20 Juni 2018

20. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Früh in der vergangenen Saison sorgten Collin Sexton und Alabama für Schlagzeilen. Im Spiel gegen Minnesota in Brooklyn kam es zu einer Rudelbildung, weswegen alle Bankspieler aus Sextons Team regelkonform des Spiels verwiesen wurden. Eine Verletzung und das fünfte Foul eines Mitspielers sorgten dafür, dass Sexton und zwei Teamkollegen die Partie im Drei-gegen-Fünf über knapp sieben Minuten beenden mussten. Sexton erzielte letztlich 40 Punkte und sorgte für eine Aufholjagd, die unbelohnt blieb.

Während diese Varieténummer sicherlich nett für Schlagzeilen war und zur weiteren Steigerung der Popularität beitrug, sollten diese jedoch nicht der wahren Bestleistung Sextons die Show stehlen. Erstmals seit 2012 konnte sich Alabama wieder für ein NCAA Tournament qualifizieren und dort dann auch den ersten Sieg seit 2006 einfahren.

Der energiegeladene Aufbauspieler war dabei der ausschlaggebende Faktor. Als Kronjuwel der besten Recruiting Class, die der ehemalige NBA Trainer Avery Johnson an Land ziehen konnte, führte Sexton ein blutjunges Team durch die Saison und mit einer starken Schlussphase ins Bracket des Tournaments.


Im Laufe des Jahres konnte Sexton bestätigen, was er bereits während seiner MVP Performances bei der U17 WM 2016 angedeutet hatte: Der Wirbelwind bringt viel Schwung in seine Mannschaften und impft ihnen viel Aggressivität und Spielfreude ein.

Sexton ist ein Energiebündel, das wie ein Sportwagen blitzschnell in den höchsten Gang schaltet und mit einer Intensität spielt, die kaum ein Gegenspieler matchen kann.

Besonders chancenlos sind gegnerische Verteidiger in Fastbreaks. Kommt Sexton mit Tempo auf einen einzelnen Verteidiger zugedribbelt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Dreipunktespiels höher als die, dass Sexton erfolglos bleibt und einen Fehlwurf absetzt.

Seine Eurosteps sind nicht zu verteidigen, da der Aufbauspieler mühelos zwischen verschiedenen Geschwindigkeitsstufen sowie Richtungen hin- und herpendeln kann. Hinzu kommen seine Sprungkraft und sein bulliger Oberkörper, die ihm beim Finish helfen.



Entsprechend ist Sexton auch im Halbfeld besonders als Scorer im Eins-gegen-Eins eine Gefahr für den Gegner. Sexton spielt zum Teil Katz und Maus mit seinem Verteidiger und lässt seine Drives derartig mühelos aussehen, dass der Bewacher fast schon zu bemitleiden ist.

Besonders effektiv ist der Handwechsel hinter dem Rücken, um kurz auf das Bremspedal zu drücken und seinen Bewacher um einige Meter abzuschütteln, ehe dann ein zweiter Crossover oder der Drive über die linke Hand, die er beim Zug zum Korb bevorzugt, folgt.

Außerdem liebt Sexton den Spinmove zur linken Hand als Abschlussbewegung. Anders als viele andere kleine Guards scheut Sexton keineswegs den Kontakt, sondern dreht sich eher in seinen Verteidiger rein, wodurch er entweder genug Platz zum Layup erhält oder das Foul zieht.

Allerdings ist Sexton im Finish nicht sonderlich effizient unterwegs. Sexton übertreibt gerne mal und versucht zu sehr, das Foul zu schinden und legt nicht die letzte Konzentration beim Abschluss an den Tag. Zudem ist seine geringe Körpergröße bei seinem Drang in die Zone trotz aller Athletik, Dynamik und Wille irgendwann ein Hindernis, das sich nicht wegdiskutieren lässt.



Seine Sehnsucht nach Paint Touches überträgt Sexton auch in Pick & Roll Situationen. Hier dribbelt der Point Guard den Verteidigern des Blockstellers gerne mal Knoten in die Beine. Sexton hat ein natürliches Talent dafür, kleinste Lücken zu erkennen und äußerst elegant und gnadenlos zu bestrafen.

Gibt es keine Lücke im ersten Moment, reißt Sexton sie selber, indem er den Big noch ein wenig weiter zur Dreierlinie rauszieht, nur um dann im nächsten Moment entweder per Crossover und Split oder per Hesitation und schnellem ersten Schritt in die Zone durchzubrechen. Da er zwischen beiden Varianten einigermaßen gleichmäßig variieren kann und vor allem den Verteidiger liest, hat dieser meist keine Chance den Zug zum Korb zu verhindern.

