14 April 2018

14. April, 2018


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - straight auf den Punkt.

von JAN WIESINGER @WiesiG

Entrée
Das Warten hat ein Ende. Die Turbulenzen von Mittwochnacht und das packende Ringen um den letzten Platz in der Postseason und die Positionen sind schon fast vergessen. Jetzt zählt jedes Spiel. Noch 16 Siege bis zur Unsterblichkeit. Schon am Samstagabend um 21 Uhr eröffnen die amtierenden Champions der Golden State Warriors gegen die San Antonio Spurs die Playoffs der Saison 2017/2018.

Diese Neuauflage der Western Conference Finals des letzten Jahres steht unter gänzlich anderen Vorzeichen: Entgegen der Dominanz der Vorjahre liefen die Warriors nach der Saison nicht unangefochten auf dem ersten Platz im Westen ein, sondern belegten mit sieben Siegen Rückstand hinter den Houston Rockets nur den zweiten Platz. Verletzungen sorgten immer wieder für Rückschläge, weshalb sich die zweite Saisonhälfte der Warriors mit einer Bilanz von 25-16 als schwächer darstellte. Ex-MVP Steph Curry wurde immer wieder von Knöchel- und Knieverletzungen heimgesucht, stand in der Saison nur in 51 Spielen auf dem Feld und fällt voraussichtlich auch für die komplette Runde eins aus.


Mit Verletzungen als Ausrede muss den San Antonio Spurs jedoch niemand kommen. Die Franchise war ebenso gebeutelt und rutschte mit weitem Abstand zum Abo-Heimvorteil der letzten Jahre mit einer Bilanz von 47-35 auf den siebten Platz ab. Superstar Kawhi Leonard, dessen Verletzung eine maßgebliche Rolle für den deutlichen Ausgang der letztjährigen Finalserie gespielt haben dürfte, laboriert an einer mysteriösen Oberschenkelverletzung und absolvierte nur mickrige neun Spiele.

Drei der vier Aufeinandertreffen in der regulären Saison entschied die blau-gelbe Horde aus Oakland für sich. Das letzte gewannen die Spurs hingegen deutlich, wobei Coach Steve Kerr in dem Spiel auf Stephen Curry, Kevin Durant und Klay Thompson verzichten musste. Mit Spannung darf erwartet werden, ob die Warriors weiterhin so titelhungrig sind wie in den letzten Jahren. Können Coach Popovich und seine Mannen hier in Runde eins für die ganz große Überraschung sorgen oder aber zumindest einen Stolperstein für den amtierenden Champion darstellen?


Warum Golden State gewinnt
Ist es überhaupt eine schlechte Sache, dass die Warriors nicht so eine furiose Saison wie in den letzten Jahren (67-15, 73-9, 67-15) gespielt haben, welche ihnen den Schwarzen Peter des Topfavoriten zuweist? Warriors-Guard Shaun Livingston freut sich jedenfalls sehr auf die neue Rolle: „Es fühlt sich dieses Mal an als seien wir Jäger und nicht Gejagte. Wir nehmen die Herausforderung an, die Jäger zu sein.“


So richtig die Außenseiterrolle zugestehen will den Warriors jedoch niemand. Auch bei den Buchmachern sind die Kalifornier weiterhin der Favorit auf den Titelgewinn, wenn auch nicht mehr ganz so deutlich wie noch zur Halbzeit der Saison. Und dafür gibt es natürlich Gründe.

Zunächst einmal ist da der einmalige Spielstil der Truppe. Der Ball wird bewegt und rotiert, bis wirklich kein gegnerischer Defender mehr die richtige Zuordnung oder den angebrachten Wechsel erkennt. Jeder spielt den Extra-Pass, bis der hochprozentige Abschluss kommt. Nicht selten in Form des hochprozentigen Dreiers, den die Warriors mit einem Spitzenwert von fabulösen 39,1% netzen. Quinn Cook macht den Billig-Curry, dessen Ausfall in Runde eins deutlich weniger schwer wiegt als der von Superstar Leonard auf der Gegenseite.

Dieser selbstlose und effektive Teambasketball führt zu Bestwerten bei Assist-Ratio, Assist/Turnover-Ratio, effektiver FG-% und True Shooting-%. Dazu kommen jeweils Platz eins im Offensive-Rating und Platz zwei im Net-Rating. Eindrucksvoll ist dabei insbesondere das Net-Rating im dritten Viertel. Hier erzielen die Warriors im Schnitt 4,5 Punkte mehr als ihr Gegner – absolute Ligaspitze. Neben Kerrs Motivationskünsten spielt hierfür die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Teams eine große Rolle.

