18 Juni 2018

18. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Boise, Idaho ist nun nicht gerade als Paradedestination für Spitzensportler bekannt. Entsprechend hoch ist die Leistung von Trainer Leon Rice zu bewerten, der aus den Broncos einen potenten Mid-Major über die vergangenen Jahre formte. Um talentierte Spieler in den Nordwesten der USA zu lotsen, braucht es Kreativität und Geschick beim Marketing.

Rice zeigte zuletzt seine Qualitäten als PR-Stratege, als er einen ungemütlichen Wetteinsatz beglich. Da das Heimspiel gegen San Diego State bis auf die Karte ausverkauft gewesen war, watete Rice im Anschluss wie versprochen Mitte Januar barfuß durch den eiskalten Boise River.

Neben solchen netten Geschichten abseits des Parketts wird Rice künftigen Rekruten aber noch ein wesentlich schlagfertigeres Argument liefern können: Die Entwicklung eines NBA Spielers über vier Jahre in dem Programm.


Chandler Hutchison kam 2014 als der am höchsten gerankte Basketballrekrut der Unigeschichte in die kleine Stadt in Idaho. In jedem Jahr konnte der Flügelspieler sein Spiel, seinen Körper und entsprechend auch seine Rolle innerhalb des Teams verbessern.

Hutchison ist einer der wenigen Seniors des Drafts, der sich eine realistische Chance auf eine vergleichsweise frühe Auswahl und eine relativ lange Karriere in der besten Liga der Welt erhoffen kann.

Als athletischer Point Forward hielt Hutchison den Ball relativ oft und viel in den eigenen Händen. Seine Länge und Athletik helfen ihm immer wieder beim Zug zum Korb. Typisch für den Senior sind seine Transition Drives nach eigenem Defensivrebound oder Sprint auf der Außenbahn. Wegen seiner Schrittlänge ist er kaum aus seiner Bahn abzudrängen.


Im Halbfeld ist Hutchison allerdings niemand, der regelmäßig in Isolations verfrachtet werden sollte und sich daraus reihenweise gute Würfe erspielen könnte. Hutchison verfügt zwar über einen langen ersten Schritt, doch spätestens beim zweiten oder dritten Schritt wird Hutchison von seinem Gegenspieler wieder eingeholt.

Der Flügelspieler verlangsamt sich meistens dadurch, dass er seine Abschlüsse bevorzugt durch einen zweibeinigen Absprung einleitet. Je nach Verteidiger kann es auch passieren, dass Hutchison seinen Vorsprung komplett einbüßt und einen schwierigen Mitteldistanz mit der Hand des Verteidigers im Gesicht nehmen muss.


Neben seinen Schwierigkeiten bei der Koordination seines Körpers gegen Kontakt spielt das Spielgerät dem Topscorer der Broncos gerne mal einen Streich. Hutchison hat sehr große Probleme, als Ballhandler das Leder wirklich zu kontrollieren. Seine Dribblings sehen nicht rund aus und oft verliert er auf halber Strecke seine Dynamik, weil ihm der Ball entgleitet.

Hutchison dribbelt sehr hoch und und kann die Handfläche nicht über dem Ball fixieren. Zudem wirkt es so, als seien seine Hände etwas zu groß, um wirklich ein gutes Gefühl für Dribbling und Drive zu entwickeln.

Resultat sind viele vermeidbare Ballverluste, die sich zur relativen Abschlussschwäche gemessen an seinem athletischen Potenzial gesellen. 3,4 Ballverluste pro Spiel bedeuten den zweithöchsten Wert in dieser Kategorie nach Trae Young. Allerdings ist Hutchisons Usagerate (33,2) auch nach Youngs die zweithöchste des Draftjahrgangs.

Bei den Broncos war Hutchison nicht nur die Schaltzentrale in der Offensive, sondern realistisch betrachtet auch der einzige Akteur, der sich oder seinen Mitspieler konstant Würfe erspielen konnte.


In der NBA wird Hutchison im Idealfall etwas mehr abseits des Balls eingesetzt, da seine größte und wahrscheinlich am besten in die NBA transformierbare Qualität der Drive gegen Closeouts ist. Hutchison kann hier seinen langen ersten Schritt zu einer tödlichen Waffe perfektionieren und eigentlich nach Belieben zum Korb penetrieren.