Problematisch ist es allerdings, wenn der Big einfach absinkt und Sexton zum Werfen verleitet. Sexton kann den Pull-up durchaus einnetzen, hat hier aber noch deutlich erkennbare Hemmnisse und tut sich bei der Entscheidungsfindung entsprechend schwer.

Als Passgeber tritt Sexton ebenfalls nur sehr selten in Erscheinung. Sowohl Eins-gegen-Eins-Situationen als auch Pick & Rolls enden meist in einem eigenen Abschluss. Einerseits war Alabamas Spielsystem natürlich in erheblichem Maße darauf ausgelegt und Sexton konnte des öfteren als Scorer überzeugen. 
Andererseits wäre ab und an der Kickoutpass zum Mitspieler vertretbar gewesen. Gerade für seine NBA Zukunft muss Sexton sich als Passgeber gehörig steigern, sonst wird er für die Defense zu berechenbar. Die drittniedrigste Assistrate (27,8 Prozent) unter den Spotlight Guards ist ausbaufähig.



Generell hat Sexton in Sachen Entscheidungsfindung noch viel Lernstoff in Angriff zu nehmen. Nur intensiv zu spielen und über eine überdurchschnittliche Athletik zu verfügen, reicht ab einem gewissen Niveau einfach nicht mehr.

Gemessen an seiner hohen Usagerate (32,9 Prozent bedeuten Platz drei der Draft Class hinter Trae Young und Chandler Hutchison) leistet sich Sexton zwar verhältnismäßig wenige Turnovers (14,2 Turnoverpercentage), doch trotzdem leidet seine Effizienz in Form seiner Wurfquoten (effektive Feldwurfquote rangiert unter den letzten fünf des Jahrgangs).

Außerdem ist stark zu bezweifeln, dass Sexton es sich leisten kann, so leichtsinnig in der NBA zu handeln. Teils verweilt der Ball auch schlicht zu lang in seinen Händen und ähnelt ein wenig an James Harden, wie dieser mit 16 Dribblings pro Angriff am Ende einen mittelprächtigen Abschluss nimmt.


Neben seinen Entscheidungen wird Sextons Wurf darüber entscheiden, wie groß dessen Rolle in einer NBA Offense ausfallen kann und sollte. In der vergangenen Saison traf Sexton etwa ein Drittel seiner Distanzwürfe, was sicher keine überragende Quote ist, gleichzeitig aber auch keine Weltuntergangsstimmung hervorrufen sollte.  

Sexton lässt auch nicht den notwendigen Touch vermissen, dennoch weist der Wurf zum jetzigen Zeitpunkt einige Mängel auf, die einer höheren Quote im Weg stehen. Sextons Releasepunkt ist sehr niedrig und die Wurfbewegung beginnt auf Bauchhöhe, wodurch sich mehr Ungenauigkeiten beim Anreißen einschleichen können.

Zudem muss Sexton an seiner Stützhand arbeiten. Beim Hochführen gibt die linke Hand momentan noch die Richtung mit vor und wird erst beim Abklappen des Handgelenks zurückgezogen. Das führt dazu, dass Sexton in einer leichten Stoßbewegung den Ball abwirft und die Streuung nach rechts und links weit ausfällt.




Sexton ist ohne Zweifel ein talentierter Scorer, der über ein gutes Gefühl im Eins-gegen-Eins und einen unstillbaren Drang in die Zone verfügt. Allerdings sind Entscheidungsverhalten, Spielübersicht und Wurf noch deutlich unter dem Ligaschnitt auf seiner Position einzuschätzen. 

Das alles sind sicherlich Bereiche, die sich während einer Karriere verbessern und Sexton gilt auch als eifriger und wissbegieriger Spieler, dennoch scheinen seinem Spielverständnis natürliche Grenzen gesetzt zu sein, die er nicht durchbrechen wird.
Als Klette in der Eins-gegen-Eins-Verteidigung machte Sexton Scouts bei Highschool, AAU oder Team USA Spielen gerne mal auf sich aufmerksam. Die wenigsten Gleichaltrigen konnten mit Sextons Unnachgiebigkeit, Intensität, Härte und Schnelligkeit umgehen.
Auch in der vergangenen NCAA Saison hatte Sexton immer noch Szenen, die wieder dieses Bild des Kettenhunds reproduzierten. In nahezu jeder Verteidigungssequenz nahm Sexton zudem spätestens ab der gegnerischen Freiwurflinie seinen Kontrahenten auf und eskortierte ihn unter Druck über die Spielfeldmitte.
Allerdings zeigten sich auch erstmals Limitationen und Defizite, die in anderen Settings bislang eher selten zum Vorschein gekommen waren. So hat Sexton beispielsweise bei Closeouts Probleme. Seine geringe Körpergröße, die er auch mit seiner leicht überdurchschnittlichen Spannweite nicht vollends kaschieren kann, sorgen in Kombination mit seiner mäßigen Fußarbeit dafür, dass er öfters geschlagen wird.

