14 April 2018

14. April, 2018


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - straight auf den Punkt.

von JAN HUSMANN @JanOnOne

Entrée
Toronto trifft auf Washington. Zwei Teams, die es bis vor einigen Wochen verstanden hatten, den Ball mit erhöhter Frequenz zu bewegen, in den letzten Spielen der Saison allerdings wieder in alte Muster verfallen sind. In Toronto hat die Bank, die immer noch die beste der Liga ist, abgebaut und alle Blicke sind wieder auf DeMar DeRozan und Kyle Lowry gerichtet. Die Wizards haben derweil ihre Mühen, John Wall zu reintegrieren, nachdem er nur die Hälfte der Saisonspiele bestritten hat.

Wenn man den Kader betrachtet, fallen viele Parallelen zwischen den Kontrahenten auf. Zwei All-Star Guards, ein osteuropäischer Center, junge Rollenspieler von der Bank. Doch warum liegt zwischen den beiden Teams ein Unterschied von 16 Siegen? Die einfache Antwort wäre die Verletzung von John Wall. Doch mit ihrem Star-Guard liegen die Wizards bei 23-18, während sie in seiner Abwesenheit 20 Siege und 21 Niederlagen eingefahren haben.

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Die Wahrheit liegt wohl eher darin, dass die Raptors auf jeder Position eine bessere Arbeit leisten. Dwane Casey ist ein besserer Coach als Scott Brooks. DeRozan und Lowry spielen besser zusammen als John Wall und Bradley Beal. Die Bank der Raptors ist besser besetzt als die der Wizards. Und so summiert sich der Unterschied auf. Und statt eines vier gegen fünf Matchups treffen die beiden Teams als eins und acht aufeinander.


Warum Toronto gewinnt
Die Raptors spielen die beste Saison ihrer Geschichte. Durch die Systemumstellung zu einem auf Ballbewegung und Dreipunktversuche ausgelegtem Spiel profitierten die Spieler auf dem Court und die Zuschauer vor den Bildschirmen. Und mit am wichtigsten: Es macht Toronto vielseitiger.

Auch wenn DeMar DeRozan und Kyle Lowry immer noch die klaren Stars des Teams sind, ist die Last auf mehr Schultern verteilt worden. Unter dem Druck, in den Playoffs abliefern zu müssen, brachen Lowry und DeRozan in den letzten Jahren immer wieder zusammen. Dieses Mal soll das anders sein.


Unter den Rollenspielern, die den Kader der Raptors ausfüllen, kann an jedem beliebigen Tag ein anderer Spieler die entscheidende Figur sein. Außer Lowry und DeRozan erzielt kein Spieler mehr als 13 Punkte pro Spiel, jedoch neun mehr als fünf. Diese Ausgeglichenheit ist der Schlüssel zum Erfolg Torontos zweiter Reihe.

Die Raptors sind zudem auf der Mission einen Fluch zu beenden. Denn in den neun Auftritten der Dinos in den Playoffs wurde noch nie das erste Spiel der Postseason gewonnen. In dreizehn Playoff-Serien gelang insgesamt nur ein Auftaktsieg, 2001 in den Conference Semi-Finals gegen den späteren Ost-Champion Philadelphia 76ers.

Und wenn wir schon bei historischen Kontexten sind, können wir an dieser Stelle direkt weiter machen. Denn mit der Verletzung von Kyrie Irving und den weiterhin wankenden Cleveland Cavaliers haben die Raptors die Chance, erstmals in die NBA-Finals einzuziehen. Damit wären sie das erste nicht-US-amerikanische Team, dem das gelänge.


X-Faktor Raptors
In der besten zweiten Reihe der Liga gibt es viele X-Faktoren, die in dieser Serie auftrumpfen. Doch Fred VanVleet ist nicht nur Torontos Publikumsliebling, sondern auch ein wichtiger Spieler in Coach Caseys System. In engen Spielen vertraut der Trainer der Kanadier im letzten Viertel oft auf eine Aufstellung mit drei Guards, bei der VanVleet gemeinsam mit Lowry und DeRozan agiert.


Der 24-Jährige muss beweisen, dass die große Bühne nicht zu groß ist für ihn. In der regulären Saison begeisterte er besonders durch seine Furchtlosigkeit und seinen Einsatz. Diese Qualitäten sind in der Regel gute Zutaten für eine lange und erfolgreiche NBA-Karriere, doch in den Playoffs werden Teams versuchen, seine Schwächen zu betonen und seine Größe von knapp 1,80 Meter die Wizards dazu veranlassen, bei Kombinationen von ihm und Lowry größere Guards aufzustellen, die den Point Guards physisch überlegen sind.


