30 April 2018

30. April, 2018


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von ANNO HAAK @kemperboyd

Entrée
Wenn es in der durchkommerzten NBA so etwas wie ein Traditionsduell gibt, dann ist es das Kräftemessen zwischen den Sixers und den Celtics. 444 Mal kreuzten die Divisionsrivalen bereits die Klingen. Die Playoffrivalität reicht in Zeiten zurück, in denen NBA Teams in Syracuse ansässig waren und sich ernsthaft „Nationals“ nannten.

Doch nach sechs konsekutiven Playoffduellen in den Sechzigern zwischen Bill Russell und Wilt Chamberlain und nochmal fünf Duellen binnen acht Jahren in der Bird/Dr. J-Ära fielen erst die Kelten, dann die Glockenläuter und schließlich beide mehr oder minder gewollt aus dem Playoffbild und sahen Rivalitäten wie Pistons/Bulls, Bulls/Knicks oder LeBron James gegen DeShawn oder Fast-Namensvetter Lance Ste(v)phenson nur aus der Ferne.

Zuletzt traf man sich 2012 in Runde zwei. Boston adventierte letztlich zum finalen Aufbäumen gegen die Herrschaft von LeBron James über die Eastern Conference. Phillys Erstrundenupset gegen die verletzungsgeplagten Bulls zuvor war bis letzte Woche der letzte Seriensieg in der Stadt der brüderlichen Liebe. Es wird also Zeit, die Schultern von zwei der jüngsten Teams der Zweitrundengeschichte abzustauben und die eigene Historie zu schreiben.


Die Saisonbilanz spricht oberflächlich für die Kobolde, die drei der vier Saisonspiele gewannen, allerdings gelangen alle Siege mit Kyrie Irving. Im eher playoffrealistischen Horford-Tatum-Smart-Brown-Baynes Lineup Mitte Januar setzte es eine 50er Jahre würdige 80-89(!)-Niederlage. Aussagekraft haben die Spiele aber auch deshalb kaum, weil sie vor bzw. ganz zu Beginn von Phillys 32-7 Run lagen, mit dem die Prozesshanseln bis in Runde zwei stürmten.


Warum Boston gewinnt
Die Celtics sind widerstandsfähig. Eine ganze Saison mussten sie ohne den besten, inzwischen mehrere Wochen ohne den zweitbesten Spieler auskommen und sind dennoch in Runde zwei angekommen. Das Team ist tief (fünf Spieler scorten in Runde eins im Schnitt zweistellig) und ausgeglichen (keiner musste gegen die Bucks mehr als 36 Minuten pro Spiel abreißen).

Die Kelten dürfen im Übrigen als eines der bestgecoachten Teams der Liga gelten. Die gern und oft zitierten erforderlichen Anpassungen im Rahmen einer Playoffserie macht der designierte Trainer des Jahres schon während eines Spiels gerne nur deshalb, weil er es kann, nicht weil er es muss.

Auch wenn die Duelle der abgelaufenen Saison, wie angedeutet, wenig aussagekräftig sind: Boston ist theoretisch in der Lage, die Doppelkopfhydra der Sixers zu kontrollieren. In deren drei Duellen mit den Celtics hielten sie vor allem Embiid in fast jeder Beziehung unter seinen Möglichkeiten, u. a. FG% 38,5.

💪4️⃣2️⃣💪

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Indes: das Defensivrating ließ gegen die weiß Gott impertinent schlecht gecoachten Bucks in Runde eins um mehr als sechs Punkte gegenüber der regulären Saison nach. Ohne Energiebündel Smart fiel es auf absolut durchschnittliche 109,1. Wollen die Celtics in die Conference Finals, werden sie ansatzweise den Defensivmojo der regulären Saison wiederfinden müssen; in den vier Duellen mit den Sixers hielten sie diese bei unter(!) 95(!) Punkten auf 100 Besitze.


X-Faktor Celtics
Es ist ein hier nicht vermeidbares Playoff-Klischee: Gesundheit! Bei aller Kadertiefe, mit Gordon Haywood und Kyrie Irving in Ausgehuniform plus dem Ausfall von Daniel Theis darf gegen die ebenfalls extrem tiefen 76ers nicht mehr viel schiefgehen. Einen längeren Ausfall eines Rotationsspielers wie den von Smart in Runde eins wird Boston kaum verknusern können.


