14 April 2018

14. April, 2018


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - straight auf den Punkt.

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner

Entrée
Das Matchup, das in einer mit ungewöhnlich vielen interessanten Paarungen gespickten ersten Playoff-Runde in beiden Conferences vielleicht am deutlichsten heraussticht, bietet die Eastern Conference mit dem Duell zwischen den Philadelphia 76ers und den Miami Heat.

Die Hauptzutat für diese besonders würzige Mixtur liegt in der Vielzahl von Unterschieden, die diese beiden Teams vorweisen. Zum einen gibt es einen gravierenden Unterschied in der Spielgeschwindigkeit: Philly rangiert hier ligaweit in der Regular Season auf Rang vier, die Heat mit signifikanten 4,1 Possessions weniger pro Spiel auf Rang 26. Hier treffen zwei im Kern unterschiedliche Philosophien aufeinander und einer der Schlüsselfaktoren wird sein, wer wem seine Art zu spielen besser aufzwingen kann.

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Eine weitere Lücke zwischen den Eckdaten der beiden Teams findet sich im Faktor Erfahrung. Während die Anzahl der durchschnittlich absolvierten NBA-Saisons aller Miami-Spieler „nur“ ein Jahr mehr beträgt als bei denen der 76ers, offenbart sich mit Blick auf die Playoff-Erfahrung eine womöglich historisch große Kluft.

Denn allein der Vergleich der gespielten Playoff-Minuten zwischen Dwyane Wade und dem gesamten Roster der Hinkie-Erben fällt erschreckend einseitig pro Wade aus. 6570 versus 5015, davon fast die Hälfte durch J.J. Redick. Die Erfahrung beschränkt sich allerdings nicht auf Wade, denn fast alle anderen Spieler der Mannen aus South Beach haben bereits Playoff-Luft geschnuppert, ein gewisser Kanadier mit wehendem Haar hatte sogar in Spiel sieben einer Conference-Halbfinal Serie mit 26 Punkten entscheidenden Anteil daran, sein Team in die Conference Finals zu führen.

Wie sehr und ob diese Diskrepanz das Pendel in die eine oder andere Richtung ausschlagen lässt ist eines der vielen interessanten „things to watch“, die diese Serie zu bieten hat.


Warum Philadelphia gewinnt
Das Schlüsselbund zum Sieg in dieser Serie liegt zu Beginn recht klar in den Händen der Sixers. An diesem Schlüsselbund hängen drei große Schlüssel zum Sieg: Qualität, Talent und kluge Kaderzusammenstellung.

Sollte an der alten Weisheit, dass eine Playoff-Serie meist vom Team mit dem besten Spieler gewonnen wird, auch nur ein Fünkchen Wahrheit stecken, dann stehen die Zeichen gut für die zweite gewonnene Serie innerhalb der letzten 15 Jahre für die Franchise aus Pennsylvania. Joel Embiid hatte seinen ersten Auftritt im All-Star Game und dürfte auch im All-NBA-Voting eine Rolle spielen. Bei Ben Simmons sind diese beiden Errungenschaften nach einer formidablen Rookie of the Year Saison nur noch eine Frage der Zeit und selbst J.J. Redick spielt eine Saison, die auf einem sehr ähnlichen Level mit dem besten Spieler Miamis, Goran Dragić, ist.

Hinzu kommt eine enorme Menge erstklassiges, aber noch etwas rohes und in den Hintergrund gedrängtes Talent der Rollenspieler wie Dario Šarić, Markelle Fultz und Robert Covington. Wenn die Weisheit rund um den besten Spieler nicht greifen sollte, sind ebendieses Talent sowie die klugen Ergänzungen im Saisonverlauf durch Ersan Ilyasova und Marco Belinelli die Asse, die Coach Brett Brown aus dem Ärmel schütteln und in diversen Variationen auf den Court bringen kann.

Zu diesen drei großen Schlüsseln hat Philadelphia als Bonus zwei weitere kleine Schlüssel dabei. Zum einen geben die 16 Siege in Folge, mit denen sie in die Playoffs starten, zusätzlichen Rückenwind, zum anderen festigen diese gemeinsam mit dem Heimvorteil die Rolle des Favoriten.


X-Faktor 76ers
Wir wissen was von den Spielern zu erwarten ist, die sich im Saisonverlauf in der Rotation festgespielt haben. Sei es von den Schlüsselspielern in Simmons, Embiid und Redick, den weiteren Startern in Covington und Šarić, sowie den wichtigen Faktoren von der Bank in Amir Johnson, Ilyasova und Belinelli.

Die große Unbekannte, der wahre X-Faktor im Playoff-Roster der Philadelphia 76ers, der entweder eine bedeutsame, vielleicht sogar entscheidende Rolle spielen könnte, oder nicht einmal Bestandteil der Rotation sein kann, heißt Markelle Fultz. Die Sixers hatten den (zur Erinnerung) unumstrittenen ersten Pick des vergangenen Drafts nach vier Spielen auf Eis gelegt und nach einer beispiellosen Saga für die letzten zehn Spiele reaktiviert.