Oft rennt er einfach ungebremst zur Dreierlinie und kann sich überhaupt nicht auf den letzten Schritten etwas abfedern. Gerade bei Gegenspieler mit einem guten oder langen oder schnellen ersten Schritt wird das problematisch.



In der Pick & Roll Verteidigung ist es fast eine Überlegung wert, jedes Pick & Roll mit Sexton direkt zu switchen. Auch wenn er nicht die optimalen körperlichen Eigenschaften aufweisen kann, um bullige Bigs aus der Zone zu halten, so hat er zumindest den Willen, um sich mit den größeren Gegenspieler zu bekriegen und kann mit seinen flinken Fingern unangenehm für die tapsigeren Bigs sein.

Außerdem besteht bei normalen Verteidigungsvarianten die Gefahr, dass Sexton im Block hängen bleibt. Aus statischen Pick & Rolls mag er sich mit seinem Einsatz vielleicht noch herumkämpfen können. Sobald das Pick & Roll jedoch einigermaßen gut aus der Bewegung vorbereitet wird, bleibt Sexton wegen seines tiefen Körperschwerpunkt, seiner mäßigen Fußarbeit und seiner geringen Körpergrößte im Screen hängen.


Als Teamverteidiger muss sich Sexton eine Menge schlechter Angewohnheiten abtrainieren. Ihm fällt es extrem schwer, gleichzeitig den eigenen Gegenspieler und den Ball gleichzeitig im Auge zu behalten. Meistens konzentriert er sich auf den einen Faktor und wird dafür bestraft.

Ballwatching und Hilfen einen Pass vom ballführenden Spieler entfernt stehen noch auf der Tagesordnung. Speziell bei der Bekämpfung indirekter Blöcke tut sich der Aufbauspieler noch schwer.

Als Helpverteidiger fehlt Sexton zudem oft die Größe, um doch noch entscheidend stören zu können.

In den letzten 18 Monaten seiner Highschool Laufbahn gehörte Sexton zu den größten Aufsteigern seiner Recruiting Class. Seine Intensität, Athletik und Scoringinstinkte ließen den Point Guard in den Rankings klettern. Das erste Collegejahr verlief ebenfalls solide.

Dennoch wird langsam der Punkt erreicht, an dem Sexton nicht mehr der Underdog ist und befreit aufspielen kann, sondern nun auch beweisen muss, dass er den leicht aufkommenden Hype um seine Person rechtfertigen kann. Die Baustellen in seinem Spiel sind zahlreich und nicht in einem Sommer zu beheben.

Außerdem muss Sexton endlich sein Spielverständnis drastisch verbessern, da er sonst als limitierter Scoring Guard enden wird. Ob er als solcher gut genug für die NBA ist und ob solche Spielertypen zukunftsfähig sind, wäre kritisch zu hinterfragen.

Sexton erinnert ein wenig an Baron Davis oder Eric Bledsoe in ihrer Prime: Aggressive, athletische Scorer, die nach Belieben in die Zone eindringen und mit ihrer Energie alle überflügeln, aber in der NBA nicht mehr als Starter bei Borderline Playoffteams sind.

Allerdings wäre das der absolute Bestfall, für den sich Sexton als Spieler noch entscheidend verbessern muss. Momentan fällt es schwer, Sexton eine so große Rolle in der NBA zuzusprechen. Dafür sind seine Fähigkeiten momentan zu limitiert und die Fortschritte in den entscheidenden Bereichen seines Spiels waren zuletzt (Wurf, Spielübersicht/verständnis, Passing) zu geringfügig ausgefallen.

Im schlechtesten Fall entwickelt sich Sexton nicht mehr weiter und endet wie Jonny Flynn, der in seinem Jahrgang vor Steph Curry gezogen wurde, sich aber nach einer soliden Rookiesaison schnell aus der NBA verabschiedete. Beide eint die Explosivität beim Scoring und die geringe Körpergröße sowie der wackelige Sprungwurf.