12 Mai 2018

12. Mai, 2018


Aus 8 mach' 4. Nur noch die besten Teams der Conferences sind übrig, an beiden Küsten bricht der Moment der Wahrheit an. Die letzten vier Verbliebenen im Rennen streiten sich um die NBA Championship 2018 und stehen vier Siege von den Finals entfernt. Die großen Fleischtöpfe werden serviert – und die #NBACHEF-Küche bereitet die Conference Finals wie immer fachgerecht zu.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick & CHRISTOPH LENZ @NBAKenner

Entrée
Houston Rockets gegen Golden State Warriors. Diese beiden Teams eröffneten am 17. Oktober 2017 die Saison mit einem spektakulären 122-121 Sieg für Houston. Über die kommenden Monate entbrannte zwischen Rot und Blau-Gelb ein Fernkampf um die Spitze der Western Conference (und somit der NBA), den ebenfalls die Rockets für sich entschieden.

Nun kommt es in den Western Conference Finals zur erwartet-herbeigesehnten Serie über maximal sieben Spiele. Die besten Mannschaften dieser Spielzeit treffen aufeinander, für viele die vorweggenommenen Finals. Beide Clubs sind in diesen Playoffs mehr oder minder souverän durchmarschiert, ließen ihren Gegnern in Runde eins und zwei jeweils einen Sieg – mehr aber nicht. Zu hoch der Qualitätsunterschied zur restlichen Conference.

In der regulären Saison trafen die Rockets und Warriors nur drei Mal aufeinander. Nach dem erwähnten Season Opener in der Bay Area gewann und verlor Golden State in teils stark umkämpften Aufeinandertreffen jeweils eine Partie in Houston.


In den letzten Jahren hat sich zwischen Golden State und Houston eine kleine Historie entwickelt, die nun den vorläufigen Höhepunkt findet. Bereits 2015 trafen sie in den Conference Finals aufeinander, ein Jahr später in der ersten Runde. Die Warriors überstanden beide Serien letztlich unbeschadet mit jeweils 4-1, jedoch waren vor allem die Spiele 2015 alles andere als deutlich. Zudem ging es in beiden Serien mit mehreren technischen Fouls und Rudelbildungen heiß her.

Auch wenn die bevorstehende Serie eher als die der letzten Jahre auf Augenhöhe stattfindet, gehen die Warriors gehen als Titelverteidiger und Favorit in dieses Matchup. Doch ist dieser Herausforderer zumindest auf dem Papier schwieriger als alle ihre bisherigen, seit sich Kevin Durant im Sommer 2016 dem All-Star-Kollektiv angeschlossen hat. Nach dem 12-0 Durchmarsch der Warriors in die Finals 2017 liegen alle Hoffnungen auf mehr Spannung nun bei Houstons Superstars James Harden und Chris Paul.

Die Qualität und Prominenz der Spieler, die Dramatik der Aufeinandertreffen der regulären Saison und die Brisanz infolge der erwachenden Fehde, die die nächsten Jahre dominieren könnte, versprechen nicht weniger als die klar beste Serie in diesen Playoffs. Rockets gegen Warriors – besser wird’s 2018 nicht mehr.


Warum Houston gewinnt
Als Rockets GM Daryl Morey im Sommer 2017 sein Team für die nächste Spielzeit zusammenstellte, arrangierte er nicht nur die bestmögliche Qualität – er designte eine Mannschaft mit dem erklärten Ziel, die Warriors zu besiegen. Wie er später zu Protokoll gab, war Morey regelrecht davon „besessen“.

Chris Paul als zukünftiger Hall-of-Famer und offensiv wie defensiv elitärer Point Guard als Allzweckwaffe und Entlastung für James Harden ist sicherlich der wichtigste Baustein für diese Herkulesaufgabe.

Um die von Paul und James Harden orchestrierte Offensive, umringt von einer Armada an Scharfschützen, musste sich Morey fortan keine Gedanken mehr machen und fokussierte sich auf das andere Ende des Feldes, verpflichtete versatile Verteidiger wie P.J. Tucker und Luc Mbah a Moute aufgrund ihrer Fähigkeit, gegen verschiedene Spielertypen den eigenen Korb beschützen zu können und damit auf Golden States bisher nicht aufzuhaltende Offensivpower Antworten zu finden.


