15 April 2018

15. April, 2018


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - straight auf den Punkt.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Entrée
Platz eins gegen Platz acht – '65 Siege, beste Bilanz der Liga und neuer Franchise-Rekord' gegen 'Gerade noch so in Overtime die Playoffs gepackt'. Wie jedes eins gegen acht ist auch dieses Erstrunden-Matchup ein ungleiches Duell. In diesem Jahrtausend gelang erst drei Mal dem Achtplatzierten ein Coup – allerdings traf es in zwei Fällen ein texanisches Team (Dallas Mavericks 2007, San Antonio Spurs 2011). Grund zur Hoffnung also für den Außenseiter, der zuerst nach Texas reist? Eher nicht.

Die Rockets marschieren mit breiter Brust, einer Menge Rückenwind und dem designierten MVP James Harden auf, während Schlüsselspieler der Timberwolves wie Karl-Anthony Towns und Andrew Wiggins am Sonntag zum ersten Mal überhaupt Playoff-Luft schnuppern. In der regulären Saison hatten die Wolves gegen die Rockets nichts zu melden und verloren alle vier Partien deutlich, drei davon mit 18 Punkten Differenz.

Historische Brisanz hat dieses Matchup auch nicht vorzuweisen. Erst ein einziges Mal trafen die Rockets und die Timberwolves in den Playoffs aufeinander, in der ersten Runde 1997. Damals erledigten die Texaner um Hakeem Olajuwon, Charles Barkley und Clyde Drexler Minnesota um Kevin Garnett in dessen zweitem Jahr kurz und schmerzlos mit 3-0.


Parallelen zu damals existieren jedoch zuhauf: Auch damals gewann Houston alle vier Spiele der Regular Season. Die Rockets sind heute wie vor 21 Jahren mit ihrer gestandenen und tiefen Veteranen-Truppe, gespickt mit zukünftigen Hall-of-Famern, klarer Favorit. Die Wolves stellen eine junge und noch unerfahrene Truppe entgegen – 1997 neben Garnett unter anderem Stephon Marbury in seiner Rookie-Saison. Außerdem schafften die Wölfe damals den ersten Playoff-Einzug der Franchise-Geschichte, heute ist es der erste seit 2004 (ironischerweise als Erstplatzierter), der die längste andauernde Durststrecke eines NBA-Teams ohne Postseason beendet.

Die Ausgangsposition ist also klar: Houston sieht sich als legitimen Herausforderer der Golden State Warriors, alles andere als die Conference Finals wäre eine herbe Enttäuschung. Minnesota soll auf dem Weg dorthin nur eine Zwischenstation sein. Aus dieser Außenseiterposition ziehen die Wölfe derweil Kraft.


Warum Houston gewinnt
James Harden und Chris Paul würden schon als Grund genügen, aber auch alle Zahlen sprechen für den Favoriten: Die Raketen spielen in fremdem Gefilde (31-10) nur marginal schlechter als in der eigenen Halle (34-7), während die Timberwolves zu Hause solide agieren (30-11), auswärts aber die zweitschlechteste Bilanz aller Playoff-Teams aufweisen (17-24). Vergangenes Jahr gewannen die Rockets alle drei Heimspiele der ersten Runde gegen die Oklahoma City Thunder. Derzeit spricht nichts dafür, dass es den Wolves anders ergehen wird.

Houston stellt die zweitbeste Offensive der Liga, die Wölfe sind nur 22. in Defensiver Effizienz. Umgekehrt gehört Minnesotas Offensive zwar etwas überraschend zur Elite der Liga (4.), die Defensive der Rockets aber ebenfalls (6.). Zudem nimmt Minnesota die mit Abstand wenigsten Dreier der NBA und trifft sie auch nicht sonderlich gut (35,7%, 19. ligaweit). Gegen den Dreierregen der Rockets führt das zwangsläufig zu einem mathematischen Problem, denn bekanntlich sind drei mehr als zwei.