Dass Jaylen Brown (Stand 29.04.2018) lediglich „hofft“, nach seinem limping in Spiel sieben gegen die Bucks (BTW: Kameraführung, Sportsfreunde vom amerikanischen Fernsehen, Jesus Christus nervt das) in Partie Nummer eins gegen die Sixers dabei zu sein, ist kein hoffnungsfroh stimmendes Signal.


Marquee Matchup
Joel Embiid gegen Al Horford. Beide verankern nolens (Horford) oder volens (Embiid) die Defensive ihrer jeweiligen Teams. Und müssen sich nebenbei noch umeinander kümmern. Simmons wird wohl verschiedene Looks (Brown, Tatum, Smart etc.) bekommen. Auch gegen den dritten Pick von 2014 wird Stevens vermutlich zur Schmerztoleranztestung mal Hirten wie Baynes abordnen.

Doch den Löwenanteil wird Horford abarbeiten müssen. Hält er den 2,20 Meter Giganten bei den unterirdischen Quoten aus den Regular-Season-Duellen (u. a. 0,3 von vier Dreiern pro Spiel), haben die Celtics eine Chance. Taucht der Hawks-Horford im Garden auf, kann die Serie schnell vorbei sein. Nimmt Horford Offensiv den Comedian aus der Stadt der brüderlichen Liebe wieder mit in die Schule, wie in der Regular Season geschehen, wird es für die Sixers eine lange zweite Runde.


Warum Philadelphia gewinnt
Game of Zones ist ein Game of Superstars, gerade in den Playoffs. Die Superstars werden in dieser Serie in rot, blau und weiß spielen, außer sie heißen Jayson Tatum und sind Superstars im Entstehen. Ben Simmons und Joel Embiid sind an beiden Enden des Feldes ein einziges Abrissunternehmen, eines der besten Two-Man-Lineups der Liga. Stehen beide auf dem Holz, verteidigen sie überelitär und erzielen auf 100 Besitze kalibriert rund 16(!) Punkte mehr als der Gegner, Miami sah in Runde eins überhaupt kein Land gegen Joel Simmons (NetRtg +20).

Mangelhafte Erfahrung ist nach der „Kurz vor Besen“-Nummer gegen die Miami Heat ein schwächliches Argument, zumal auf der Gegenseite außer Horford ebenfalls kaum Postseasonerfahrung in den Lebensläufen auftaucht.


Kurz und bündig: bleiben Point Center „Process“ und Point Forward „I don’t know who Mitchell is“ gesund, sind die Sixers nicht mehr und nicht weniger als der Favorit darauf, sich in den Finals den Kehrer vom Sieger der Serie zwischen Warriors und Rockets geben zu lassen. Dass man solche Sätze fast auf den Tag genau fünf Jahre nach dem ersten Zweitinterview mit Sam Hinkie mal ironiefrei schreiben würde, hätte man kaum für möglich gehalten.


X-Faktor 76ers
Die dritte bzw. vierte Kraft. Es muss sich wie in Runde eins stets mindestens ein Sixer finden, der das Starduo (plus den zwischen Genie und Wahnsinn mäandernden J.J. Redick) entlastet und Räume für (vor allem Simmons‘) Drives schaffen kann. Im Clincher gegen die Heat schwang sich der in Atlanta durch den Hinterausgang vom Hof gejagte Ersan Ilyasova dazu auf.


Er, Marco Belinelli, Markelle Fultz oder Dario Šarić müssen ans Limit kommen. Können die Sixers so die Tiefe der Celtics matchen, sollte das Duell gegen die Raptoren um die Ostkrone erreichbar sein.


Marquee Matchup
Jayson Tatum vs. whoever. Boston hat noch einen Superstar (Prospect) übrig. Tatum hätte aus dieser Saison in acht von zehn Fällen seine Show gemacht. In Jahr neun wird Donovan Mitchell gedrafted, in Jahr zehn spielt Ben Simmons sein erstes Jahr.

Es gibt vorwiegend eine Aufgabe für Philly: Jayson einfangen. Wenn Ben Simmons dafür noch Kraft hat, nachdem er die Offensive initiiert hat, sollte man ihm das Eins gegen Eins geben. Ansonsten darf Robert Covington beweisen, dass seine absurden On-/Off-Werte kein Zufall sind. Der größte Null-Stimmen-Snub in der Geschichte des DPOY Voting kann der Unterschiedmacher sein, wenn er Tatum auch nur zur Ineffizienz zwingt.


Die Rechnung, bitte!