15 April 2018

15. April, 2018


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - straight auf den Punkt.

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner

Entrée
Immer wenn in den Playoffs zwei Teams mit identischer Anzahl Siege aufeinander treffen ist Spannung garantiert. Im Falle des Duells zwischen den Utah Jazz und den Oklahoma City Thunder endet die Aufzählung der interessanten Faktoren an diesem Punkt noch lange nicht.

Die Saison der beiden Teams verlief durchaus entlang ähnlicher Linien. Beispielsweise rangierten die beiden Teams, die am Ende auf den Rängen vier und fünf landeten, schon am 18. Dezember, als immerhin mehr als ein Drittel der Saison gespielt war, sehr eng beisammen auf angrenzenden Plätzen. Damals allerdings mit Bilanzen von 14-15 (OKC) bzw. 14-16 (Utah) auf den Plätzen acht und neun der Western Conference.

Seitdem hat sich einiges getan, beide Teams hatten jeweils drei Serien mit jeweils sechs oder mehr Siegen in Folge und retteten sich in die Playoffs, auch wenn es vor allem für Utah lange nicht gut aussah und für beide bis in die letzte Saisonwoche unklar war. Dass es für die Jazz letzlich sogar für Platz fünf reichte unterstreicht die fantastische Schlussphase, die das Team von Coach Quin Snyder nach der Rückkehr von Rudy Gobert hingelegt hat.

Ein Beitrag geteilt von Utah Jazz (@utahjazz) am

Gemessen an der unterschiedlichen Erwartungshaltung, die die beiden Teams vor der Saison nach dem Abgang von Gordon Hayward auf der einen und dem Zugang von Paul George und Carmelo Anthony auf der anderen Seite hatten, wäre dieses Playoff-Matchup wohl, wenn überhaupt, eher zwischen einem zweit- und siebtplatzierten erwartet worden als zwischen zwei bilanzgleichen Teams auf vier und fünf.

Die Regular Season ist nun Geschichte und die Thunder können jetzt zeigen, ob sie eher die vor der Saison erwartete Rolle einnehmen, während die Jazz eine unerwartete Erfolgsgeschichte krönen und fortschreiben könnten.


Warum Oklahoma City gewinnt
Star(s), Star(s), Star(s). So einfach wäre die Rechnung gewesen, wenn vor der Saison jemand nach dem großen Vorteil der Oklahoma City Thunder gefragt hätte. Im Saisonverlauf stellte sich immer mehr heraus, dass die Gleichung nicht ganz so einfach lösbar ist. Denn beinahe immer dann wenn es so aussah, als wäre endlich zusammengewachsen, was zusammengehört, gab es wieder einen Dämpfer.

Ein Beitrag geteilt von Oklahoma City Thunder (@okcthunder) am

Doch unterm Strich war die Saison von Russell Westbrook, Paul George und Carmelo Anthony wahrlich nicht schlecht. Die erfolgreichsten, viel genutzten Lineups der Thunder enthalten häufig alle drei auf einmal und mit Steven Adams wird aus dem Trio gar ein Quartett. Mit dieser geballten Kraft an individueller Klasse muss Utah erst einmal zurechtkommen. Westbrook und George haben bereits bewiesen, dass sie Siege in Playoff-Spielen ohne nennenswerte Unterstützung ihrer Teamkollegen einfahren können. Adams bietet offensiv und defensiv Sicherheit und zusätzliche Optionen, mit denen er durchaus auch im Alleingang ein Spiel zu einem „Steven Adams Game“ machen kann.

Selbst Melo hat es in sich, hocheffizient zu spielen und dem Team damit eine weitere gefährliche Waffe zu verleihen, die Westbrook und George Lücken und Möglichkeiten schafft. Letztendlich muss die Offensive ein Mittel finden, die defensivstarken Jazz zu knacken. Ob das über eine „mürbe machen“ durch viele harte und schnelle Angriffe oder ein unerwartetes Verteilen der offensiven Rollen passiert wird sich zeigen, aber der Fokus von Coach Billy Donovan muss in jedem Fall darauf liegen, dieses Gegenmittel zu finden.


X-Faktor Thunder
Russell Westbrook ist ein viel diskutierter Spieler. Auch in dieser Serie wird wieder genau geschaut werden, ob sein Fokus auf dem Teamerfolg liegt und er dabei seinen Mitspielern vertraut, oder ob er sich selbst in den Mittelpunkt stellt und die Verantwortung alleine schultert.

Seine Spielweise hat seit jeher großen Einfluss auf die Ergebnisse seiner Teams, das setzt sich auch in dieser Saison fort. Ein kleiner Ausschnitt: Von den 20 Saisonspielen, in denen er mehr als zwölf Assists verteilt hat, gewann OKC 17. Von den 19 Saisonspielen, in denen er mehr als fünf Dreierversuche hatte, gewann OKC vier. Von den 22 Spielen, in denen er mehr als zehn Freiwurfversuche hatte, gewann OKC 15.


Diese wenigen Kennzahlen verdeutlichen mit welcher Spielweise er dem Team am besten helfen kann, nämlich mit teamdienlichen und passfokussierten Spiel, aggressivem Attackieren des gegnerischen Korbs und der Vermeidung von Dreiern, die er nach wie vor, gemessen an seiner Wurfhäufigkeit, historisch schlecht trifft.