Klappt das mit dem Movement mal weniger gut, können die Warriors-Spieler auch im direkten Duell jeden Gegner überrumpeln. Allen voran All-Star Kevin Durant sucht in der Isolation seinesgleichen und liefert hier seine Punkte sehr effektiv. Durant schießt problemlos über kleinere Guards und Forwards, während er Spieler seiner Größe mit Speed, Athletik und Leichtigkeit aus dem Dribbling überrumpeln kann. Auch im dritten Saisonspiel gegen San Antonio gelang dem 29-Jährigen dies zuletzt bravorös. Mit 37 erzielten Punkten stellte Durant auch hier einen Spitzenwert auf. Kein anderer Spieler erzielte in dieser Saison mehr Punkte gegen die bissige und ausbalancierte Verteidigung der Spurs.


X-Faktor Warriors
Jetzt hat er Durant schon verbrannt, werdet ihr denken. Kevins Status als offensives wie defensives Schweizer Taschenmesser soll keinesfalls geschmälert werden. Der dünne Junge, dem die Blazers damals Greg Oden vorgezogen hatten, ist längst einer der besten Two-Way-Player der Liga und wird in dieser Serie abliefern. Mannschaftskollege Draymond Green spielt am defensiven Ende als zwergenhafter Center mit dem Herz eines Löwen zwar eine unbestritten wichtige Rolle, muss aber besonders in Abwesenheit Currys auch offensiv neben seinen Qualitäten als Ballverteiler (7,3 Assists pro Spiel) liefern.

Green bekommt von seinen Mitspielern immer wieder blanke Dreier auf dem Silbertablett serviert, bei denen sich fast jeder Profi die Lippen leckt. Auch die gegnerischen Defensiven scheinen hier sehr spendierfreudig zu sein. Schieß doch, Draymond! Leider trifft der versatile Power Forward in dieser Saison nur unterdurchschnittliche 30,1% seiner im Schnitt 3,7 Versuche von jenseits der Dreierlinie.

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Gelingt es dem ehemaligen Michigan State Spartan diesen Wert nach oben zu schrauben, müssen sich auch die Spurs anpassen. Im Aufeinandertreffen im November gelang es Green hervorragend, Räume auszunutzen, hochprozentig am Ring abzuschließen, den ihm angebotenen Dreier vom „top of the key“ zu verwandeln und den Ball aus der Zone immer wieder zum freien Mitspieler nach außen zu befördern.

Green und seine Vielseitigkeit sind essentiell für das Warriors-Spiel. Der 28-Jährige muss deshalb auch seine Nerven in einer hitzigen Serie im Griff haben, was ihm in den letzten Jahren immer wieder zum Verhängnis wurde.


Marquee Matchup
Die Rotation unter dem Warriors-Korb ist eine der spannendsten Fragen der Serie. Auch wenn Zaza Pachulia ligaweit gehasst wird, dürfte die Abneigung gegenüber dem Georgier in San Antonio nach der Attacke gegen Kawhi in den letztjährigen Conference Finals besonders ausgeprägt sein. Coach Steve Kerr hat neben Pachulia vielfältige Möglichkeiten für die Center Position, von denen sich jedoch keine nachhaltig aufgedrängt hat.

Center-Latte JaVale McGee ist ebenso eine Option wie kleinere Lineups mit Jordan Bell oder Kevon Looney neben Green. Veteran und Ex-Spur David West könnte in Matchups mit dem besten Spur LaMarcus Aldridge und dem erfahrenen Pau Gasol aufgrund seiner Limitationen ebenso Probleme bekommen wie Pachulia. Es ist hier also an Coach Kerr und seinem Trainerteam, dem Angriffsspiel der Spurs eine solide Defensive entgegen zu stellen, da die eigene Offensive durch den Ausfall von Curry hinsichtlich ihrer Firerpower kleinere Probleme bekommen könnte.


Warum San Antonio gewinnt
Die Spurs sind von der Verletzung ihres Superstars weniger beeinflusst als Golden State. Kawhi hat die gesamte Saison nur sporadisch gespielt und scheint auch atmosphärisch einen Keil zwischen sich und die Franchise getrieben zu haben. Die Geschehnisse um ihn und ob er womöglich „deus ex machina“ in den Playoffs noch mal aufs Parkett steigt, bergen eine Menge Konfliktpotential für die sonst so auf Ruhe bedachte Popovich-Truppe.

