06 Februar 2018

6. Februar, 2018


Jahr für Jahr dreht die NBA mehr oder weniger kräftig am Rad – wenn nämlich die Trading Deadline immer näher rückt und alle Teams zum letzten Mal vor Ladenschluss ihre Kader verstärken (dürfen). In dieser Saison fällt der Stichtag bereits auf den 8. Februar – viel früher als bisher. Auf dem Weg dorthin wirft die #NBACHEF Redaktion wie immer einen genaueren Blick auf die wichtigsten Spieler und Trade-Chips.

von JAN WIESINGER @WiesiG

Clippers-Fans vermissen Chris Paul weiterhin sehr, und doch ist der Houston Rocket bereits längst vergessen. Die Franchise aus Kalifornien hatte vor der Saison Blake Griffin mit einer Vertragsverlängerung über fünf Jahre und 173 Millionen US-Dollar ausgestattet, den sprunggewaltigen Forward damit in den Olymp der Topverdiener der Liga gehoben, ihm das unsichtbare Siegel des Franchise-Players aufgedrückt.

Das Team war nach der Neuformierung im Sommer sehr durchschnittlich und gänzlich ohne Titelambitionen. Wäre alles so gelaufen wie erwartet, hätte sich das neuformierte Clippers-Team trotz schwerer Verletzungssorgen nach 82 Spielen irgendwo auf den Plätzen sechs bis zehn wiederfinden, die Playoffs möglicherweise erreichen und anschliessend traditionell - wie es sich für die Clippers zuletzt gehörte - in der ersten Runde der Playoffs ausscheiden können.

Erstens kommt es jedoch anders, und zweitens als man denkt: Griffin wurde im Paket mit Brice Johnson und Willie Reed nach Detroit verschifft, wobei hier einerseits seine langfristige sportliche Perspektive als auch seine charakterliche Eignung eine Rolle gespielt haben dürfte.

Einen Spieler mit einem solchen Vertrag auszustatten und ihn nur ein halbes Jahr später gegen einen Erstrundenpick und zwei kurze (Tobias Harris, Boban Marjanovic) bzw. sehr kurze Verträge (Avery Bradley) zu tauschen, lässt jedoch nur eine einzige Schlussfolgerung zu: Die Clippers wollen mittlerweile doch einen harten Rebuild. Und dafür könnten sie jetzt ihr Tafelsilber verscherbeln.

Always find joy no matter the surroundings

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Bei einem Blick auf die Gehaltsstruktur und die sportlichen Qualitäten lässt neben dem dekorierten All-Star Center DeAndre Jordan insbesondere Lou Williams die Herzen gegnerischer General Manager höher schlagen. Der mittlerweile 31-jährige Guard hat nur noch ein halbes Jahr in seinem Vertrag und verdient in dieser Saison 7,0 Millionen Dollar - eine angesichts seiner Leistungen schier mickrige Summe.

Williams legt Karrierebestwerte bei Punkten (23.3) und Assists (5.3) auf. Im Januar (28.2 PPG und 6.3 APG) lieferte Williams die zweitbeste Punkteausbeute aller NBA-Spieler ab (nur Steph Curry war besser), ging pro Spiel beinahe acht Mal an die Linie, was bei einer Freiwurfquote von über 90% eine sichere Punkteausbeute beschert. Auch sonst ist Lou Williams offenbar ein eiskalter Typ.

Aber zurück zu seinen sportlichen Qualitäten: Der für einen Shooting Guard eigentlich zu klein geratene Veteran ist gewissermaßen der idealtypische Sixth Man. Den Award für den besten Ersatzspieler hatte "Sweet Lou" bereits 2014/15 gewonnen, in der letzten Saison zum Sieg seines damaligen Teamkollegen Eric Gordon entscheidend beigetragen. In dieser Spielzeit ist ihm diese Prämie kaum noch zu nehmen.


Williams gestaltet seine Offensivaktionen bevorzugt aus dem Pick & Roll und nimmt mittlerweile über sieben Dreier pro Spiel, die er mit passablen 38% trifft. Dennoch ist Williams eher ein Scorer als ein Shooter und spielt trotz naturgegebener defensiver Defizite gegen größere Guards die beste Saison seiner 12-jährigen Karriere.

Wohin geht die Reise?
Ein Spieler also, den sich fast jede Franchise wünscht und der relativ einfach und verlässlich in jedes Teamgefüge integrierbar ist? Sicherlich! Aber die kurze Restlaufzeit des Vertrages und der angesichts der Effektivität von Williams seitens der Clippers erwartete Gegenwert erschweren einen Trade enorm.

Hier sollte zumindest ein First-Round Pick oder ein potenziell für die Clippers interessanter Spieler aufgerufen werden. Ohne realistische Titelambitionen ist dieser Preis natürlich viel zu hoch. Dadurch grenzt sich das Feld möglicher Destinationen für Williams schnell ein.

Im Westen hat keines der Top-Teams echten Bedarf. Am ehesten noch die Minnesota Timberwolves, die stark spielen, aber sich mit schlechten Backups plagen und händeringend nach Produktion von der Ersatzbank suchen.


Im Osten ist das Rennen um die Finals deutlich enger. Cleveland braucht jede Hilfe und hätte mit Williams einen idealen Scorer und Gestalter, der Thomas und James beim Playmaking entlasten könnte. Auch in Boston würde Williams sicherlich eine gute Figur machen und wertvolle Punkte von der Bank abliefern. Cleveland und Boston werden im Kontext mit Williams' Namen immer wieder genannt, aber auch für andere Teams könnte der Guard unter Umständen interessant werden.

Die Liste möglicher Ziele ist vielfältig: Washington, Miami, Indiana, Milwaukee oder gar zurück nach Philadelphia, wo Williams seine ersten Schritte auf dem Feld machte? All diese Teams werden allerdings nur für Williams traden, wenn sie sich realistische Hoffnungen auf die Conference Finals machen - und der Preis nicht exorbitant hoch ist.

Der Kreis wirklich realistischer Interessenten ist also nicht so groß. Die Clippers sollten ihren in diesem Jahr besten Spieler jedoch nach Möglichkeit noch in den nächsten Tagen für einen angemessenen Gegenwert verschiffen.

Ansonsten geht er nach der Saison ohne sportlichen Gegenwert. Williams dürfte im nächsten Jahr nach seinen Leistungen zumindest einen Deal in der Größenordnung von 45 Millionen über drei Jahre aufrufen wollen und damit einem gesunden Rebuild klar im Wege stehen.