Marquee Matchup
Russell Westbrook gegen Ricky Rubio. Auch wenn der Spanier jahrelang in einem unterlegenen Team gegen den noch amtierenden MVP antreten musste, spricht die bisherige Bilanz eine klare Sprache: Zwölf Siege aus 17 direkten Duellen für Westbrook, der dabei in allen wichtigen statistischen Kategorien seinen Karriereschnitt übertrifft, insbesondere auch in einem der möglichen X-Faktoren, dem Dreier.

Rubio, der für gewöhnlich als elitärer Ballverteiler und Verteidiger gilt, kam bisher gegen Westbrook an beiden Enden des Feldes auf keinen grünen Zweig. In allen vier Duellen in dieser Saison hatte der zu Saisonbeginn von den Minnesota Timberwolves akquirierte Aufbauspieler große Probleme mit Westbrook und konnte ihn weder defensiv einschränken, noch seine eigene Offensive wie gewohnt einsetzen. Ob „Playoff Rubio“ in seiner ersten Manifestation ein neues Level erreicht oder die Jazz andere Innovationen brauchen, um den Trend dieses Matchups zu brechen, wird einer der Schlüssel zum Erfolg der Serie sein.


Warum Utah gewinnt
Die Utah Jazz und ihr Coach Quin Snyder haben einfach gesagt verstanden, wie sie die Offensive gegnerischer Teams aus dem Konzept bringen und gleichzeitig bei eigenem Ballbesitz gut genug sein können, um mehr Punkte zu erzielen als es der jeweilige Gegner tut. An ein paar wenigen Schlüssel-Statistiken wird genau das sehr deutlich: Die Gegner der Jazz erzielen ligaweit am zweitwenigsten Punkte, geben die wenigsten Assists, haben die viertmeisten Turnover und holen die wenigsten Rebounds.

Offensiv sind sie in Sachen effektiver Feldwurfquote in den Top Ten, nehmen u. a. die meisten (per se leichteren) Corner-Threes und treffen diese dann auch noch mit der dritthöchsten Quote von 41,8%. Der US-Volksmund weiß, dass die Offensive zwar Spiele gewinnt, die Defensive aber Meisterschaften. Die Jazz sind in einer Position, aus der sie gewissermaßen „best of both worlds“ vereinen und defensiv zum Allerfeinsten zählen, während sie offensiv hocheffizient agieren und gemessen an ihrem sehr niedrigen Spieltempo (Platz 25 in der Liga) auch der rohe Output (Rang 16 Punkte pro Spiel) absolut vorzeigbar ist.


Der Anker in der Verteidigung ist ohne Zweifel Rudy Gobert. Dass er mit 26 verpassten Spielen trotzdem noch ein ganz heißer Kandidat auf den Defensive Player of the Year ist, beweist wie dominant der „Stifle Tower“ an diesem Ende des Courts ist. Mit der Siegquote aus den Spielen mit seiner Beteiligung hätte es sogar locker für Rang drei im Westen gereicht. Utahs Schlüsselspieler am anderen Ende des Courts ist Rookie Donovan Mitchell, der sich mit 20,5 Punkten pro Spiel in diesem Jahrtausend nur hinter den Rookie-Saisons von Blake Griffin, LeBron James und seinem Gegner in dieser Serie, Carmelo Anthony, einreihen muss.


X-Faktor Jazz
Die Playoff-Debütanten Ricky Rubio und Donovan Mitchell, die aus sehr unterschiedlichen Gründen noch nie in den NBA-Playoffs waren, müssen beweisen, dass sie ihr erfolgreiches Zusammenspiel aus der Regular Season in die Postseason übertragen können. Die neue und größere Bühne könnte den beiden ambitionierten Charakteren entgegenkommen und eine noch bessere Leistung aus ihnen herauskitzeln.


Wirklich vorhersehbar, wie sich ein Spieler in diesem manchmal verwunderlich andersartigen Setting präsentiert, ist erfahrungsgemäß recht schwer. Daher ist auch ein Szenario denkbar, in dem die beiden dem Druck nicht gewachsen sind oder Probleme haben, ihre Leistung so abzurufen und fortzuführen. Gegen die Thunder wird sich sehr früh zeigen in welche Richtung das Pendel schwingt.


Marquee Matchup
Rudy Gobert gegen Würfe in Korbnähe. Wie beschrieben ist die große Qualität der Utah Jazz das Vereiteln gegnerischer Offensivbemühungen. Der wichtigste Faktor dabei ist Gobert, der beispielsweise bei Würfen in Korbnähe die Trefferquote seiner Gegenspieler um exakt 10,0% im Vergleich zur Quote gegen andere Gegenspieler senkt, was zur absoluten Ligaspitze gehört.

Passend dazu sind die Oklahoma City Thunder das Team mit den fünftgrößten Anteil an Abschlüssen in Korbnähe (über 30% ihrer Würfe kommen von innerhalb von drei Fuß) und ihre Trefferquote dort gehört ohnehin schon zu den schlechteren der NBA (Rang 23).

Wem hier eins und eins zusammenzuzählen zu simpel ist kann auch die Komponente der möglichen Alternativstrategie, mehr Würfe von außen, in die Gleichung einbeziehen. In Sachen Dreierquote liegt Oklahoma City auf Platz 24 unter allen Teams der NBA.


Die Rechnung, bitte!