07 Februar 2018

7. Februar, 2018


Jahr für Jahr dreht die NBA mehr oder weniger kräftig am Rad – wenn nämlich die Trading Deadline immer näher rückt und alle Teams zum letzten Mal vor Ladenschluss ihre Kader verstärken (dürfen). In dieser Saison fällt der Stichtag bereits auf den 8. Februar – viel früher als bisher. Auf dem Weg dorthin wirft die #NBACHEF Redaktion wie immer einen genaueren Blick auf die wichtigsten Spieler und Trade-Chips.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Im Januar 2017 verloren die Cleveland Cavaliers acht ihrer 15 Partien. Der damalige Titelverteidiger agierte müde, oft lustlos – vor allem in der Defensive. Die ersten Abgesänge auf das Team um LeBron James wurden angestimmt, Königsdämmerung lag in der Luft. In den Playoffs verwies LeBron jedoch in gewohnter Manier alle Rivalen und Kritiker auf ihre Plätze, führte seine Mannschaft mit erdrückender Dominanz durch die Eastern Conference. Ein einziges Spiel verloren die Cavs auf dem Weg in die Finals.

Ein Jahr später ist die Situation nahezu identisch. Wieder war der Januar für Cleveland ein Spießrutenlauf durch die Liga: Es hagelte vernichtende Niederlagen, unter anderem gegen die Minnesota Timberwolves (99-127), Toronto Raptors (99-133), die Oklahoma City Thunder (124-148) und zuletzt im ersten Spiel im Februar gegen die Houston Rockets (88-120).


Angesichts der Ereignisse des Vorjahres hätte wahrscheinlich kein NBA-Team mehr Grund, in dieser kritischen Situation die Nerven zu bewahren und sich auf die eigenen Stärken zu besinnen, stets im Bewusstsein, in den Playoffs locker ein, zwei oder drei Gänge hoch schalten zu können.

Doch die Cavs 2017 sind nicht mit den Cavs 2018 zu vergleichen. Der fünffache All-Star Kyrie Irving hat „The Land“ im Sommer fluchtartig verlassen, sein Ersatz Isaiah Thomas aus Verletzungsgründen erst im neuen Jahr sein Debüt im neuen Trikot gegeben und seine Form noch nicht gefunden.

Die Mannschaft gehört zu den ältesten der Liga, was sich in Ermüdung und Verletzungen niederschlägt. Die zumindest in der regulären Saison nie besonders elitäre Verteidigung hat weitere Schritte rückwärts gemacht und gehört nun endgültig zum Bodensatz der Liga. Einzig die Phoenix Suns und die Sacramento Kings, beide im Tabellenkeller der Western Conference, verteidigen noch schlechter als Cleveland. Coach Tyronn Lue wirkt heillos überfordert und schafft es nicht, den seit Wochen vorherrschenden Defizite zumindest entgegen zu wirken.


Diese ernüchternde Zwischenbilanz ist auch auf die verfehlte Personalpolitik zurückzuführen. Den Cavs fehlt ein klassischer Center, der den Ring beschützt, Rebounds greift, durch die Zone wühlt. Einen solchen Spieler vermissen sie zwar schon länger, doch angesichts der erwähnten weiteren Baustellen erhält dieses Manko immer größeres Gewicht.

Viel schlimmer als der abgenutzte und falsch zusammengestellte Kader ist die Lethargie, das Desinteresse in der Verteidigung, das an Arbeitsverweigerung grenzt. Wann immer eine Mannschaft nicht als Einheit auftritt und interne Schwierigkeiten nach außen trägt, macht sich das zuallererst in der Defense bemerkbar. Die Cavaliers 2018 sind dafür ein Musterbeispiel.


Auch wenn es angesichts der jüngeren Vergangenheit fatal wäre, LeBrons Cavaliers frühzeitig abzuschreiben, überwiegen angesichts dieses Fiaskos die Zweifel, ob LeBron unter diesen Umständen und mit diesem Kader seine achte Finals-Teilnahme in Folge zu bewerkstelligen vermag. Derzeit haben die Cavs siebeneinhalb Spiele Rückstand auf den ersten Rang im Osten – Homecourt bis in die Conference Finals ist also bereits verloren. Der Blick nach unten gewährt nur noch ein kleines Polster von einem halben Spiel auf Rang fünf – das würde Heimvorteil für den Gegner ab der ersten Runde bedeuten. Das deutlichste Indiz, dass die Lage erheblich bedenklicher ist als in den vergangenen Jahren.


