13 Mai 2018

13. Mai, 2018


Aus 8 mach' 4. Nur noch die besten Teams der Conferences sind übrig, an beiden Küsten bricht der Moment der Wahrheit an. Die letzten vier Verbliebenen im Rennen streiten sich um die NBA Championship 2018 und stehen vier Siege von den Finals entfernt. Die großen Fleischtöpfe werden serviert – und die #NBACHEF-Küche bereitet die Conference Finals wie immer fachgerecht zu.

von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports & DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Entrée
Da wären wir wieder. Cavaliers gegen Celtics. Die Neuauflage des letztjährigen Eastern Conference Finals. Mit dem Jahr 2017 lohnt es sich jedoch nicht lange zu beschäftigen. Die beiden Teams haben kaum noch etwas mit den Mannschaften von vor zwölf Monaten zu tun. Im Falle der Celtics könnte man sogar sagen, ihre einzige Konstante ist, dass ihr bester Spieler nur zuschauen wird.

Fiel Isaiah Thomas damals nach zwei Spielen aus, muss Boston heuer auf Kyrie Irving verzichten. Aus dem herbeigesehnten Duell des Schülers mit dem Meister LeBron wird also nichts. Trotzdem stehen NBA-Fans vor einer vielversprechenden Serie, über deren Ausgang nur spekuliert werden kann. Die Celtics wurden nach dem Ausfall ihres besten Spielers schon vor der ersten Runde totgesagt. Doch weder die Bucks noch der „Process“ aus Philadelphia hielt die eingeschworene Truppe in grün auf.


An Teams von LeBron James müht sich die Konkurrenz im Osten seit acht Jahren erfolglos ab. 2018 schien alles anders zu werden. Cleveland fand nach dem Weggang von Kyrie nie so recht zusammen. Die Folge war der Trade-Wahnsinn im Februar, bei dem die halbe Mannschaft ausgetauscht wurde. Doch auch das verlangsamte die Blutung nur und stoppte sie nicht.

Die Raptors machten sich also zum Machtwechsel auf und scheiterten kläglich. LeBron James ist halt auch im Alter von 33 noch immer eine Naturgewalt, die einen ach so schwachen Supporting Cast im Alleingang zur Seriensiegen führen kann. Die Celtics und Cavs haben klare Schwächen. Trotzdem stehen sie unter den letzten vier NBA-Teams. Vorzeitig abschreiben sollte sie also niemand.


Warum Boston gewinnt
Die Demütigung der Toronto Raptors durch die Cavs hat zwar den stärkeren Eindruck hinterlassen, doch war auch die Deutlichkeit, mit der die Celtics die Philadelphia 76ers in den Conference Semi-Finals ausgeschalten haben, so nicht absehbar. Boston hat sich längst mit der Rolle des Underdogs, der ohne seine Superstars antritt, angefreundet – wie passend, dass jetzt der beste Basketballer seiner Zeit wartet.

Auf ihrer Seite schaltet und waltet jedoch der beste Coach der Spielzeit 2017/18. Der erst 41-jährige Brad Stevens beeindruckt weiter mit Geniestreichen am Fließband. Symptomatisch dafür steht der Sieg in Overtime im wichtigen Spiel drei gegen die Sixers, als sein Team mit einem Punkt Rückstand und 14 Sekunden auf den Uhr einen wichtigen Rebound holte.

Stevens sah sich in aller Ruhe an, was seine Spieler mit dem Ball produzieren. Ihm gefiel nicht, was er sah, mit fünf Sekunden auf der Uhr nahm er die Auszeit und malte den entscheidenden Spielzug auf, der Al Horford einen mehr oder minder freien Layup zum Sieg bescherte.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt wird Bostons junger Coach mit Lob überschüttet – zurecht. Die Celtics mögen keinen Spieler von der Qualität eines LeBron James haben, aber sie haben einen Trainer, der die richtigen Ideen findet, um das – minus LeBron – allerhöchstens mäßige Cavaliers-Team zu entthronen.


Cleveland ist noch immer am eigenen Korb ungemein anfällig, hier wird der bisher in den Playoffs überragende Al Horford seine liebe Freude haben und in der gegnerischen Zone wüten. Aufgrund dieses Mankos könnte sogar der bisher nur wenig eingesetzte Greg Monroe signifikante Minuten erhalten, denn bei den direkten Gegenspielern verfügen Kevin Love und Tristan Thompson nicht über die Voraussetzungen, um Monroes Wucht und Vielseitigkeit im Low-Post zu unterbinden.

Die Youngster Jayson Tatum und Jaylen Brown lassen sich ihre Unerfahrenheit bisher kaum anmerken, Aron Baynes und Terry Rozier performen in dieser Postseason deutlich über ihrem bekannten Niveau. Die Celtics sind eine funktionierende, hervorragend gecoachte, gut geölte Maschine, die – anders als die Raptors – weder einen LeBron-Komplex hat, noch so einfach zu entmutigen ist. Sie haben in Spiel sieben gegen die Bucks und in den engen Partien gegen die Sixers ihren Charakter bewiesen, wissen um ihre Stärke und gehen mit Rückenwind und Hunger in dieses Matchup.

Ein weiterer großer Vorteil: Boston hat Homecourt, wenn es notwendig wird in Spiel sieben. Die Kobolde haben bisher jedes ihrer Heimspiele der Postseason gewonnen, selbst in der engen Serie gegen die Milwaukee Bucks. Streng genommen liegt der Druck also bei den Cavaliers, im Bostoner Garden gewinnen zu müssen.

Und: Die letzte Mannschaft der Eastern Conference, gegen die LeBron James eine Playoff-Serie verloren hat? Richtig, die Boston Celtics 2010. Geschichte wiederholt sich.