Diese Spiele gewann Philly allesamt. Fultz wirkte noch rostig, machte sich aber am letzten Spieltag zum neusten und jüngsten Mitglied im „Triple Double Club“. Die Qualität der Gegner in diesem Zeitraum wirft Fragen auf, das schärft Fultzs Profil als X-Faktor, von dem alles zwischen allem und nichts erwartet werden darf, aber nur noch mehr.


Marquee Matchup
Gut möglich, dass beide Akteure den Auftakt der Serie verpassen, aber der Zeitpunkt, an dem beide zurück sind, wird für ihre Teams zum möglicherweise wichtigsten Moment der Serie. Joel Embiid und Hassan Whiteside führen nicht nur einen Privatkrieg via Twitter, sondern sind auch auf dem Feld darauf fokussiert, den jeweils anderen zu übertrumpfen.


Embiids Talent und seine positive Entwicklung machen ein Szenario realistisch, in dem er auf seinem höchsten Level spielt, während sich Whiteside, der im Vorfeld der Playoffs Kritik an seiner Rolle im Team (die ihm zu klein ist) geäußert hat, provozieren lässt und infolgedessen zu viel will und damit dem Rhythmus seines Teams schadet und nicht in der Lage ist, mit Embiid mitzuhalten. Egal ob einer, beide, oder keiner rechtzeitig fit wird, können wir uns wohl auch neben dem Feld auf Unterhaltung durch diese beiden Center freuen.


Warum Miami gewinnt
Der Faktor Erfahrung ist, wie bereits im Entrée beschrieben, sicher der Erfolgsfaktor, den die Heat ohne jeden Zweifel auf ihrer Seite haben. Daraus eine handfeste Argumentation zu stricken fällt schwer, aber in Kombination mit einem weiteren, auch bereits erwiesenen Erfolgsrezept wird ein Schuh draus.

Coach Erik Spoelstra weist eine Siegquote von 62% in den Playoffs auf und der 47-Jährige hat nach seinem 40. Geburtstag keine von fünf Erstrunden-Serien verloren. Diese beiden Faktoren in Verbindung mit einem homogen zusammengestellten Team könnten am Ende den Ausschlag für die Miami Heat geben. Das Ziel von Spoelstra und seinem Team muss es sein, das Tempo möglichst langsam zu halten, um die Sixers zu Fehlern zu zwingen.


Deren Jugendlichkeit und Unerfahrenheit gepaart mit der höchsten Turnover-Rate der Liga sind Ansatzpunkte für eine gewinnbringende Gegenstrategie. Fällt Embiid länger aus und ist Simmons der Playoff-Spielweise nicht gewachsen, müssen die erfahrenen Heat zur Stelle sein und mögliche Zeichen von Schwäche unmittelbar ausnutzen. Spieler wie Goran Dragić, Dwyane Wade und James Johnson sowie der Playoff-erprobte Kelly Olynyk sollten hierzu allemal in der Lage sein.

Der letzte Punkt, der für die Heat in einer möglicherweise engen Serie zum Vorteil verhelfen könnte, ist ihre im Vergleich mit den Sixers höhere Qualität in engen Spielen. Allein die Erfahrung von 18 Spielen mit nur drei oder weniger Punkten Unterschied ist bemerkenswert höher als die elf der Sixers. Miami kann dabei vor allem auch eine ausgeglichene Bilanz mit neun Siegen vorweisen, während Philadelphia mit vier Siegen und sieben Niederlagen in engen Spielen häufig der Unerfahrenheit Tribut zollen musste.


X-Faktor Heat
Der X-Faktor der Heat liegt wohl vor allem auf Seiten der Sixers. Denn wenn Joel Embiid in dieser Serie gar nicht oder erst spät und nicht zu 100% fit zurückkehrt, schlägt die Stunde der Miami Heat. Ist Embiid dabei, muss die Geschlossenheit des Rosters dafür sorgen, dass die Heat das Ruder an sich reißen und die Serie nach ihren Vorstellungen verläuft.

Der Vorteil dabei ist, dass es nicht einen oder zwei Spieler gibt, die in den Playoffs einen ganz heißen Tag erwischen könnten und dabei ein Spiel im Alleingang gewinnen, sondern dass gleich eine Vielzahl von Spielern in der Lage ist, an einem goldenen Tag ein Spiel an sich zu reißen. So könnten sie die 76ers auf dem falschen Fuß erwischen und ein Spiel nach dem anderen abknabbern.


Marquee Matchup
Hassan Whiteside versus „Nicht Joel Embiid“. Dadurch würde uns das eigentliche Marquee Matchup der Serie entgehen bzw. würde in die Sozialen Medien verlegt, doch auch wenn Whiteside gegen Embiid zur Schwachstelle für die Heat werden könnte, wäre er gegen die zweite Center-Garde um Amir Johnson und Richaun Holmes in einer vorteilhaften Situation, die er in eine gewinnbringende Leistung zugunsten der Southeast Division Champions ummünzen kann.


Holmes und Johnson haben in Embiids unerwartet kurzer Abwesenheit im Saisonverlauf wirklich ordentliche Leistungen gezeigt, aber der Einfluss und die Dominanz, die Embiid auf das Spiel der Sixers hat, können beide nicht im Ansatz ersetzen. Das wissen auch Spoelstra und Whiteside und werden im Falle eines Falles genau dies zu attackieren wissen.


Die Rechnung, bitte!