Marquee Matchup
Die Raptors müssen einen Weg finden, sowohl John Wall, als auch Bradley Beal in Schach zu halten. Wenn DeRozan und Lowry mit ihnen gleichzeitig auf dem Court stehen, werden die All-Stars der Kanadier vor Probleme gestellt. DeRozan war noch nie für seine Verteidigung bekannt und der gerade 1,80 Meter große Lowry wird gegen die physischen Guards der Wizards vor Probleme gestellt.

O.G. Anunoby könnte für Abhilfe sorgen, jedoch mag die große Playoff-Bühne für den Rookie noch zu groß sein. Auch wenn Wall und Beal beim besten Willen kein Traum-Duo sind, kann jeder einzeln den Raptors immer wieder weh tun.

Dwane Caseys beste Chance ist wahrscheinlich eine tiefe Rotation, bei der immer neue Verteidiger den Backcourt der Wizards ermüden soll. Mit Delon Wright, Norman Powell und Fred VanVleet haben die Raptors genügend Guards, die gegen den Ball gut agieren können. Jedoch nur, wenn Casey ihnen auch in den Playoffs das Vertrauen schenkt.


Warum Washington gewinnt
Auch wenn die achtplatzierten Teams in der ersten Runde so gut wie nie eine Chance haben, sind die Wizards kein so großer Underdog, wie man zunächst vermuten mag. In den vier Aufeinandertreffen mit den Raptors in der regulären Saison gewannen die Wizards zwei Spiele. Eins davon sogar zu Gast im hohen Norden.

Wegen der Verletzung John Walls fehlt es den Wizards zurzeit noch an Eingespieltheit. Doch die Verletzung gab der zweiten Reihe – allen voran Tomáš Satoranský – die Chance, signifikante Erfahrungen auf dem Parkett zu sammeln. Das hat auch dazu beigetragen, dass die Bank der Wiz von Platz 28 im letzten Jahr einen Sprung in das Mittelfeld gemacht hat (18. Platz im Net-Rating, via hoopsstats.com).


Oft kommt es in den Playoffs darauf an, den besten Spieler auf der Platte zu haben, der Spiele im Alleingang entscheiden kann. Und sowohl John Wall als auch Bradley Beal haben das Potential, genau das zu sein. Wall hat in den letzten Playoffs einige der besten Spiele seiner Karriere gemacht. Unter anderem Spiel sechs gegen die Boston Celtics, das er mit einem Dreier in den letzten Sekunden entschied.

Wenn für die Wizards alles zusammenkommt und die Rollenspieler ihren Teil beitragen, dann ist die Überraschung zum Greifen nah. Und gar nicht einmal so überraschend: Da Toronto im Grunde einplanen kann, Spiel eins zu verlieren (siehe oben), müssen die Wizards lediglich ihren dann erlangten Heimvorteil verteidigen. Und das würde die ohnehin offene Eastern Conference noch unberechenbarer machen.


X-Faktor Wizards
Gerade einmal zwei Tage bevor die Playoffs losgehen, haben die Wizards noch eine Verpflichtung getätigt. Ty Lawson, der nach Skandalen abseits des Feldes keinen Vertrag in der NBA erhalten hatte, wurde bis zum Ende der Playoffs verpflichtet. Der 30-Jährige hat sich über die letzten Monate in China fit gehalten und dabei 25,5 Punkte pro Spiel bei einer Trefferquote von 40% von der Dreierlinie erzielt, via realgm.com.


Diese Zahlen erwartet in Washington keiner. Doch Lawson kann von der Bank kommen und die Zügel von John Wall für ein paar Minuten übernehmen. Im Optimalfall ist er die Entlastung für Beal und Wall, die die Wizards das ganze Jahr schon suchten. Denn insbesondere gegen die starke Bank der Raptors muss das Team aus der Hauptstadt aufpassen, keine großen Läufe gegen sich zu kassieren, wenn die Stars auf der Bank sitzen. Lawson wird sicherlich kein negativer Faktor sein.


Marquee Matchup
Den Wizards fehlt auf den großen Positionen ein Ringbeschützer. Markieff Morris und Marcin Gortat fehlt es an Größe und/oder Athletik auf der Vier und Fünf und von der Bank kommen mit Mike Scott, Ian Mahinmi oder Jason Smith auch keine defensiven Ausnahmekönner. Otto Porter als Combo-Forward könnte Abhilfe schaffen, ist in der Vergangenheit aber immer wieder durch mangelnde Aufmerksamkeit in der Defensive aufgefallen.

Gegen den athletischen Serge Ibaka und den talentierten Post-Spieler Jonas Valančiūnas könnten die Big Men der Wizards also vor Probleme gestellt werden. Dazu wird DeMar DeRozan immer wieder Abschlüsse in der Zone suchen, die gestoppt werden müssen. Findet Scott Brooks keine funktionierenden Matchups unter dem Korb, dann werden auch mögliche Vorteile auf den Guard-Positionen schnell unbedeutend sein.


Die Rechnung, bitte!