Dadurch, dass Hutchison hier seine Verteidiger gänzlich hinter sich lässt, werden auch seine Abschlüsse wesentlich besser. Er variiert mehr und liest besser, welcher Abschlüsse gegen die Hilfe des zweiten Verteidigers angebracht wäre.

Aus solchen Situationen sind einbeinige Absprünge zum Finish nicht nur häufiger zu sehen, sondern erfolgen auch viel zielstrebiger. Zwar springt Hutchison immer noch lieber von Korb und Verteidiger weg, als den direkten Weg zum Korb zu suchen. Doch zumindest sind Hutchisons Layups weniger zaghaft und erfolgen mit mehr Selbstvertrauen.


Die vielleicht entscheidende Fähigkeit, die Hutchison in der NBA beweisen muss, ist sein Distanzwurf. Hier hat Hutchison bereits sehr viel Arbeit investiert, was sich auch in seinen Quoten spiegelt. In seinen ersten zwei Jahren nahm Hutchison kaum Dreier und traf diese wenigen Versuche auch nur bei Quoten deutlich unter 30 Prozent.

In der abgelaufenen Saison waren es immerhin 35,9 Prozent bei etwa eineinhalb Treffern pro Partie. Hutchison Handgelenk klappt besser ab und der ganze Bewegungsablauf wirkt viel rhythmischer und ausbalancierter als noch in seinen ersten Collegejahren.

Diese Fortschritte geben Anlass zur Hoffnung, dass mit genügend Wiederholung eine Festigung seiner erworbenen Basics einsetzt, die ihm zumindest eine annähernd durchschnittliche Quote in der NBA erlauben könnte.

Ein natürlicher und verlässlicher Schütze wird Hutchison aber wahrscheinlich nie werden. Nach wie vor wirken seine Bewegungen sehr mechanisch und antrainiert und lässt eine gewisse natürliche Leichtigkeit vermissen. Sowohl Fußarbeit als auch Anreißbewegung weisen noch einige Mängel auf. Zudem schleudert Hutchison ein wenig aus der Schulter heraus, anstatt aus dem Handgelenk gefühlvoll abzuklappen.


Den Großteil seiner Offensivbemühungen lieferte Hutchison aus dem Pick & Roll ab. Entscheidend hierbei ist - ähnlich wie bei Closeout Situationen -, dass Hutchison den Block so geschickt nutzt, dass er den eigenen Verteidiger gänzlich verliert und nur noch eine Entscheidung gegen einen einzelnen Big Man treffen muss.

Am besten gelingt Hutchison das, wenn der Block durch indirekte Blöcke oder etwas Bewegung vorbereitet wird und der eigene Verteidiger sich nicht vorbereiten kann oder wenn Hutchison den Block rejecten und per Snake Dribbling aus dem Spiel nehmen kann.

Die Trefferquote beim Finish ist wieder maßgeblich davon abhängig, mit wie viel Schwung Hutchison in den Drive geht und ob er von einem oder zwei Beinen abspringt.

Auch gegen Switches kann Hutchison Lösungen finden und fehlende Kommunikation der Verteidigung ausnutzen - sei es per Pass oder Drive. Generell ist Hutchison als Passgeber nicht untalentiert und weist immerhin die höchste Assistrate aller Wings auf, wobei er als Point Forward natürlich mehr den Ball in der Hand hatte als so mancher Aufbauspieler. Hutchison nutzt seine Größe geschickt und kann haargenaue Anspiele beim Roller unterbringen. Seine Courtvision ist dennoch begrenzt.


Hutchisons Offense ist in Hinblick auf seine NBA Tauglichkeit nicht trivial einzuordnen. Am College war er phasenweise der Alleinunterhalter und Point Forward mit viel Verantwortung. Seine Leistungen und die Art und Weise, mit der er die Offense seines Teams schulterte, lassen nicht den Schluss zu, dass Hutchison in einem vernünftigen Maß auch NBA Teams beispielsweise als primärer Ballhandler einer zweiten Fünf unterstützen kann. Dafür ist sein Ballhandling zu schwach und seine Entscheidungsfindung zu unausgereift.

