29 April 2018

29. April, 2018


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist (fast) in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Entrée
Eine Playoff-Serie zwischen den Houston Rockets und Utah Jazz ruft Erinnerungen an hart umkämpfte und hitzige Gefechte wach. In den Neunzigerjahren entstand zwischen beiden Teams eine regelrechte Fehde, in einer Zeitspanne von fünf Jahren trafen Houston und Utah vier Mal aufeinander.

Damals hießen die Protagonisten Hakeem Olajuwon und Clyde Drexler auf der einen sowie Karl Malone und John Stockton auf der anderen Seite. Bei ihren beiden Championship-Runs 1994 und 1995 eliminierten die Rockets jeweils die Jazz auf dem Weg zum Titel, während wiederum Stocktons Buzzerbeater in den Conference Finals 1997, mit dem er sein Team zum ersten Mal in die NBA Finals schickte, zu den denkwürdigsten Momenten der Jazz-Historie gehört.

Im letzten Jahrzehnt lebte die Rivalität kurz neu auf, als 2007 und 2008 Yao Ming und Tracy McGrady auf Deron Williams und Carlos Boozer trafen, wieder mit dem besseren Ende für das Team vom Salzsee.

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Zehn Jahre später geht dieses brisante Duell nun erstmals in einem Conference Semi-Final in die nächste Runde. Die beiden Fanlager sind noch immer verfeindet, das wird sich aufs Parkett übertragen.

Die Rockets gewannen die vier Partien der Regular Season problemlos, schenkten Utah Anfang November im ersten Spiel gar 137 Punkte ein. Allerdings fanden drei dieser vier Spiele in der ersten Saisonhälfte statt. Erst anschließend zeigten die Jazz ihr wahres Gesicht und gewannen 31 der 41 Partien der zweiten Saisonhälfte.

Spannung und Intensität sind also vorprogrammiert, erst recht da es zwischen diesen beiden Teams noch nie einen Sweep gegeben hat.


Warum Houston gewinnt
Die Rockets haben ihren Rhythmus gefunden. In Spiel eins bis vier der ersten Runde gegen die Minnesota Timberwolves kämpften sie mit ihrem Wurf, fanden ihn dann in der zweiten Halbzeit des vierten Spiels und schenkten den Wölfen im dritten Viertel ganze 50 Punkte ein. In dieser Verfassung ist Houston nicht aufzuhalten, selbst von einem so defensivstarken Team wie den Jazz.

Über 116 Punkte im Schnitt scorten die Rockets in den vier Spielen der regulären Saison gegen Utah und trafen dabei mehr als die Hälfte ihrer Würfe sowie fast 43 Prozent ihrer Dreier. Auch wenn sich die Jazz seit Saisonbeginn merklich gesteigert haben, steht die zweitbeste Verteidigung der regulären Saison (Defensive Efficiency: 101,6) gegen die feuerwütigen Texaner vor einer echten Herausforderung. Eine direkte Antwort auf James Harden, wie sie die Timberwolves in Jimmy Butler stellten, gibt der Kader der Jazz nicht her.

Noch problematischer sieht es am anderen Ende des Feldes aus, denn alle offensiven Hoffnungen der Jazz liegen auf Donovan Mitchell. Der spielte gegen die Oklahoma City Thunder zwar grandios auf, genoss allerdings in Abwesenheit von OKCs bestem Flügelverteidiger Andre Roberson einige Freiheiten, die ihm Houston nicht zugestehen wird.

In Trevor Ariza und dem mutmaßlich in Spiel zwei oder drei zurückkehrenden Luc Mbah a Moute warten Qualität und geballte Erfahrung am Perimeter auf den Rookie. Anders als die Rockets verfügen die Jazz neben Mitchell über keinen weiteren zuverlässigen Scorer.



X-Faktor Rockets
Synchron zum ganzen Team legte Eric Gordon in den Playoffs einen Kaltstart hin, traf nur sechs seiner 23 Würfe in den ersten beiden Spielen, ehe er in Spiel vier (18 Punkte) und fünf (19) endlich seine Form fand. Gegen die Jazz brauchen die Rockets ihren besten sechsten Mann, denn Utahs erstickende Verteidigung wird vor allem James Harden und Chris Paul das Leben schwer machen.

Umso wichtiger ist Gordons Input von der Bank – nicht bloß als Shooter, auch seine explosiven Drives zum Korb geben Houstons Offensive eine weitere Dimension, insbesondere wenn Rim Protector Rudy Gobert nicht auf dem Feld steht.


Marquee Matchup
Clint Capela gegen Rudy Gobert. Die beiden französischsprachigen Center kennen sich aus gemeinsamen Zeiten in Europa. Für Capela war der zwei Jahre ältere Gobert ein Vorbild, als er in der französischen Liga debütierte und dort auf Gobert traf.

Seither haben sich die beiden Bigs auf der anderen Seite des großen Teiches zu sehr guten bzw. elitären Spielern auf ihrer Position weiterentwickelt und werden sich in den Conference Semi-Finals eine Schlacht in der Zone liefern. Die Jazz brauchen Gobert als Rebounder und Shotblocker, dazu gilt es, das exzellent funktionierende Pick and Roll zwischen Capela und James Harden zu unterbinden. Nicht zufällig brach Utah in Spiel fünf gegen die Thunder ein, als Gobert mit Foulproblemen vom Feld musste.


