01 Mai 2018

1. Mai, 2018


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports & DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Entrée
In den Conference Semi-Finals kommt es zum erwarteten Wiedersehen der Toronto Raptors mit den Cleveland Cavaliers. Bereits in den Playoffs 2016 und 2017 stand dieses Matchup auf dem Programm, beide Male setzten sich die Cavs durch. Allerdings haben sich die Prämissen getauscht. Bisher war Cleveland klarer Favorit und ging mit Heimvorteil in die Serie. Nun ist es umgekehrt.

Die Raptors marschieren als bestes Team der Regular Season in der Eastern Conference auf. Sie haben in den Washington Wizards einen robusten Erstrunden-Gegner nicht problemlos, aber letztlich souverän mit 4-2 besiegt. Und sie brennen auf Revanche. Die Cavs wiederum haben sich gegen die Indiana Pacers in sieben Spielen nur mit sehr viel Mühe und einer Extraportion LeBron James über die Ziellinie gerettet.


Wenngleich die Vorzeichen nie schlechter standen, fällt es Experten wie Fans merklich schwer, gegen LeBron zu wetten. Immer wenn die Pacers in Runde eins die Oberhand gewannen, fand James am Ende stets die richtige Antwort. Schon im letzten Jahr war das Raptors-Team darauf ausgerichtet, den vierfachen MVP zu stoppen – stattdessen setzte es einen vernichtenden Sweep.

Für Brisanz ist also gesorgt: Auf der einen Seite verzehrt sich Toronto danach, die Geißel des Ostens zu überwinden und endlich als erstes kanadisches Team in die Finals einziehen. Auf der Gegenseite steht LeBron James' unheimliche Serie: Seit 2010 hat er keine Serie gegen ein Team der Eastern Conference verloren – damals aber in den Conference Semi-Finals.


Warum Toronto gewinnt
Das ist eine gute Frage, schließlich war LeBron James in den vergangenen Jahren immer das Kryptonit der Kanadier. Doch damit ist 2018 aus zwei Gründen Schluss. Erstens machte James in den letzten beiden Aufeinandertreffen in den Playoffs zwar viel allein, hatte aber auch noch zwei Co-Stars und produktive Rollenspieler an seiner Seite.

Heuer sieht das ganz anders aus. Kyrie Irving ist weg. Kevin Loves Effizienz ist ein Zufallsgenerator und die restliche Truppe hat nach der Trading-Deadline nie so recht zusammengefunden. Wie ein Angstgegner wirken die Cavaliers schon lange nicht mehr.


Zweitens: Die Raptors setzen zwar im Großteil auf die Akteure der letzten Jahre, sind 2017/18 aber trotzdem eine ganz andere Mannschaft. Obwohl es ihm kaum jemand zugetraut hat, installierte Head Coach Dwane Casey eine Offensive, die deutlich abwechslungsreicher ist als in der Vergangenheit und vor allem auch in den Playoffs funktioniert.

Nur die Überflieger aus Houston und Golden State hatten in der ersten Runde der Playoffs ein deutlich besseres Offensive Rating. Im Osten konnte niemand mithalten. Cleveland mag in LeBron den besten Spieler der Serie haben. Eine Antwort auf DeMar DeRozan und Kyle Lowry befindet sich im Kader der Cavaliers jedoch nicht. Der Osten steht vor einer Wachablösung. Toronto kann seinen Ruf als Playoff-Choker endgültig ablegen.


X-Faktor Raptors
Die Bank der Raptors. 35 Zähler pro Spiel schenkte die zweite Garnitur der Kanadier ihrem Erstrundengegner pro Spiel ein. Bei Cleveland waren es durchschnittlich zehn Punkte weniger. Torontos Stars bekommen also etwas Entlastung, während James die Ein-Mann-Abrissbirne zu spielen hat.

In der ersten Runde musste er in sieben Spielen durchschnittlich 41 Minuten ran. Bei den Raptors lief niemand länger als 36 Minuten auf. LeBron ist eine Maschine. Doch er ist wie seine gesamte Mannschaft deutlich älter als die Raptors.


Von der Bank bringen Jakob Pöltl, Delon Wright und Pascal Siakam Frische rein, die für Cleveland nur schwer zu kontern sein wird. Über Fred VanVleet haben wir noch gar kein Wort verloren. Die Cavaliers sollten hoffen, dass die Schulterverletzung die Produktivität des Sophomores so lindert wie in der ersten Runde der Postseason.


Marquee Matchup
Cleveland hat niemanden im Kader, der die Größe von Jonas Valančiūnas toppen kann. Vergeblich wartet man im Air Canada Centre darauf, dass der Litauer endlich sein richtiges Coming-Out-Jahr hinlegt und in die Liga der besten Center der NBA aufsteigt.

Brauchbar ist er trotzdem. Gegen Cleveland war sein Punkteschnitt in der regulären Saison drei Zähler und dreieinhalb Rebounds höher als gegen alle anderen Teams. Letztes Jahr legte in den Spielen zwei und drei 23 bzw. 19 Punkte auf. Kann er solche Werte wiederholen, wäre der Druck auf den Backcourt etwas geringer.