Diese Krise macht die Cavs zu einem der Hauptakteure der Trade Deadline. Sie ist so etwas wie die letzte Gelegenheit, eine einschneidende Veränderung vorzunehmen und womöglich inkompatible Teile des Kaders auszusortieren, ohne sich in der Tiefe zu schwächen.

Die Protagonisten in Clevelands Trade-Zirkus bis Donnerstag Abend sind zahlreich:

Isaiah Thomas: IT ist der größte Verlierer des Irving-Trades. Der 29-Jährige wurde im Sommer vom fruchtbaren Umfeld in Boston und einer von Brad Stevens exzellent gecoachten Mannschaft herausgerissen und in eine dysfunktionale, überalterte Truppe installiert, in der seine defensiven Mängel noch deutlicher sichtbar werden. Vom Wirbelwind des Vorjahres, der in grün MVP-Zahlen auflegte, ist Thomas in Cleveland Lichtjahre entfernt. Ein vernichtendes Net Rating von -15,1 spricht trotz Sample Size für sich. Der Vertrag des Aufbauspielers läuft im Sommer aus, angesichts der Leistungen im Trikot der Cavs und des drohenden Rebuilds wird der neue GM Koby Altman das Risiko eines Langzeitvertrags mit Isaiah nicht eingehen. Einen solchen wird er irgendwo anders angeboten bekommen, das bringt ihn zur Deadline auf den Trade Block.


Jae Crowder: Der ebenfalls für Irving akquirierte Crowder ist nur ein trübe Erinnerung an den Spieler, der sich bei den Boston Celtics mit Energie und Leidenschaft in die grünen Herzen der Fans ackerte. Als Inbegriff eines 3&D Spielers trifft Crowder derzeit weder seinen Dreier (32,6% im Vergleich zu 39,8% im Vorjahr), noch vermag er die löchrige Defensive der Kavaliere zu stopfen. In dieser Verfassung ist der 27-Jährige für Cleveland keine Hilfe und aufgrund seines moderaten Vertrags (ca. sieben Mio. $ pro Jahr bis 2020) ein annehmbares Tauschgut.

J.R. Smith: Beim letzten denkwürdigen Auftritt Smiths für die Cavaliers hatte er kein Shirt an – das war während der Meisterschaftsparade 2016. Genie und Wahnsinn gehen beim eigenwilligen Scharfschützen schon immer gerne mal auseinander, für geniale Momente sorgte J.R. seit besagter Meisterfeier jedoch eher selten. Die Cavs gingen ein hohes Risiko, als sie nach dem Titelgewinn mit ihm verlängerten, diese Wette haben sie bereits verloren. Der einstige beste sechste Mann der Liga (2013) legt trotz Starterminuten nur die Zahlen eines Rollenspielers auf – oft nicht mal das. Mit seinen 32 Jahren ist kein Turnaround mehr zu erwarten. Das macht Clevelands Shooting Guard zur entbehrlichen Tauschmasse, für einen Trade, in dem sie sein überzogenes Salär (ca. 14 Mio. $) für den monetären Ausgleich des Deals in den Topf werfen.


Tristan Thompson: Eine weitere Wette, die die Cavs verloren haben. Thompson war als verkappter Center Teil der Meisterschaftsmannschaft Clevelands – wie sehr er dabei von der Qualität seiner Mitspieler profitierte, wird von Jahr zu Jahr deutlicher. Egal ob als Starter oder Bankspieler, Thompson hilft seinem Team an beiden Enden des Feldes nicht weiter und wird dafür noch bis 2020 ziemlich gut bezahlt. Mit seinen 27 Jahren sollte der vierte Pick des 2011 Drafts eigentlich auf den sportlichen Zenit zusteuern, schlimmstenfalls hat er diesen aber bereits hinter sich. Weil er sich aber in der Vergangenheit durchaus als 10/10 Spieler profiliert hat, wird womöglich ein Team mit Rebuild und Cap Space, das nichts zu verlieren hat, das Risiko einer Akquirierung eingehen.