Gelingt es Capela, seinem alten Bekannten merklich Paroli zu bieten, ist den Jazz eine unverzichtbare Zutat ihrer Erfolgsformel genommen. Als Nicht-ganz-Geheimwaffe hat Houston zudem ein ultrakleines Lineup gegen Gobert parat. Mit P.J. Tucker oder gar Luc Mbah a Moute als verkapptem Center zwingen sie den Franzosen aus der Zone und öffnen damit die Schleusen für ihre Spielmacher Harden und Paul.


Warum Utah gewinnt
Die Jazz haben in dieser Saison sämtliche Widerstände überbrückt und zumindest in den jüngsten Duellen gegen die Golden State Warriors im Januar (129-99), Februar (110-91) und März (110-79) nicht nur ihre Qualität nachdrücklich unter Beweis gestellt, sondern auch ihre Furchtlosigkeit gegenüber vermeintlichen Favoriten.

Anders als Houstons Gegner in der ersten Runde verfügen die Jazz über eine tiefere Rotation und zuverlässiges Shooting, sie sind weder zu grün, noch überaltert. Noch wichtiger: Als eines der wenigen Teams der Liga hat Utah die defensive Qualität, um die Armada der Rockets trocken zu legen. Gobert als Anker in der Zone macht es jedem Gegner schwer, einfache Würfe und/oder Layups zu finden – damit nimmt er vor allem James Harden einen elementaren Teil seines Spiels. Alleine wegen Goberts Präsenz muss Houston häufiger auf den verhassten weil ineffektiven Midrange-Wurf zurückgreifen.

Offensiv sind die Jazz zwar abhängig von Donovan Mitchell, die Serie gegen die Thunder hat aber gezeigt, dass der Rookie der Rolle als erster Scorer längst gewachsen ist und sich von seiner fehlenden Erfahrung nicht beeindrucken lässt. Mitchell hat OKCs Top 10-Defensive dominiert – vor ihm erzielte nur Kareem Abdul-Jabbar 1970 als Rookie ebenfalls 20 oder mehr Punkte in den ersten sechs Playoff-Partien. Im entscheidenden sechsten Spiel gegen OKC erzielte Mitchell 38 Punkte, traf 5-8 von der Dreierlinie. Warum sollte er gegen Houston plötzlich aufhören?


Utah hat längst sämtliche Saisonziele weit übertroffen und als Außenseiter in dieser Serie nichts zu verlieren. Der Druck liegt ganz klar bei den Rockets und insbesondere deren Point Guard Chris Paul, der bekanntlich noch nie in die Conference Finals eingezogen ist. Die Jazz können unbeschwert auftreten und sich vom Rückenwind der letzten Wochen und Monate tragen lassen – vor allem im heimischen Salt Lake City, wo sie alle drei Spiele gegen die Thunder sowie 28 der 41 Partien der regulären Saison für sich entschieden haben.


X-Faktor Jazz
Joe Ingles und Jae Crowder. Die 3&D Spieler der Jazz müssen auf beiden Seiten funktionieren: Defensiv gilt es zu verhindern, dass Shooter wie Trevor Ariza und P.J. Tucker heiß laufen – oder aber sie stellen sich gar James Harden. Offensiv muss der Dreierregen der Rockets beantwortet werden, mit Old School Basketball lässt sich dem nicht beikommen. Dass Ingles und Crowder das vermögen, haben sie schon bewiesen – allerdings noch nicht auf allerhöchstem Niveau.

Mit 14,2 Punkten pro Spiel und knapp 47% von der Dreierlinie in der ersten Runde ist Ingles die prädestinierte Antwort Utahs auf das Spielsystem der Rockets. Crowder kann in puncto Shooting mit dem Australier nicht mithalten, wird dafür aber mit seinem hohen Einsatz und seiner Bissigkeit Mitspieler und Fans emotional abholen.


Marquee Matchup
Ricky Rubio gegen Chris Paul. Die Jazz hatten in der Regular Season erhebliche Probleme, James Harden zu stoppen und das wird in dieser Serie nicht besser werden. Umso wichtiger, dass ihr Point Guard Rubio zumindest den anderen Part von Houstons Backcourt, namentlich CP3, bremst. Die Möglichkeiten dazu hat der Spanier zweifelsohne, schon gegen den amtierenden MVP Russell Westbrook spielte er offensiv wie defensiv eine starke Serie. In Utahs Spiel ist der 27-Jährige in Ballbesitz Taktgeber und Spielmacher, in gegnerischem Ballbesitz erster Verteidiger.


Allerdings musste Rubio im entscheidenden sechsten Spiel früh wegen einer Oberschenkelverletzung passen, sein Einsatz in der Serie gegen die Rockets ist aufgrund der minimalen Verschnaufpause zwischen der ersten Runde und den Conference Semis fraglich, in Spiel eins wird er definitiv fehlen. Fällt der im Sommer von den Minnesota Timberwolves akquirierte Aufbauspieler länger aus, liegt noch mehr Verantwortung als ohnehin schon auf den Schultern von Rookie Donovan Mitchell.


Die Rechnung, bitte!