X-Faktor Celtics
Der während der Postseason zurückgekehrte Marcus Smart hat sich zum Energizer und Emtional Leader aufgeschwungen und peitscht Mitspieler und Fans an – egal ob in Ballbesitz oder in der Verteidigung. Der 24-Jährige legte gegen die Sixers solide 13,0 Punkte und 4,8 Assists auf.

Über seinen Dreier hüllen wir weiter einen Mantel des Schweigens, doch jeder in Boston weiß: Wenn es eng wird, wenn die Celtics einen wichtigen Stop oder in den Schlusssekunden Punkte durch puren Willen – bspw. durch Putback nach einem Offensive Rebound – brauchen, ist der bullige Aufbauspieler ihr Mann. Das macht ihn zur Definition eines X-Faktors.

Smart wird in knapp zwei Monaten Restricted Free Agent und schraubt seinen Marktwert weiter hoch.


Marquee Matchup
Die Boston Celtics gegen LeBron James. Machen wir uns nichts vor, ohne James wären die Cavs nicht einmal unter den besten Acht im Osten. Das Team steht und fällt mit LeBron. Ein gebrauchter Tag der Nummer 23 (gab es so was je ab April?) lässt sich von diesen Cavs nicht kompensieren. Selbst ein A- oder B+ -Game von LeBron wäre schon zu wenig.

Anders als die Indiana Pacers in Runde eins und die Toronto Raptors in Runde zwei haben die Celtics mehrere Spieler im Kader, die zumindest von den Anlagen her geeignet sind, den Glanz von Clevelands König etwas verblassen zu lassen. Positionsgerecht wäre Jayson Tatum mit seiner Länge ein Kandidat, zumal der Rookie LeBrons Spiel schon länger genau beobachtet.


Noch geeigneter scheint aber der etwas kräftigere Marcus Morris zu sein: Der gab frisch zu Protokoll, nach Kawhi Leonard der beste LeBron-Stopper zu sein. Ob er sich damit einen Gefallen getan hat wird sich zeigen, zumindest fehlt es den Kelten vor Spiel eins nicht an Selbstbewusstsein.


Warum Cleveland gewinnt
Weil sie offensichtlich mal wieder den Schalter gefunden haben. Der Start in die Playoffs war holprig. Spiel sieben gegen die Pacers war zwar nicht knapp, drei Niederlagen in der Auftaktserie hatten aber wohl nicht einmal die pessimistischsten Cavs-Fans vorausgesehen.

Gegen Toronto war die Defense mit durchschnittlich 104,5 kassierten Punkten zwar immer noch anfällig, doch dafür brannte der Korb der Raptors lichterloh. Das Offensive-Rating von 121,5 in den Semis pulverisiert selbst alles, was Houston und Golden State in der regulären Saison angestellt hatten.

Ja, es waren nur vier Spiele. Aber es waren genau die vier Spiele, die die Cavaliers gebraucht haben. Boston würde sich bestimmt lieber wünschen, bereits in der letzten Runde gegen den amtierenden Ost-Champion gespielt zu haben.

Mittlerweile ist das angeknackste Selbstvertrauen der Cavaliers verheilt. LeBron James hat sich augenscheinlich eh nie Sorgen gemacht. Wenn man sich anschaut, wie er in den Playoffs abliefert, fragt man sich, warum auch? Für seine Rollenspieler war der Sweep jedoch äußerst wichtig. Der eine oder andere hat zu seinem Spiel zurückgefunden.


X-Faktor Cavaliers
Dazu gehört Kevin Love. Der fünfmalige All-Star wird oft gescholten, bleibt aber der zweittalentierteste Akteur der Cavaliers. Wenn LeBron Unterstützung braucht, dann also vor allem von ihm. In der ersten Runde der Playoffs gelang das Love nicht wirklich. Er scorte nicht einmal 20 Punkte und traf in sechs von sieben Spielen unter 40 Prozent aus dem Feld.


Mit drei von 13 Treffern in Spiel eins gegen Toronto schien Love mit seinem Slump weiterzumachen. Doch die 31 Zähler in der nächsten Partie waren sein Coming-Out in den diesjährigen Playoffs. Seitdem trifft er gute 54 Prozent seiner Würfe.

Das wird auch gegen Boston nötig sein. Mit der Härte der Celtics hat Love teilweise so seine Probleme. Gut, dass ihm 2015 von Kelly Olynyk die Schulter zerstört wurde, war nicht sein Fehler. Doch der 29-Jährige muss bereit zum Hustlen sein, ansonsten wird er gegen Aron Baynes und Al Horford kein Land sehen.


Marquee Matchup
Offensiv lautet der Point Guard der Cavs LeBron James. Auf der anderen Seite kann er jedoch nicht den gegnerischen Aufbauspieler verteidigen, da einer seiner Mitspieler sonst vor einem riesigen Matchup-Problem steht. Wer in Cleveland verteidigt also Terry Rozier, der gerade den Lauf seines Lebens hinlegt?


Bitte nicht José Calderon. Der lief bis jetzt zwar 14 Minuten pro Spiel auf, sollte aber überhaupt nicht mehr mit dem Wort Defense in Verbindung gebracht werden. Bleiben noch Jordan Clarkson und George Hill. Vor allem an letzterem wird es sein, zu verhindern, dass Rozier weiter punktet wie jemand, der das sechsfache seiner drei Mio. $ im Jahr verdienen sollte.

LeBron darf sich in der Defense trotzdem nicht verstecken. Die Flügel der Celtics, namentlich Jayson Tatum und Jaylen Brown, sind aktuell ebenfalls richtig gut drauf. Auch hier gilt es, sie in ihre Rookie- bzw. Sophomore-Schranken zu weisen.


Die Rechnung, bitte!