Channing Frye: Frye gilt schon seit Wochen als einer der ersten Trade-Kandidaten aus dem Lager der Cavs, denn mit seinen bald 35 Jahren spielt er die wenigstens Minuten seiner Karriere, ein baldiger Ruhestand steht in Aussicht. Wegen der Verletzung von Kevin Love, die den Forward mindestens zwei Monate außer Gefecht setzt, hat sich Fryes Kurs jedoch wieder gebessert, denn nun ist er der einzige Strech Big im Kader. Weil sein Marktwert ohnehin niedrig ist, hat sich die Wahrscheinlichkeit auf einen Trade gesenkt. Die Cavs kommen jedoch mit jeder vernichtenden Niederlage einem Tabula Rasa näher, daher darf auch er weiter auf gepackten Koffern hocken.


Iman Shumpert: Der nächste 3&D Spieler, der theoretisch alle Anlagen eines nützlichen Roleplayers mitbringt und dies vielleicht sogar einmal war, in der Realität aber passend zur Gesamtsituation unzufrieden ist und weit davon entfernt, seinem Team einen wertvollen Beitrag zu leisten. Shumpert stand in diesem Kalenderjahr aus Verletzungsgründen erst einmal auf dem Feld, insgesamt nur 14 Mal in dieser Spielzeit, was angesichts des desaströsen Zustandes seiner Mannschaft mehr über ihn aussagt, als über das Team. Der 27-Jährige taugt höchstens noch als Salary Dump, hinderlich ist dabei die 11 Mio. $ schwere Player Option für die nächste Saison.

Derrick Rose: Der kometenhafte Abstieg des MVPs von 2011 fände ein neues Tief, sollten die Cavaliers ihren im Sommer fürs Minimum geholten Aufbauspieler als Dreingabe verhökern – viel größer ist sein Marktwert im Februar 2018 nicht mehr. Rose hat die geringen Erwartungen an seine Person in Cleveland unterboten und steht noch vor seinem 30. Geburtstag vor dem Scherbenhaufen, der eine Hall of Fame Karriere hätte sein können/sollen. Der verletzungsgeplagte dreifache All-Star hat nicht alles verlernt und mag im richtigen Umfeld und richtigen System als Bankspieler noch seinen Wert haben, die lichterloh brennende Hütte in Cleveland vermag er aber nicht mehr zu löschen, sodass womöglich auch ein Buyout für beide Seiten die sinnvollere Lösung wäre.

Die Assets der Cavaliers sind also sehr beschränkt. Um die vielen miesen Verträge loszuwerden, müssten sie andere miese Verträge aufnehmen, die das Team nicht schlagartig besser machen. Namen wie DeAndre Jordan, George Hill oder Kent Bazemore, die in Cleveland gehandelt werden, verbieten sich – einerseits weil längere Verträge einem Rebuild infolge des immer absehbareren zweiten LeBron-Exits im Wege stünde, andererseits weil GM Altman aufgrund dieses Szenarios auch nicht gewillt zu sein scheint, seinen einzig wertvollen Trade Chip verfügbar zu machen: Den First Rounder der Brooklyn Nets, der den Cavs aktuell den achten Pick im nächsten Draft bescheren würde.


Immerhin sind die Cavs bereit, den eigenen Draft Pick ins Feuer zu werfen, der angesichts der Niederlagenserie in Ohio etwas an Wert gewonnen hat. Ein realistisches Trade-Ziel damit ist Derrick Favors von den Utah Jazz – eine alternative Notlösung wären Alex Len von den Phoenix Suns oder Nerlens Noel von den Dallas Mavericks.

Zumindest Favors würde den Cavs sofort helfen, er verfügt außerdem über einen auslaufenden Kontrakt, das Risiko wäre gering. Ob ein solcher Kompromiss den zuletzt dreifachen Finalisten zurück auf die Erfolgsspur bringt, bleibt aber fraglich.

LeBron James wird das sinkende Schiff übrigens nicht verlassen, er verfügt über eine No-Trade Klausel, die er keinesfalls zu streichen bereit ist und seine Mission in Cleveland beenden will. Wieviel Hilfe er dabei im April haben wird, entscheidet sich heute und morgen.