Denn ohne Frage, mit Lowry und DeRozan steht und fällt das Spiel der Raptors. Ohne ihren verletzten Point Guard war „We The North“ im vergangenen Frühjahr chancenlos. Auch in den Conference Finals 2016 ließen die beiden die Konstanz vermissen, mit der LeBron sein Team damals in die Finals wuchtete.


Warum Cleveland gewinnt
LeBron James.

Die Cavs haben nicht ein einziges weiteres Argument auf ihrer Seite, dafür ist dieses ziemlich überzeugend. 34,4 Punkte, 10,1 Rebounds, 7,7 Assists, 1,4 Steals, 1,0 Blocks in der ersten Runde: Der König von Cleveland hat das Zepter übernommen, führt sein Team in allen Kategorien an und stellte in der ersten Runde einmal mehr unter Beweis, dass ihm kein Hindernis zu hoch ist und er imstande alles zu tun, was für den Sieg notwendig wird.

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Eine halbwegs passende Antwort auf LeBron suchten die Raptors in den vergangenen beiden Jahren vergeblich. Serge Ibaka fehlt es an Athletik und Dynamik (und mutmaßlich ist er trotz seiner offiziellen 28 Lenzen womöglich sogar älter als der 33-jährige James), DeMar DeRozan fehlt es an Körperkraft und allgemein defensiver Qualität. Bleibt noch OG Anunoby, der als Rookie das Spiel der Raptors bemerkenswert schnell adaptiert hat, für den jedoch das direkte Matchup mit dem besten Basketballer seiner Zeit mutmaßlich zu früh kommt.

Vergangene Saison in den Conference Finals legte LeBron gegen die Dinos gar 36 Punkte im Schnitt auf. Eine ähnliche Produktivität wird nötig sein, um die Cavs gegen das beste Team der Regular Season in der Eastern Conference am Leben zu halten.

Trotz deren Frische und Dynamik wäre den Raptors als Gegner die Pacers sicherlich lieber gewesen, denn sobald Clevelands König das Air Canada Centre betritt, spielt auch die mentale Stärke eine Rolle: Zwei Mal in Folge hat LeBron Toronto teils ziemlich deutlich in den Urlaub geschickt. Das lässt sich nicht so leicht aus den Köpfen löschen. Behalten die Raptors Nerven und Disziplin, auch wenn es vielleicht mal phasenweise nicht läuft? Behalten sie die Ruhe, wenn LeBron früh heiß läuft? Der Druck lastet auf dem Heimteam, denn James hat nichts mehr zu beweisen und wird so oder so brillieren.


X-Faktor Cavaliers
Wieder Kevin Love. Das Eins gegen Fünf hat LeBron gegen die Indiana Pacers gerade noch überlebt. In Kanada weht jedoch bekanntlich ein anderer Wind und spätestens hier braucht James Hilfe – irgendeine. Love wäre als fünffacher All-Star und nominell zweite offensive Option prädestiniert, die 11,4 Punkte und 33% aus dem Feld in der ersten Runde sprechen aber eine andere Sprache.

Die Raptors stellen mit dem zuletzt verbesserten Jonas Valančiūnas, Serge Ibaka sowie deren Backups Pascal Siakam und Jakob Pöltl eine schlagkräftige Truppe unter den Brettern. In der Regular Season landeten die Kanadier auf Rang acht der Rebound Rate, die Cavaliers derweil auf 22. Wenn Love schon nicht mehr die offensive Potenz vergangener Tage aufs Parkett bringt, wäre dem Team schon mit tatkräftiger Gegenwehr in der Zone geholfen.

Und: Sollte sich Tristan Thompson wie im siebten Spiel gegen die Pacers (15 Pts, 10 Reb) daran erinnern, dass er fürs Basketballspielen bezahlt wird (und das gar nicht so schlecht), käme das den Cavaliers auch nicht ungelegen.



Marquee Matchup
Clevelands Backcourt gegen Kyle Lowry und DeMar DeRozan. So sehr LeBron ein menschliches Mismatch ist, so schlecht stehen die Aussichten seiner Mitspieler gegen Torontos Backcourt.

George Hill fehlte zuletzt wegen Rückenbeschwerden und erinnert nur noch sporadisch an den exzellenten Verteidiger des letzten Jahres bei den Utah Jazz. Über die Verteidigungskünste etwa von José Calderon, J.R. Smith, Rodney Hood, Kyle Korver oder Jordan Clarkson muss hier auch kein unnötiges Wort mehr verloren werden. So fehlt es an Vorstellungskraft, wie die erschreckend löchrige Defense der Cavs Torontos explosives Duo in den Griff zu kriegen gedenkt – erst recht da DeRozan in dieser Spielzeit auch noch den Dreier für sich entdeckt hat (38% von Downtown in der ersten Runde).

Clevelands Antwort heißt wenig überraschend wieder einmal LeBron James. Doch wie schon in Runde eins gilt: Die Cavs brauchen ihre Lebensversicherung vor allem in der Offensive. In Spiel sieben vergangenen Sonntag musste er wegen Krämpfen in der zweiten Halbzeit länger pausieren, als ihm und der gesamten Stadt Cleveland lieb war. Bei einem Abnutzungskampf gegen die Raptoren droht ein ähnliches Szenario. Daher kommt es für die Cavs auf jeden Flügel und Aufbauspieler an, der Lowry und DeRozan wenigstens ein paar Minuten halbwegs anständig zu verteidigen vermag.


Die Rechnung, bitte!