Houston war vom ersten Spieltag an darauf fokussiert, den Titelverteidiger zu entthronen. Sie waren vom ersten Tag an hungriger als der zuletzt dreifache Finalist, haben das ganze Jahr auf diesen Moment hingearbeitet – und gehen mit Heimvorteil in die ersten beiden Spiele. Für die Warriors ungewohnt, denn als sie zum letzten Mal eine Playoff-Serie auswärts starteten, spielte Kevin Durant noch in Oklahoma City und Chris Paul in Los Angeles. Mit den Clippers eliminierte Paul damals, 2014, Golden State – immerhin schon mit Steph Curry, Klay Thompson, Draymond Green und Andre Iguodala als Kern der heutigen Mannschaft.

Somit fehlt dem in den letzten Jahren überragenden Team eine wichtige Erfahrung. Wie werden sie auf diesen Nachteil reagieren? Bleiben sie ruhig, selbst wenn das erste Spiel verloren gehen sollte? In der Regular Season zeigten vor allem Durant und Draymond Green häufiger Nerven. Kein Team erhielt mehr technische Fouls und Ejections als die Warriors. Wenn es den Rockets gelingt, vor allem das genannte Duo zu entnerven und Undiszipliniertheiten zu provozieren, machen sie einen nicht unwesentlichen Schritt in Richtung Sensation.

Denn anders als die Rockets verfügen die Warriors keineswegs über eine tiefe Bank. Golden States zweite Reihe spielte in den bisherigen Playoffs höchstens eine marginale Rolle und tatsächlich ist die Diskrepanz zwischen dem All-Star Quartett sowie Andre Iguodala und der restlichen Mannschaft beträchlich. Anders die Rockets, die einen offensiven All-Rounder und noch amtierenden besten sechsten Mann in Eric Gordon ebenso in die Schlacht werfen können wie einen Edelverteidiger in Luc Mbah a Moute.


X-Faktor Rockets
Clint Capela spielt bisher eine überragende Postseason und ließ in Karl-Anthony Towns und Rudy Gobert zwei legitime All-Stars im direkten Duell ziemlich alt aussehen. Ein dickes Ausrufezeichen setzte der erst 23-Jährige, als er in den letzten drei Minuten von Spiel vier gegen die Utah Jazz sagenhafte fünf Würfe blockte.


Doch nicht nur wegen seiner Fähigkeiten als Rim Protector ist der erst 23-Jährige Houstons X-Faktor in diesem Matchup. Capelas gestiegene Qualität und seine Athletik stellen Warriors Coach Steve Kerr vor eine signifikante Entscheidung.

Bleibt Kerr bei seinem Todes-Lineup mit dem nur 2,01 Meter großen Draymond Green als verkapptem Center wird Capela direkt oder indirekt die Bretter kontrollieren und Houstons Shooter jede Menge Second Chance Points ermöglichen. Stellt er einen wuchtigen Big wie Zaza Pachulia oder JaVale McGee gegen den Schweizer, wird Golden States Defense anfällig für das exzellent funktionierende Pick and Roll zwischen Harden und Capela. Pick your Poison, Steve!

Anders als die meisten Center ist Capela so athletisch, dass er nach einem Switch selbst einen pfeilschnellen Guard wie Curry am Perimeter verteidigen kann. Mit Capela, Harden und Paul auf dem Feld stehen die Rockets inklusive Playoffs bei 50-5(!) Siegen und einer Punktedifferenz von +11,1.


Marquee Matchup
Trevor Ariza gegen Kevin Durant. Curry und Thompson werden ihre Würfe treffen und einige Punkte auf die Anzeigetafel bringen. Der offensive Fixpunkt der Warriors, der zuverlässigste und vielseitigste Scorer ist aber Durant – und darum gilt es für Houston, den „Slim Reaper“ in irgendeiner Form zu bremsen.

Auch wenn das kein Job für einen Mann allein ist, fällt die Hauptlast auf Ariza, der mit seiner Erfahrung und seiner Länge zumindest die Möglichkeiten hat, KD das Leben schwer zu machen. Houstons Flügelspieler hat den Finals MVP 2017 schon unzählige Male verteidigt und weiß, was auf ihn zukommt.

Sollte er Durants Kreise eindämmen und außerdem am anderen Ende des Feldes den einen oder anderen Dreier versenken, kann Ariza zum heimlichen MVP der Serie aufsteigen.