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Neben Harden und Paul kann mit Ausnahme der Center praktisch jeder Spieler von Downtown heiß laufen und damit das ohnehin schon schwierige Matchup für die Timberwolves noch weiter verkomplizieren. Der Ausfall von Luc Mbah a Moute fällt in dieser Serie nicht ins Gewicht.

Houston muss also im Wesentlichen nur seine Erfolgsformel dieser Saison aufs Parkett bringen und weder in Angriff noch Verteidigung irgendetwas justieren.


X-Faktor Rockets
Dass James Harden und Chris Paul kaum zu stoppen sein werden ist absehbar, das macht wieder einmal die Bank zum X-Faktor der Rockets. Minnesotas Coach Tom Thibodeau lässt bekanntlich seine besten Spieler gerne 40+ Minuten auf dem Feld – auch weil die zweite Reihe zur den schlechteren der Liga gehört (Net Rating -3,4; 20.).

Die Rockets (Net Rating 6,8; 2.) hingegen haben in Eric Gordon den besten sechsten Mann des letzten Jahres im Aufgebot und damit jede Menge Feuerkraft und Playmaking zusätzlich zu Harden und Paul. Auch Ryan Anderson, Gerald Green, Joe Johnson und Nenê stellen eine ernste Gefahr für die mäßige Defense der Timberwolves dar.

Rockets Coach Mike D'Antoni kann immer wieder mit unterschiedlichen Lineups auf die Wolves reagieren, ohne dabei einen zu tiefen qualitativen Einschnitt vorzunehmen und gleichzeitig seine wichtigsten Spieler zu überanstrengen. Derweil wird Thibodeau praktisch gezwungen sein, seinen Kern bis ans Limit zu pushen.


Marquee Matchup
Clint Capela gegen Karl-Anthony Towns. Nur im Kampf dieser beiden Bigs vermag es Minnesota, die Lücke zu den schießwütigen Texanern einigermaßen zu schließen. Towns gehört zu den versierteren Centern der Liga, mit 21,3 Punkten und 12,3 Rebounds legte er in der regulären Saison im Schnitt ein solides Double-Double auf. Die Wolves brauchen seinen offensiven Input, um nicht überrannt zu werden.

Den Rookie of the Year 2016 in Zaum zu halten wird die Hauptaufgabe Capelas sein. Der Schweizer hat die beste Saison seiner noch jungen Karriere hingelegt und Ansprüche auf den Most Improved Player Award geltend gemacht. Mit seiner Kombination aus Größe und Beweglichkeit erfüllt er zumindest auf dem Papier die Voraussetzungen, um Towns' Kreise einzuschränken.


Ein weiterer Weg dies zu erreichen findet sich auf der anderen Seite des Feldes: KAT gehört in der Verteidigung nicht zur Creme de la Creme, daher werden Harden und Paul ihn hier immer wieder fordern, beackern und demoralisieren, ihn im Pick and Roll attackieren, um dann entweder selbst abzuschließen oder einen Lob-Pass eben auf Capela zu spielen. In den vier Partien der regulären Saison klappte das ausgezeichnet: Capela brachte gegen die Wolves im Schnitt 18,8 Punkte aufs Scoreboard, deutlich mehr als sein Saisonwert (13,9).


Warum Minnesota gewinnt
Erfolgserlebnisse setzen Emotionen frei. Nach der Meniskusverletzung von Jimmy Butler stand die sicher geglaubte Playoff-Teilnahme plötzlich infrage, doch wortwörtlich auf den letzten Metern wehrten die Wolves den Angriff der Denver Nuggets ab.

Das wichtigste Ziel ist erreicht. Entsprechend entspannt gibt sich Aufbauspieler Jeff Teague, der mit den Atlanta Hawks 2014 als Achter beinahe die erstplatzierten Indiana Pacers eliminiert hätte: „Alle Augen sind auf uns gerichtet, wenn wir gegen den No. 1 Seed spielen. Wir haben nichts zu verlieren. Wir gehen da raus, spielen hart und versuchen die Welt zu schocken.“

Dieser Enthusiasmus erhält zusätzlichen Nachdruck, da Jimmy Butler als Alphatier des Wolfsrudels wieder auf dem Feld steht. „Es ist Basketball. Wir haben keinen Druck. Wir müssen nur rausgehen und spielen.“ – fasst Butler die Stimmungslage der Wolves zusammen.

