je hatte, um 2020 zu organisieren.

... und aktuell zu gewinnen. Helfen sollen dabei Tobias Harris und Avery Bradley. Letzterer gehört – ich räume es ein – zu den umjubelten Figuren der Liga, die mir nie etwas sagten. In Bosten mag er übercoacht worden sein. Wenn die Pistons 100 Ballbesitze mit ihm beginnen, sind sie am Ende fast neun Punkte schlechter, als wenn sie die Übung ohne ihn exerzieren. Die Dreierquote (sein Forté) ist bei 38, ordentlich, aber nicht wirklich berühmt. Es gibt durchaus Gründe, warum nach Ainge auch van Gundy dem mutmaßlichen Zahltag im Sommer für den 'elitären Defender' mit gemischten Gefühlen entgegensah und ihn lieber schnell abstieß.


Harris wird inzwischen herumgereicht wie weiland Jim Jackson und sieht die dritte Franchise in ebenso vielen Jahren. Die gemachten Fortschritte sind messbar, aber sie sind klein. Jedes Jahr wird er kontinuierlich besser, u. a. ist inzwischen die 40er 3P% bei immerhin fast sechs Versuchen geknackt. Das Spacing neben Jordan mag mit ihm besser werden. Die Zählstatistiken weisen mit 18/5 in rund 33 Minuten soliden Überdurchschnitt aus. Will er irgendwann mal All-NBA-Teamer werden, müsste er beim aktuellen Entwicklungstempo länger spielen als Robert Parish.

Das Ceiling könnte erreicht sein, ein Schicksalsveränderer ist er nicht. Und zeitnah Free Agent wird er auch (2019). Will man für einen Kern aus Harris, Bradley und Galinari (plusminus Jordan) ab 2019 wirklich an die 70 Millionen p. a. (plusminus Jordan) zahlen? Und wenn ja, warum? Was wäre damit gewonnen außer Platz 10 im Westen?

Die Clippers waren eine leicht überdurchschnittliche, deutlich überbezahlte Mannschaft. Jetzt sind sie eine leicht überdurchschnittliche, deutlich überbezahlte Mannschaft ohne Gesicht. Gelingt Jerry West mit den Minimal-Trade-Exceptions und dem 2018er Pick (der wohl Mitte des Feldes landen wird) kein Wunder, laufen die Clippers in eine Phase der Bedeutungslosigkeit. Lässt man Bradley und Harris (plusminus Jordan und Williams) wieder gehen, ist Process Western Edition angesagt.

Marjanović mag nominell Jordans Trade verkraftbarer machen, ein auch nur annähernd gleichwertiger Ersatz, den es zum Erhalt der Relevanz ja bräuchte, ist er nicht.


Pistons
Griffins Deal mag Motor City nochmal in den Pöppes beißen, wenn er in seinem vierten oder fünften Jahr ist. Stand 30.01.2018 war der Trade ein völliger Nobrainer. Ist Griffin fit, muss man nachdenken, um 15 bessere Spieler in der Liga zusammenzukriegen.

Immer noch freakige Athletik, hoher IQ, Scoring aus nahezu jeder Lage lieferbar, selbst Downtown ist keine terra incognita mehr, ein Playmaker mit albatrossiger Spannweite und Sprungfedern unter den Versen. Charisma ist auch vorhanden. Bis auf die alberne Keilerei mit einem Teammitarbeiter weitgehend skandalfreie Erscheinung. Einen solchen Spieler sieht man in Detroit sonst nur, wenn er auf der Durchreise nach Chicago ist.


Das Pick & Roll mit zwei großen schweren Jungs wie ihm und Drummond könnte vernichtend wirken. Stell noch Leuer daneben und Turkoglu-Lewis-DH12 sieht aus wie ein Zwergenaufstand. Ein Superstar, der sportlich ins Konzept passt? Selbst wenn man die gefallenen Preise nach den Deals für Cousins, Paul, George und mit Abstrichen Irving berücksichtigt, ist das ein Jackpot und gar nichts weniger.

Dafür Harris und zwei verzichtbare Draftrechte abzugeben, ist verschmerzbar. Der Cap ist ohnehin bis auf weiteres überlastet. Bradley hätte man kaum gehalten. Griffin macht im Übrigen die teure neue Halle voll, könnte die jacksonlose Bilanz von gefühlt 16 Niederlagen in 15 Spielen kurzfristig bessern und langfristig aus dem unsteten Point Guard einen Lob City Assistenten für Arme machen.

Dass man damit langfristig neben Boston, Toronto und eventuell Milwaukee in das anstehende Vakuum nach den Cavs an der Ostspitze stößt, mag man bezweifeln, nur das stand vorher auch nicht an. Griffin macht die Pistons relevant, interessant und attraktiv. Viel mehr kannst Du mit einem einzigen Trade kaum erreichen.


Rechnung
Die Liga ist ja ach so smart. Nur ist es manchmal eben doch ganz einfach: es gewinnt immer das Team den Trade, das den besten Spieler des Trades bekommt.

Vorteil Pistons