Der Konzept-Ball der texanischen Mannschaft tut sein Übriges. Jeder Spieler kann hier an jedem Abend in die Bresche springen – defensiv wie offensiv. Altstars wie Tony Parker und Manu Ginóbili spielen immer noch wertvolle Rollen im Teamgefüge. All-Star LaMarcus Aldridge ist in Abwesenheit Leonards klar die erste Option des Teams.

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Der wie ein All-Star bezahlte Altstar Pau Gasol liefert offensiv immer noch solide Punkte aus dem Post und wird die Warriors mit seiner Erfahrung vor Probleme stellen. Mit gestandenen Rollenspielern wie Patty Mills, Danny Green, Dejounte Murray, Kyle Anderson oder Akquisition Rudy Gay kann San Antonio flexible Aufstellungen aufs Feld bringen, bei denen jeder Spieler problemlos zweistellig punkten kann.

Immer wieder, auch in dieser Vorschau, wird die Trumpfkarte Gregg Popovich angeführt. Pop ist über zwanzig Jahre Coach bei den Spurs und war seitdem nie schlecht. Seine Anpassungsfähigkeit und Gewieftheit zeichnen ihn aus und dürften auch in dieser Serie zu unangenehmen Überraschungen für die Warriors führen. Steve Kerr kann sich kaum auf Lineups der Spurs einstellen. Zu unterschiedlich waren die Minuten in den vier Aufeinandertreffen, zu stark variiert Popovich die Spielzeiten von Abend zu Abend. Zudem verteidigen die Spurs auch stark gegen den Dreipunktewurf: Statistisch trifft der Gegner gegen San Antonio nur unterdurchschnittliche 34,9% seiner Dreipunktewürfe.


X-Faktor Spurs
Wichtigster Spieler für San Antonio ist in dieser Serie ihr letzter verbleibender All-Star, LaMarcus Aldridge. Der 32-Jährige kommt aus seiner dritten Saison in San Antonio und scheint auch endlich dort angekommen zu sein. Aldridge bekam in dieser Saison in Abwesenheit von Leonard gut 10% mehr Spielzeit, 20% mehr Würfe und erzielte über fünf Punkte mehr pro Spiel als in den letzten beiden Saisons.

Aldridge ist ein bulliger Power Forward ursprünglicher Prägung ohne ernstzunehmenden Dreipunktewurf. Stattdessen sind die Stärken des Ex-Blazers vor allem in der Mitteldistanz und im Post mit dem Rücken zum Korb zu finden. LaMarcus gehört mit 3,3 Offensivrebounds pro Spiel zu den besten der Liga in dieser Kategorie.


Gelingt es den Spurs, Aldridge im direkten Umfeld des Korbes einzusetzen, dürfte dieser die deutlich kleineren und leichteren Warriors-Verteidiger mit seinem wuchtigen Motor mehrfach vor Probleme stellen. Aldridge ist in dieser Serie klar die erste Option der Spurs und ohne herausragende Leistungen von ihm am offensiven Ende dürfte es schwer gegen die Warriors werden.


Marquee Matchup
Ohne Edel-Verteidiger Kawhi Leonard bleibt ein großes Fragezeichen hinter der Defense gegen Kevin Durant. Während der vielseitige Spurs-Kader gegen Großteile der Warriors Abhilfe schaffen kann, dürfte dies gegen den „Slim Reaper“ schwieriger fallen. Kawhi ist ligaweit ohnehin einer der wenigen Auserwählten, der dem Skillset Durants etwas entgegen zu setzen vermag. Aus bereits erwähnten Gründen sind die Big Men der Spurs bei weitem nicht mobil genug für die Abwehr von „Durantula“.

Hier muss daher eine gesamtdefensive Lösung erfolgen. Durant offensiv konsequent defensiv arbeiten zu lassen dürfte dabei eine entscheidende Rolle spielen, um dessen offensiven Kreise als primärer Scorer und Ballhandler der Warriors deutlich einzuschränken.

Für die Spurs führt ein Seriensieg in erster Linie über eine starke Defense in Kombination mit niedriger Pace. Gelingt es, die Warriors-Offensive pro Spiel deutlich unter 100 Punkten zu halten, steigt die Siegeswahrscheinlichkeit für das Team aus Texas deutlich an.


Die Rechnung, bitte!