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Minnesotas Nummer 23 kennt sich ebenso wie Teague mit der Underdog-Rolle aus. Nicht nur weil der vierfache All-Star als 30. Pick im Draft 2011 lange übersehen worden war, sondern auch anhand der Erfahrungen im Vorjahr, als er analog zu Teague 2014 mit den Chicago Bulls nahe dran war, den No. 1 Seed Boston Celtics zu Fall zu bringen.

Butler, Thibodeau, Taj Gibson, Derrick Rose – gemeinsam haben sie bei den Bulls zahlreiche Schlachten geschlagen und sich mehrfach in LeBron James der Übermacht der Eastern Conference gestellt. Diese Situation ist für sie alle nicht neu.

Ansonsten bleibt die Hoffnung, dass die dreierfixierten Rockets ein ähnlich schlechtes Shooting an den Tag legen werden wie im vergangenen Jahr gegen OKC: Ryan Anderson (12,5%), Trevor Ariza (18,8%), James Harden (24,0%) und Eric Gordon (35,5%) setzten keine Glanzleistungen von Downtown. Anders als die Thunder haben die Wolves das offensive Potential, aus einer solchen Schwächephase Kapital zu schlagen.


X-Faktor Timberwolves
Jimmy Butler. Der Begriff X-Faktor wird dem besten Spieler der Wölfe sicherlich nicht gerecht. Weil der 28-Jährige aber seit seiner Verletzung am 23. Februar (ausgerechnet gegen die Rockets) nur die letzten drei Partien der Regular Season bestritt, steht ein Fragezeichen hinter seiner Fitness und Leistungsfähigkeit. Das erste Spiel gegen die Rockets startet nur eine gute Woche nach Butlers Rückkehr aufs Parkett, in zwei der drei Spiele stand er lediglich etwas über 20 Minuten auf dem Feld.


Butler wird rennen, so weit ihn sein Körper trägt, er wird wie immer unter Thibodeau deutlich mehr als 40 Minuten absolvieren (müssen). Doch die Intensität einer Playoff-Serie und unangenehme Gegenspieler wie Trevor Ariza und P.J. Tucker bergen großes Risiko. Nur mit einem gesunden „Jimmy Buckets“ hat Minnesota den Hauch einer Chance. Erleidet er einen Rückfall oder kommt er nicht in Form, ist dieser Hauch schnell verweht und die Chancen seines Teams tendieren gegen Null.


Marquee Matchup
48 Minuten Hall-of-Fame Playmaking der Gegenseite wartet auf die Wolves. Houstons Backcourt wird sich die Minuten sorgsam teilen, ein Vertreter des All-Star Duos Harden/Paul immer auf dem Feld stehen. Über 82 Spiele der Regular Season haben sich gegnerische Defensive Coordinators vergeblich den Kopf zerbrochen, wie dieser Orkan zu stoppen ist. Beide sind stark im Dribbling, verteilen exzellente Pässe und treffen zuverlässig von der Dreierlinie oder der Mitteldistanz. Gegen diese von Mastermind Mike D'Antoni orchestrierte Offensive gibt es kein Gegenmittel, zumindest mit den Möglichkeiten der Wolves.

Minnesotas positionsgerechte Antworten heißen Jeff Teague (schlechter Verteidiger), Andrew Wiggins (auch nicht besser) und Jimmy Butler (exzellenter Verteidiger, aber angeschlagen, s.o.). Die abgenutzten Jamal Crawford und Derrick Rose dauerhaft auf Harden und Paul anzusetzen käme einer Kapitulation gleich. Der Defensive steht also eine Herkulesaufgabe bevor und Tom Thibodeau benötigt nicht weniger als einen Geniestreich, um Harden und Paul wenigstens zu limitieren.


Die Rechnung, bitte!