Warum Golden State gewinnt
Kurzum: Weil sie durchweg die besseren Einzelspieler haben und diese Tatsache nichts daran ändert wie gut das System funktioniert. Im einzelnen sind die Duelle zwischen Stephen Curry und Chris Paul sowie zwischen Kevin Durant und James Harden vielleicht noch diskutabel, aber Draymond Green über Clint Capela, Klay Thompson über Eric Gordon und Andre Iguodala über Trevor Ariza dafür umso deutlicher. Und unterm Strich wäre ein fünf zu null im „Matchup-Game“ weder absurd noch ein Hot-Take.


Und dann wäre da noch die Sache mit der Erfahrung. Chris Paul hat nach wie vor noch kein Conference Final Spiel absolviert und ist damit Stand heute der NBA-Spieler mit den meisten Playoff-Spielen ohne jemals so weit gekommen zu sein. Für James Harden sind es immerhin die vierten Conference Finals, allerdings ging er in drei davon als Verlierer vom Platz und sah dabei viel zu selten wie der Regular Season MVP aus, zu dem er vermutlich in einigen Wochen gekrönt werden wird.

Auf der Gegenseite der Nukleus aus Curry, Green und Thompson, deren Bilanz in der letzten Runde vor den Finals mit insgesamt 12-4 und drei Serien-Siegen in Folge makellos ist. Dass bei drei der vier Niederlagen Kevin Durant über 25 Punkte erzielte wird erst dadurch spannend, dass er dabei noch im gegnerischen Team aktiv war.

All das in Kombination mit den Tatsachen, dass dieses Team wie ein Schweizer Uhrwerk funktioniert, welches trotz teilweise unmotivierten Auftritten in der Regular Season seit Beginn der Amtszeit von Steve Kerr 320 von 400 Spielen als Sieger beendet hat und – um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen – pünktlich zu den Playoffs wieder so hungrig und selbstbewusst wirkt, wie in den erste Tagen dieser Dynastie, lässt die Warriors wieder als Favorit für den Final-Einzug in diese Serie starten.


X-Faktor Warriors
Die Verletzung von Stephen Curry kam gerade noch früh genug, dass er sich nach der Rückkehr in der Pelicans-Serie noch ein wenig warmspielen konnte. Die große Frage vor diesen vorgezogenen Finals ist nun, ob er schon bei einhundert Prozent ist. Während er in Sachen Effizienz und Einfluss auf das Spiel direkt wieder aus dem Stand seine Einzigartigkeit unter Beweis stellte, war in Sachen Spritzigkeit offensiv, aber vor allem auch defensiv noch reichlich Luft nach oben.

Die lange Pause vor dem Beginn der Rockets-Serie wird helfen, aber um gegen Chris Paul und James Harden nicht zur Zielscheibe zu werden, muss er näher an sein „normales Niveau“ kommen, das vor allem in Sachen Defensiv-Fähigkeit eher unterschätzt ist.


Wenn Curry eingeschränkt ist oder gar eine Art Rückfall erleiden sollte, wäre dies ein möglicher Schlüssel zur Serie für die Rockets. Umgekehrt ist ein fitter Curry mit allem was er auf den Tisch bringt der X-Faktor, der die Warriors zu dem macht, was sie sind und die letzten Jahre waren.


Marquee Matchup
„We are better than them“. Dieser Satz könnte Clint Capela zum Verhängnis werden. Denn die Vorbesprechung der am Montag startenden Serie dreht sich immer wieder um diese Aussage, die der Schweizer nach dem 116-108 Rockets-Sieg im Januar-Duell der beiden Teams getätigt hatte. Aus dieser Aussage, auf die die Warriors und allen voran Capelas direkter Gegenspieler Draymond Green nun immer wieder angesprochen werden, ziehen die amtierenden Champions nun ihre Motivation.

Die Motivation, die nach zwei Titeln aus drei Jahren und einer 80%-Siegquote in den letzten 400 Spielen vielleicht ein bisschen abgeflacht war, lässt sich bei jemandem wie Draymond Green leicht entzünden und genau dies ist der Fall. Capela wird die Chance haben, sich auf allerhöchster Ebene in einer Schlacht der unterschiedlichen Ansätze, was den Einsatz der Center-Position in der modernen NBA angeht, zu beweisen.

Draymond Green, der bisher jede Schlacht dieser Art früher oder später für sich entschied, geht als Speerspitze voran, wenn die „Hampton Five“ sich daran machen, den nächsten und seit Saisonbeginn heiß ersehnten Schritt zu gehen, um ihren Titel zu verteidigen.


Die Rechnung, bitte!