Fällt sein Wurf, könnte er in Kombination mit seinen kraftvollen Drives gegen Closeouts dennoch eine offensive Rolle in der NBA für sich entdecken.

Während Hutchisons offensive Qualitäten also einigermaßen deutlich bekannt sind und es dort eher um die Frage der Adaptation in die Lebenswelt der NBA geht, scheint am defensiven Ende des Feldes weit weniger klar zu sein, wie gut Hutchison wirklich ist.

Boise State spielte eine Menge 2-3-Zone, um die fehlende Athletik zur Eins-gegen-Eins-Verteidigung von einzelnen Schlüsselspielern zu übertünchen. Hutchison konnte dadurch seine Länge zwar immer wieder geschickt nutzen, doch andere Bereiche seines Verteidigungsvermögens sind hingegen schwer abzuschätzen.

Immerhin lassen sich viele Vorteile, die Hutchison aufgrund seiner langen Arme und seiner aktiven Nutzungsweise auch in NBA Defensivsequenzen anwenden. Hutchison wird immer wieder Bälle klauen, indem er Pässe abfängt oder dem Ballhandler das Leder aus den Fingern spitzelt.


Gerade die Eins-gegen-Eins-Defense von Hutchison ist nur bedingt zu bewerten. Theoretisch besitzt Hutchison die notwendigen Voraussetzungen, um ein guter Verteidiger zu sein oder zumindest zu werden. Lange Arme, schnelle Füße bei geringen Distanzen und eine gute Grundaggressivität nennt Hutchison sein Eigen.

Praktisch kann er seine guten Anlagen auch zum Teil unter Beweis stellen, allerdings geben seine schmale Statur und seine Anfälligkeit für Fakes Anlass zur Beunruhigung.


In der Pick & Roll Defense war Hutchison relativ oft als Verteidiger des Blockstellers unterwegs - eine Rolle, die er in der NBA nur sehr bedingt ausfüllen dürfte.

Allerdings ließ er hier einerseits oft die notwendige Kommunikation vermissen, wodurch Missverständnisse entstanden. Andererseits war auffällig, dass er - sofern bereit zur Verteidigung - ein gutes Gefühl für den richtigen Abstand zum Ballhandler bei der praktizierten Flat Defense an den Tag legte.


Als Teamverteidiger muss Hutchison sich einige Angewohnheiten abtrainieren, die durch die Zonenverteidigung zum Vorschein kamen. Oft verlässt sich Hutchison zu sehr auf seine Länge und möchte lieber Würfe blocken, anstatt in einem vorgezogenen Schritt ihre Entstehung zu verhindern.

Auf der anderen Seite wirkt Hutchison manchmal zu teilnahmslos und scheint eine Beobachterperspektive auf dem Feld einzunehmen. Diese hält ihn oft davon ab, dass er aktiv zur Hilfe geht oder er konzentriert sich zu sehr auf den Ball und verliert den eigenen Gegenspieler aus den Augen.


Wenn Wurf, Defense und Rollendefinition funktionieren, kann Hutchison ein ordentlicher Rollenspieler mit Potenzial zum Starter werden. Besonders die Defense könnte der entscheidende Punkt für den Wing werden. Hier scheint er aufgrund seines physischen Profils das größte Potenzial als 3-and-D-Spieler aufzuweisen. Offensiv sollte Hutchison eine Nische für sich finden.

Im Idealfall endet Hutchison als ein spielstärkerer Tony Snell, der sich auf die Verbesserung seiner Defense und seines Wurfs konzentriert und in dieser Rolle aufgeht.

Läuft es für Hutchison in den kommenden Monaten und Jahren nicht optimal in Bezug auf die Entwicklung seiner Wurfqualität, könnte das NBA Abenteuer für ihn auch schnell beendet sein. Besonders ausschlaggebend könnte dann nochmal seine Rollenbeschreibung ins Gewicht fallen. Als Allrounder, der alles ein wenig, aber nichts überdurchschnittlich gut kann, wird sich Hutchison vermutlich nicht lange halten können.

Lamar Patterson war ein Spieler, der am College ähnlich wichtig für sein Pitt Team war und nicht ganz in die NBA passte. Hutchison ist aber zumindest athletischer.